General Slocum

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General Slocum
Schiffsdaten
Flagge Vereinigte Staaten 45 Vereinigte Staaten
andere Schiffsnamen

Maryland (1904–1911)

Eigner Knickerbocker Steamship Company
Bauwerft Devine Burtis Jr., Brooklyn
Stapellauf 18. April 1891
Verbleib Am 4. Dezember 1911 gesunken
Schiffsmaße und Besatzung
Länge 76 m (Lüa)
Breite 11,4 m
Tiefgang (max.) 3,7 m
Verdrängung 1.281 t
 
Besatzung 22
Maschinenanlage
Maschine 1-Zyl.-Dampfmaschine
Höchst­geschwindigkeit 15 kn (28 km/h)
Propeller 2 Schaufelräder ⌀ 9,4 m
Transportkapazitäten
Zugelassene Passagierzahl 3.000
Die General Slocum brennend im East River

Die General Slocum war ein Raddampfer der New Yorker Knickerbocker Steamship Company, der am 15. Juni 1904 auf dem New Yorker East River in Brand geriet und sank. Dabei kamen 1021 der 1342 Personen an Bord ums Leben. Der Untergang stellt bis heute die größte zivile Schiffskatastrophe in den USA dar. Sie gilt als Hauptgrund für die Auflösung des New Yorker Deutschenviertels Kleindeutschland in den Folgejahren.

Das Schiff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Auftrag zum Bau des Schiffes wurde am 15. Januar 1891 an den Schiffskonstrukteur Divine Burtis aus Brooklyn vergeben. Der Rumpf wurde aus Holz von Robinie, Amerikanischer Weiß-Eiche und Gelb-Kiefer gefertigt, den Bau des Motors übernahm W. & A. Fletcher in Hoboken.[1][2] Der Stapellauf erfolgte am 18. April desselben Jahres.[3] Das Schiff wurde nach dem Nordstaaten-General Henry Warner Slocum benannt.

Die General Slocum hatte drei Decks, das Hauptdeck mit dem Damensalon und dem Restaurant, das Promenadendeck mit der Lounge und das Hurricane-Deck als oberstes.[3] Eingesetzt wurde es sowohl für einen planmäßigen Liniendienst zwischen New York City und Rockaway Beach im Bezirk Queens als auch für Ausflugsfahrten in und um die Stadt.

Der Schaufelraddampfer war für 3000 Passagiere zugelassen. Mit ihrer luxuriösen Ausstattung (Samtstühle, Auslegware, Gemälde) und den technischen Parametern galt die General Slocum in ihren ersten Jahren als Nonplusultra des New Yorker Ausflugsverkehrs, ehe sie von jüngeren und moderneren Schiffen deklassiert und von ihren Eignern vernachlässigt wurde. Die Slocum stand unter dem Kommando von Kapitän William van Schaick.[4]

Der Unfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Wrack der General Slocum

Bei den Passagieren am Tag des Unfalls handelte es sich überwiegend um Deutschamerikaner, Ausflügler der lutherischen St. Markus-Kirche im Stadtteil Kleindeutschland auf der Lower East Side (East 6th Street). Sie wollten an jenem Tag das Ende des Sonntagsschuljahres feiern. In New Yorks „Kleindeutschland“ lebten damals etwa 80.000 deutschstämmige Emigranten. Alljährlich wurde ein Schiff gechartert, um zu einem nahegelegenen Erholungspark, dem Locust Grove am Long Island Sound, zu fahren. Am 15. Juni 1904 waren mindestens 1388 Personen an Bord der General Slocum; das Schiff war für 350 $ gebucht worden.[4] Der 15. Juni war ein Mittwoch, ein Werktag also, an dem die meisten Ehemänner zur Arbeit gingen, was die spätere hohe Opferzahl an Frauen und Kindern begründet.

Etwa um 09:30 Uhr am 15. Juni 1904 entdeckten Matrosen Feuer in einem u. a. mit Öl, Farben und sonstigen Betriebsstoffen gefüllten Laderaum, vermutlich durch ein unachtsam fortgeworfenes Streichholz entzündet.[5][6] Das Feuer breitete sich rasch aus. Die Löschversuche scheiterten – unter anderem, weil die Feuerwehrschläuche verrottet waren und unter dem Wasserdruck platzten.[7] Die Besatzung war außerdem im Umgang damit nicht geschult.

