Generation Snowflake

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Als Generation Snowflake (Generation Schneeflocke) wird in den USA die um 1990 geborene Generation bezeichnet, die oft als emotional hochverletzlich, psychisch fragil und wenig resilient wahrgenommen wird. Insbesondere wird ihr nachgesagt, dass sie häufiger als frühere Generationen beleidigt und nicht bereit sei, sich mit Ansichten auseinanderzusetzen, die ihren eigenen widersprechen. Der Begriff gilt jedoch im Allgemeinen als stark abwertend bis beleidigend (insulting). Im November 2016 wurde er von Collins English Dictionary als eines der zehn Worte des Jahres ausgewählt.[1]

Herkunft des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem späten 18. Jahrhundert war Snowflake oder auch Snowball ein Spottname für Afroamerikaner. Im Missouri der 1860er Jahre galt als Snowflake ein Weißer, der sich der Abschaffung der Sklaverei widersetzte. Diese Begriffsverwendung blieb jedoch regional eng begrenzt. Später bezog sich der abwertende Slang-Begriff Snowflake (jeder Schneekristall ist einzigartig) auf weiße Jugendliche, die sich einzigartig wähnten und einen Sinn für ihren vermeintlich herausgehobenen Status entwickelten, ohne dass diese Einzigartigkeit irgendwie begründbar wäre.

1986 benutzte David Bertelson[2] den Begriff in seiner Analyse des Einflusses der Individualisierung der US-Gesellschaft auf die Geschlechterrollen zur Charakterisierung des Phänomens der „Hypomaskulinität“, also eines schwach ausgeprägten männlichen Habitus, der sich den traditionellen Rollenerwartungen entzieht. Als Kehrseite dieser Krise herkömmlicher Rollen- und Identitätsmodelle betrachtet er die oft brutale Hypermaskulinität des amerikanischen Südens, des Militärs oder der Polizei, eine Ausdrucksform der Männlichkeit, die auf jüngere arme und ungebildete Männer anziehend wirke, aber auch als Übersteigerungsform der Schwulenkultur zu finden sei.

In jüngerer Zeit wurde die Metapher der Schneeflocke für die jüngeren Vertreter der zwischen 1980 und 1990 geborenen, wohlbehütet aufgewachsenen Generation der Millennials gebraucht, denen es als schwierig oder unmöglich erschien, mit früher als normal empfundenen Herausforderungen des Erwachsenenlebens, insbesondere mit den Anforderungen der Erwerbsarbeit umzugehen.[3] Das Erwachsenenleben kam ihnen schmutzig und grausam vor; sie fühlten sich darauf nicht ausreichend vorbereitet. Als Ursache dieser Verweigerungshaltung gelten u. a. eine verbreitete Overprotection bis weit über das 20. Lebensjahr hinaus durch sogenannte Helikopter-Eltern: Fast 40 Prozent der Amerikaner zwischen 18 und 34 Jahren leben bei ihren Eltern, ein seit 1940 unerreichter Rekord. Zu den Ängsten dieser Generation tragen möglicherweise auch der Hang zum Perfektionismus bei gleichzeitigem Mangel an Real-World-Fähigkeiten infolge der Digitalisierung aller Lebensbereiche,[4] ferner die Verschulung des (Undergraduate-)Studiums und der Schock bei, den viele College-Absolventen erleiden, wenn sie die durch hohe Studiengebühren entstandenen Schulden zurückzahlen müssen. Fast 70 Prozent der Hochschulabsolventen waren im Jahr 2014 laut CNN mit durchschnittlich 29.000 Dollar verschuldet.[5] Wegen ihres langen Verharrens im Zustand der Adoleszenz sowohl in der Hochschule als auch am Arbeitsplatz spricht man abwertend auch von den Kidults (kids + adults) oder der me, me, me generation.[6]

Der pejorative Gebrauch der Schneeflocken-Metapher, der sich insbesondere auf akademisch ausgebildete Angehörige der Millennial-Generation bezieht, geht wahrscheinlich auf das Kultbuch Fight Club (1996) von Chuck Palahniuk zurück, in der ein Mitglied einer konsumkritischen Gruppe den anderen Mitgliedern vorhält, sie seien keine schönen und einzigartigen Schneeflocken, sondern bestünden aus derselben organischen Materie wie alle anderen und würden auf demselben Komposthaufen landen (we are all part of the same compost pile).[7] In der Verfilmung des Buchs spricht Brad Pitt diese Worte.

