Generisch (Linguistik)

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In der Linguistik spricht man vom generischen (= nicht auf eine bestimmte Sub-Klasse beschränkten) Gebrauch eines Ausdrucks, wenn er nicht wohlbestimmte einzelne Objekte referenziert, sondern ein beliebiges Objekt aus einer ganzen Klasse. Siehe: Generizität (Linguistik)

Daneben bezeichnet der Terminus generisch den kategorienübergreifenden Gebrauch bei einer ganzen Anzahl von sprachlichen Mitteln, wie Personalpronomina, Genera (z. B. generisches Maskulinum), Tempora und Konjugationsformen.

Generischer Gebrauch von Personalpronomina[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weit verbreitet ist der generische Gebrauch mancher Personalpronomina.

1. Person Singular[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als „lyrisches ich“ – manchmal auch: „generisches ich“ – bezeichnet man in der Literaturwissenschaft den fiktiven Sprecher eines Gedichtes, die mit dem Autor nicht identisch zu sein braucht.[1] Auch in biblischen Texten wird der Gebrauch des ich oft als generisch – nämlich im Sinne von „alle Menschen“ – verstanden („Aber die Sünde erkannte ich nicht, außer durchs Gesetz. Denn ich wußte nichts von der Lust, wo das Gesetz nicht hätte gesagt: ‚Laß dich nicht gelüsten!‘“ (Röm 7,7 EU)).[2]

Ein anderer Fall von generischem ich liegt vor, wenn „ich“ gesagt wird, aber „wir“ gemeint ist, etwa weil der Sprecher unterstreichen will, dass er sich selbst nicht ausnimmt („Sollten wir nicht etwas respektvoller mit dem neuen Jahr umgehen, und mit der Tatsache, dass ich Rauch bin?“).[3]

2. Person Singular[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Häufig wird das Wort du verallgemeinernd im Sinne des Generalpronomens man verwendet, also ohne konkrete Anredefunktion, besonders dann, wenn es sich um übergreifende Lebensregeln oder um alltägliche Wissensbestände handelt, die zu keinem spezifischen Wissensbereich gehören: „Im Urlaub lernst du Leute kennen.“[4] Das generische du bezieht, wie Harald Weinrich aufgewiesen hat, den Gesprächspartner mehr als das man perspektivisch in die Situation hinein.[5] Eine ausführliche Untersuchung haben 2017 Anja Stukenbrock und Cornelia Bahr vorgelegt.[6]

3. Person Singular[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das generische „man“

Von einer generischen Verwendung des Generalpronomens man spricht man in der Linguistik, wenn Menschen im Allgemeinen gemeint sind. Das schließt nicht aus, dass der Sprecher letztlich vor allem sich selbst meint („Man gönnt sich ja selbst nichts“).

Daneben wird das Pronomen man aber auch – nicht generisch – im Sinne von „irgendjemand“, „irgendwelche Leute“ gebraucht: „Man hat letzte Woche bei uns eingebrochen.“[7]

1. Person Plural[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei Pluralis benevolentiae, Pluralis modestiae, Pluralis auctoris und Pluralis majestatis wird das Personalpronomen „wir“ generisch verwendet.

3. Person Plural[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das singularische they im Englischen

Das Englische kennt eine generische 3. Person Plural, nämlich das singularische they (sie). Die Substantive haben im Englischen kein Genus (the engineer = „der Ingenieur/die Ingenieurin“). Personalpronomina dagegen haben Genera (he, she, it usw.) und müssen mit dem antecedent (etwa: Nomen), auf das sie sich beziehen, kongruieren.

Falls der Sexus einer Person unbezeichnet bleiben soll, wird dann mit der überlieferten Grammatik das generische Maskulinum verwendet: “Every engineer knows his formulas.” (Übersetzung: „Jeder Ingenieur/jede Ingenieurin kennt seine/ihre Formeln.“)

Da solche traditionsgrammatischen Formulierungen häufig die Absicht des Sprechers, das natürliche Geschlecht unbestimmt zu lassen, konterkarieren, hat sich in jüngerer Zeit die Verwendung eines generischen they durchgesetzt: “Every engineer knows their formulas.” Die maskuline bzw. feminine Form wird heute fast nur noch verwendet, wenn spezifisch männliche oder weibliche Personen gemeint sind.