An Land gespülte Opfer

Der Kapitän wurde zehn Minuten nach Ausbruch des Feuers von der sich anbahnenden Katastrophe unterrichtet. Das Schiff befand sich zu diesem Zeitpunkt im Hell Gate. Dies ist die am schwierigsten zu befahrende Stelle des East River, bedingt durch gefährliche Strudel, die im Laufe der Jahrhunderte viele Schiffsunfälle verursacht haben. Daher war es dem Kapitän nicht möglich, das nahegelegene Ufer anzusteuern, und so gab er den Befehl, mit Volldampf voraus zu der etwa eine Meile entfernten Insel North Brother Island zu steuern.[8] Die nächstgelegenen Anlegestellen am East River kamen aufgrund der dortigen Öltanklager für eine Landung nicht in Betracht.[9] Zudem wurde das Feuer durch die erhöhte Geschwindigkeit und den herrschenden Gegenwind weiter angefacht.

Es stellte sich heraus, dass sich der Kork der Schwimmwesten aufgelöst hatte und diese dadurch unbrauchbar geworden waren.[10] Die Rettungsboote konnten nicht zu Wasser gelassen werden, da sie mit Farbe am Schiffsrumpf festklebten. Aufgrund der Geschwindigkeit des Schiffes wäre es auch nicht möglich gewesen, sie zu wassern. Die Farbe bot dem Feuer zusätzliche Nahrung.[8]

Als das Schiff schließlich North Brother Island mit dem Quarantäne-Krankenhaus des New Yorker Hafens erreichte, brannte es fast auf ganzer Länge. Hier sprangen viele Passagiere ins Wasser, von denen viele ertranken, weil sie größtenteils Nichtschwimmer waren.[10] Da zu diesem Zeitpunkt reger Schiffsverkehr auf dem East River herrschte, beteiligten sich viele Boote an dem Rettungseinsatz. Offiziell wurde die Opferzahl mit 1.021 angegeben.

Folgen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Helfer tragen die Leichen vom Unfallsort fort
Slocum Memorial
Slocum Memorial

In den folgenden Wochen wurden umfangreiche Untersuchungen über die Unfallursache angestellt. Der Kapitän des Schiffs, Captain Van Schaick, wurde angeklagt und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Nach fünf Jahren wurde er auf Betreiben von Präsident William H. Taft entlassen.[11]

Die Verantwortlichen der Schifffahrtsgesellschaft wurden zu einer geringen Geldstrafe verurteilt, obwohl nachgewiesen werden konnte, dass Dokumente gefälscht worden waren, um die Vernachlässigung der Sicherheitsbestimmungen zu vertuschen. Auch die Manager der Reederei sowie der Prüfinspektor, der dem Schiff einen Monat vor der Katastrophe die Freigabe bescheinigt hatte, kam ohne Strafe frei.[8]

Sicherheitsbestimmungen für Dampfschiffe wurden danach deutlich verschärft. Präsident Theodore Roosevelt setzte am 23. Juni 1904 eine Kommission ein, die die Katastrophe untersuchen und Vorkehrungen empfehlen sollte, welche eine Wiederholung solch einer Tragödie verhindern sollten.[10] Sämtliche Dampfschiffe wurden daraufhin einer genauen Inspektion unterzogen, die zuständige Behörde United States Steamboat Inspection Service (USSIS) komplett neu organisiert.

Der Unfall besiegelte zudem die Auflösung und den Zerfall des deutschen Viertels in New York City, Kleindeutschland.[8] Zwar hatte sich diese Entwicklung bereits zuvor bemerkbar gemacht (zwischen 1860 und 1900 sank die Einwohnerzahl um 80 % von 60.000 auf 12.000), doch da fast jede Familie von Todesfällen betroffen war, wollten viele der Einwohner nicht durch die Omnipräsenz der Folgen an den Unfall erinnert werden.[9]

Die Überreste der General Slocum wurden geborgen, wieder aufgebaut und auf den Namen Maryland getauft. Dieses Schiff diente zeitweise als Kohlentender, bis es nach einem schweren Sturm am 4. Dezember 1911 sank.[12]

Die letzte der etwa 400 Überlebenden des Brandes der General Slocum, Adella Wotherspoon, geborene Liebenow, aus Watchung in New Jersey, starb 2004 im Alter von 100 Jahren. Zum Zeitpunkt des Unfalls, bei dem auch ihre beiden Geschwister ums Leben kamen, war sie noch ein Säugling gewesen.[13]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1915 drehte der Regisseur Raoul Walsh den Film Regeneration, in dem auch das Feuer auf der General Slocum vorkommt.