Aktueller Gebrauch als Kampfbegriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zuerst wurden in Großbritannien die „tränenreichen“ Brexit-Gegner als Snowflakes bezeichnet.[8] Auch im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 entwickelte sich der Slangbegriff der Generation Snowflake zu einem politischen Kampfbegriff. Er wird von der US-amerikanischen politischen Rechten für angeblich übersensible, besonders auf politische Korrektheit bedachte Personen benutzt, und zwar nicht nur für Jugendliche, sondern auch für „Liberale“ sowie für Angehörige von Minderheiten, die leicht verletzbar sind oder sich leicht verletzt fühlen und einen Schutzraum (safe space) beanspruchen, so auch für Vegetarier oder Anti-Alkoholiker. Das extrem konservative Media Research Center in Reston (Virginia) versuchte im Wahlkampf auf einer satirischen Website [9] zu zeigen, wie die Snowflakes sich vom amerikanischen Männlichkeitsideal entfernen.

Snowflakes gelten ihren Kritikern als larmoyant; sie seien nicht in der Lage, sich mit Ansichten auseinanderzusetzen, die von ihren eigenen abwichen. Sie sprächen häufig über ihre Gefühle, fühlten sich moralisch überlegen, bedürften einer besonderen Aufmerksamkeit und forderten permanent Gerechtigkeit für sich ein, worunter sie aber die positive Diskriminierung ihrer eigenen Gruppe verstünden. Sie vermieden alle Auslöserreize (triggers), die ihr Wohlbefinden stören, sie herausfordern oder gar ängstigen könnten. Letzten Endes werde die berechtigte Forderung, mehr Diversität zuzulassen, die auch immer mit sozialen Zumutungen verbunden sei, abgelöst durch das Streben der Schneeflocken nach dem Aufenthalt in hinsichtlich Ethnie, Geschlecht oder sexueller Präferenz homogenen Komfortzonen.

Dem britischen Lexikographen und Slangforscher Jonathon Green zufolge gibt es weitere negative Konnotationen des Begriffs Snowflake wie Schwäche und Selbsttäuschung, psychische Fragilität und überzogene Wahrnehmung der eigenen Bedeutung. Die Weigerung, Meinungen zu akzeptieren, die nicht Spiegelbild der eigenen sind, gelte allgemein als narzisstisch. Die Verwandlung eines spöttischen Slangbegriffs in einen aggressiven Kampfbegriff der gegen Migration und Feminismus agitierenden Alt-Right-Bewegung (Alternative Rechte) spiegele die tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. Zu seiner raschen Verbreitung trügen die sozialen Medien bei.[10]

Die durch die Metapher beschriebene Verletzlichkeit charakterisiere aber auch Menschen, die an einem Defizit an positiver Resonanz leiden, ohne objektiv diskriminiert worden zu sein, oder die meinen, dass Minderheiten bevorzugt würden, also viele der Menschen, die 2016 Donald Trump gewählt und deren Stimmungen sich durch die Hyperresonanz der Emotionen in sozialen Netzen in kurzer Zeit aufgeschaukelt hätten.[11]

