Generation Snowflake

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Generation Snowflake (Generation Schneeflocke) ist ein US-amerikanisches politisches Schlagwort bzw. eine polemische Bezeichnung für die nach 1995 geborene Generation Z, die oft als extrem sensibel, woke, emotional hochverletzlich, wenig resilient und sich für einen hohen Lebensstil anspruchsberechtigt sehend wahrgenommen wird. Insbesondere wird ihr nachgesagt, dass sie häufiger als frühere Generationen beleidigt und nicht bereit sei, sich mit Ansichten auseinanderzusetzen, die ihren eigenen widersprechen. Der Begriff gilt als abwertend bis beleidigend. Im November 2016 wurde er von Collins English Dictionary als eines der zehn Wörter des Jahres ausgewählt.[1]

Herkunft des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem späten 18. Jahrhundert war Snowflake oder auch Snowball ein Spottname für Afroamerikaner mit weißen Haaren.[2] Im Missouri der 1860er Jahre wurde der Begriff in Kontroversen über die Abschaffung der Sklaverei gebraucht. Er bezeichnete Befürworter der Sklaverei, die der rassistischen Ideologie folgten, wonach weißen Menschen ein größerer Wert als andersfarbigen Menschen beizumessen ist. Diese Begriffsverwendung blieb jedoch regional begrenzt.[3] Später bezog sich der abwertende Slang-Begriff Snowflake (jeder Schneekristall ist einzigartig) auf weiße Jugendliche, die sich einzigartig wähnten und einen Sinn für ihren vermeintlich herausgehobenen Status entwickelten, ohne dass diese Einzigartigkeit irgendwie begründbar gewesen wäre.

Der Begriff „Schneeflocke“ spielt auf eine vermeintliche Einzigartigkeit an

1986 benutzte David Bertelson[4] den Begriff in seiner Analyse des Einflusses der Individualisierung der US-Gesellschaft auf die Geschlechterrollen zur Charakterisierung des Phänomens der „Hypomaskulinität“, also eines schwach ausgeprägten männlichen Habitus, der sich den traditionellen Rollenerwartungen entzieht. Als Kehrseite dieser Krise herkömmlicher Rollen- und Identitätsmodelle betrachtet er die oft brutale Hypermaskulinität des amerikanischen Südens, des Militärs oder der Polizei, eine Ausdrucksform der Männlichkeit, die auf jüngere arme und ungebildete Männer anziehend wirke, aber auch als Übersteigerungsform der Schwulenkultur zu finden sei.

In jüngerer Zeit wurde die Metapher der Schneeflocke abwertend für die „jungen Erwachsenen der 2010er Jahre“ gebraucht, die als leicht verletzlich und wenig resilient wahrgenommen werden,[1] andererseits spielt die Metapher auch auf die dieser Generation unterstellte Selbstwahrnehmung der Einzigartigkeit und Besonderheit an.[5] Der pejorative Gebrauch der Schneeflocken-Metapher, der sich insbesondere auf akademisch ausgebildete Angehörige der Millennial-Generation bezieht, wird oft dem Kultbuch Fight Club (1996) von Chuck Palahniuk zugeschrieben, in der ein Mitglied einer konsumkritischen Gruppe den anderen Mitgliedern vorhält, sie seien keine schönen und einzigartigen Schneeflocken, sondern bestünden aus derselben organischen Materie wie alle anderen und würden auf demselben Komposthaufen landen (we are all part of the same compost pile).[6][1] In der Verfilmung des Buchs durch David Fincher 1999 spricht Brad Pitt diese Worte.[7]

Aktueller Gebrauch als Kampfbegriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verwendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im englischen Sprachraum entwickelte sich der Slangbegriff der Generation Snowflake zu einem politischen Kampfbegriff. Er wird von politischen Rechten für Personen der Millenials-Generation benutzt, die als over-entitled gesehen werden, d. h. einen Anspruch auf einen Lebensstil erheben würden, den sie sich nicht selbst bereit wären zu erarbeiten, und würden linke Parteien wählen, da sie nicht mit der harten Realitäten des Lebens zurecht kämen.[8]

Snowflakes gelten in den Augen ihrer Kritiker auch als larmoyant; sie seien nicht in der Lage, sich mit Ansichten auseinanderzusetzen, die von ihren eigenen abwichen. Sie sprächen häufig über ihre Gefühle, fühlten sich moralisch überlegen, bedürften besonderer Aufmerksamkeit und forderten permanent Gerechtigkeit für sich ein, worunter sie die „positive Diskriminierung“ – sprich die einseitige Bevorzugung – ihrer eigenen Gruppe verstünden. Sie vermieden angeblich alle Auslöserreize (Triggers), die ihr Wohlbefinden stören, sie herausfordern oder gar ängstigen könnten. Letzten Endes werde die Forderung, mehr Diversität zuzulassen, die immer mit sozialen Zumutungen verbunden sei, abgelöst durch das Streben der Schneeflocken nach dem Aufenthalt in hinsichtlich Ethnie, Geschlecht oder sexueller Präferenz homogenen Komfortzonen (siehe Identitätspolitik).[Beleg benötigt]