Generischer Gebrauch von Genera[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Diskussion der Bezeichnung von Personen unterscheidet man geschlechtsspezifischen und generischen Gebrauch, je nachdem, ob von Personen nur eines natürlichen Geschlechts die Rede ist oder keine Aussage über die Geschlechtszugehörigkeit gemacht wird. Diese beiden Bedeutungen von „generisch“ können beim selben Ausdruck auseinandergehen, wenn auf beliebige Personen nur eines Geschlechts oder auf bestimmte Personen ungenannten Geschlechts Bezug genommen wird.

Generisches Maskulinum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter dem Schlagwort „generisches Maskulinum“ werden eine Vielzahl von Sprachgebräuchen zusammengefasst, deren Gemeinsamkeit darin besteht, dass hier ein grammatisches Maskulinum verwendet wird, um Referenten zu bezeichnen, die eventuell mit einem anderen Genus oder Sexus verbunden sind. Im Deutschen umfasst dies unter anderem Personenbezeichnungen, biosystematische Klassennamen und Pronomina:

  • „Geh mit deinem häufigen Nasenbluten mal zum Arzt.“ (wobei es dem Sprecher gleichgültig ist, ob der Angesprochene einen männlichen oder einen weiblichen Arzt aufsucht)
  • der Mensch, der Bär, der Auerhahn
  • „Seine Schwester ist jemand, der immer Recht behalten will.“

Neben generischen Maskulina gibt es auch generische Feminina und Neutra:

Generisches Femininum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Generische Feminina sind Wörter, die grammatisch Feminina sind, aber Referenten bezeichnen, die eventuell mit einem anderen Genus oder Sexus verbunden sind. Diese Gruppe umfasst im Deutschen Personen- (die Person, die Gestalt, die Figur, die Geisel) und Tierbezeichnungen (die Katze, die Biene, die Amsel).

In jüngerer Zeit wird auch die Verwendung der weiblichen Form an Stelle des generischen Maskulinums als „generisches Femininum“ bezeichnet, z. B. Leserinnen für Leser beliebigen Geschlechts.[8][9]

Generisches Neutrum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Generische Neutra sind Wörter, die grammatisch Neutra sind, aber Referenten bezeichnen, die eventuell mit einem anderen Genus oder Sexus verbunden sind. In diese Gruppe fallen im Deutschen Personenbezeichnungen und Pronomina:

Bei den Personenbezeichnungen handelt es sich häufig um Diminutive (das Mädchen, das Fräulein, das Gretchen, das Peterle), aber auch einige andere Personenbezeichnungen ohne (das Kind, das Opfer) und mit Sexusbedeutung (das Weib, das Mannsbild).

Auch einige Pronomina bilden generische Neutra:

  • Nichts ist mehr so, wie es einmal war.“
  • Dies interessiert uns, weil es ungewöhnlich ist.“
  • „Es gibt etwas, das ich bereue.“

Personen werden – regional unterschiedlich häufig – nach den Indefinitpronomen „jemand“ und „niemand“ mit einem Adjektiv im generischen Neutrum bezeichnet (daneben wird auch generisches Maskulinum verwendet):[10]

  • „Jemand anderes muss das machen.“
  • „Sie sind mit jemand Neues gekommen.“

Generischer Gebrauch von Tempora[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Generisches Präsens

Im vielen Sprachen gibt es auch einen generischen Gebrauch des Präsens. Hier ist es die temporale Situierung, die unspezifisch ist.[11] Ein typischer Fall ist die Bezeichnung einer regelmäßig wiederkehrenden Handlung („Man trifft sich wöchentlich“).[12] Da das generische Präsens sich auf eine prinzipiell nicht eingeschränkte Menge möglicher Gegenwarten bezieht, betrifft es jedoch einen erheblichen Teil aller im Präsens formulierten Sätze.[13] In wissenschaftlichen Texten z. B. wird es verwendet, um allgemein gültige Gesetzmäßigkeiten und natürliche Gegebenheiten festzustellen.[14] Innerhalb der Linguistik wird das generische Präsens teils als vollständig zeitlos betrachtet, teils als in einer kontinuierlichen unbegrenzten Situation lokalisiert.[15]

Generischer Gebrauch von Konjugationsformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Generisches Passiv

Im Deutschen ist auch der generische Gebrauch des Passiv weithin verbreitet („Im Salzbergwerk Bad Friedrichshall wird Steinsalz abgebaut.“). Häufig ist es ein Mittel der Bildungssprache.[16] Es erscheint aber auch in umgangssprachlichen Sätzen wie: „Mit dieser Maschine wird auch nach Mexiko geflogen.“ Vom gewöhnlichen Passiv unterscheidet sich das generische Passiv u. a. durch das Fehlen eines Agens.[17]

Das generische Passiv erscheint auch in anderen Sprachen, etwa im Englischen ("It is believed that...").