Kontroverse an den Hochschulen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Jahren ist an US-amerikanischen und neuerdings auch an britischen Hochschulen die Diskussion darüber entbrannt, ob vor einem Lehrstoff, der möglicherweise ethnische, sexuelle oder religiöse Befindlichkeiten oder die Gefühle von Menschen mit Behinderung verletzt, gewarnt werden müsse (durch trigger warnings), und ob beispielsweise die Pflichtlektüre oder Prüfungen zu kontroversen oder emotional besetzten Themen verweigert werden dürften. Die Entscheidung darüber werden in den meisten Fällen den Hochschuldozenten überlassen. Anhänger uneingeschränkter akademischer Meinungsfreiheit wie die libertäre Aktivistin Claire Fox oder Mick Hume machen geltend, durch die Politik der Rücksichtnahme auf die Gefühle von Minderheiten in ihrer akademischen Freiheit eingeschränkt oder gar unterdrückt zu werden. Die Einrichtung von safe spaces („sicherer Räume“) an Hochschulen, um die Gefühle bestimmter Menschen zu schützen, sei eine Maßnahme der Zensur und Exklusion im Namen progressiver Bewegungen. Für die Zunahme solcher Maßnahmen gebe es Indizien wie die steigende Zahl von aufgrund studentischer Proteste widerrufener Einladungen zu Gastvorträgen im akademischen Bereich. Auch die Selbstviktimisierung, d. h. die wechselseitigen Bestärkung der Mitglieder von Minderheitsgruppen, dass sie Opfer besonderer Diskriminierung seien, die mit dem Ziel der Nutzung der aus dieser Opferhaltung sich möglicherweise ergebenden strategischen Vorteile erfolge, habe zur Eskalation des Streits um den Begriff beigetragen. Ähnlich wirke die teils blinde (Über-)Identifikation von nicht direkt Betroffenen mit tatsächlichen oder vermeintlichen Opfern von Diskriminierung. So forderte die Studentengewerkschaft der Londoner School of Oriental and African Studies im Zuge der geistigen Entkolonisierung die Entfernung weißer Philosophiedozenten vom Lehrplan.[12] Von Kritikern wird auch der Transgender-Toilettenstreit an Schulen und Hochschulen der USA als Reflex auf Befindlichkeiten der Generation Schneeflocke gesehen.[13]

Viele Autoren sind der Ansicht, dass die 2016 plötzlich zum Kampfbegriff gewordene Generation Schneeflocke durchaus eine psychische oder kulturelle Realität repräsentiere: Immer wiederkehrende starre Abwehrmechanismen und das Verharren im eigenen Leid schränkten die geistige und soziale Beweglichkeit vieler jüngerer Menschen stark ein und ließen sie auch unbeabsichtigt entstandene Assoziationen oder Scherze als Mikroaggressionen empfinden.[14] Das bei den Millennials weit verbreitete Bedürfnis, sich keinerlei Art von emotionalem Stress auszusetzen, führe dazu, emotionale Herausforderungen möglichst abzuwehren. Angenehme persönliche Erfahrungen seien wichtiger geworden als rationale Argumente.

Die in den USA und teils im Vereinigten Königreich sich verfestigende Politik der Hochschulen, psychisch fragile oder von emotional besetzten Themen potenziell betroffene Studierende vor bestimmtem Lehrmaterial (z. B. zu Fragen des Sexualstrafrechts, der sexuellen Orientierung oder zu spezifischen Erkrankungen und Behinderungen) zu warnen, um ernsthafte psychische Folgen zu vermeiden,[15] trägt nach Meinung der Kritiker zur Entmündigung und Infantilisierung der Generation Schneeflocke bei. Das gelte ebenso für die Anwesenheitspflicht bei Vorlesungen oder die safe spaces, zu denen nur Menschen mit ähnlichen Erfahrungen Zugang hätten und in denen keine Gegenrede mehr erlaubt sei.[16] Die Tatsache, dass an verschiedenen Hochschulen z. B. in North Carolina Studierende nach Prüfungen in besonderen Entspannungsräumen Malbücher ausmalen können, wurde wiederholt als Indiz für die Infantilisierung junger Erwachsener hervorgehoben. Auch die Einrichtung von geschützten Räumen nach der Wahl Donald Trumps an einigen Hochschulen, in denen sich die durch das Wahlergebnis traumatisiert fühlenden Studierenden austauschen oder trauern konnten,[17] wurde als Ausdruck einer Kultur des Infantilen gewertet, die sich in narzisstischer Weise auf sich selbst beziehe.

