Georg Thiel

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Georg Thiel (* 1957 in Köln) ist ein deutscher Jurist. Er ist seit dem 16. Oktober 2017 Präsident des Statistischen Bundesamtes und mit den Aufgaben des Bundeswahlleiters betraut.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Thiel studierte Rechtswissenschaften in Köln. 1988 wurde er mit der Dissertation Rechtsfragen der atomaren Entsorgung[1] zum Doktor der Rechte promoviert. Anschließend trat Thiel in das Bundesamt für Zivilschutz ein und wurde dort Referatsleiter. Zwischen 1997 und 2002 leitete er das Referat „Organisation und Informationstechnik“ sowie verschiedene Projektgruppen im Bundesministerium des Innern (BMI). Anschließend war er Präsident des Technischen Hilfswerks (THW).

2006 wurde Thiel vom Amt des THW-Präsidenten entbunden und zum Bundesinnenministerium zurückversetzt. Vorausgegangen waren Vorwürfe gegen Thiel, er sei für den Suizid eines Mitarbeiters verantwortlich gewesen. Der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble bezeichnete die Vorwürfe als „haltlos“, berief Thiel aber dennoch ab, „um weiteren Schaden von der Organisation abzuwenden“.[2] Thiel hatte selbst um seine Amtsentbindung gebeten.[3]

Im BMI war Thiel anschließend als ständiger Vertreter der Abteilungsleitung „Verwaltungsmodernisierung; Verwaltungsorganisation“ unter anderem für die Bereiche Geoinformation, Statistik, Beschaffungswesen und Einheitliche Behördenrufnummer zuständig. Ein Einsatz beim Bundesamt für Verfassungsschutz scheiterte, nachdem es dort Beschwerden über Thiel gab.[4]

Ab dem Oktober 2015 bis zum Oktober 2017 war Thiel stellvertretender Leiter des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. Im Oktober 2015 wurde er außerdem zum Vizepräsidenten des Statistischen Bundesamtes und zum Stellvertreter des Bundeswahlleiters ernannt.

Am 16. Oktober 2017 wurde er Nachfolger von Dieter Sarreither im Amt des Präsidenten des Statistischen Bundesamts und zugleich neuer Bundeswahlleiter.[5] Thiel begann unmittelbar nach seinem Amtsantritt damit, das Statistische Bundesamt zu modernisieren. Nach Informationen von Zeit Online wurde sein Führungsstil von den Beschäftigten von Beginn an als schikanös und belastend empfunden. Deshalb wandten sich 2019 mehrere Führungskräfte schriftlich an Thiel und baten ihn „Anspruch und Wirklichkeit seines Führungsstils stärker in Übereinstimmung [zu] bringen“.[4]

2021 erhoben mehrere Mitarbeiter des Statistischen Bundesamts gegenüber dem Wiesbadener Kurier und der Allgemeinen Zeitung Vorwürfe gegen Thiel. Thiel habe seit seiner Amtsübernahme 2017 „ein Klima der Angst, Überforderung und Vetternwirtschaft etabliert“.[6] Beschäftigte, die seine Anforderungen nicht erfüllten, würden öffentlich gedemütigt; Vertraute Thiels würden ohne Stellenausschreibungen in wichtigen Positionen installiert; hochbezahlte Berater gingen ein und aus. Thiels Führungsstil wird als autoritär beschrieben, seine Art als „aufbrausend und aktionistisch“.[7] Auf anschließende Anfrage des Wiesbadener Kuriers und der TAZ erklärte das Bundesinnenministerium im Mai 2021, dass man zu Personalfragen „grundsätzlich nicht öffentlich Stellung“ nehme.[8][9]

Wenige Tage später berichteten Medien, dass derartige Vorwürfe gegen ihn „ähnlich in jeder Behörde erhoben wurden, in der Thiel bislang tätig war“, die jeweils zum Geschäftsbereich des Bundesinnenministeriums gehörten. Die vorangehenden Vorwürfe waren demnach schon aktenkundig, bevor er zum Präsident des Statistischen Bundesamtes ernannt wurde. Aus Gesprächen mit aktiven und ehemaligen Mitarbeitenden und Führungskräften lasse sich inzwischen das Bild einer „Behörde im Verfall“ zeichnen. Es bestehe eine Kultur, bei der „niemand widerspricht“.[4]

Am 23. Juni 2021 wurde die Causa Thiel im Ausschusses für Inneres und Heimat des Deutschen Bundestags erörtert. Bereits im Vorfeld hatte das Bundesinnenministerium mitgeteilt, dass es mittlerweile Gespräche mit den zuständigen Personalvertretungen gegeben habe. Die Verunsicherung der Destatis-Beschäftigten sei wohl auf behördeninterne Veränderungsprozesse zurückzuführen. Hingegen sei der „Vorwurf der menschenverachtenden Personalführung“ durch Thiel „ehrverletzend und unzutreffend“. Einzelne Ausschussmitglieder warfen dem Innenministerium hingegen vor, seine Aufsichtspflichten gegenüber dem Bundesamt und anderen nachgeordneten Behörden vernachlässigt zu haben.[10]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Georg Thiel: Rechtsfragen der atomaren Entsorgung. Nomos, Baden-Baden 1988, ISBN 978-3-7890-1414-7 (171 S.).
  2. Göran Schattauer: Abrechnung mit dem System Thiel. In: Focus. Nr. 18, 2006 (focus.de [abgerufen am 9. Mai 2021]).
  3. BMI-Pressemitteilung – THW-Präsident übernimmt neue Aufgaben. thw.de, 24. März 2006, abgerufen am 9. Mai 2021.
  4. a b c Christian Endt: Georg Thiel – Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe gegen Bundeswahlleiter. Zeit Online, 28. Mai 2021;.
  5. Statistisches Bundesamt (Destatis) – Dr. Georg Thiel. Abgerufen am 29. Mai 2021.
  6. Michaela Luster: „System von Druck und Angst“. In: Allgemeine Zeitung. 8. Mai 2021, S. 22.
  7. Marcel Pauly: Statistisches Bundesamt – Vor versammelter Runde „zur Sau“ gemacht. Spiegel Online, 27. Mai 2021;.
  8. Göran Schattauer: Ärger im Statistischen Bundesamt – „Mitarbeiter brechen in Tränen aus“ – Schwere Vorwürfe gegen Chef von Seehofer-Behörde. Focus Online, 25. Mai 2021;.
  9. Christoph Schmidt-Lunau: Vorwürfe gegen Bundeswahlleiter – „Ein Klima der Angst“. Die Tageszeitung, 25. Mai 2021;.
  10. Christian Endt: Statistisches Bundesamt – Bundestag berät über Vorwürfe gegen den Bundeswahlleiter. Zeit Online, 24. Juni 2021;.