Generation (Gesellschaft)

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Vier Generationen einer Familie

Im soziokulturellen Verständnis ist eine Generation eine große Gruppe von Menschen, die als „Altersgruppe“ in ihrer Gesellschaft oder aufgrund der gemeinsamen Prägung durch eine spezifische historische oder kulturelle Konstellation eine zeitbezogene Ähnlichkeit aufweisen.

Typisch ist beispielsweise die Unterteilung der Gesellschaft in die Generationen der Jungen und Alten, oder der Kinder- und Elterngeneration. Ein wichtiger Gesellschaftlicher Aspekt ist hier der Generationenwechsel (Generationaler Wandel) und die Wissensweitergabe von Generation zu Generation (vgl. Kommunikatives Gedächtnis).

Ähnlich wie Ethnizität oder Geschlecht hat sich auch die Vorstellung von Generationen als ein kulturelles Deutungsmuster[1][2] etabliert, um Identität und Differenz von Menschen zu beschreiben. Dabei gehen die Kulturwissenschaften mittlerweile nicht mehr davon aus, dass jeder Mensch naturgesetzlich einer Generation angehört, sondern dass Generationen „gemacht“ werden, d. h. sich in kommunikativen Prozessen herausbilden.[3] In dieser Hinsicht lehnen sich die Generation Studies an Forschungsansätze der Gender Studies an. Allerdings ist hierbei zu berücksichtigen, dass ständig Menschen geboren wurden und werden, die Abgrenzung von „Generationen“ durch Benennung des ältesten und des jüngsten Jahrgangs einer Alterskohorte also ein Element der Willkür enthält.

Historisch hat sich in verschiedenen Epochen und Diskursen immer verändert, was unter Generation verstanden wurde.[4] Mal dominiert dabei die genealogische Perspektive, bei der Generationen als Abstammungsgruppen verstanden werden, mal dominiert die Perspektive, dass Generationen historisch einmalige Phänomene sind, weil Menschen durch eine spezifische historische Situation oder auch durch Meilensteine der technischen Weiterentwicklung ähnlich geprägt werden.[5] Weiterhin lässt sich unterscheiden, ob der Begriff sich auf gesamte (nationale) Gesellschaften erstreckt (die 68er), auf Teilbereiche der Gesellschaft (z. B. Generationen von Wissenschaftlern oder Schriftstellern). Manchmal steht eher im Vordergrund, die Identität einer Gruppe zu beschreiben („Generationalität“), manchmal eher die Differenz zwischen verschiedenen Gruppen („generationelles Verhältnis“), manchmal soziale Prozesse wie Prägung, Wirkung und Wandel („Generativität“).[6]

Karl Mannheims „Problem der Generationen“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für die Soziologie hat Karl Mannheim 1928 im Rahmen seiner Wissenssoziologie einen prägenden und auch auf andere Wissenschaften ausstrahlenden „Generationen“-Begriff vorgelegt, der nicht die zuvor üblicherweise genannten 30 Jahre umfasst, sondern durch gemeinsame „Generationserlebnisse“ charakterisiert wird, also prägende Ereignisse in Kindheit und Jugend, die einen Einfluss auf ganze Geburtsjahrgänge haben. Bei rapidem sozialem Wandel umfasst eine Generation demnach weniger Kohorten (in der Gegenwart fassen häufig Wissenschaftler und Marketingexperten Kohorten von fünfzehn Geburtsjahrgängen zu einer „Generation“ zusammen). Für seine soziologische Analyse des Problems der Generationen beruft sich Mannheim einerseits auf die von David Hume und Auguste Comte herkommende positivistische Richtung, die versuchte, feste, äußerlich quantifizierte Zeitabschnitte von zumeist 30 Jahren zu finden, die als Generationen aufeinander folgten. Andererseits greift Mannheim auf das romantische in der historischen Schule vorkommende Generationsverständnis zurück, das auf die qualitative, nur innerlich erfahrbare Zeit geistiger Bewegungen abzielte, wie es in der Kunstgeschichte gebräuchlich ist.[7]

Mannheim unterschied zwischen Generationslagerung, Generationszusammenhang und Generationseinheit. Generationslagerung ist dabei der Oberbegriff, der die ungefähr gleichzeitige Geburt „im selben historisch-sozialen Raume – in derselben historischen Lebensgemeinschaft“[8] bedeutet, also die Grundbedingung dafür, einem Generationszusammenhang oder einer Generationseinheit anzugehören. Ein Generationszusammenhang ist eine hinzukommende Verbindung, die in der „Partizipation an den gemeinsamen Schicksalen“ und in der Teilhabe an den geistigen Strömungen der Zeit besteht.[9] Ein Generationszusammenhang umfasst mehrere Generationseinheiten. Die Mitglieder der Generationseinheiten sind noch enger miteinander verbunden, da sie die geistigen Strömungen der Zeit in gleicher Weise verarbeiten: Sie teilen „Grundintentionen und Gestaltungsprinzipien“, die sie zu einer Gruppe sozialisieren und für eine einheitliche Reaktion auf die Zeitströmungen sorgen.[10]

Beispiele für Generationen in Deutschland und den USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Generationen – im Sinne Mannheims mit gleichen, markant typisierenden Generationserlebnissen – wurden häufig nach den verbindenden Ereignissen oder Erfahrungen benannt. Mannheim unterscheidet selbst den Generationszusammenhang der Jugend der Befreiungskriege. Dabei seien zwei Generationseinheiten relevant geworden, nämlich einerseits die liberal-rationalistische Richtung, die sich im Vormärz fortsetzte, andererseits die dem deutschen Konservativismus angehörige romantisch-irrationale Richtung. Weiter nennt er die Generationseinheiten der Jugendbewegung (zu Beginn des 20. Jahrhunderts) und die ihm „gegenwärtige“ Neuromantik.