Ein Hang zur Wehleidigkeit wird freilich auch als bezeichnend für die Klagen Trumps und seiner Anhänger über den Mangel an Fairness im Wahlkampf wahrgenommen.[18] Der Autor, Journalist und Dozent Jim Sleeper hält dementsprechend die konservative Kampagne für die freie Rede an den Hochschulen für eine Übertragung der Prinzipien eines radikalen Marktliberalismus auf die Prozesse des Diskurses und der Meinungsbildung an den Hochschulen, wodurch Minderheiten an den Rand gedrückt würden, die die sicheren Zonen zur Einübung des Diskurses benötigten.[19] Diese Position teilt auch der Literaturprofessor Ulrich C. Baer.[20]

Auch viele Psychologen halten die psychische Gesundheit der Studierenden und die Vermeidung von Traumata für ein gewichtigeres Argument als die Sorgen um die Freiheit der Rede und des akademischen Diskurses: So hätten 17 Prozent der US-amerikanischen Studierenden Angststörungen; bei etwa 14 Prozent sei eine Depression diagnostiziert worden. Dies könne eine Folge zu hoher Erwartungen der Eltern und steigenden Leistungsdrucks der Hochschulen sein. Gegen die Allgegenwart des Leistungsdrucks spricht jedoch, dass einer neueren Studie zufolge die US-Studierenden im Durchschnitt nur 19 Stunden pro Woche auf ihr Studium verwenden, hingegen 29 Stunden auf Socializing. Die Psychologin und ehemalige Professorin für Management Loretta G. Breuning hält in einem Beitrag für Psychology Today die Annahme der besonderen Verletzlichkeit der Snowflakes sogar für eine Folge der Übertreibung der Häufigkeit psychischer Störungen durch die Hochschul-Counselors und andere Vertreter psychosozialer Einrichtungen auf dem Campus, die so die weitere Aufstockung ihrer personellen Kapazitäten zu begründen suchten.[21]

Der Kolumnist der New York Times David Brooks sieht in einem Kommentar zur Entlassung des Google-Programmierers James Damore, der in einem Papier 2017 die Strategien der Frauen- und Minderheitenförderung bei Google infrage stellte, denselben "Mob" am Wirken, der sich auch an den Hochschulen über Verletzungen seiner Werte moralisch empöre. Ursache sei eine plötzliche Ungewissheit über Moralvorstellungen und das Leben im Allgemeinen, die eine intensive Angst produziere. Der Moralismus sei ein verzweifelter Versuch, festen Grund zu finden. Die absoluten Moralisten gewönnen ein „tröstliches Gefühl moralischer Sicherheit, wenn sie eine böse Person verfolgen, die eines ihrer heiligen Tabus verletzt hat“.[22]

Konservative Schneeflocken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wenn es nur auf das subjektive Empfinden der real oder vermeintlich von Diskriminierung oder Mikroagressionen Betroffenen ankommt, wenn also Diskriminierung und Unterdrückung nicht mehr (statistisch oder mit anderen Methoden) objektivierbar sind und durch subjektive Betroffenheit ersetzt werden, wird die Politik der Rücksichtnahme auf Betroffenheiten zum zweischneidigen Schwert, wie die identitätspolitische Positionierung der weißen „Verlierer“ nach Trumps Wahlsieg zeigt.[23] Nicht nur liberale, auch religiös-konservative Schüler und Studierende fühlen sich betroffen, wenn sie etwa am Sexualkundeunterricht teilnehmen oder sich mit der Evolutionstheorie auseinandersetzen müssen, was sie oft als staatliche Indoktrination empfinden. So fordern die Kreationisten schon seit langer Zeit, Warnhinweise auf Schulbüchern anzubringen, wonach die Evolutionstheorie bisher nicht bewiesen sei.[24] Dieser Meinung ist auch die Mehrheit der US-Bevölkerung.

Selbstviktimisierung gibt es also auch bei Mehrheitsgruppen.[25] Philosophen und Zukunftsforscher wie Pascal Bruckner oder Matthias Horx halten den Trend zu Infantilismus und Selbstviktimisierung auch für eine kulturell zunehmend fest verankerte Tendenz der deutschen und anderer westlicher Gesellschaften, in der das Individuum auf seine Selbstbestimmung poche, zugleich aber Fürsorge und Hilfe beanspruche; es verbinde mit seinen unstillbaren Forderungen die Doppelgestalt des Dissidenten und des Kleinkindes miteinander.[26]

Forschungsdefizite[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ob die Beschreibung der Generation Schneeflocke sich auf empirische Evidenz stützen kann oder ob es sich um einen kurzlebigen Modebegriff zur Beschreibung von Phänomenen an US-Hochschulen handelt, also ob die ihr zugeschriebenen Verhaltensweisen wirklich kulturübergreifende und lebensprägende Kohortenmerkmale darstellen oder eher für den Zeitgeist und damit auch für Menschen jenseits der Adoleszenz charakteristisch sind, ist umstritten; ebenso die Frage, wie weit sie verbreitet sind und ob sie mit realen Diskriminierungserfahrungen einhergehen.

