Generation Snowflake

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Als Generation Snowflake (Generation Schneeflocke) wird in den USA die um 1990 geborene Generation bezeichnet, die oft als extrem sensibel, emotional hochverletzlich, psychisch fragil und wenig resilient wahrgenommen wird. Insbesondere wird ihr nachgesagt, dass sie häufiger als frühere Generationen beleidigt und nicht bereit sei, sich mit Ansichten auseinanderzusetzen, die ihren eigenen widersprechen. Der Begriff gilt jedoch im Allgemeinen als stark abwertend bis beleidigend (insulting). Im November 2016 wurde er von Collins English Dictionary als eines der zehn Wörter des Jahres ausgewählt.[1]

Herkunft des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit dem späten 18. Jahrhundert war Snowflake oder auch Snowball ein Spottname für Afroamerikaner mit weißen Haaren.[2] Im Missouri der 1860er Jahre wurde der Begriff in Kontroversen über die Abschaffung der Sklaverei gebraucht. Er bezeichnete Befürworter der Sklaverei, die der rassistischen Ideologie folgten, wonach weißen Menschen ein größerer Wert als andersfarbigen Menschen beizumessen ist. Diese Begriffsverwendung blieb jedoch regional begrenzt.[3] Später bezog sich der abwertende Slang-Begriff Snowflake (jeder Schneekristall ist einzigartig) auf weiße Jugendliche, die sich einzigartig wähnten und einen Sinn für ihren vermeintlich herausgehobenen Status entwickelten, ohne dass diese Einzigartigkeit irgendwie begründbar wäre.

Sind Schneeflocken einzigartig? Oder gibt es ein Grundmuster?

1986 benutzte David Bertelson[4] den Begriff in seiner Analyse des Einflusses der Individualisierung der US-Gesellschaft auf die Geschlechterrollen zur Charakterisierung des Phänomens der „Hypomaskulinität“, also eines schwach ausgeprägten männlichen Habitus, der sich den traditionellen Rollenerwartungen entzieht. Als Kehrseite dieser Krise herkömmlicher Rollen- und Identitätsmodelle betrachtet er die oft brutale Hypermaskulinität des amerikanischen Südens, des Militärs oder der Polizei, eine Ausdrucksform der Männlichkeit, die auf jüngere arme und ungebildete Männer anziehend wirke, aber auch als Übersteigerungsform der Schwulenkultur zu finden sei.

In jüngerer Zeit wurde die Metapher der Schneeflocke abwertend für die „jungen Erwachsenen der 2010er Jahre“ gebraucht, die als leicht verletzlich und wenig resilient wahrgenommen werden,[1] andererseits spielt die Metapher auch auf die dieser Generation unterstellte Selbstwahrnehmung der Einzigartigkeit und Besonderheit an.[5] Der pejorative Gebrauch der Schneeflocken-Metapher, der sich insbesondere auf akademisch ausgebildete Angehörige der Millennial-Generation bezieht, wird oft dem Kultbuch Fight Club (1996) von Chuck Palahniuk zugeschrieben, in der ein Mitglied einer konsumkritischen Gruppe den anderen Mitgliedern vorhält, sie seien keine schönen und einzigartigen Schneeflocken, sondern bestünden aus derselben organischen Materie wie alle anderen und würden auf demselben Komposthaufen landen (we are all part of the same compost pile).[6][1] In der Verfilmung des Buchs durch David Fincher 1999 spricht Brad Pitt diese Worte.[7]

Aktueller Gebrauch als Kampfbegriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zuerst wurden in Großbritannien die Brexit-Gegner von einer UKIP-Abgeordneten als Snowflakes bezeichnet.[8] Das Urban Dictionary für englischen Slang griff eine derartig diskriminierende Definition auf.[9]

Auch im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf 2016 entwickelte sich der Slangbegriff der Generation Snowflake zu einem politischen Kampfbegriff. Er wird von der US-amerikanischen politischen Rechten für angeblich übersensible, besonders auf politische Korrektheit bedachte Personen benutzt, und zwar nicht nur für Jugendliche, sondern auch für „Liberale“ sowie für Angehörige von Minderheiten, die leicht verletzbar sind oder sich leicht verletzt fühlen und einen Schutzraum (safe space) beanspruchen, so auch für Vegetarier oder Anti-Alkoholiker. Das extrem konservative Media Research Center in Reston (Virginia) versuchte im Wahlkampf auf einer satirischen Website[10] zu zeigen, wie die Snowflakes sich vom amerikanischen Männlichkeitsideal entfernen.

