Geopolitik

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Geopolitik wird häufig als Synonym für das raumbezogene, außenpolitische Agieren von Großmächten im Rahmen einer Geostrategie bezeichnet. Die engere wissenschaftliche Begriffsbedeutung von Geopolitik bezeichnet die politikwissenschaftliche Interpretation geographischer Gegebenheiten, die oftmals im Rahmen von Politikberatung erfolgt. Geopolitik wurde aus der Politischen Geographie abgeleitet und stand anfangs in Opposition zu ihr. Besondere Bedeutung hatte sie in Deutschland in den beiden Weltkriegen und der Zwischenkriegszeit. Eine einflussreiche angloamerikanische Geopolitik formierte sich erst ab dem Zweiten Weltkrieg.

Definitionen und Begriffsverwendung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sowohl in den Medien als auch in weiten Teilen der Politikwissenschaft wird der Begriff Geopolitik als Synonym für gewaltträchtige und skrupellose Machtpolitik verwendet. Amerikanische und britische Wissenschaftler verstanden unter Geopolitik ursprünglich dagegen eine Analyse politischer (und wirtschaftlicher) Phänomene, die sich auf geographische Kausalfaktoren konzentriert.[1] Geopolitik als akademische Disziplin ist eine Analysemethode im politikwissenschaftlichen Forschungsfeld Internationale Beziehungen mit besonderem Bezug zur Geographie. Die akademische Geopolitik untersucht mit analytisch-deskriptivem Anspruch die Einflüsse, die geographische Gegebenheiten und Dynamiken auf politische Entwicklungen haben, wobei das Hauptinteresse auf außen- und sicherheitspolitischen Entwicklungen liegt. Andererseits ist Geopolitik eine praktische Methode sicherheitspolitischer Entscheidungsfindung und Umsetzung.[2] Es gibt eine lange Tradition von wissenschaftlichen Geopolitikern, die sich als Regierungsberater verstanden und mit ihrer Forschung stets politische Entscheidungsträger beeinflussen wollten.[3] Der französische Geograph und Geopolitiker Yves Lacoste betont, Geopolitik sei ein Herrschaftsinstrument, geopolitisches Wissen sei strategisches Wissen.[4]

Als Bezeichnung für eine akademische Disziplin nennt Egbert Jahn den Begriff „unglücklich“. Niemand käme auf die Idee unter Sozialpolitik, Familienpolitik, Umweltpolitik oder Außenpolitik eine Wissenschaft zu verstehen. Vielmehr handle es sich dabei um bestimmte Sektoren und Objekte der Politik, und zwar sowohl des politischen Geschehens oder des Prozesses (politics) als auch der politischen Inhalte, Aufgaben und Ziele (policies). In diesen Fällen werde deutlich zwischen Politik und Politikwissenschaft unterschieden. Der Grund, weshalb unter Geopolitik keine Politik, sondern eine Wissenschaft oder eine Lehre von der Politik verstanden wird, liege wohl darin begründet, „daß es sich bei Geopolitik nicht um einen bestimmten Gegenstand der Politik handelt, etwa die Geosphäre oder die Erde, sondern um einen bestimmten Aspekt von Politik, nämlich ihren Raumbezug. Geopolitik ist also nicht Erdpolitik, ein Wort, das neuerdings auch zur Bezeichnung von globaler Umweltpolitik benutzt wird.“[5]

Charakteristisch für Geopolitik sind ihr Geodeterminismus und ihre Nähe zu den Denkschulen des Realismus und Neorealismus in den Internationalen Beziehungen. Der Geograph Benno Werlen betont in seiner Definition von Geopolitik deren Geodeterminismus, wonach menschliches Handeln durch Raum und Natur vorbestimmt sei. Dabei determiniere der Raum das politische Geschehen nicht unmittelbar, sondern vermittelt durch seinen Einfluss auf den Staat.[6] Ähnlich ist die Definition im Lexikon der Raumphilosophie: Im Zentrum der Geopolitik stehe die Idee einer geodeterminierten Staatspolitik.[7] Bei Karl Haushofer hieß es schon 1928: „Die Geopolitik ist die Lehre von der Erdgebundenheit der politischen Vorgänge. Sie fußt auf der breiten Grundlage der Geographie, insbesondere der Politischen Geographie als der Lehre von den politischen Raumorganismen und ihrer Struktur. Die von der Geographie erfaßte Wesenheit der Erdräume gibt für die Geopolitik den Rahmen ab, innerhalb dessen sich der Ablauf der politischen Vorgänge vollziehen muß, wenn ihnen Dauererfolg beschieden sein soll […].“[8]

