Georg Schmitt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Der Titel dieses Artikels ist mehrdeutig. Weitere Bedeutungen sind unter Georg Schmitt (Begriffsklärung) aufgeführt.
Georg Schmitt
Geburtshaus von Georg Schmitt in Trier

Johann Georg Gerhard Schmitt bzw. Georges Schmitt (* 11. März 1821 in Trier; † 7. Dezember 1900 in Paris) war ein deutsch-französischer Komponist, Domorganist in Trier, Organist in Saint-Sulpice und Kapellmeister an Saint-Germain-des-Prés in Paris.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Père-Lachaise - Division 91 - Schmitt 01.jpg

Georg bzw. Georges Schmitt wurde im Trierer Moselvorort Zurlauben geboren.[1] Sein Vater war Domorganist und verstarb, als Schmitt elf Jahre alt war. Da er seinen Vater schon während dessen Krankheit an der Orgel vertreten hatte, schickte ihn das Domkapitel für zwei Jahre zum Studium nach Münster, wo ihn der Musikforscher und Domorganist Franz Joseph Antony (1790-1837) unterrichtete. 1835 wurde der Vierzehnjährige zum Trierer Domorganisten ernannt.[2] Wegen permanentem Dissens mit dem Domkapitel in künstlerischen Fragen kam es jedoch 1842 zur Entlassung.

Im Jahre 1844 emigrierte Schmitt nach Paris, wo er als Kirchenmusiker an verschiedenen Kirchen tätig war, unter anderem in der Gemeinde der deutschen Auswandererkolonie St.-Joseph-des-Allemands. Ein Studium am Pariser Konservatorium ließ sich nicht verwirklichen (anders als in der Literatur oft dargestellt). Seinen Lebensunterhalt verdiente der ausgezeichnete Pianist Schmitt hauptsächlich als Klavierpädagoge. 1846 komponierte er während seines ersten Heimatbesuchs das Mosellied "Im weiten deutschen Lande" auf einen Text von Theodor Reck (1815-1873), das seinen Ruhm in seiner alten Heimat begründete. 1847 heiratete er in Paris die Pianistin Léontine Aline Pau (de) Saint-Martin, die aus einer Malerfamilie stammte. Drei der fünf Kinder Schmitts waren später als Künstler tätig.

Von August 1848 bis Herbst 1849 weilte Schmitt in den USA und war zeitweilig als Organist an der Kathedrale von New Orleans tätig.[3]

Zurück in Paris wurde Schmitt im Dezember 1849 (offizielle am 1. Januar 1850) Titulaire an der großen Orgel von Saint-Sulpice. Auf sein Betreiben wurde die Orgel 1857-1862 durch den Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll zu dem (noch heute erklingenden) imposanten 100-Register-Instrument ausgebaut. Am 30. April 1863 wurde er an Saint-Sulpice auf Betreiben von Cavaillé-Coll entlassen, der sein Meisterinstrument lieber in den Händel von Louis-James-Alfred Lefébure-Wely wissen wollte. Danach war Schmitt als Kapellmeister (Chorleiter) an verschiedenen Kirchen tätig, unter anderem an Saint-Germain-des-Prés. Schmitt war auch einige Jahre an der berühmten Kirchenmusikschule École Niedermeyer tätig und hatte etliche fähige Schüler, die später wichtige Organistenstellen in ganz Frankreich besetzten.

Bedeutung erlangte Schmitt durch sein Engagement für eine Kirchenmusikreform. Er stritt für die Abkehr von dem verweltlichten Repertoire seiner Zeit und setzte sich für eine Rückkehr zur alten, "wahren" Kirchenmusik ein. Diesem Ziel diente die von ihm herausgegebene Sammlung Musée de musique religieuse mit 48 Originalkompositionen, für die er einige seiner Pariser Organistenkollegen als Mitarbeiter gewinnen konnte, u. a. César Franck und Camille Saint-Saëns. Schmitt war Mitinitiator des Congrès pour la restauration du plain-chant [Choral] et de la musique d'église (Nov./Dez. 1860) und trat dabei in engen Kontakt mit namhaften Pariser Kollegen. In der Zeitschrift Revue de musique sacrée religieuse veröffentlichte er zahlreiche Artikel zur Kirchenmusikreform und propagierte Ideen des in Deutschland sich verbreitenden Cäcilianismus. Er wurde so zu einem Mittler zwischen deutscher und französischer Kultur.

