Gendermedizin

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Gendermedizin (international Gender Medicine oder Gender-Specific Medicine; von englisch gender „[soziales] Geschlecht“), geschlechtsspezifische Medizin oder geschlechtersensible Medizin bezeichnet eine Form der Humanmedizin unter besonderer Beachtung der biologischen Unterschiede von Männern und Frauen. Die Gendermedizin konzentriert sich auf die geschlechtsspezifische Erforschung und Behandlung von Krankheiten.

Motivation: Gender-Health-Gap[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus der Erkenntnis, dass Erziehung, Kultur, Rollenzuschreibungen, Tradition und Lebensstil einen starken Einfluss auf Gesundheit und Krankheit haben können und vom biologischen Geschlecht oft schwer zu trennen sind, erwuchs die Forderung nach einer Gendermedizin, die das Geschlecht in allen Fächern der Medizin bei Prävention, Diagnose und Therapie berücksichtigt.[1] Eine medizingeschichtliche Ursache für die unzureichende Erforschung frauenspezifischer Erkrankungen wie Endometriose, polyzystisches Ovarialsyndrom, prämenstruelle Dysphorie und Vaginismus liegt darin, dass medizinische Forschung in ihren Anfängen nahezu ausschließlich an männlichen Leichen betrieben und so die männliche Anatomie als Standard gesetzt wurde.[2] Bei Männern sind dagegen unter anderem psychische Erkrankungen weniger gut erforscht. Die Ursache wird in einem Gender-Empathy-Gap gesehen (von englisch empathyEmpathie“), was bedeutet, dass Männern bei emotionalen Problemen tendenziell weniger Mitgefühl entgegengebracht wird.[3] Die Kluft zwischen den Geschlechtern im Gesundheitswesen wird auch als Gender-Health-Gap bezeichnet (von englisch health „Gesundheit“).

Geschichtliche Aspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gendermedizin wurde in den 1990er Jahren entwickelt und ist Teil der personalisierten Medizin. Eine der führenden Vorkämpferinnen ist die US-amerikanische Kardiologin und Medizinwissenschaftlerin Marianne Legato, die schon in den 1980er Jahren auf Unterschiede von Herzerkrankungen bei Frauen gegenüber Männern gestoßen war. Neben ihrer Forschungstätigkeit hat sie mit ihrem Buch Evas Rippe die Thematik erstmals einer breiten Öffentlichkeit erschlossen. Auch war sie Gründungsredakteurin der US-amerikanischen Zeitschrift Gender Medicine.

In den 1980er Jahren begann sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf dem Hintergrund der Frauengesundheitsforschung mit den Unterschieden zwischen Frauen und Männern in der Medizin zu beschäftigen. 2001 gab sie eine Empfehlung heraus, im Gesundheitswesen lokale Strategien für eine geschlechtsspezifische Gesundheitsvorsorge zu entwickeln und umzusetzen.

In Deutschland begründete die Fachärztin für Kardiologie Vera Regitz-Zagrosek die Geschlechterforschung in der Medizin an der Charité in Berlin. Sie war bis 2019 Direktorin des Berlin Institute for Gender in Medicine (GiM) und gab 2011 zusammen mit Sabine Oertelt-Prigione unter dem Titel Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine ein englischsprachiges Lehrbuch heraus.

In Österreich gibt es an zwei Medizinischen Universitäten eigene Lehrstühle für Gendermedizin: Den ersten Lehrstuhl erhielt 2010 Alexandra Kautzky-Willer an der Medizinischen Universität Wien,[4] den zweiten 2014 Margarethe Hochleitner an der Medizinischen Universität Innsbruck.[5] In Österreich ist seit 2010 auch der Erwerb eines Master of Science (Gender Medicine) möglich.[6]

In der Schweiz hat Cathérine Gebhard seit 2016 eine Professur für Kardiovaskuläre Gendermedizin und kardiale Bildgebung an der Universität Zürich inne. Seit 2021 wird in der Schweiz von den Universitäten Bern und Zürich ein Weiterbildungs-Studiengang für Gendermedizin angeboten.[7][8]

Gegenstand[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gendermedizin beschäftigt sich mit dem durch soziales Umfeld und Geschlechterrollen-Vorstellungen zugewiesenen Geschlecht, Gender genannt („soziales Geschlecht, Geschlechtsidentität“). Es werden aber auch Fragen des biologischen Geschlechts (englisch sex) behandelt. Für besondere Erkrankungen des weiblichen Fortpflanzungstraktes existiert aber das eigenständige traditionelle Fach der Gynäkologie oder Frauenheilkunde.

Generell wird davon ausgegangen, dass das biologische und das soziale Geschlecht sich nicht diametral gegenüberstehen, sondern dass zwischen beiden Bereichen ein lückenloses Kontinuum besteht, in der Abfolge:[9]

  1. genetisches oder Kerngeschlecht (nach dem Besitz von Geschlechtschromosomen)
  2. gonadales Geschlecht (nach der Ausbildung der Keimdrüsen)
  3. genitales Geschlecht (nach den körperlichen äußeren Geschlechtsmerkmalen)
  4. psychisches Geschlecht (die Geschlechtsidentität als Selbstidentifikation)
  5. soziales Geschlecht (Gender und von außen kommende soziale Zuweisung von Geschlechterrollen)

Somit wäre eine einseitige Zuordnung zu Gender oder zum Geschlecht (sex) in vielen Fällen künstlich. Wichtig für die Gendermedizin ist darüber hinaus interdisziplinäre Forschung; wichtige Überschneidungen bestehen zum Fachgebiet Public Health (öffentliche Gesundheitspflege).