Nach Ulrich Menzel lässt sich Geopolitik als eine besondere Form der Machtpolitik definieren, wobei unter Macht die Kontrolle von politisch definierten Räumen verstanden werde. Die Verwandtschaft zu den Denkschulen des Realismus sei dabei augenscheinlich.[9] Manche Autoren sind sogar der Auffassung, dass die gesamten Theorien des Realismus und des Neorealismus in der Wissenschaft von den internationalen Beziehungen nichts anderem als geopolitischem Denken entspringt.[10] Und Sören Scholvin meint, insbesondere die Ideen des ehemaligen amerikanischen Außenministers Henry Kissinger und des früheren Nationalen Sicherheitsberaters Zbigniew Brzeziński verdeutlichten, dass Geopolitik zu einer vereinfachten Form der realistischen Theorie der internationalen Beziehungen geworden sei.[11]

Von der Politischen Geographie zur Geopolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die ideengeschichtlichen Wurzeln der Geopolitik reichen bis in das Denken der Aufklärung. So sah David Hume 1714 in On the Balance of Power im insularen Großbritannien den Garanten der Freiheit. Montesquieu verwies 1748 im Geist der Gesetze auf den Zusammenhang von Geographie und Geschichte. Den Seemächten schrieb er den Geist der Freiheit zu, die kontinentale Großmacht Russland hingegen verkörperte den Geist der Despotie.[12]

Hinweise auf noch viel ältere Quellen sind laut Niels Werber „typisch für geopolitische Abhandlungen“, Adolf Grabowsky habe sich auf Polybios berufen, Otto Maull auf Herodot, Karl Haushofer auf Thukydides und Pytheas. Ihnen würden dann noch jüngere Autoren von Rang, wie Herder, Hegel und Carl Ritter an die Seite gestellt.[13] Damit, so Sabine Feiner, werde „der Versuch unternommen, eine lange Tradition des geopolitischen Denkens in der internationalen Politik zu begründen. Da mit dieser überaus weit gefaßten Interpretation alle politischen Denker und Akteure, die geographische Faktoren berücksichtigt haben, als Geopolitiker gelten können, erscheint sie wenig aussagekräftig.“[14] Auch Werber vermisst bei den antiken Geographen und Historikern wie auch den deutschen Philosophen jene Elemente und Verknüpfungen, die moderne Geopolitik ausmachen.[15]

Unumstrittene Vorläufer und Wegbereiter der wissenschaftlichen Geopolitik waren der deutsche Zoologe und Geograph Friedrich Ratzel, der schwedische Staatswissenschaftler Rudolf Kjellén, der US-amerikanische Konteradmiral Alfred Thayer Mahan und der britische Geograph Halford Mackinder. Außer bei Kjellén kommt die Bezeichnung Geopolitik bei ihnen noch nicht vor, ihre Thesen fanden vor dem Ersten Weltkrieg kaum Fürsprecher in der universitären Geographie. Erst das geopolitische Schrifttum der Nachkriegszeit machte die vier Autoren zu Klassikern des neugeschaffenen Fachs.[16]

Die Etablierung des Fachs Geopolitik schreibt Yves Lacoste jungen patriotischen deutschen Geographielehrern zu, die 1919 die universitäre Politische Geographie für ungeeignet hielten, „den Nachweis zu führen, daß die durch den Versailler Vertrag festgelegten Grenzen Deutschlands nicht nur ungerecht und absurd, sondern für die Zukunft Europas gefährlich waren.“ Die Geopolitik habe ihnen Argumentationsmöglichkeiten gegeben und sei damit zur Opposition der Politischen Geographie akademischen Typs geworden.[17]

Der Staat als Organismus: Ratzel und Kjellén[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Friedrich Ratzel, Vordenker deutscher Geopolitik
Der Schwede Rudolf Kjellén prägte den Begriff Geopolitik