Snowflakes gelten in den Augen ihrer Kritiker als larmoyant; sie seien nicht in der Lage, sich mit Ansichten auseinanderzusetzen, die von ihren eigenen abwichen. Sie sprächen häufig über ihre Gefühle, fühlten sich moralisch überlegen, bedürften besonderer Aufmerksamkeit und forderten permanent Gerechtigkeit für sich ein, worunter sie die positive Diskriminierung ihrer eigenen Gruppe verstünden. Sie vermieden angeblich alle Auslöserreize („Triggers“), die ihr Wohlbefinden stören, sie herausfordern oder gar ängstigen könnten. Letzten Endes werde die berechtigte Forderung, mehr Diversität zuzulassen, die immer mit sozialen Zumutungen verbunden sei, abgelöst durch das Streben der Schneeflocken nach dem Aufenthalt in hinsichtlich Ethnie, Geschlecht oder sexueller Präferenz homogenen Komfortzonen.

Dem britischen Lexikographen und Slangforscher Jonathon Green zufolge gibt es weitere negative Konnotationen des Begriffs Snowflake wie Schwäche und Selbsttäuschung, psychische Fragilität und überzogene Wahrnehmung der eigenen Bedeutung. Die Weigerung, Meinungen zu akzeptieren, die nicht Spiegelbild der eigenen sind, gelte allgemein als narzisstisch. Die Verwandlung eines spöttischen Slangbegriffs in einen aggressiven Kampfbegriff der gegen Migration und Feminismus agitierenden Alt-Right-Bewegung (Alternative Rechte) spiegele die tiefe Spaltung der amerikanischen Gesellschaft. Zu seiner raschen Verbreitung trügen die sozialen Medien bei.[11]

Die durch die Metapher der Schneeflocke beschriebene Verletzlichkeit charakterisiere aber auch Menschen, die an einem Defizit an positiver Resonanz leiden, ohne objektiv diskriminiert worden zu sein, oder die meinen, dass Minderheiten bevorzugt würden. Dazu gehören also auch viele der Menschen, die 2016 Donald Trump gewählt und deren Stimmungen sich durch die Hyperresonanz der Emotionen in sozialen Netzen in kurzer Zeit aufgeschaukelt hätten.[12] So forderte selbst Donald Trump in einer Kulturveranstaltung eine Schutzzone vor liberalen Kritikern seiner Politik.[13]

Die Rolle der Medien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Beobachter sehen im veränderten Mediengebrauch eine Ursache des Phänomens emotionaler Hyperresonanz und sinkender Urteilsfähigkeit der Millennials. So urteilt Tom Wolfe, der selbst in hohem Alter noch lange Beobachtungen von Studierenden auf einem Campus als Grundlage seines Romans I am Charlotte Simmons durchgeführt hat, dass die Millennials Lektüre nur als time killer nutzten, so wie man sich mit Stricken die Zeit vertreibe: „They no longer read. [...] They will only believe what the next person says to them in the ear.“ Dies öffne Verschwörungstheorien Tür und Tor. Mit dieser Diagnose befindet er sich im Einklang mit Gay Talese, der Kolumnistin Enid Nemy (* 1924) und der Literaturkritikerin und Essayistin Daphne Merkin; er schließt auch explizit an die pessimistischen Prognosen Marshall McLuhans zum Tod des Buches und seiner Ersetzung durch die audiovisuelle Suggestion aus den 1960er Jahren an. Der durchschnittliche US-Zeitungsleser sei inzwischen 59 Jahre alt; die Jüngeren würden ihre Zeit mit Social Media totschlagen.[14]

Die Autorin und Bloggerin Kristen Lamb bezeichnet in ihrem Blog eine ganze neue Generation von Autoren, die massenhaft schlechte Instant-Literatur produzieren, als Generation Author Snowflake, weil sie keine Kritik, sondern nur noch freundliche Unterstützung erhielten. Kaum jemand – beginnend bei Lehrern oder Dozenten, die keine rote Tinte mehr verwendeten, aus Angst, die Gefühle der Schüler oder Studierenden zu verletzen – wage es, kritisches Feedback zu geben oder Qualitäts-Benchmarks aufzustellen, vor allem wenn die Autoren eine gewisse Popularität in den sozialen Medien erreicht hätten.[15]