Die bisherige Diskussion stützt sich eher auf punktuelle Erfahrungsberichte aus Hochschulen. Allerdings wurden einige Einzelaspekte bisher empirisch untersucht:

  • Die Ansprüche an Beziehungen in den immer kleiner werdenden Familien sind stark gestiegen – ein Ausdruck dafür ist auch Overprotection durch die Eltern. Diese Ansprüche werden aber oft durch die erhöhte Vulnerabilität der Familien enttäuscht, die sich z. B. in hohen Scheidungsquoten ausdrückt. Erst recht können die hohen Ansprüche an Beziehungskontinuität und regelmäßige Zuwendung nicht auf die sozialen Beziehungen in Bildungseinrichtungen übertragen werden.[27] Auch scheint der Bedarf an Wertschätzung und Respekt zu steigen, wofür die inflationäre Verwendung des Mobbing-Begriffs spricht.
  • Laut US-General Social Survey (GSS) von 2015 hat sich die Zahl der Amerikaner, die angeben, dass sie keine engen Freunde haben, seit 1985 verdreifacht. Das zeigt einen Verlust an sozialer Unterstützung und eine steigende Anfälligkeit für psychische Probleme an.[28] Empathie wird häufiger in sozialen Netzwerken (auch gegenüber Unbekannten) als im alltäglichen Kontakt gezeigt. Damit einher gehen zu dem ein Verlust an sozialer Unterstützung und eine steigende Anfälligkeit für Stress und psychische Probleme.[29]
  • Der Trend zur Zunahme psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen, aber auch zu ihrer Chronifizierung scheint international wie auch in Deutschland ungebrochen zu sein. So lag beispielsweise in Bayern 2015 bei etwa jedem vierten Heranwachsenden, der von Kassenärzten ambulant behandelt wurde, eine psychische Störung vor. Besonders häufig sind Störungen der Emotionsregulation,[30] d. h. emotional unbefriedigende Situationen können nicht akzeptiert werden. Die US-Psychologin und Generationenforscherin Jean Twenge bezeichnet die um und seit 2000 geborenen, schon seit dem Kleinkindalter mit dem Smartphone aufgewachsenen jungen Menschen als iGen. Sie konstatiert abrupte Verhaltensänderungen der amerikanischen Jugendlichen seit ca. 2012: Die „allure of independence“, die durch den Wunsch nach Unabhängigkeit gekennzeichnete Haltung, sei dieser Generation abhanden gekommen. Ihre Vulnerabilität und ihr Unsicherheitsgefühl seien hoch, die Neigung zu Depressionen ebenfalls. Ihre Eltern stünden z.T. noch unter dem Eindruck der Finanzkrise.[31]
  • Insbesondere der Einstieg in den Beruf wird als zunehmendes Lebensrisiko erkannt, das nur durch individuelle Eigenleistung zu bewältigen ist.[32][33] Gleichzeitig vermittelt eine verschulte Ausbildung immer weniger grundlegende Lebenskompetenzen; man fühlt sich nicht vorbereitet auf die Erwachsenenwelt.
  • Nicht zuletzt die (in den USA seit der Finanzkrise 2008 besonders stark) gestiegenen Studiengebühren und -kredite führen dazu, dass die Studierenden ihre Ansprüche gegenüber Hochschulen erhöhen: Deren Funktion als „Dienstleister am Lebenslauf“ wird massiv eingefordert. Extrinsische Motive bei der Hochschul- und Studienfachwahl gewinnen an Bedeutung, wie HIS-Daten zeigen.[34] Fehlende interne Kontrollüberzeugung bzw. geringe Selbstwirksamkeitserwartung führen zu Zukunftsängsten und zur Zuschreibung der Verantwortung für den Ausbildungserfolg an die Institutionen der Ausbildung.