Die Bezeichnung Geopolitik wurde 1899 von Rudolf Kjellén in einem Zeitschriftenaufsatz geprägt.[18] In seinem wissenschaftlichen Hauptwerk Staten som lifsform[19] definierte Kjellén dann 1916: „Geopolitik ist die Lehre über den Staat als geographischen Organismus oder als Erscheinung im Raum.“[20] Kjellén war vom deutschen Zoologen und Geographen Friedrich Ratzel beeinflusst, der die Politische Geographie 1897 reformiert hatte.[21]

Politische Geographen betrieben vor Ratzel lediglich die Sammlung von statistischen Daten der Ökonomie, Demographie und Politik eines Staatsgebiets. Niels Werber verdeutlicht das an der Darstellung von Gibraltar in Gustav Adolf von Klödens Handbuch der Länder- und Staatenkunde von 1875. Darin fänden sich genaueste Angaben über den Felsen von Gibraltar, zur Flächengröße der Kronkolonie, zu durchschnittlichen Temperaturen und Niederschlägen, zur Flora und Fauna, zur Einwohnerzahl und zur ethnischen Zugehörigkeit der Bewohner sowie zu Import- und Exportgütern und der Handelsbilanz. Es gäbe aber kein einziges Wort über die Beherrschung der Meerenge durch Großbritannien und die Funktion der Befestigungsanlagen. Über Malta oder Singapur ließe sich das Gleiche sagen. Solche „Politische Geographie“ sei also „geradezu unpolitisch“ gewesen.[22] Ratzel dagegen ordnete in seiner Politischen Geographie Gibraltar neben Malta, Zypern, Sues, Singapur, Hongkong und andere in eine Reihe von festen Plätzen, Flottenstationen, Kohlenstationen und Kabelklippen in britischem Besitz ein, die entsprechend ihrer meerbeherrschenden Lage eine politische Funktion erfüllen: Die Sicherung der Seemacht des Vereinigten Königreichs.[23]

Diese Analyse ist bei Ratzel Konsequenz einer „biogeographischen Auffassung des Staates“, mit der der Staat als Organismus im biologischen Sinne betrachtet wird, der der Evolution unterworfen sei und wachsen wolle. Der Staatsorganismus Englands habe sich trotz unabänderlicher geographischer Beschränkung als Insel deshalb zu größten Macht der damaligen Zeit entwickelt, weil die Schranken des Raumes durch Beherrschung der Meere überwunden worden seien.[24] Auf Basis des von Ratzel erdachten Konzepts setzte Kjellén voraus, dass Großmächte expandieren müssen um sich zu entfalten. Der laut Nils Hoffmann „germanophile“ Schwede sah Deutschland als Zentrum eines nordisch-deutschen Staatenbundes, der sich von Hamburg bis Bagdad erstrecken sollte.[25] Die deutsche Übersetzung seines Buchs Samtidens stormakter von 1914 erschien 1918 als Die Großmächte der Gegenwart bereits in der 19. Auflage. Übersetzungen anderer Schriften von ihm waren in Deutschland ähnlich verbreitet und hatten starken Einfluss auf die sich formierende Geopolitik.[26] Dabei wurde Ratzels Lebensraum-Konzept[27] besonders wirksam.

Landmacht und Seemacht: Mahan und Mackinder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Alfred Thayer Mahan, Vordenker angloamerikanischer Geopolitik
Halford Mackinder, Begründer der einflussreichen Heartland-Theorie

Die Gründerväter der angloamerikanischen Geopolitik, der Amerikaner Alfred Thayer Mahan und der Brite Halford Mackinder, wurden bereits in der deutschen Hochphase des Fachs, die laut Werber 1915 begann und 1945 endete, zu Klassikern des Fach stilisiert.[28] Von Ratzel und Kjellén unterschieden sie sich dadurch, dass sie Staaten nicht als Organismen betrachteten, also keine „politische Zoologie oder biopolitische Geographie“ betrieben.[28] Beide entwarfen auf Basis historischer Analysen Geostrategien für eine Seemacht.[29]