In Großbritannien wurden die Brexit-Gegner von einer UKIP-Abgeordneten als Snowflakes bezeichnet.[9] Das Urban Dictionary für englischen Slang griff eine derartig diskriminierende Definition auf.[10]

Im US-Wahlkampf wurde der Kampfbegriff Snowflake in der Politik genutzt. An Weihnachten 2019 schalteten Angehörige der Wahlkampagne von Donald Trump die (inzwischen abgeschaltete) Website snowflakevictory.com, um den Trump-Anhängern Argumente gegen die „Liberalen“ zu liefern, insbesondere für weihnachtliche Diskussionen mit ihren Angehörigen.[11] Der metaphorische Bezug auf das Weihnachtswetter (Schneeflocken sind weich und nass) wurde von anderen, u. a. auch von britischen Medien übernommen.[12]

Die Spezialistin für linguistische Anthropologie Janet McIntosh weist auf die analoge Funktion und die Verwendungsgeschichte des Begriffs Crybaby (deutsch etwa „Heulsuse“, „Schreikind“) hin, den Trump-Anhänger im Wahlkampf zur Diskreditierung liberaler Oppositioneller nutzten. Dieser entstamme dem Sprachgebrauch des militärischen Drills der US-Kadettenanstalten zur Diskreditierung Schwächerer. Der Begriff wurde anschließend auch von Gegnern Trumps benutzt, die ihn wegen seines von Narzissmus und Infantilismus geprägten Verhaltens angesichts der Wahlniederlage kritisierten,[13] so z. B. von der früher den Republikanern nahestehenden Juristin und Journalistisn Ana Navarro.

Einordnung und Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Wirtschaftswissenschaftler Keir Milburn sieht den Begriff Generation Snowflake als eine Strategie der politisch Rechten, um von sozioökonomischen Ungleichheiten entlang der Generationen abzulenken. Die Millenials-Generation sei wie kaum eine Generation zuvor mit ökonomischen Herausforderungen konfrontiert, wie sinkenden Löhnen, steigenden Preisen für Wohnraum und in einigen Ländern hohe Schulden durch Studiengebühren. Politisch Rechte würden versuchen, diese ökonomische Schieflage dadurch zu verschleiern, indem man die Ansprüche der jüngeren Generation kritisiert und sie als ungerechtfertigt darstellt.[8]

Dem britischen Lexikographen und Slangforscher Jonathon Green zufolge gibt es weitere negative Konnotationen des Begriffs Snowflake wie Schwäche und Selbsttäuschung, psychische Fragilität und überzogene Wahrnehmung der eigenen Bedeutung. Die Weigerung, Meinungen zu akzeptieren, die nicht Spiegelbild der eigenen sind, gelte allgemein als narzisstisch. Die Verwandlung eines spöttischen Slangbegriffs in einen aggressiven Kampfbegriff der gegen Migration und Feminismus agitierenden Alt-Right-Bewegung (Alternative Rechte) und konservativer Journalisten wie Tomi Lahren spiegele die tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft.[14] Zu seiner raschen Verbreitung trügen die sozialen Medien bei.[15]

Die britischen Populismusforscher Aurelien Mondon und Aaron Winter sehen den Begriff Snowflake als Teil einer gefährlichen Selbstverteidigungs-Strategie rechter Populisten in der Debatte um Redefreiheit. Snowflakes würden ihnen zufolge ihre Schwäche und Überempfindlichkeit durch Deplatforming und Cancel Culture schützen. Rassismus erscheine dann als reine Beleidigung, ohne echte Auswirkungen für die von Rassismus Betroffenen. Ironischerweise seien aber gerade diejenigen, die Vorwürfe gegen Snowflakes erheben, oftmals nicht in der Lage, anzuerkennen, dass ihre Positionen nicht zensiert werden, sondern nur nicht willkommen seien oder keinen Zuspruch erführen.[16]