1922 ließ James Joyce seinen Roman Ulysses an einem einzigen Tag handeln, am 16. Juni 1904, an dem die Nachricht vom Schiffsunfall auch Irland erreichte. Joyce lässt seinen Helden Leopold Bloom angesichts der Schlagzeilen denken: „Alle diese Frauen und Kinder auf einem Ausflug verbrannt und ertrunken in New York. Holocaust.“ (All those women and children excursion beanfeast burned and drowned in New York. Holocaust.)[14]

Im US-Film Manhattan Melodrama (1934) mit Mickey Rooney und Clark Gable bildet die Inszenierung des Brandes den Ausgangspunkt für eine Spielhandlung um Menschen, die als Kinder den Brand der General Slocum überleben und danach sehr unterschiedliche Lebenswege beschreiten.

Im Jahr 1998 drehte der deutsche Filmemacher Christian Baudissin, teils an Originalschauplätzen, die Dokumentation Die Slocum brennt!, in der auch Überlebende der Katastrophe zu Wort kommen.[15]

Ein US-Dokumentarfilm entstand 2004 zum 100. Jahrestag des Unfalls unter dem Titel Fearful Visitation. New York’s Great Steamboat Fire of 1904.[16]

Ebenfalls zum 100. Jahrestag entstand das Dokudrama Ship Ablaze. The Tragedy of the Steamboat General Slocum. („Schiff in Flammen. Die Tragödie des Dampfers General Slocum.“) nach dem gleichnamigen Buch von Ed O’Donnell.[17]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Edward T. O’Donnell: Ship ablaze. The Tragedy of the Steamboat General Slocum. Broadway Books, New York 2003, ISBN 0-7679-0905-4.
  • Edward T. O’Donnell: Der Ausflug. Das Ende von Little Germany, New York. Marebuchverlag, Hamburg 2006, ISBN 3-936384-93-2.
  • Mare Nr. 55 „James Cook“, April/Mai 2006.
  • Reward for Bravery at the Burning of the General Slocum. In: The New York Times. 25. April 1905 (nytimes.com).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: General Slocum – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. A very handsome boat. In: The New York Times. 26. Juni 1891 (nytimes.com [PDF]).
  2. Smithsonian Magazine, Gilbert King: A Spectacle of Horror – The Burning of the General Slocum. Abgerufen am 12. Februar 2024 (englisch).
  3. a b Jim Kalafus: The General Slocum. 21. Juni 2007, abgerufen am 12. Februar 2024 (britisches Englisch).
  4. a b Süddeutsche Zeitung: Das fatale Feuer auf der "General Slocum". 15. Juni 2004, abgerufen am 12. Februar 2024.
  5. Der Untergang der General Slocum ruinierte die Deutschen in New York - WELT. 13. August 2021, abgerufen am 12. Februar 2024.
  6. Von 100 Jahren brannte der Dampfer "General Slocum" auf dem East River. 1021 Menschen starben: Inferno am Höllentor. 14. Juni 2004, abgerufen am 12. Februar 2024.
  7. Witness to Tragedy: The Sinking of the General Slocum | New-York Historical Society. Abgerufen am 12. Februar 2024 (englisch).
  8. a b c d Edward T. O'Donnell: Schiffstragödie in New York: Little Germanys Untergang. In: Der Spiegel. 7. April 2006, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 12. Februar 2024]).
  9. a b Der Tag, an dem Kleindeutschland starb – DW – 04.08.2013. Abgerufen am 12. Februar 2024.
  10. a b c Ted Houghtaling: Witness to Tragedy: The Sinking of the General Slocum | New-York Historical Society. Abgerufen am 12. Februar 2024 (englisch).
  11. The General Slocum Disaster of June 15, 1904. New York Public Library, 11. Juni 2013, abgerufen am 12. Februar 2024 (englisch).
  12. General Slocum | National Underwater and Marine Agency. Abgerufen am 12. Februar 2024.
  13. Douglas Martin: Adella Wotherspoon, Last Survivor of General Slocum Disaster, Is Dead at 100. In: The New York Times. 4. Februar 2004, ISSN 0362-4331 (nytimes.com [abgerufen am 12. Februar 2024]).
  14. James Joyce: Ulysses auf wikisource.org.
  15. General Slocum bei IMDb
  16. Fearful Visitation: The Great New York Steamboat Fire of 1904. Ankündigung der New-York Historical Society (englisch, PDF).
  17. Edward T. O’Donnell: Ship ablaze. The Tragedy of the Steamboat General Slocum. Broadway Books, New York 2003, ISBN 0-7679-0905-4.