Mahan war weniger Wissenschaftler als Militärstratege, er widmete in den letzten zwei Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts seine publizistischen Bemühungen dem Versuch, zu verdeutlichen, dass die Vereinigten Staaten eine Hochseekriegsflotte benötigen. Nach seiner Auffassung war die Monroe-Doktrin nur durch eine starke Marine zu sichern, nur durch eigene Seemacht ließen sich Blockaden amerikanischer Küsten und die Bedrohung amerikanischer Häfen unterbinden. Mahan sah die USA in Konkurrenz zur britischen Seemacht und entwickelte Strategien, deren Ausbau im karibischen und pazifischen Raum zu unterbinden. Er forderte die amerikanische Sicherung des geplanten Panamakanals und Stützpunkte auf Kuba, Puerto Rico, Hawaii, Samoa und den Philippinen. Seine Bemühungen um „Sea-Power“ waren erfolgreich, die amerikanische Politik folgte seinen Vorschlägen.[30] Auch in Deutschland fand er aufmerksame Leser, wie Alfred von Tirpitz und später Carl Schmitt. In der deutschen Interpretation wurde dann aus Hawai Helgoland und aus dem Panama-Kanal der Kaiser-Wilhelm-Kanal.[31] Georg Wislicenus forderte 1896 mit Mahans Argumenten eine deutsche Schlachtflotte, die zur Verteidigung und zum Angriff fähig sein müsse und die in der Lage sei, eine britische Seeblockade zu brechen.[32]

Die Einteilung der „Weltinsel“ in Mackinders Heartland-Theorie

Im Gegensatz zu Mahan hielt Mackinder die hohe Zeit der weltweiten Seemacht für überschritten, das Ende des „kolumbianischen Zeitalter“ hätte bereits begonnen und damit auch das der britischen Weltmacht.[33] 1904 entwickelte er in einem Zeitschriftenaufsatz[34] eine weltpolitische Theorie des „post-kolumbianischen Zeitalters“: Er prognostiziert eine Epoche der Landmacht. Die Macht, der es gelänge das eurasischen Herzland (pivot area) zu organisieren und bis an die Küsten auszudehnen, würde zur Weltmacht.[35] Diese Prognose fasste er 1919 im Buch Democratic Ideals and Reality in den später vielzitierten Ausspruch zusammen: „Who rules East Europe commands the Heartland. Who rules the Heartland commands the World-Island. Who rules the World-Island commands the World.“ („Wer über Osteuropa herrscht, beherrscht das Herzland: Wer über das Herzland herrscht, beherrscht die Weltinsel (Eurasien). Wer über die Weltinsel herrscht, beherrscht die Welt.“)[36]

In Großbritannien, dem Mackinders Überlegungen als Warnung vor Weltmacht-Verlust galten, wurde der Aufsatz nicht zur Kenntnis genommen. In Deutschland dagegen wurde die Arbeit begeistert rezipiert, Karl Haushofer lobte sie als „das größte geopolitische Meisterwerk aller Zeiten“.[28] Auch aktuell gilt das Heartland-Konzept als „die wohl bedeutsamste Idee in der Geschichte der Geopolitik.“[37]

Mit der einflussreichen Schrift des italienischen Generals Giulio Douhet über die Luftherrschaft (Il Dominio dell’Aria) kam 1921 ein neuer geopolitischer Aspekt hinzu.[9]

Deutsche Geopolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Geschichte der klassischen deutschen Geopolitik beginnt laut Fachgeschichtsschreibung mit der Rezeption von Kjellén-Texten im Ersten Weltkrieg[26] und gewinnt nach der Niederlage eine starke Entwicklungsdynamik. Ratzel, Kjellén und die von ihnen vorbereitete und bis dahin kaum beachtete Geopolitik erlebten, laut Klaus Kost, nach 1914 einen triumphalen Durchbruch.[38] Nach 1918 gab es dann fast keine Geographen mehr, die nicht Geopolitik trieben.[39]

Im Zentrum geopolitischer Publikationen standen während des Ersten Weltkrieges die Seeblockade der Mittelmächte durch das Vereinigte Königreich, die Interpretation der Mittellage Deutschlands als „Raumschicksal“ sowie die „Entdeckung des ‚Deutschen Ostens‘ als Okkupations- und Ergänzungsraums.“[40] Ihren Aufschwung erlebte die Disziplin aber erst danach als Reaktion auf den Friedensvertrag von Versailles. Laut Sprengel war die Geopolitik jener Jahre „Kampfmittel gegen Versailles“.[41] Laut Hoffmann lieferte die Geopolitik mit ihren Konzepten eine „pseudo-wissenschaftliche“ Rechtfertigung für die Expansion und den (notfalls gewaltsamen) Wiederaufstieg Deutschlands.[42]