Die Rolle der Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Beobachter sehen in einer sinkenden Urteilsfähigkeit der Millennials eine Ursache für das Phänomen emotionaler Hyperresonanz. Dafür sei der veränderte Mediengebrauch mit entscheidend. So urteilt Tom Wolfe, der selbst in hohem Alter noch lange Beobachtungen von Studierenden auf dem Campus als Grundlage seines Romans I am Charlotte Simmons durchgeführt hat, dass die Millennials Lektüre nur noch als time killer nutzten, so wie man sich mit Stricken die Zeit vertreibe: „They no longer read. [...] They will only believe what the next person says to them in the ear.“ Dies öffne Verschwörungstheorien Tür und Tor. Mit dieser Diagnose befindet er sich im Einklang mit Gay Talese, den Kolumnisten Liz Smith und Enid Nemy und der Literaturkritikerin und Essayistin Daphne Merkin; er schließt auch explizit an die pessimistischen Prognosen Marshall McLuhans zum Tod des Buches und seiner Ersetzung durch die audiovisuelle Suggestion aus den 1960er Jahren an. Der durchschnittliche US-Zeitungsleser sei inzwischen 59 Jahre alt; die Jüngeren würden ihre Zeit mit Social Media totschlagen.[35]

Die Autorin und Bloggerin Kristen Lamb bezeichnet in ihrem Blog eine ganze neue Generation von Autoren, die massenhaft schlechte Instant-Literatur produzieren, als Generation Author Snowflake, weil sie keine Kritik, sondern nur noch freundliche Unterstützung erhielten. Kaum jemand – beginnend bei Lehrern oder Dozenten, die keine rote Tinte mehr verwendeten, aus Angst, die Gefühle der Schüler oder Studierenden zu verletzen – wage es, kritisches Feedback zu geben oder Qualitäts-Benchmarks aufzustellen, vor allem wenn die Autoren eine gewisse Popularität in den sozialen Medien erreicht hätten.[36]

Der iranischstämmige Autor Sohrab Ahmari kritisiert in seinem Buch The New Philistines[37] die von ihm wahrgenommene Obsession der aktuellen Kunstszene für Fragen von Rasse, Gender, Sexualität und Diskriminierung. Für den Erfolg von Kunst und auch der Popkultur sei heute die Compliance mit identitätstheoretischen Doktrinen wichtiger als Fragen der Wahrheit oder Ästhetik.

