Genderlinguistik

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Die Genderlinguistik ist ein Teilgebiet der Soziolinguistik und beschäftigt sich mit geschlechtsspezifischen Varietäten von Sprache.

Fragestellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die hauptsächlichen Fragestellungen der Genderlinguistik sind:[1]

  • Existiert eine Verbindung zwischen spezifischem Sprachgebrauch (Struktur, Gebrauch und Vokabular) und der sozialen Rollen von Männern und Frauen? Wenn ja, inwieweit?
  • Verwenden Männer und Frauen spezifische Sprache unterschiedlich?
  • Spiegeln die sprachlichen Unterschiede die Beziehungen zwischen den Geschlechtern wider?
  • Ist die Sprachstruktur an sich verantwortlich für etwaige Unterschiede?
  • Ist eine Sprache sexistisch oder sind es vielmehr die Sprecher, die sie sexistisch machen?

Entwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1975 veröffentlicht Robin Lakoff ihr Werk Language and Women's place, in dem sie ihre Theorie der unterschiedlichen Vokabulare von Männern und Frauen darlegt. Deborah Tannen geht in den 1990ern noch weiter und vergleicht die Kommunikation zwischen den Geschlechtern mit der interkulturellen Kommunikation. Seither ist die Genderlinguistik ein heftig umstrittenes Gebiet der Sprachwissenschaften.

Theorien der Genderlinguistik[2][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Defizit-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Defizit-Modell basiert auf den Theorien von Lakoff und Kramer und gilt als Ursprung der Genderlinguistik. Daher liegt sie den meisten frühen Studien zu Geschlecht und Sprache zu Grunde. Sie betrachtet die männliche Sprache als normativ und die weibliche als „verstandesmäßig minderwertig“. Das Defizit-Modell versteht das Geschlecht als unabhängige, isolierte Hauptvariable von Sprache und geht von folgenden Vermutungen aus:

  • Die Zugehörigkeit zu einem Geschlecht des Sprechenden erlaubt es dem Rezipienten, eindeutige Interpretationen herauszufiltern.
  • Das Geschlecht als solches beeinflusst das Sprachverhalten.
  • Männer und Frauen haben zwei verschiedene Varietäten ein und derselben Sprache. Man spricht hier von einem Genderlect
Kritik am Modell

Allein das Geschlecht als Variable für den Sprachgebrauch zu verstehen, lässt andere, durchaus einflussreiche, Variablen völlig außer Acht. Außerdem ist nicht einwandfrei belegt worden, dass die Annahmen auch zutreffen.

Dominanz-Theorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Die wichtigsten Vertreter dieser Theorie sind O'Barr, William und Bowman, Atkins. Die Dominanz-Theorie ist dem älteren Defizit-Modell sehr ähnlich, wobei die weibliche Sprache hier nur als sozial minderwertig angesehen wird. Grundsätzlich gehen die Vertreter der Dominanz-Theorie davon aus, dass Unterschiede in der geschlechtsspezifischen Sprache aus Unterschieden in der Machtverteilung und im Machtzugang liegen.

Modell der stummen Gruppe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ardener gilt als Begründer dieser Theorie, welche oft als Grundlage für Studien verwendet wird, wenn es gilt, Sexismus in der Sprache zu untersuchen. Seine Kernaussagen beinhalten:

  • dass Frauen markierte Defizite im Sprachbenehmen haben, da sie keine Möglichkeit hatten, ihre eigene Sprache zu entwickeln.
  • dass diese Defizite auf einen Mangel an sozialer Macht und überwältigender männlicher Dominanz zurückzuführen sind.
  • die Annahme, dass Frauen eine niedrigere sprachliche Variation beherrschen
  • die Annahme, dass Frauen niedrigere Sprachkompetenzen aufweisen, da die männliche Sprache für Frauen wie eine Fremdsprache ist.
Kritik am Modell
  • Die Geschlechter bilden entgegen dieser Theorie keine einheitliche Gruppe.
  • Unterschiede in der Sprachkompetenz konnten nicht belegt werden.
  • Dieses Modell dementiert jegliche Entwicklung in der Stelle der Frau entgegen der männlichen Unterdrückung.

Sprachstil-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Die Hauptentwickler hier sind die Linguisten Giles, Bourhis, Taylor und Williams. Sie betrachten das Geschlecht als primäres Merkmal zur Gruppengründung und alle weiteren Faktoren als Modifikatoren. Dementsprechend wird das Sprachverhalten als Symbol der Gruppenzugehörigkeit angesehen. Um die Vitalität und Beständigkeit der Gruppe aufrechterhalten zu können, greift man auf Faktoren wie Status, Demographie und institutionelle Unterstützung zurück. Das Modell des Sprachstiles ist das erste Modell der Genderlinguistik, das den vermittelnden Einfluss anderer Faktoren neben dem Geschlecht anerkennt.

Kritik am Modell

Der Einfluss des Geschlechts auf die Sprache als Mittel sozialer Interaktion wird nur oberflächlich betrachtet. Die nötige wissenschaftliche Überprüfung der Thesen fehlt noch.