Karl Haushofer (links) und Rudolf Heß, um 1920

Führender Vertreter dieser „Deutschen Wissenschaft“[43] war Karl Haushofer, für den das Lebensraum-Konzept Ratzels „Grundlage jeder Erörterung der Fragen auswärtiger Politik“ war.[44] Daraus leitete Haushofer zwei konkrete Forderungen an die Politik ab: Den bestehenden Lebensraum zu schützen und ihn zu vergrößern.[45] Er betonte, dass es künftig großer Räume bedürfe, um das Überleben von Staaten zu gewährleisten und entwickelte ein Konzept der „Pan-Ideen“, das er 1931 publizierte und 1940 konkretisierte. Er skizzierte vier künftige „Pan-Regionen“, die sich gemäß der Monroe-Doktrin organisieren würden: Eine amerikanische unter der Führung der USA, eine europäisch-afrikanische unter deutscher Führung, eine ostasiatische unter der Führung Japans und eine eurasische unter russischer Führung. Seemächte spielten in seinem Konzept keine Rolle.[46]

Seine geopolitischen Konzepte übersetzte Haushofer in konkrete Politikempfehlungen. Er schuf sich gute Möglichkeiten, die Öffentlichkeit zu erreichen. Seit 1924 war er gemeinsam mit Erich Obst und Hermann Lautensach Herausgeber der Zeitschrift für Geopolitik. Außerdem hielt er viele Rundfunk-Vorträge, wie etwa den regelmäßigen Weltpolitischen Monatsbericht.[47]

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme hatte er durch seinen freundschaftlichen Kontakt zu Rudolf Heß, der sein akademischer Schüler gewesen war, Zugang zu nationalsozialistischen Regierungskreisen. Sein Einfluss auf NS-Ideologie und -Politik ist in der Fachgeschichtsschreibung umstritten.[48] Lange hatte er als Geopolitiker hohes internationales Ansehen, man sah in ihm den Urheber des Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts von 1939 als praktische Anwendung des Heartland-Konzepts von Mackinder. Den Überfall auf die Sowjetunion 1941 hielt er für einen Fehler und stellte seine Arbeit ein.[49]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Geopolitik in Deutschland weitestgehend stigmatisiert, was zur Folge hatte, dass auch eine kritische Auseinandersetzung mit ihr nicht erfolgte.[50] Erst in den 1980er Jahren begann eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit der Geopolitik, deren Protagonisten die Disziplin als räumliche Konfliktforschung betrachten.[51] Praktisch erlebt der geopolitische Diskurs seit 1989 eine Renaissance in Wissenschaft, Publizistik und Politik.[52]

Angloamerikanische Geopolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zbigniew Brzeziński (2014), seit den 1970er Jahren führender amerikanischer Geostratege.

Politikberatende Geopolitik beginnt in den USA mit Nicholas J. Spykman. Basierend auf dem Konzept seines akademischen Lehrers Halford Mackinder entwickelte Spykman während des Zweiten Weltkriegs Strategieempfehlungen für die Nachkriegspolitik. Nicht das eurasische Heartland sei (wie Mackinder postuliert hatte) die sicherheitspolitisch kritische Zone, sondern dessen europäische und asiatische Randgebiete, das Rimland. Spykmans unmissverständliche geopolitische Empfehlung lautete: Die Vereinigten Staaten müssen international aktiv und engagiert sein, Einfluss auf die geographischen Schlüsselregionen nehmen und einen geopolitischen Pluralismus in Eurasien, besonders in dessen Randgebieten, herstellen und aufrechterhalten.[53] Spykmans geopolitische Doktrin lautete in Abwandlung der Mackinder-Formel: „Who controls the Rimland rules Eurasia, who rules Eurasia controls the destiny of the world.“[54] Diese Strategieempfehlung ist laut Nils Hoffmann bis in die heutige Zeit wirkungsmächtig.[55]

Auch für den, seit den 1970er Jahren, führenden amerikanischen Geostrategen Zbigniew Brzeziński hat die Weltinsel Eurasien, wie schon für Mackinder und Spykman überragende Bedeutung: „Zum Glück für Amerika ist Eurasien zu groß, um eine politische Einheit zu bilden. Eurasien ist mithin das Schachbrett, auf dem Kampf um globale Vorherrschaft auch in Zukunft ausgetragen wird.“[56] Auf diesem Schachbrett hätten die USA aktiv mitzuspielen und ihren Einfluss so einzusetzen, „dass ein stabiles kontinentales Gleichgewicht mit den Vereinigten Staaten als Schiedsrichter entsteht.“[57]

