Georg Jennerwein

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Georg Jennerwein

Georg Jennerwein vulgo „Girgl von Schliers“[1] (*[2] 1848[3] oder 24. März 1849[4] in Haid bei Holzkirchen; † 6. November 1877 am Rinnerspitz in den Schlierseer Bergen) war ein bayerischer Wilderer.[3][5]

Leben

Jennerwein wurde als uneheliches Kind der Gütlerstochter Maria Jennerwein und vermutlich des Schuhmachergesellen Beno Sturm aus Miesbach geboren.[3][4][6] Seine Mutter heiratete später einen anderen Mann als den Kindsvater und bekam noch einen weiteren Sohn. Als 12-jähriger musste Jennerwein 1860 miterleben, wie sein Stiefvater von Staatsjägern wegen Wilderei erschossen wurde.[6] Jennerwein war als Holzknecht in der Umgebung des Schliersees tätig[5] und diente im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71.[7] Er war ein guter Zitherspieler, Gstanzlsänger und Schuhplattler, aber auch ein „Weiberheld, Raufbold und Wirtshausbruder“.[7] in der Region war allgemein bekannt, dass Jennerwein wilderte. Er konnte aber nicht überführt werden.[7] Sein Jugend-, Kriegs- und Wilderer-Kamerad war Johann Josef Pföderl.[3] Eine seiner Freundinnen war die Sennerin „Agathe“ von der Baumgarten-Alm, mit der er eine gemeinsame Tochter namens Rosl hatte.[7] Pföderl war zwischenzeitlich Jagdgehilfe in Tegernsee geworden. Er wurde durch die von Jennerwein recht offen kolportierten Wildereierfolge ebenso wie andere Jagdleute gereizt. Dazu soll Jennerwein auch in Frauensachen zu seinem ehemaligen Kameraden in Konkurrenz gestanden haben und ihm seine Freundin „ausgespannt“ haben.[4]

Laut Gerichtsakten wurde er am 6. November 1877 von seinem früheren Freund Pföderl beim Wildern ertappt und auf einer Waldlichtung am auch Peißenberg genannten Rinnerspitz in den Schlierseer Bergen erschossen.[6][7] Pföderl meldete diesen Vorfall umgehend dem ihm vorgesetzten Förster Mayr. Dieser wollte den Vorgang aber trotz bereits erhobenen Verdachts seitens des Jagdgehilfen Lerchenauer vertuschen. Mit Wissen des Försters täuschte Pföderl durch zwei Schüsse aus Jennerweins Gewehr einen Selbstmord vor.[4] Die Leiche Jennerweins wurde trotz großer Beteiligung auch aus der Bevölkerung erst am 14. November 1877 aufgefunden.[7] Von Jennerwein steckte noch die rechte große Zehe im Abzug seines Gewehres und der Unterkiefer war zerschmettert.[7] Zudem wies sein Rücken eine nicht tödliche Schussverletzung auf.[7] Obwohl Pföderl die Tat bestritt und Simon Lechenauer als Täter verdächtigte, wurde Pföderl verurteilt. Das der Jagdobrigkeit wohlwollende Gericht befand ihn aber lediglich schuldig ohne Tötungsabsicht auf Jennerwein geschossen zu haben – wozu er nicht berechtigt war – und verurteilte ihn zu nur acht Monaten Gefängnis unter Anrechnung seiner viermonatigen Untersuchungshaft.[7] Die Bevölkerung sah in ihm aber einen Mörder, dem trotz Versetzung Feindschaft und Abneigung entgegengebracht wurde.[4] Er begann zu trinken und soll vor seinem Tod Wahnvorstellungen gehabt haben, dass ihn wegen des ungesühnten Mordes der Teufel hole.[3][8]

Nachwirkung

Durch die mysteriösen Begleitumstände seines Todes und vor allem durch die Schussverletzung im Rücken wurde der Wildschütz Jennerwein zu einer Legende und zu einem Symbol der Auflehnung gegen die Obrigkeit.[9] Er wurde mit Robin Hood verglichen[5] und inspirierte bis in die Gegenwart (zuletzt 2012) Künstler dazu, u. a. auch Romane und Filme mit ihm als Protagonisten vorzustellen.

Jennerwein-Lied

Besonders das Lied Jennerwein oder Auf den Bergen wohnt die Freiheit beginnend mit der Zeile „Es war ein Schütz in seinen besten Jahren“, trug zu einer Verklärung von Georg Jennerwein als Volksheld bei und wurde darüber selbst zu einem Volkslied. Der Verfasser des Liedes ist unbekannt, entstanden ist es vermutlich noch vor Ende des 19. Jahrhunderts, womöglich bereits kurz nach Jennerweins Tod. Der Kiem Pauli, ein Volksliedsammler, hat das in Oberbayern weit verbreitete Lied 1910 dokumentiert und 1934 in seiner „Sammlung Oberbayerischer Volkslieder“ veröffentlicht.[10] Das Volkslied wird bis heute von vielen Gruppen[11] vorgetragen.