Schmitts eigentliches künstlerisches Ziel in Paris war, sich als Opernkomponist durchzusetzen. Zwar konnte er an dem privaten Théâtre Déjazet seine vieraktige Opéra comique La belle Madeleine sowie an kleineren Bühnen einige Operetten aufführen (zeitweise unterstützt durch seinen Landsmann Jacques Offenbach), ein Durchbruch gelang ihm aber nicht. Vor allem nach 1870/71 war er als "deutscher" Komponist – obwohl seit 1872 offiziell französischer Bürger – nicht mehr gefragt. Er komponierte für Pariser Kompositionswettbewerbe drei große Chorsymphonien (in der Berlioz-Tradition der Symphonie dramatique) und mehrere Kantaten, konnte aber keinen Preis erringen. Die Symphonie dramatique Le Sinai (1879) wurde 2014 in Trier im Rahmen des Mosel-Musikfestivals wiederaufgeführt. Zu seinen Lebzeiten wurden in Paris zahlreiche seiner Klavierstücke sowie Klavierlieder gedruckt.

Schmitt starb am 7. Dezember 1900 und wurde im Familiengrab auf dem Friedhof Père-Lachaise beigesetzt. In Trier ist der Georg-Schmitt-Platz nach ihm benannt.

Kompositionen und Schriften (Auswahl)[4][Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geistliche Chorwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • O salutaris für gemischten Chor und Orgel (Paris : Régnier-Canaux, 1855)
  • Tantum ergo für gemischten Chor a cappella oder mit Orgel (Paris : Régnier-Canaux, 1855)
  • Regina cœli für gemischten Chor a cappella oder mit Orgel (Paris : Régnier-Canaux, 1855; Neuausgabe 2017 als Trois chœurs religieux)
  • Messe en la mineur, op. 9 (Paris: Régnier-Canaux, 1857)
  • Messe [en mi bemol majeur], op. 130 (Paris: Eug. Matthieu, 1867)

Orgelwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Le Musée de l’Organiste, 4 Bde. (Paris : Simon Richault, um 1857)

  • Bd. I, Nr. 15 Offertoire pour la Pentecôte A-Dur, dem Organisten Prosper-Charles Simon gewidmet (Neuausgabe 2013)[5]
  • Bd. I, Nr. 25 Grande Marche (Procession) C-Dur (Neuausgabe 2013)
  • Bd. II, Nr. 39 Magnificat solennel D-Dur, seinem Schüler Alfred Jung gewidmet (Neuausgabe 2009)[6]
  • Bd. II, Nr. 41 Prélude fugué – Sortie A-Dur, dem Organisten Charles Magner gewidmet (Neuausgabe 2016)
  • Bd. II, Nr. 49 Grand Offertoire E-Dur, dem Organisten und Komponisten Louis James Alfred Lefébure-Wely gewidmet (Neuausgabe 2009)
  • Bd. IV, Nr. 90 Offertoire Es-Dur, dem Orgelbauer Aristide Cavaillé-Coll gewidmet (Neuausgabe 2009)[7]

Fantaisie fugué op. 48, C-Dur (Paris : Étienne Repos, 1866; Neuausgabe 2016)

Nouvelle Methode élémentaire et progressive d'Orgue et d'Harmonium (Paris : Étienne Repos, 1881)

  • Six Études caractéristiques pour le Grand Orgue (Neuausgabe 2016)
Nr. 1 Offertoire C-Dur
Nr. 2 Communion C-Dur
Nr. 3 Grand Chœur – Sortie G-Dur
Nr. 4 Solo de Hautbois – Offertoire c-Moll/C-Dur
Nr. 5 Offertoire (Solo de Trompette) d-Moll/D-Dur
Nr. 6 Grand Chœur – Sortie D-Dur
  • Fantaisie élégante – Offertoire a-Moll/A-Dur (Neuausgabe 2016)
„Die meisten Orgelwerke können sich mit denen seines Amtsvorgängers [sic: Amtsnachfolgers] durchaus messen. Das aus mehreren kontrastierenden Abschnitten bestehende Grand Offertoire (E-Dur) ist – wie das Final von César Franck – Lefébure[-Wely] gewidmet und stellt wie jenes auch eine gewisse Art von Parodie dar. Das ebenso klangprächtige Offertoire (Es-Dur) arbeitet mit vollgriffigen Akkorden in der Setzweise von [Jacques-Nicolas] Lemmens.“[8]

Bühnenwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • La belle Madeleine (1866), Opéra comique in vier Akten; verschollen
  • Anacréon, Oper in einem Akt (9 Szenen), unveröffentlicht.

Orchesterwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ilion, Symphonie héroïque en quatre parties (1866/67) – Manuskript erhalten.
  • Le Sinaï, Scènes de la vie du peuple hébreux, Symphonie en trois parties avec Solos et chœurs (vor 1879); wiederaufgeführt beim Mosel-Musikfestival 2014 in Trier; Partitur und Aufführungsmaterial: www.wolfgang-grandjean.de
  • Le Feu du Ciel, Symphonie lyrique en quatre parties, Text: Victor Hugo (1881) – Manuskript erhalten.

Lieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

deutsche Gesellschaftslieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • Rheinlied: "Dort, wo der alte Rhein" (um 1840)
  • Mosellied: "Im weiten deutschen Lande" (1846)
französische Mélodies[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  • La Lyre du jeune âge, op. 10 (Paris: Benard-Taberau, 1853)
  • Rapelle-toi, Worte: Alfred de Musset (Paris: E. Chaillot, 1855)
  • Il dort, Berceuse, Worte: Louis Ratisbonne (Paris: C. Alard, 1878)
  • Le vase brisé, Mélancolie, Worte: Sully Prudhomme (Paris: Thauvin, 1880)
  • Extase, Worte: Victor Hugo (Paris: Thauvin, 1882) Neuausgabe: Georges Schmitt: "21 Mélodies, Romances, Chansons", hrsg. v. Wolfgang Grandjean (Trier: H. Kessler, 2016)

Klavierwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • La Barbier de Seville – Caprice für Klavier op. 24 über Themen aus Gioachino Rossinis Il barbiere di Siviglia, seinem Freund (oder Klavierschüler) Eugène Ruel gewidmet (Paris : Benoît Aîné, 1856; Neuausgabe 2012)
  • Prière d’Othello – Petite Fantaisie Facile für Klavier op. 25 über die Preghiera „Deh calma, o ciel“ aus Rossinis Otello, (seiner Klavierschülerin) Hélène de Simony gewidmet (Paris : Benoît Aîné, 1856; Neuausgabe 2012)
  • Toccata d-Moll/D-Dur für Klavier (Orgel) op. 167 (Paris : Henri Thauvin, o.J.; Neuausgabe 2009)

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Nouveau manuel complet de l'organiste praticien, 3 Bde. (Paris: Manuels-Roret, 1855)
  • Nouvelle méthode pour la formation des chœurs et des maîtrises (Paris: E. Repos, ca. 1861)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Grandjean: Orgel und Oper. Georges Schmitt 1821–1900, ein deutsch-französischer Musiker in Paris. Biographie und Werk, mit einem Werkverzeichnis. Olms, Hildesheim Zürich New York 2015 (Musikwissenschaftliche Publikationen, 43), ISBN 978-3-487-15181-6.
  • Maria Schröder-Schiffhauer: Der vergessene Lorbeer – Die Geschichte des Domorganisten Johann Georg Gerhard Schmitt aus Trier. Biographischer Roman (2 Bde.). J. G. Bläschke, Sankt Michael 1980. (Viele "Fakten" sind darin frei erfunden).
  • Zum 100. Todesjahr von Georg Schmitt; mehrere Beiträge von verschiedenen Autoren in Neues Trierisches Jahrbuch. Jg. 40 (2000).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Alle biographischen Angaben aus: Wolfgang Grandjean: Orgel und Oper. Georges Schmitt 1821–1900. (siehe Literatur)
  2. Trier-Orgelpunkt.de: Georg Schmitt, Domorganist von 1835 bis 1842.
  3. Zu Schmitts Aufenthalt in New Orleans siehe auch The Music Program of the Cathedral-Basilica of St. Louis, King of France. – Die dortigen Angaben zu Schmitts Biographie und Werk sind nicht immer korrekt.
  4. 223 Kompositionen und theoretische Schriften Schmitts sind aufgeführt in "Georges-Schmitt-Werkverzeichnis" (GSWv); siehe: Wolfgang Grandjean, Orgel und Oper, S. 463-523.
  5. Über Schmitts Offertoire pour la Pentecôte schreibt auch William J. Peterson in seinem Artikel Storm Fantasies for the Nineteenth-Century Organ in France, in: Keyboard Perspectives – Yearbook of the Westfield Center for Historical Keyboard Studies, 2009, Vol. 2, S. 1–29.
  6. Der Trierer Domorganist Josef Still spielte dieses Magnificat solennel am 18. Mai 2010 im Eröffnungskonzert der Internationalen Orgeltage an der Schwalbennestorgel des Trierer Doms St. Peter; eine Aufzeichnung wird auf YouTube [1] bereitgestellt.
  7. Die Aufzeichnung einer konzertanten Aufführung dieses Offertoire vom 19. Februar 2014 aus der St. Louis Cathedral in New Orleans wird auf YouTube [2] bereitgestellt: Janet Daley Duval führt kurz in die französische Orgelmusik von Georg Schmitt und jene kurze Zeitspanne ein, die der Musiker in New Orleans verbracht hat (ab [50:27]); der Orgelvortrag durch Thomas Kientz folgt von [51:38] bis [57:55]. Das Programm des entsprechenden Konzerts mit dem Titel Postcards from Paris findet sich bei The Historic New Orleans Collection (THNOC) unter [3].
  8. Wolfgang Nickel in Kirchenmusik im Bistum Limburg, 1/2010 (1. Mai), S. 52, siehe [4].

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Georges Schmitt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorgänger Amt Nachfolger
Louis Nicolas Séjan Titularorganist der Kirche Saint-Sulpice
1850–1863
Louis-James-Alfred Lefébure-Wély