Genesis P-Orridge

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Genesis P-Orridge (Mitte) mit Alice Genese (li.) und Markus Persson (re.) von Psychic TV in Köln 2004
Genesis P-Orridge, Aufnahme aus dem Film „The Future of Art“ (2010)

Genesis Breyer P-Orridge (* 22. Februar 1950 als Neil Andrew Megson in Manchester) ist ein englischer Performance-Künstler, Musiker und Schriftsteller. Er lebt und arbeitet in New York City. Sein bisheriges Gesamtwerk inklusive der Veröffentlichungen mit Throbbing Gristle und Psychic TV umfasst über 200 Alben. Als Gastmusiker ist er auf einer ebenso unüberschaubaren Menge von Veröffentlichungen anderer Künstler vertreten. Er hat mehrere Filme von Derek Jarman vertont. Mit Zeichnungen und Fotografien war er darüber hinaus bereits in Galerien vertreten.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neil Andrew Megson entstammt einem Elternhaus, das musikalisch und schauspielerisch geprägt war. Von Jugend an beschäftigte er sich mit Kunst und Okkultismus. Mitte der 1960er Jahre erschuf er das Alter Ego „Genesis P-Orridge“ und stilisierte sich kontinuierlich zum menschlichen Kunstobjekt. Er machte Ende der 1960er Jahre zunächst durch aggressive und bewusst provokante Performance-Aktionen zusammen mit der Stripperin und Künstlerin Cosey Fanni Tutti unter dem Namen COUM Transmissions auf sich aufmerksam. So eskalierte ein Happening des Duos P-Orridge/Tutti im renommierten Londoner Institute of Contemporary Arts (ICA) zum nationalen Skandal, als mit eindeutig pornografischen Elementen kokettiert wurde, was das damals meist konservative englische Publikum irritierte. Weitere Skandalauftritte folgten, bei denen mit Blut und Exkrementen hantiert wurde.

Throbbing Gristle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anfang der 1970er Jahre gründete Megson zusammen mit Cosey und ihrem Partner, dem Musiker Chris Carter, die Performancegruppe Throbbing Gristle. Kurze Zeit später stieß der Designer, Programmierer und Synthesizerexperte Peter „Sleazy“ Christopherson zur Gruppe. Throbbing Gristle sorgte bald für Aufsehen und prägte den Begriff Industrial Music. Auftritte von Throbbing Gristle galten stets als prekär, da die vier Protagonisten Stilelemente aus dem Nationalsozialismus verwendeten, Gewalt und Pornografie kolportierten und Serienmörder und Okkultismus in ihren enervierenden Geräuscheruptionen „besangen“.

Throbbing Gristle trennten sich 1981, kamen jedoch 2004 erneut zusammen und traten bis zum plötzlichen Tod von Peter Christopherson im Jahr 2010 gemeinsam auf.

Psychic TV und TOPY[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Trennung von Throbbing Gristle gründete P-Orridge 1981 mit Peter Christopherson (später Coil) die Gruppe Psychic TV.

Ihr Debüt war 1982 bei einem Event namens The Final Academy, einer viertägigen Multimedia-Orgie in Manchester und in der Galerie B2 in Süd-London, mit Performance, Literatur, Film und Musik. Neben Psychic TV traten Cabaret Voltaire, 23 Skidoo, Z’ev, John Giorno, William S. Burroughs, Brion Gysin, Terry Wilson, Jeff Nuttall und The Last Few Days auf. Technisch wurde neben Videoprojektionen und der visuell-halluzinatorischen Dreammachine auch digitales Sampling eingesetzt.

Die Gruppe gründete den als Propagandainstrument gedachten Temple of Psychic Youth (TOPY). Die lose Kommune scharte eine Reihe junger Leute in London um sich, propagierte aber ihre Ideen auch über Konzerte und Schriften, etwa unter dem Titel psychic music for psychic youth. Die Anhänger verehrten P-Orridge wie einen Guru. Dieser berief sich auf Arbeiten von William S. Burroughs, Brion Gysin, dem Künstler und Begründer der Chaosmagie Austin Osman Spare oder die okkulten thelemischen Texte Aleister Crowleys. Psychic TV thematisierte Geschlechtlichkeit und konfrontierte die Öffentlichkeit Mitte der 1980er Jahre unter anderem mit den Methoden des Piercings und der Sigillenmagie. Gemeinsam mit Burroughs trat er im Film Decoder auf.

Als Produzent und Musiker zeigte sich Genesis P-Orridge mit Psychic TV hoch produktiv: Schätzungsweise über 120 Veröffentlichungen (plus Videoproduktionen) gehen auf sein Konto und wurden bis Mitte der 1990er Jahre überwiegend von seinem eigenen Label Temple Records vertrieben. Der musikalische Anteil von P-Orridge an den unter seiner Mitwirkung entstandenen Produktionen ist umstritten. Mehr als von ihm sind die Veröffentlichungen mit Psychic TV von den jeweiligen Songschreibern geprägt: zunächst von Alex Fergusson, nach dessen Ausscheiden von Fred Giannelli.