Strategien-Theorie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

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Die Soziolinguisten Brown und Levinson versuchten mit dem Strategien-Modell die Beziehungen zwischen den sozialen Strukturen von Gesellschaften, dem Geschlecht ihrer Mitglieder sowie die Spiegelung von soziopsychologischen Perspektiven der Einzelnen und ihrem kommunikativen Verhalten. Das kommunikative Verhalten wird von Kommunikationsstrategien reguliert, welche von Charakteristiken der kulturell gebundenen sozialen Beziehungen bestimmt werden. Die Strategien-Theorie setzt weder eine feste Beziehung zwischen Geschlecht und linguistischen Verhaltensweisen fest, noch vermutet sie eine direkte Interpretationsmöglichkeit von Sprachmustern aufgrund des Geschlechtes. Das Strategien-Modell betont, dass das Geschlecht des Sprechers nicht den offenen linguistischen Ausdruck formt, sondern die Kommunikationsstrategie. Das gemeinsame Konzept ist beim Strategien-Modell die Bandbreite an interaktiven Regeln.

Zwei-Kulturen-Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Zwei-Kulturen-Modell stammt von Deborah Tannen und wurde zum ersten Modell der Genderlinguistik, das von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. In ihrem Buch You just don’t understand me erklärt sie ihr Modell und stellt fest, dass Männer und Frauen grundsätzlich verschiedene Kommunikationsprinzipien verfolgen. Diese Unterschiede seien derart unterschiedlich, dass es laut Tannen ratsam sei, bei der Kommunikation zwischen den Geschlechtern die Maximen der interkulturellen Kommunikation gemäß Gumperz anzuwenden. Diese Unterschiede in den Kommunikationsprinzipien resultierten aus der Sozialisation in gleichgeschlechtlichen Freundeskreisen und zeigten sich insbesondere in den grundsätzlichen Zielen der Kommunikation. Laut Tannen verfolgen Männer eine Strategie des Wettstreites während Frauen zur Kooperation tendieren.

Kritik am Modell

Das Modell von Tannen ist eines der am heftigsten kritisierten Modelle überhaupt. Der erste Kritikpunkt ist, dass die gleichgeschlechtlichen Freundeskreise empirisch nicht bewiesen und unrealistisch sind. Der zweite Punkt stellt die Sozialisation an sich dar. Die erste Sozialisation findet in der Familie statt, wo keine Geschlechtertrennung stattfindet.

Doing-gender Modell[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gründer des Doing-gender-Modells sind West, Zimmermann und Fenstermaker; wobei sie in ihrem Modell die Konversationsanalyse-Hypothesen strikt anwandten. Ihrem Verständnis nach ist das Geschlecht nicht von vornherein gegeben, sondern es sei das Ergebnis konkreter sozialer Interaktion und demnach ebenso ein soziales Konstrukt wie die Rasse oder auch die soziale Klasse. Weiterhin nehmen sie an, dass es nicht das Geschlecht ist, das die individuelle Art zu sprechen bestimmt, sondern dass es das Konversationsverhalten ist, das die Geschlechts-Identität bestimmt. Diese Bestimmung bezieht einen ganzen Komplex von sozial geführten wahrnehmenden, interaktiven und mikropolitischen Tätigkeiten mit ein, wodurch bestimmte Streben eines Individuums als Ausdruck der männlichen oder weiblichen Natur gesehen werden.

Kritik am Modell

Das Doing-gender-Modell birgt ein methodologisches Problem, da es außerhalb der Theorie nur schwer zu beweisen ist, da es keinen gemeinsamen objektiven Referenzpunkt aufweisen kann. Außerdem ist es schwer dieses Modell wissenschaftlich zu untersuchen, ohne mögliche Unterschiede vorauszunehmen.

Modell der multiplen sozialen Praktiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Anlehnung an das Doing-gender-Modell haben Eckert und McConnell-Ginet das Modell der multiplen sozialen Praktiken entwickelt. Auch hier werden Geschlecht und Sprachgebrauch als soziale, örtlich hergestellte Konstrukte der Interaktion verstanden. Die Betonung liegt hier aber auf der Auffassung von sozialer Gemeinschaft und ihren Praktiken. Dieses Modell entledigt sich vollständig von der Annahme, dass es klar abgegrenzte Gegensätzlichkeit gäbe. Geschlechtsunterschiede im Sprachgebrauch zu suchen wird als Perspektive gesehen, die ausschließlich die männlich - weiblich-Polarität verstärkt und dabei unbewusst das traditionelle binäre Konzept von Geschlecht beibehält und zusätzlich Vorurteile bestätigt. Um genau dies zu vermeiden, wird das Modell der multiplen sozialen Praktiken verwendet. Die Grundsätze lauten hier:

  • Das Geschlecht ist nur einer von vielen wichtigen Faktoren.
  • Das Geschlecht wird von unterschiedlicher Zugehörigkeit zu Anwendungsgemeinschaften produziert.
  • Anwendungsgemeinschaften sind Gemeinschaften von Menschen, die um einen gegenseitigen Dialog, in einer gemeinsamen Bemühung zusammen kommen.
  • Sprechen ist eine komplexe Artikulation des Individuums der Formen der Teilnahme in anderen Gemeinschaften, welche zum gegebenen Zeitpunkt hervorstechen.
Kritik am Modell

Das Modell ist in empirischen Studien noch nicht ausreichend bestätigt. Außerdem hat es die Methodologie noch nicht spezifisch formuliert, wie die Arten der Teilnahme einzelner Menschen an Konversationen herausgefiltert werden sollen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Susanne Günthner [Hrsg.]: Genderlinguistik: Sprachliche Konstruktionen von Geschlechtsidentität. Berlin: de Gruyter 2012. ISBN 978-3-11027287-1

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ronald Wardhaugh: Gender In: An Introduction to Sociolinguistics. Blackwell Publishing, Oxford 2006. S. 315–335.
  2. Gisela Klann-Delius: Gender and language. In: Ulrich Ammon: Sociolinguistics. Vol. 2 2004 – 2006, S. 1564–1581.