Bei Brzeziński aber auch schon Mackinder und Spykman wird deutlich, dass Geopolitik weniger als eine wissenschaftliche Disziplin verstanden wird, denn als unmittelbar handlungsorientierte Forschung, als Politikberatung.[58] Sein Buch Democratic Ideals and Reality schrieb Mackinder 1919 als „Handreichung“ für die britischen Vertreter bei der Versailler Friedenskonferenz. Darin schlug er einen Cordon sanitaire zwischen Deutschland und Russland vor, um zu vermeiden, dass eine Macht Eurasien dominiere.[59] In der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg fand Mackinders Heartland-Konzept „gleichsam komplementär“ zu Spykmans Rimland-Theorie ihren geostrategischen Niederschlag in der Containment-Politik sowie in der geopolitischen Blockstruktur, namentlich der NATO.[59] Die Carter-Doktrin des Jahres 1980, mit der die südliche Flanke Eurasiens und insbesondere der Persische Golf ausdrücklich zur Einflusssphäre der USA erklärt wird, wurde maßgeblich von Brzeziński formuliert.[60]

Kritische Geopolitik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als akademische Reaktion auf die Renaissance der früheren Geopolitik und deren Zielsetzung, weltweite amerikanische Ansprüche und Machtvorstellungen zu legitimieren, entstand in den USA der 1980er-Jahre die Konzeption der Critical Geopolitics, die eine paradigmatischen Wende vom Positivismus zum Konstruktivismus darstellt.[61] In dieser Sichtweise ist Geographie keine endgültige Wahrheit, sondern eine Form sozial produzierten Wissens. Traditionelle Raumkonzepte, die auf die Neutralität und Objektivität des Raumes Bezug nehmen, wurden anfechtbar. Raum und Territorium sind nach diesem Verständnis nicht mehr passive Bühne menschlichen Handelns, sondern werden für politische Zwecke instrumentalisiert. Weder Berge noch Meerengen sind per se strategisch, sie werden es erst durch menschliche Zuschreibung. Ziel kritischer Geopolitik ist es, „die ideologische Substanz der Rechtfertigungen von Weltpolitik aufzudecken und die Bindung an die Interessen bestimmter Akteure zu dokumentieren.“[62] Führende Vertreter kritischer Geopolitik sind John A. Agnew, Simon Dalby und Gerard Toal. In seiner Monografie Geopolitics widersprach 2009 der britische Historiker Jeremy Black ihrer konstruktivistischen Sichtweise und postulierte, es existierten objektive Faktoren wie Raum, Entfernung und Ressourcen, deren Auswirkungen nicht ignoriert werden könnten. Geopolitik definiert Black als Beziehung von machtorientierter Politik und Geographie, wobei Lage und Entfernung im Vordergrund stünden.[63]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufsätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fachzeitschriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