Der Medientheoretiker Anthony N. Smith analysierte die veränderte Ausrichtung der US-Kabelmedien wie Fusion, FXX oder Revolt TV als Folge eines deutlichen Zuschauerschwunds bei Angehörigen der jüngeren Generation, die immer häufiger auf Angebote von Streamingdiensten umsteigen. Anhand der Fernsehserie Mr. Robot zeigt er, wie das mediale Stereotyp der Millennials als snowflakes, in dem sich die weit verbreiteten Annahmen über die Zuschauergruppe spiegeln, von den Netzbetreibern in kommerzieller Absicht aufgegriffen und verstärkt gezeichnet wird, so dass diese darin ihre (vermeintliche) Befindlichkeit wiedererkennen sollen. An die Stelle von selbstsicheren und optimistischen Helden unter blauem Himmel („hyper-masculine dramas“) treten „authentische“ Personen; ein melancholischer bis trauriger Ton herrscht vor. Ängstliche und einsame Protagonisten kämpfen mit psychischen Problemen, wie z. B. die Figur des Elliott in Mr. Robot. Dazu kommt ein veränderter visueller Stil: Es dominieren gedämpfte Brauntöne und geschlossene Fenster, die Hauptfiguren befinden sich am Bildrand oder in den Ecken eines leeren Raums.[16] Michael Serazio konstatiert, dass die Online-Medien mit den Ängsten dieser jungen Zuschauergeneration spielen, z. B. mit der Angst vor Verschuldung durch Studienkredite.[17] Jean Twenge hebt hervor, dass dazu auch die Angst vor Verlust des Rückhalts in der Familie gehöre; die Ängste, aber auch der Narzissmus der medial hochvernetzten iGen seien so groß wie seit 80 Jahren nicht mehr.[18]

Generation Schneeflocke in der Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine junge Frau dieser Generation, die durch die Fürsorge ihrer Mutter erstickt, vom Selbstmitleid gepackt, durch Studienkredite mit 130.000 Dollar verschuldet ist und wenig über sich weiß, wird von Jonathan Franzen in seinem Roman Purity (2015) leicht satirisch porträtiert; ihm wurde daraufhin Sexismus vorgeworfen.

Die britische feministische Autorin Fay Weldon entwirft in ihrem Roman After the peace (2018) das Porträt von Rozzie, einem in den 1990er Jahren geborenen “sperm bank baby”, und macht für die gefühlte und reale Abhängigkeit der Millennials deren Eltern, das Erziehungssystem und den Arbeitsmarkt verantwortlich.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Rebecca Nicholson: „Poor little snowflake“ – the defining insult of 2016. In: The Guardian, 28. November 2016. Collins definiert die Generation wie folgt: The generation of people who became adults in the 2010s, viewed as being less resilient and more prone to taking offence than previous generations.
  2. Maciej Widawski: African American Slang: A Linguistic Description. Cambridge Universita Press, 2015, S. 254.
  3. No, 'Snowflake' as a Slang Term Did Not Begin with 'Fight Club', Merriam-Webster. Januar 2017. Abgerufen am 4. April 2017. 
  4. David Bertelson: Snowflakes and snowdrifts: Individualism and sexuality in America. Lanham MD 1986.
  5. Jessica Goldstein: The surprising history of 'snowflake' as a political insult. www.thinkprogress.org, 19. Januar 2017.
  6. No, 'Snowflake' as a Slang Term Did Not Begin with 'Fight Club' www.merriam-webster: Words we're watching, Abruf 12. März 2017.
  7. Uwe Schmitt: Die verhätschelten „Schneeflocken“ und ihre Feinde, www.welt.de, 3. Dezember 2016.
  8. Uwe Schmitt: Die verhätschelten Schneeflocken und ihre Feinde. In: www.welt.de, 3. Dezember 2016.
  9. Generation Snowflake auf urbandictionary.com, 2016.
  10. www.savethesnowflakes.org
  11. Jessica Goldstein: The surprising history of 'snowflake' as a political insult. www.thinkprogress.org, 19. Januar 2017.
  12. Matthias Horx: Trump und die Zukunft. www.zukunftsinstitut.de, Abruf 12. März 2017.
  13. Uwe Schmitt: Die verhätschelten „Schneeflocken“ und ihre Feinde, www.welt.de, 3. Dezember 2016.
  14. Interview mit Tom Wolfe, in: www.celebitchy.com, 20. März 2017.
  15. Kristen Lamb: Generation Author Snowflake & The High Cost of Instant. 30. Dezember 2016.
  16. Anthony N. Smith: Pursuing "Generation Snowflake": Mr. Robot and the USA Network's Mission for Millennials. In: Television & New Media, 24. Juli 2018.
  17. Michael Serazio: Selling (Digital) Millennials: The Social Construction and Technological Bias of a Consumer Generation. In: Television & New Media 16(2015)7, S. 599–615.
  18. Jean Twenge: iGen: Why Today's Super-Connected Kids Are Growing Up Less Rebellious, More Tolerant, Less Happy – and Completely Unprepared for Adulthood – and What That Means for the Rest of Us. Simon & Schuster, 2017.