Die Generationen seit der Weimarer Republik folgten einander zunächst in recht kurzen Abständen in durchaus unterschiedlich geprägter Form. Der Generation der in den 1920er Jahren Geborenen, die als Jugendliche bereits im Zweiten Weltkrieg an die Front mussten (Helmut Schelskys „Skeptische Generation“), folgten die Jahrgänge 1926–29, die noch als Oberschüler Flakhelferdienste zu leisten hatten (vgl. die „Swingjugend“). Aus den nicht mehr eingezogenen „Kriegskindergeneration“ der späten 1930er und frühen 1940er Jahre rekrutierten sich die sozialen Bewegungen der „58er“ in der Bonner Republik. Die Weißen Jahrgänge in beiden deutschen Staaten wurden von keiner deutschen Armee eingezogen.[11]

Die nächste Generation wuchs in der Zeit des „Wiederaufbaus“ heran. Aus ihren Reihen rekrutierten sich die „68er“ . In den USA waren 68er und Baby-Boomer weitgehend deckungsgleich. Geburtenstarke Jahrgänge gab es in der BRD erst 1955–1967, während in den USA bereits von der Generation Jones gesprochen wurde. Die späteren US-amerikanischen Jahrgangsgruppen durch Douglas Coupland beigelegte Bezeichnung Generation X (USA 1960–1970) sowie die logischerweise aus der Bezeichnung „Generation X“ abgeleiteten Bezeichnungen „Generation Y“ und „Generation Z“ decken sich nur teilweise mit bundesdeutschen Zuordnungen. Hier etablierte sich für die zwischen 1965 und 1975 geborenen der Begriff der Generation Golf.

Die in den 1980er Jahren Geborenen wurden in der BRD mit dem (inzwischen aus der Mode gekommenen) Begriff MTV-Generation bezeichnet, um den Einfluss der Musiksender und Videoclip-Ästhetik hervorzuheben. Das Label Generation Praktikum soll den Einfluss eines veränderten Arbeitsmarktes als prägende Erfahrung für die betreffende Generation akzentuieren.

Weitere Bezeichnungen wie z. B. Generation Doof, Generation iPod oder Generation Youtube kursieren[12] genauso wie Generation Prekär oder Generation Maybe.[13] Es zeichnet sich allerdings ab, dass nach amerikanischem Vorbild auch in Deutschland zunehmen von einer „Generation Y“ und einer „Generation Z“ (den im 21. Jahrhundert Geborenen) gesprochen wird, zumal heute (2018) alle Angehörigen der Generation Y volljährig und damit wahlberechtigt sind (was aktuell die Kinder und Jugendlichen der Generation Z scharf von jungen Erwachsenen der Generation Y unterscheidet).

Das Merkmal „junge, wahlberechtigte Erwachsene“ ist auch für die Bezeichnung „Generation What?“ ausschlaggebend, die in Europa seit 2016 und in der arabischen Welt seit 2017 gebräuchlich geworden ist.