Gendermedizin heute[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gendermedizin widmet sich neben den sozialen und psychologischen Unterschieden den Symptomen und Ausprägungen von Krankheiten bei Frauen und Männern, die durch unterschiedliche genetische und biologische Voraussetzungen begründet sind. So ist etwa seit längerem bekannt, dass Frauen im Vergleich zu Männern aufgrund einer stärkeren Immunantwort auch stärkere Entzündungsreaktionen aufweisen, im Zusammenhang damit stehen auch Autoimmunerkrankungen, von denen wiederum Männer prozentual geringer betroffen sind. Registriert bzw. behandelt werden Frauen häufiger als Männer beispielsweise wegen psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Männer häufiger wegen Suchterkrankungen, insbesondere Alkoholabhängigkeit.

Besondere Bedeutung erhielt die Gendermedizin im Zusammenhang von Untersuchungen bezüglich Herzerkrankungen bei Frauen. Dabei wurde festgestellt, dass weibliche Patienten oft, auch aufgrund anderer Symptomatik, zu spät oder falsch diagnostiziert werden: So zeigten sich signifikante Unterschiede in der Zahl der gesetzten Herzkatheter bei Frauen und Männern, sowie in dem Zeitraum, der bis zur Einweisung in die Intensivstation verging. Bei Männern wurden bisher psychologische Gesichtspunkte vernachlässigt, etwa in der postoperativen Betreuung bei Prostatakrebs, im Vergleich zum Brustkrebs bei Frauen. Auch das unterschiedliche Gesundheitsbewusstsein, Unterschiede in der Wirksamkeit von Medikamenten (die meisten Medikamente werden in der Regel an jungen Männern erprobt) oder im Suchtverhalten sind Schwerpunkte der Gendermedizin.

Der besondere Unterschied zwischen den genderspezifischen Bedarfen in der Gesundheitsversorgung wird im Zuge der digitalen Transformation zunehmend durch Femtech-Produkte adressiert. Dabei geht es um digitale Anwendungen, die sich einerseits typischen Themen der Frauengesundheit widmen. Andererseits werden die Produkte auch entwickelt, um den genannten Unterschieden Raum zu geben, beispielsweise hinsichtlich chronischer Krankheiten und deren Selbstmanagement. Über Femtech hinaus können so allgemein im Sinne der personalisierten Medizin gendersensible Anwendungen in den Fokus rücken, indem individualisierte, zielgruppenorientierte Angebote entwickelt werden.[10]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gender-Data-Gap (das Fehlen geschlechtsspezifischer Daten für weibliche Personen)
  • Gender-Gap (sozialpolitische Geschlechterkluft zwischen Männern und Frauen)
  • Gender Studies (Geschlechterforschung)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Gendermedizin – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Organisationen:

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gabriele Kaczmarczyk: Das Geschlecht macht den Unterschied: Eine Einführung in die Gender-Medizin. (PDF) In: Aerztinnenbund.de. Abgerufen am 1. Januar 2021.
  2. Imogen Learmonth: The gender health gap: why women’s bodies shouldn’t be a medical mystery. In: thred.com. 9. September 2020, abgerufen am 2. Januar 2021 (englisch).
  3. Christina Vogler: Medizin und Gender: Nicht alles hängt an X und Y. In: ORF.at. 9. März 2021, abgerufen am 16. März 2021.
  4. Pressemeldung der Medizinischen Universität Wien: Univ. Prof.in Dr.in Alexandra Kautzky-Willer erhält erste Professur für Gender Medicine in Österreich. In: MedUniWien.ac.at. 11. Januar 2010, abgerufen am 26. Oktober 2019.
  5. Barbara Hoffmann: Medizinische Universität Innsbruck beruft Universitätsprofessorin für Gender Medizin. In: i-med.ac.at. Medizinische Universität Innsbruck, 7. März 2014, abgerufen am 26. Oktober 2019.
  6. Institutsseite: Willkommen beim ersten Gender Medicine Lehrgang Österreichs! In: meduniwien.ac.at. Medizinische Universität Wien, 2019, abgerufen am 26. Oktober 2019.
  7. Studiengang Gendermedizin. In: BR.de.
  8. Weiterbildung in Gendermedizin. In: med.uzh.ch.
  9. Anita Rieder, Brigitte Lohff: Gender Medizin: Geschlechtsspezifische Aspekte für die klinische Praxis. 2. Auflage. Springer, Wien 2009, ISBN 978-3-211-68290-6, S. 2.
  10. Lisa Korte: Femtech – Genderspezifische Versorgung mit großem Marktpotenzial. In: Atlas-Digitale-Gesundheitswirtschaft.de. 8. März 2021, abgerufen am 29. Juli 2022 (Review-Artikel; herausgegeben vom Lehrstuhl für Management und Innovation im Gesundheitswesen an der Universität Witten/Herdecke).