Eine Dixieland-Version stellten die Hot Dogs (1955–2004) – Deutschlands erfolgreichste Dixieland-Band[12] – unter dem Titel Der Wildschütz Jennerwein 1966 auf der B-Seite der Single ihres ersten großen Erfolges Ja, so warn’s, die alten Rittersleut vor. Der Titel wurde auch noch Jahrzehnte später u. a. im Fernsehen[13][14][15] von der Band häufig vorgetragen.[16]

In den Anfangstakten ist die Melodie des Horst-Wessel-Liedes identisch mit der des Jennerweinliedes. Das Bayerische Oberste Landesgericht hat dazu mit seinem Urteil vom 15. März 1989 festgestellt, dass das Spielen der gesamten Melodie des Jennerweinlieds trotz dieser melodischen Übereinstimmung nicht als Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen angesehen wird, wenn nicht besondere Umstände hinzutreten. Die Darbietung der Melodie des Jennerweinlieds ist also nicht verboten.[17]

Von Monika Maron wurde das Lied in ihrem Roman Animal triste (1996) erwähnt und mit zehn Verszeilen zitiert.[18]


Es war ein Schütz in seinen besten Jahren,
er wurde weggeputzt von dieser Erd,
Man fand ihn erst am neunten Tage
bei Tegernsee am Peißenberg.

Auf den Bergen ist die Freiheit,
Auf den Bergen ist es schön,
Doch auf so eine schlechte Weise
Mußte Jennerwein zugrunde gehn!

Auf hartem Stein hat er sein Blut vergossen,
Am Bauche liegend fand man ihn,
Von hinten war er angeschossen,
Zersplittert war sein Unterkinn.

Und es war schrecklich anzusehen;
Als man ihm das Hemd zog aus,
Da dachte jeder bei sich selber:
Jäger, bleib mit’m Selbstmord z’Haus!

Du feiger Jäger, s’ ist eine Schande,
Du erwirbst dir wohl kein Ehrenkreuz;
Er fiel mit dir nicht im offnen Kampfe,
Wie es der Schuß von hint’ beweist.

Man bracht ihn dann noch auf den Wagen,
Bei finstrer Nacht ging es noch fort,
Begleitet von seinen Kameraden,
Nach Schliersee, seinem Lieblingsort.


Von der Höh ging’s langsam runter,
Denn der Weg war schlecht und weit;
Ein Jäger hat es gleich erfunden,
daß er sich hat selbst entleibt.

Und als man ihn dort in den Sarg wollt legen,
Und als man gsagt hat: Ist jetzt alles gut?
O nein! sprach einer von den Herren, o nein!
Auf seiner Brust, da klebt ja frisches Blut!

In Schliersee ruht er, wie ein jeder,
Bis an den großen jüngsten Tag,
Dann zeigt uns Jennerwein den Jäger,
Der ihn von hint’ erschossen hat.

Zum Schlusse Dank noch den Vet’ranen,
Da ihr den Trauermarsch so schön gespielt,
Ihr Jäger, tut Euch nun ermahnen,
Daß keiner mehr von hinten zielt.

Am jüngsten Tag da putzt ein jeder
Ja sein Gewissen und sein Gewehr.
Und dann marschiern viel Förster und auch Jäger
Aufs hohe Gamsgebirg, zum Luzifer!

[19]

Filme, Romane und Theaterstück

Georg Jennerwein wurde zum Protagonisten bzw. zur Hauptfigur:

in den Filmen

in den Romanen

Neuausgaben: Jennerwein – Ein bayerisches Wildererdrama. Tb. Aufbau, Berlin 1997, ISBN 3-7466-1291-8; HC. Bayernland, Dachau 2011, ISBN 978-3-89251-424-4.

in dem Theaterstück

Gedenken und Benennungen zu seinen Ehren

An Jennerweins 99. Todestag wurde eine gewilderte Gams an sein Grabkreuz gehängt.[22] Zu seinem 100. Todestag wurde 1977 wenige hundert Meter entfernt vom Bodenschneidhaus zu seinem Gedenken ein Marterl errichtet.[22]

Mehrere bayerische Schützenvereine haben sich nach ihm benannt, unter anderem in Etting, einem Stadtteil von Rain, in Oberlauterbach, einem Ortsteil von Aresing und in Eicherloh, einem Ortsteil von Finsing. Und es gab Unterhaltungsmusiker, die sich als „Wildschütz-Jennerwein-Musikanten“ bezeichneten.[23]