Generation Schneeflocke in der Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine junge Frau dieser Generation, die durch die Fürsorge ihrer Mutter erstickt, vom Selbstmitleid gepackt, durch Studienkredite mit 130.000 Dollar verschuldet ist und wenig über sich weiß, wird von Jonathan Franzen in seinem Roman Purity leicht satirisch porträtiert; ihm wurde daraufhin Sexismus vorgeworfen.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Claire Fox: I find that offensive. Biteback 2017.
  • Mick Hume: Trigger Warning: Is the Fear of Being Offensive Killing Free Speech? Harpercollins 2016.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rebecca Nicholson: „Poor little snowflake“ – the defining insult of 2016. In: The Guardian, 28. November 2016.
  2. David Bertelson: Snowflakes and snowdrifts: Individualism and sexuality in America. Lanham MD 1986.
  3. Jessica Goldstein: The surprising history of 'snowflake' as a political insult. www.thinkprogress.org, 19. Januar 2017.
  4. Mark Bauerlein: The Dumbest Generation: How the Digital Age Stupefies Young Americans an Jeopardizes Our Future (Or, Don’t Trust Anyone under 30). TarcherPerigee, 2009.
  5. www.cnn.com, Abruf 12. März 2017
  6. Toby Young: Prepare to tiptoe around generation snowflake in the workplace. The spectator.co.uk, 3. Dezember 2016.
  7. No, 'Snowflake' as a Slang Term Did Not Begin with 'Fight Club' www.merriam-webster: Words we're watching, Abruf 12. März 2017.
  8. Uwe Schmitt: Die verhätschelten Schneeflocken und ihre Feinde. In: www.welt.de, 3. Dezember 2016.
  9. www.savethesnowflakes.org
  10. Jessica Goldstein: The surprising history of 'snowflake' as a political insult. www.thinkprogress.org, 19. Januar 2017.
  11. Matthias Horx: Trump und die Zukunft. www.zukunftsinstitut.de, Abruf 12. März 2017.
  12. Gina Thomas: Gegenaufklärung. www.faz.net, 13. Januar 2017.
  13. Trump hebt Obamas Anweisung im Transgender-Toilettenstreit auf. www.diepresse.com, 23. Februar 2017.
  14. Dieser Begriff wurde von Chester M. Pierce 1970 für die vielen witzig gemeinten, aber beleidigenden Äußerungen und nonverbalen Signale in der alltäglichen Kommunikation von Weißen gegenüber Afroamerikanern geprägt. Vgl. Derald Wing Sue: Microaggressions in Everyday Life: Race, Gender, and Sexual Orientation. Wiley 2010, S. 16 ff.
  15. Matthew Scott: Trigger warnings at Oxford would threaten academic freedom and infantilise our future judges.’’ www.telegraph.co.uk, 11. Mai 2016.
  16. Aftab Ali: Edinburgh University student Imogen Wilson accused of violating ‚safe space’ for raising hand during meeting’’ www.independent.co.uk, l4. April 2016
  17. So rief die Cornell University aus diesem Anlass zu einem Cry-in auf. Wall Street Journal, 9. November 2016. Aber auch bei den Politikwissenschaftlern an der Universität Münster herrschten in dieser Nacht Trauer und Entsetzen: Tränenreiches Ende der Wahlnacht bei den Politikwissenschaftlern. In: Westfälische Nachrichten, 9. November 2016.
  18. Jan Fleischhauer: Heulsusen-Alarm. Spiegel Online, 24. Oktober 2016.
  19. Jim Sleeper: Political Correctness and Its Real Enemies. www.nytimes.com, 3. September 2016.
  20. Ulrich Baer: What ‘Snowflakes’ Get Right About Free Speech. www.nytimes.com, 24. April 2017.
  21. Stephaney Keavney: The 'Snowflake' Generation: Real or Imagines? www.jamesgmartin.center, 19. Dezember 2016.
  22. Danile Brooks: Sundar Pichai Should Resign as Google’s C.E.O. In: New York Times, 11. August 2017.
  23. Adam Soboczynski: Vielfalt von oben? www.zeit.de, 26. November 2016.
  24. Volker ter Haseborg: US-Streit um Evolutionslehre: Warnhinweise auf Bio-Büchern, in Spiegel online, 17. März 2005.
  25. Katja Mertin: Zwischen Anpassung und Konfrontation: Die Religiöse Rechte in der amerikanischen Politik. Springer 2013, S. 98 ff.
  26. Pascal Bruckner: Ich leide, also bin ich. Die Krankheit der Moderne. Berlin 1996.
  27. Inge Seiffge-Krenke: Psychoanalytisch und tiefenpsychologisch fundierte Therapie mit Jugendlichen. Stuttgart 2007, S. 71.
  28. Markham Heid: You asked: How many friends do I need?, in: time.com, 18. März 2015.
  29. Markham Heid: You asked: How many friends do I need?, in: time.com, 18. März 2015.
  30. Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege: Bericht zur psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen in Bayern. [1] (pdf), S. 19 ff.
  31. Jean M. Twenge: Have Smartphones Destroyed a Generation? In: The Atlantic, September 2017.
  32. Bayerisches Staatsministerium für Gesundheit und Pflege: Bericht zur psychischen Gesundheit bei Kindern und Jugendlichen in Bayern. [2] (pdf), S. 22.
  33. Heiner Keupp: Sozialpsychologische Dimensionen der Teilhabe. In: Jens Maedler (Hrsg.): TeilHabeNichtse. Chancengerechtigkeit und Kulturelle Bildung. München 2008, S. 20-28.
  34. Jan Grossarth: Dienstleister für den Lebenslauf. www.faz.net, 6. Juni 2013.
  35. Interview mit Tom Wolfe, in: www.celebitchy.com, 20. März 2017.
  36. Kristen Lamb: Generation Author Snowflake & The High Cost of Instant. 30. Dezember 2016.
  37. Biteback 2017.