Die Rolle der Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Medientheoretiker Anthony N. Smith analysierte die veränderte Ausrichtung der US-Kabelmedien wie Fusion, FXX oder Revolt TV als Folge eines deutlichen Zuschauerschwunds bei Angehörigen der jüngeren Generation, die immer häufiger auf Angebote von Streamingdiensten umsteigen. Anhand der Fernsehserie Mr. Robot zeigt er, wie das mediale Stereotyp der Millennials als snowflakes, in dem sich die weit verbreiteten Annahmen über die Zuschauergruppe spiegeln, von den Netzbetreibern in kommerzieller Absicht aufgegriffen und verstärkt gezeichnet wird, so dass diese darin ihre (vermeintliche) Befindlichkeit wiedererkennen sollen. An die Stelle von selbstsicheren und optimistischen Helden unter blauem Himmel („hyper-masculine dramas“) treten „authentische“ Personen; ein melancholischer bis trauriger Ton herrscht vor. Ängstliche und einsame Protagonisten kämpfen mit psychischen Problemen, wie z. B. die Figur des Elliott in Mr. Robot. Dazu kommt ein veränderter visueller Stil: Es dominieren gedämpfte Brauntöne und geschlossene Fenster, die Hauptfiguren befinden sich am Bildrand oder in den Ecken eines leeren Raums.[17] Michael Serazio konstatiert, dass die Online-Medien mit den Ängsten dieser jungen Zuschauergeneration spielen, z. B. mit der Angst vor Verschuldung durch Studienkredite.[18] Jean Twenge hebt hervor, dass dazu auch die Angst vor Verlust des Rückhalts in der Familie gehöre; die Ängste, aber auch der Narzissmus der medial hochvernetzten iGen seien so groß wie seit 80 Jahren nicht mehr.[19]

Generation Schneeflocke in der Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine junge Frau dieser Generation, die durch die Fürsorge ihrer Mutter erstickt, vom Selbstmitleid gepackt, durch Studienkredite mit 130.000 Dollar verschuldet ist und wenig über sich weiß, wird von Jonathan Franzen in seinem Roman Purity (2015) leicht satirisch porträtiert; ihm wurde daraufhin Sexismus vorgeworfen.

Die britische feministische Autorin Fay Weldon entwirft in ihrem Roman After the peace (2018) das Porträt von Rozzie, einem in den 1990er Jahren geborenen “sperm bank baby”, und macht für die gefühlte und reale Abhängigkeit der Millennials deren Eltern, das Erziehungssystem und den Arbeitsmarkt verantwortlich.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Rebecca Nicholson: „Poor little snowflake“ – the defining insult of 2016. In: The Guardian, 28. November 2016. Collins definiert die Generation wie folgt: The generation of people who became adults in the 2010s, viewed as being less resilient and more prone to taking offence than previous generations.
  2. Maciej Widawski: African American Slang: A Linguistic Description. Cambridge Universita Press, 2015, S. 254.
  3. No, 'Snowflake' as a Slang Term Did Not Begin with 'Fight Club', Merriam-Webster. Januar 2017. Abgerufen am 4. April 2017. 
  4. David Bertelson: Snowflakes and snowdrifts: Individualism and sexuality in America. Lanham MD 1986.
  5. Jessica Goldstein: The surprising history of 'snowflake' as a political insult. www.thinkprogress.org, 19. Januar 2017.
  6. No, 'Snowflake' as a Slang Term Did Not Begin with 'Fight Club' www.merriam-webster: Words we're watching, Abruf 12. März 2017.
  7. Uwe Schmitt: Die verhätschelten „Schneeflocken“ und ihre Feinde, www.welt.de, 3. Dezember 2016.
  8. a b Keir Milburn: Generation Left. John Wiley & Sons, 2019, ISBN 978-1-5095-3226-1, Generation Snowflake or Generation Screwed? (google.de [abgerufen am 10. Mai 2021]).
  9. Uwe Schmitt: Die verhätschelten Schneeflocken und ihre Feinde. In: www.welt.de, 3. Dezember 2016.
  10. Generation Snowflake auf urbandictionary.com, 2016.
  11. Evan Semones: Trump campaign encourages supporters to confront their ‘snowflake’ relatives in politico.com, 24. Dezember 2019.
  12. Sophie Gallagher: What does the term snowflake mean and why is it used? in theindependent.co.uk, 6. Oktober 2020.
  13. Janet McIntosh: Crybabies and Snowflakes, in: Janet McIntosh, Norma Mendoza-Denton (Hrsg.): Language in the Trump Era, Cambridge UP, 2020, S. 74–88.
  14. Dana Schwartz: Why Trump Supporters Love Calling People "Snowflakes" auf gq.com, 1. Februar 2017.
  15. Jessica Goldstein: The surprising history of 'snowflake' as a political insult auf www.thinkprogress.org, 19. Januar 2017 (Version auf Archive.org, weil der ursprüngliche Artikel nicht mehr erreichbar ist).
  16. Aurlien Mondon und Aaron Winter: Reactionary democracy: how racism and the populist far right became mainstream. Verso, London 2020, ISBN 978-1-78873-425-7, S. 77.
  17. Anthony N. Smith: Pursuing "Generation Snowflake": Mr. Robot and the USA Network's Mission for Millennials. In: Television & New Media, 24. Juli 2018.
  18. Michael Serazio: Selling (Digital) Millennials: The Social Construction and Technological Bias of a Consumer Generation. In: Television & New Media 16(2015)7, S. 599–615.
  19. Jean Twenge: iGen: Why Today's Super-Connected Kids Are Growing Up Less Rebellious, More Tolerant, Less Happy – and Completely Unprepared for Adulthood – and What That Means for the Rest of Us. Simon & Schuster, 2017.