WiktionaryWiktionary: Geopolitik – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Sören Scholvin: Geopolitik in den internationalen Beziehungen. In: GIGA Focus. Nr. 9. 2014 (Online), S. 1.
  2. Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, Springer VS, Wiesbaden 2012, ISBN 978-3-531-19433-2, S. 44 f.
  3. Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, Wiesbaden 2012, S. 28.
  4. Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, Wiesbaden 2012, S. 64.
  5. Egbert Jahn: Geopolitik – was ist das? Vortrag beim 16. Schlangenbader Gespräch, 2013 Online, PDF, S. 3 f., abgerufen am 6. Oktober 2019.
  6. Benno Werlen: Sozialgeographie. Eine Einführung, Bern/Stuttgart/Wien 2000, S. 383.
  7. Rolf Nohr, Geopolitik, in: Stephan Günzel (Hrsg.), Lexikon der Raumphilosophie, Darmstadt 2012, S. 145–146, hier S. 145.
  8. Karl Haushofer, Grundlage, Wesen und Ziele der Geopolitik. In: Ders., Erich Obst ; Hermann Lautensach und Otto Maull, Bausteine zur Geopolitik, K. Vowinckel, Berlin 1928, S. 2–48, hier S. 27.
  9. a b Ulrich Menzel: Zwischen Idealismus und Realismus. Die Lehre von den internationalen Beziehungen. Frankfurt/M. 2001, S. 60.
  10. Egbert Jahn: Geopolitik – was ist das? Vortrag beim 16. Schlangenbader Gespräch, 2013 Online, PDF, S. 15.
  11. Sören Scholvin: Geopolitik in den internationalen Beziehungen. In: GIGA Focus. Nr. 9. 2014 (Online), S. 2.
  12. Herbert Ammon: Geopolitik – Zur Wiederkehr eines verloren geglaubten Begriffs im 21. Jahrhundert, Online, IABLIS, Jahrbuch für europäische Prozesse, 8. Jahrgang, 2009, Abschnitt I, abgerufen am 29. November 2015.
  13. Niels Werber: Geopolitik zur Einführung, Hamburg 2014, S. 28.
  14. Sabine Feiner: Weltordnung durch US-Leadership? Die Konzeption Zbigniew K. Brzezinskis, Wiesbaden 2000, S. 168.
  15. Niels Werber: Geopolitik zur Einführung, Hamburg 2014, S. 28.
  16. Niels Werber: Geopolitik zur Einführung, Hamburg 2014, S. 26.
  17. Yves Lacoste: Geographie und politisches Handeln. Perspektiven einer neuen Geopolitik, Berlin 1990, S. 24 f.
  18. Rudolf Kjellén, Studier öfver Sveriges politiska gränser, in: Ymer (Zeitschrift der Schwedischen Gesellschaft für Anthropologie und Geographie), 1899, S. 283– 331; Angaben nach: Rainer Sprengel, Kritik der Geopolitik. Ein deutscher Diskurs. 1914–1944, Berlin 1996, S. 26.
  19. Rudolf Kjellén: Staten som lifsform, Stockholm 2016; deutsche Übersetzung: Der Staat als Lebensform, Leipzig 1917.
  20. Rudolf Kjellén: Der Staat als Lebensform, Leipzig 1917, S. 46.
  21. Friedrich Ratzel: Politische Geographie, München und Leipzig 1897.
  22. Niels Werber: Geopolitik zur Einführung, Hamburg 2014, S. 45 f.
  23. Niels Werber: Geopolitik zur Einführung, Hamburg 2014, S. 46.
  24. Niels Werber: Geopolitik zur Einführung, Hamburg 2014, S. 47 ff.
  25. Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, Wiesbaden 2012, S. 33.
  26. a b Rainer Sprengel: Kritik der Geopolitik. Ein deutscher Diskurs. 1914–1944, Berlin 1996, S. 28.
  27. Friedrich Ratzel: Der Lebensraum. Eine biogeographische Studie. Unveränderter Nachdruck, Darmstadt 1966, ursprünglich in: Festgaben für Albert Schäffle, 1901.
  28. a b c Niels Werber: Geopolitik zur Einführung, Hamburg 2014, S. 63.
  29. Sabine Feiner: Weltordnung durch US-Leadership? Die Konzeption Zbigniew K. Brzezinskis, Wiesbaden 2000, S. 168.
  30. Niels Werber: Geopolitik zur Einführung, Hamburg 2014, S. 69 ff.
  31. Niels Werber: Geopolitik zur Einführung, Hamburg 2014, S. 73.
  32. Georg Wislicenus: Deutschland Seemacht. Nebst einem Überblick über die Geschichte der Seefahrt aller Völker, Leipzig 1896, S. 63 ff.
  33. Niels Werber: Geopolitik zur Einführung, Hamburg 2014, S. 63.
  34. Halford Mackinder, The Geographical Pivot of History, in: The Geographical Journal, 23, 4/1904, S. 421–437.
  35. Niels Werber: Geopolitik zur Einführung, Hamburg 2014, S. 69.
  36. Original zitiert nach Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, S. 35; Übersetzung nach der deutschsprachigen Ausgabe von Zbigniew Brzezińskis: Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1999, übersetzt von Angelika Beck, S. 63.