US-Exil[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da die englische Justiz aufgrund von während Live-Auftritten gezeigtem Videomaterial Pädophilie-Verdacht gegen P-Orridge hegte und Haftbefehl erließ, wich der Musiker mit seiner Familie um 1991 in die USA ins selbsternannte „Exil“ aus. Nach kurzer Zeit erfolgte dort die Trennung von seiner Ehefrau und den beiden Töchtern Genesse und Caresse. Nachdem die wenigsten Musiker von Psychic TV P-Orridge in die USA gefolgt waren, begann eine eher experimentelle Phase von Veröffentlichungen mit wechselnden Begleitmusikern. Neue Veröffentlichungen bestanden vielfach nur aus gesprochenen esoterischen Texten zu Ambient-Sound oder aus Archivmaterial, wie die CD-Serien Splinter Test und Electric Newspaper.

Mitte der 1990er zog Orridge mit seiner zweiten Frau Jacqueline Breyer alias Lady Jaye Breyer P-Orridge nach New York. Er widmete sich in seinen Schriften inzwischen verstärkt Genderfragen, entwickelte zusammen mit Lady Jaye Breyer das Konzept der Pandrogynie, betitelte sich „Transmediator“ und begab sich auf eine Solotour, bei der er Texte vortrug und etwa während der Auftritte sukzessiv die Kleidung mit einer auf der Bühne befindlichen Statistin wechselte. 1995 wurde er im Haus von Rick Rubin auf der Flucht vor einem ausgebrochenen Brand schwer verletzt. In den folgenden Jahren trat er deswegen nur noch sporadisch auf, während er als Gastkünstler auf zahlreichen Produktionen anderer Künstler in Erscheinung trat.

Nachdem es P-Orridge nach Beilegung der juristischen Probleme wieder möglich war, nach England einzureisen, zelebrierte er dort 1999 mit einem zweitägigen Konzert das offizielle Ende von Psychic TV. Gleichzeitig präsentierte er sein neues Projekt Thee Majesty, bei dem er Spoken Word vortrug und von dem Percussionisten Larry Thrasher und dem Gitarristen Bryin Dall begleitet wurde. Die Texte jener Zeit kreisten schon häufig um Indentitäts- und Geschlechterfragen.

S/He[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemeinsam mit Lady Jaye begann der Künstler ab dem Jahr 2000, das Kunstprodukt „Breyer-P-Orridge“ zu erschaffen. Ziel von P-Orridge und Breyer war es, gemeinsam eine pandrogyne Geschlechtsidentität zu schaffen, die gleichermaßen Männlichkeit und Weiblichkeit umfasste und große äußerliche Ähnlichkeit zwischen beiden zum Ziel hatte. Das Projekt sollte zeigen, dass traditionelle männliche und weibliche Geschlechtsidentitäten nicht mehr zeitgemäß sind. So unterzogen sich P-Orridge und Breyer zahlreichen chirurgischen Eingriffen wie die Brustimplantate, Fettabsaugungen, Hautstraffungen usw. Die beiden ähnelten sich in ihrem Äußeren mit fortschreitender Zeit mehr und mehr an. P-Orridge ließ sich außerdem ein komplett aus Gold gefertigtes künstliches Gebiss einsetzen. S/He ist das geschlechtsneutrale Pronomen im Englischen.[1][2]

2004 brachte P-Orridge eine neue Besetzung für Psychic TV zusammen, zu der nun auch seine Lebensgefährtin Lady Jaye zählte und die rasch mehrere kleinere Tourneen absolvierte und bis Sommer 2007 drei Alben veröffentlichte.

Lady Jaye Breyer starb überraschend am 9. Oktober 2007 an Magenkrebs[3] in Brooklyn. Genesis Breyer P-Orridge und Psychic TV / PTV3 sagten daraufhin ihre für November geplante Nordamerikatournee ab.

Gegenwart[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Jahren ab 2010 waren Psychic TV / PTV3 wieder häufig auf Tourneen. Mit dem ihm seit 2003 verbundenen Schlagzeuger Edward O’Dowd (aka. Morrison Eddley) fand P-Orridge nicht nur einen konstanten langjährigen Mitmusiker, sondern auch einen begabten Grafiker, der seitdem für die Gestaltung der Bandlogos, Konzertposter, Albumcovers usw. verantwortlich zeichnet.

Im Oktober 2017 wurde bei P-Orridge chronische myelomonozytäre Leukämie (CMML) festgestellt.[4]

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Uwe Schütte: GODSTAR – Der verquere Weg des Genesis P–Orridge (Der Konterfei 018) / ISBN 978-3-903043-07-7 / Wien, 2015

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marie Losier: The Ballad of Genesis and Lady Jaye. Dokumentarfilm, 2012
  2. Brian Raftery: Gender Bender. Throbbing Gristle’s singer Genesis P-Orridge is turning into a Woman. But not just an Woman – he’s turning into his Wife. In: SPIN, Mai 2006, S. 72
  3. Orden, Erica (September 6, 2009). I Am My Own Wife. New York
  4. Throbbing Gristle & Psychic TV founder Genesis Breyer P-Orridge announces leukemia diagnosis. In: Consequence of Sound. 20. Oktober 2017 (consequenceofsound.net [abgerufen am 15. Juli 2018]).