In der DDR bzw. in Ostdeutschland wurden und werden völlig andere Begrifflichkeiten benutzt: Auf die „erste Generation Ostdeutschland“, die „Aufbaugeneration“, folgen demnach die „zweite Generation Ostdeutschland“, die in der DDR geboren, sozialisiert, ausgebildet und berufstätig wurde. Die Angehörigen der Jahrgänge 1975–1985 werden „Dritte Generation Ostdeutschland“ oder auch „Wendekinder“ genannt; ihr Hauptmerkmal ist der Besuch eines DDR-Kindergartens, teilweise auch einer DDR-Schule mit darauffolgender „Umsozialisierung“ (zeitliche Abfolge: Kriegskinder → DDR-Kinder → Wendekinder).[14] Erst denjenigen, die ihre sekundäre Sozialisation in bundesdeutschen Einrichtungen erfuhren, wird bescheinigt, Angehörige der gesamtdeutschen Generation Y (bzw. der Generation Z) zu sein,[15] wenn auch mit Einschränkungen.[16]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Karl Mannheim: Das Problem der Generationen. In: Karl Mannheim: Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk. Hrsg. Kurt H. Wolff. Luchterhand, Neuwied/ Berlin 1964, S. 509–565.
  • Elisabeth Noelle-Neumann, Edgar Piel (Hrsg.): Eine Generation später. Bundesrepublik Deutschland 1953–1979. Saur, München u. a. 1983, ISBN 3-598-10475-8, (zum Symposium „Eine Generation Später“ Bonn 1981).
  • Heinz Bude: Deutsche Karrieren. Lebenskonstruktionen sozialer Aufsteiger aus der Flakhelfer-Generation. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-518-11448-4, (zugleich: Dissertation, TU Berlin 1986).
  • Kurt Lüscher, Franz Schultheis (Hrsg.): Generationenbeziehungen in „postmodernen“ Gesellschaften. Analysen zum Verhältnis von Individuum, Familie, Staat und Gesellschaft. (Konstanzer Beiträge zur sozialwissenschaftlichen Forschung, 7). Universitätsverlag Konstanz, Konstanz 1993, ISBN 3-87940-408-9, (zum 2. Konstanzer Symposium „Gesellschaft und Familie“ 1991).
  • Heinz Bude: Das Altern einer Generation. Die Jahrgänge 1938 bis 1948. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-518-58190-2.
  • Jürgen Reulecke (Hrsg.): Generationalität und Lebensgeschichte im 20. Jahrhundert. Oldenbourg, München 2003, ISBN 978-3-486-56747-2 (Volltext als PDF)
  • Sigrid Weigel u. a. (Hrsg.): Generation. Zur Genealogie des Konzepts – Konzepte von Genealogie. Fink, München 2005, ISBN 3-7705-4082-4, (Trajekte).
  • Ulrike Jureit: Generationenforschung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, ISBN 3-525-03706-6.
  • Christian Kuhn: Generation als Grundbegriff einer historischen Geschichtskultur. Die Nürnberger Tucher im langen 16. Jahrhundert. v&r unipress, Göttingen 2010, ISBN 978-3-89971-588-0.
  • Ohad Parnes, Ulrike Vedder, Stefan Willer: Das Konzept der Generation. Eine Wissenschafts- und Kulturgeschichte. (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 1855). Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-518-29455-0.
  • Mark Häberlein, Christian Kuhn: Generationen in spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Städten. Universitätsverlag Konstanz, Konstanz 2011.
  • Ulrich Oevermann: Die Soziologie der Generationsbeziehungen und der historischen Generationen aus strukturalistischer Sicht und ihre Bedeutung für die Schulpädagogik. In: Rolf-Torsten Kramer, Werner Helsper, Susanne Busse (Hrsg.): Pädagogische Generationsbeziehungen. (=Studien zur Schul- u. Bildungsforschung, 15). Leske+Budrich, Opladen, ISBN 978-3-8100-3294-2, S. 78–128.
  • Manfred Günther: Wörterbuch Jugend – Alter. Illustrationen: Stuttmann. Berlin 2010, ISBN 978-3-935607-39-1.
  • Martin Gloger: Generation 1989? Zur Kritik einer populaeren Zeitdiagnose. transcript, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-1961-4.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Generation – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Reinhold Sackmann: Das Deutungsmuster Generation. In: M. Meuser, R. Sackmann (Hrsg.): Analyse sozialer Deutungsmuster. Pfaffenweiler 1992.
  2. Jürgen Zinnecker: Das Deutungsmuster Jugendgeneration. Fragen an Karl Mannheim. In: J. Zinnecker, H. Merkens (Hrsg.): Jahrbuch Jugendforschung. 2 (2002), S. 61–98.
  3. Björn Bohnenkamp: Doing Generation. Bielefeld 2011.
  4. Ohad Parnes, Ulrike Vedder, Stefan Willer: Das Konzept der Generation, Eine Wissenschafts- und Kulturgeschichte. Frankfurt 2008.
  5. Dieser Ansatz geht vor allem auf Karl Mannheim zurück, vgl. K. M.: Das Problem der Generationen. In: Karl Mannheim: Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk. Hrsg. Kurt H. Wolff. Luchterhand, Neuwied/ Berlin 1964, S. 509–565.
  6. Zu einer Systematisierung dieser Perspektiven vgl. Björn Bohnenkamp: Doing Generation. Bielefeld 2011, S. 27 ff.
  7. Vgl. Mannheim: Generationen. S. 509–522.
  8. Mannheim: Generationen. S. 542.
  9. Mannheim: Generationen. S. 542 f.
  10. Mannheim: Generationen. S. 544–547. Zur dreigliedrigen Unterscheidung vgl. insgesamt Mannheim: Generationen. S. 541–555.
  11. Siehe auch: Kampf dem Atomtod und Ohnemichel.
  12. Manfred Günther: Wörterbuch Jugend – Alter. Berlin 2010, S. 44–45.
  13. Generation Maybe. (Memento des Originals vom 13. April 2014 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.deutsche-bildung.de auf: deutsche-bildung.de, Abgerufen am 8. November 2012.
  14. Gibt es eine Dritte Generation Ostdeutschland? In: soziologieblog. (hypotheses.org [abgerufen am 3. Oktober 2018]).
  15. Lukas Rietzschel: Generation Y – Chemnitz: Solidarität, endlich! Zeit Campus. Reihe „Generation Y“. 16. September 2018
  16. Valerie Schönian: Heimat Ostdeutschland: Jahrgang 1990. zeit.de. 16. Dezember 2017