Grabkreuz auf falschem Grab

Jennerweins Grabkreuz auf dem Friedhof Westenhofen in Schliersee

Jennerwein ist auf dem Westenhofener Friedhof in Schliersee begraben. Das Grabkreuz wurde von einflussreichen Gemeinderatsmitgliedern später versetzt, da sie ihre Angehörigen nicht neben Jennerwein beerdigt wissen wollten.[7] Die falsch gekennzeichnete Grabstelle verwilderte während des Zweiten Weltkriegs, doch 1947 wurde von einer Privatperson die „Austiftungsgebühr“ zum Erhalt dieser Grabstelle entrichtet und ab 1961 übernahmen die Mitglieder des Schlierachtaler Trachtenvereins die Grabpflege.[7] Wo das eigentliche Grab war und die Überreste von Jennerwein verblieben sind, ist unsicher.[7]

Weblinks

 Commons: Georg Jennerwein – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Matthias Köpf: Die Legende vom aufmüpfigen Wildschütz Jennerwein lebt weiter, am 22. Oktober 2017 in der Süddeutschen Zeitung, online unter sueddeutsche.de, abgerufen am 22. Dez. 2017.
  2. Die Angaben zum Geburtsdatum variieren je nach Beleg. Vgl. dazu allgemein die letzte Fußnote im Abschnitt „Leben“.
  3. a b c d e Wer war der Wilderer "Georg Girgl - Wildschütz Jennerwein?" In: Südtiroler Jagdportal, abgerufen am 19. Dezember 2017.
  4. a b c d e Text zu: Jennerwein - Wildschützenlied im Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern, online unter volksmusik-archiv.de, abgerufen am 20. Dezember 2017.
  5. a b c Gern: Wer war Georg Jennerwein?, am 30. Mai 2011 in der Passauer Neuen Presse, online unter pnp.de
  6. a b c Dieter Wunderlich: Wildschütz Georg Jennerwein, online unter www.dieterwunderlich.de, abgerufen am 25. Nov. 2017.
  7. a b c d e f g h i j k l Der Wilderer Georg „Girgl“ Jennerwein, online unter rathaus.schliersee.de
  8. Die Angaben zu Jennerweins Lebenslauf beruhen u. a. auf den nahezu wortgleichen Aussagen dazu im Südtiroler Jagdportal in der Passauer Neuen Presse wie auch auf einer Homepageseite des Rathauses Schliersee die allesamt keine validen Quellenbelege aufführen außer einem allgemein gehaltenen Hinweis auf sich ausschließlich auf Jennerweins Tod und die Verurteilung Josef Pföderls beziehende „Gerichtsakten“. Doch diese Gerichtsakten werden nirgends erkennbar für einzelne Tatsachendarstellungen zitiert und zu ihnen kein Hinweis auf deren Aktenzeichen oder auch nur auf deren Lager- bzw. Archivort gegeben.
  9. Die Legende Jennerwein: Vom Wilderer zum Volkshelden. Dossier des Bayerischen Rundfunks zum TV-Film Jennerwein von 2003
  10. Text zu: Jennerwein oder Auf den Bergen wohnt die Freiheit im Volksmusikarchiv des Bezirks Oberbayern, ergänzt u. a. um Aussagen zur Dokumentation durch den Kiem Pauli
  11. Stichwortsuche „Jennerwein, Wildschütz“ in der Onlinedatenbank der Deutschen Nationalbibliothek
  12. Bandleader der Hot Dog verstorben. Hallo München, 2. Dezember 2010, abgerufen am 2. Dezember 2017.
  13. Hot Dogs – Der Wildschütz Jennerwein, Ausschnitt der TV-Aufzeichnung Goldene Hitparade der Volksmusik 1993 in SAT.1, online unter youtube.com, hochgeladen am 11. Oktober 2011
  14. Die Hot Dogs 1994 in einer Sendung des ZDF mit Carolin Reiber
  15. Alben der Hot Dogs mit Der Wildschütz Jennerwein, online discogs.com
  16. New Orleans Hot Dogs* – Ja, So Sand’s De Oidn Rittersleit / Der Wildschütz Jennerwein, online unter discogs.com
  17. Urteil des Bayerischen Obersten Landesgerichts vom 15. März 1989, Aktenzeichen 3 St 133/88, Fundstelle: NJW 1990, 2006
  18. Zitat und Erwähnung des „Jennerwein-Liedes“ in: Monika Maron: Animal triste, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1996, ISBN 3-10-048807-5; unpaginierte E-Book-Ausgabe Frankfurt a. M. 2010, online unter google.de
  19. Der Wildschütz Jennerwein. In: Südtiroler Jagdportal, abgerufen am 19. Dezember 2017.
  20. Wildschütz Jennerwein. Herzen in Not, online unter filmportal.de
  21. Jennerwein- Bluat vo da Gams, online auf der Homepage des Autors inkl. Rezensionen
  22. a b Festschrift „20 Jahre HBW Tegernsee Freidogs Schdammdisch“, mit Abschnitt über Anbringung des Jennerwein-Marterls im Jahr 1977 und Erwähnung der Gams am Grabkreuz, (PDF; 152 kB) S. 7 von 8 Seiten
  23. „Wildschütz-Jennerwein-Musikanten“, nachgewiesen in der Deutschen Nationalbibliothek