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Motlu Konunk Blasing: Lyric Poetry. The Pain and Pleasure of Words. Princeton University Press, Princeton, Oxford 2007, ISBN 978-0-691-12682-1.
  2. Nina Irrgang: „Judentum“ im Markusevangelium und in den Paulusbriefen. Begriffe, Konzepte und Narrationen. In: Oda Wischmeyer, David C. Sim, Ian J. Elmer (Hrsg.): Paul and Mark: Comparative Essays Part I. Two Authors at the Beginnings of Christianity. de Gruyter, Berlin, Boston 2014, ISBN 978-3-11-027279-6, S. 103–156, hier: S. 146 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  3. Stefan Hauser: „sollten wir nicht etwas reSPEKTvoller mit dem neuen Jahrumgehen“. eine medienlinguistische Annäherung an die Formatierung von Wissen im Wort zum Sonntag. In: Sylvia Jaki, Annette Sabban (Hrsg.): Wissensformate in den Medien: Analysen aus Medienlinguistik und Medienwissenschaft. Frank & Timme, 2016, ISBN 978-3-7329-0201-9, S. 255–272, hier: S. 266 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  4. Christian Braun: Fachsprachen im Wandel der Zeit. Ausgewählte Überlegungen. In: Luise Czajkowski, Sabrina Ulbrich-Bösch, Christina Waldvogel (Hrsg.): Sprachwandel im Deutschen. de Gruyter, Berlin, Boston 2018, ISBN 978-3-11-052518-2, S. 281–292, hier: S. 290 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Harald Weinrich: Textgrammatik der deutschen Sprache. Olms, 2003, ISBN 978-3-487-11741-6, S. 98.
  6. Anja Stukenbrock, Cornelia Bahr: Leistung des generischen „du“-Gebrauchs in der sozialen Interaktion. In: Angelika Linke, Juliane Schröter (Hrsg.): Sprache und Beziehung. de Gruyter, Berlin, Boston 2017, ISBN 978-3-11-049582-9, S. 149 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  7. Gisela Zifonun: „Man lebt nur einmal.“ Morphosyntax und Semantik des Pronomens man. Abgerufen am 25. Juli 2018.
  8. „Frauen sind keine Sonderfälle“. Abgerufen am 31. Oktober 2019.
  9. Warum das generische Femininum auch keine Lösung ist. Abgerufen am 31. Oktober 2019.
  10. Deutschplus: Die Indefinitpronomen jemand / niemand
  11. Hardarik Blühdorn: Deixis und Deiktika in der deutschen Gegenwartssprache. S. 49, abgerufen am 24. Juli 2018.
  12. Gabriele Diewald, Maria Thurmair, Mechthild Habermann: Duden - Grundwissen Grammatik: Fit für den Bachelor. Duden-Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-411-91107-3, S. 189 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  13. Ludwig M. Eichinger: O tempora, (o modi)! Synthetische und analytische Tempusformen in der deutschen Gegenwartssprache. S. 110, abgerufen am 24. Juli 2018.
  14. Wladimir D. Klimonow: Das System der aspektuell-temporalen Formen des modernen Russischen aus der Sicht der Markiertheitstheorie. S. 116, abgerufen am 24. Juli 2018.
  15. Gerda Haßler: Temporalität, Aspektualität und Modalität in romanischen Sprachen. de Gruyter, Berlin, Boston 2016, ISBN 978-3-11-031029-0, S. 92 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  16. Helmuth Feilke: Bildungssprachliche Kompetenzen – fördern und entwickeln. S. 11, abgerufen am 24. Juli 2018.
  17. Anita Steube: Zeitverlaufstrukturen von Sätzen. In: Veronika Ehrich u. a. (Hrsg.): Temporalsemantik. de Gruyter, Tübingen 1988, ISBN 3-484-30201-1, S. 192–219, hier: S. 198 (eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).