  37. Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, Wiesbaden 2012, S. 35.
  38. Klaus Kost: Die Einflüsse der Geopolitik auf Forschung und Theorie der politischen Geographie von ihren Anfängen bis 1945. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der politischen Geographie und ihrer Terminologie unter besonderer Berücksichtigung von Militär- und Kolonialgeographie, Bonn 1988, S. 36.
  39. Klaus Kost: Die Einflüsse der Geopolitik auf Forschung und Theorie der politischen Geographie von ihren Anfängen bis 1945. Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte der politischen Geographie und ihrer Terminologie unter besonderer Berücksichtigung von Militär- und Kolonialgeographie, Bonn 1988, S. 9.
  40. Niels Werber: Geopolitik zur Einführung. Junius, Hamburg 2014, S. 77 f.
  41. Rainer Sprengel: Geopolitik und Nationalsozialismus. Ende einer deutschen Fehlentwicklung oder fehlgeleiteter Diskurs, in: Irene Diekmann und andere (Hrsg.), Geopolitik, Grenzgänge im Zeitgeist, Potsdam 2000, S. 147–172, hier S. 149.
  42. Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, Wiesbaden 2012, S. 30.
  43. Yves Lacoste: Geographie und politisches Handeln. Perspektiven einer neuen Geopolitik. Wagenbach, Berlin 1990, S. 25.
  44. Hans-Adolf Jacobsen, Kampf um Lebensraum. Karl Haushofers Geopolitik und der Nationalsozialismus, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 34–35/1979, S. 17–29, hier S. 24.
  45. Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, Wiesbaden 2012, S. 30 f.
  46. Uhyon Geem, Das europäische Mächtesystem und die Integration Europas in geopolitischer Sicht, in: Martin Sieg (Hrsg.), Internationale Dilemmata und europäische Visionen. Festschrift zum 80. Geburtstag von Helmut Wagner. Berlin/Münster 2010, S. 92–98, hier S. 95.
  47. Ulrich Heitger: Vom Zeitzeichen zum politischen Führungsmittel. Entwicklungstendenzen und Strukturen der Nachrichtenprogramme des Rundfunks in der Weimarer Republik 1923–1932, Münster 2003, S. 196 f.
  48. Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, Wiesbaden 2012, S. 31 ff.
  49. Yves Lacoste: Geographie und politisches Handeln. Perspektiven einer neuen Geopolitik, Berlin 1990, S. 27.
  50. Jan Helmig: Geopolitik – Annäherung an ein schwieriges Konzept, Bundeszentrale für politische Bildung, 11. Mai 2007, Online, abgerufen am 17. November 2015.
  51. Egbert Jahn: Geopolitik – was ist das? Vortrag beim 16. Schlangenbader Gespräch, 2013 Online, PDF, S. 13 f., abgerufen am 17. November 2015.
  52. Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, Wiesbaden 2012, S. 11.
  53. Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, Wiesbaden 2012, S. 36.
  54. Zitiert nach: Herbert Ammon, Geopolitik – Zur Wiederkehr eines verloren geglaubten Begriffs im 21. Jahrhundert, IABLIS, Jahrbuch für europäische Prozesse, 8. Jahrgang, 2009, Online, Abschnitt IX, abgerufen am 29. November 2015.
  55. Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, Wiesbaden 2012, S. 37.
  56. Zbigniew Brzeziński: Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Frankfurt am Main, 1999, S. 37.
  57. Zbigniew Brzeziński: Die einzige Weltmacht: Amerikas Strategie der Vorherrschaft. Frankfurt am Main, 1999, S. 16.
  58. Nils Hoffmann: Renaissance der Geopolitik? Die deutsche Sicherheitspolitik nach dem Kalten Krieg, Wiesbaden 2012, S. 38.
  59. a b Herbert Ammon: Geopolitik – Zur Wiederkehr eines verloren geglaubten Begriffs im 21. Jahrhundert, Online, IABLIS, Jahrbuch für europäische Prozesse, 8. Jahrgang, 2009, Abschnitt VII, abgerufen am 7. Dezember 2015.
  60. Sabine Feiner: Weltordnung durch US-Leadership? Die Konzeption Zbigniew K. Brzezińskis. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 2000, S. 204, Anmerkung 47.
  61. Heinz Nissel, Kritische Geopolitik. Zur Neukonzeption der Politischen Geographie in der Postmoderne, in: ÖMZ, Österreichische Militärische Zeitschrift, 1/2010, Online, PDF, abgerufen am 12. Dezember 2015, S. 11–21, hier S. 13.
  62. Jan Helmig: Geopolitik – Annäherung an ein schwieriges Konzept, Bundeszentrale für politische Bildung, 11. Mai 2007, Online, abgerufen am 12. Dezember 2015.
  63. Sören Scholvin 2012: Rezension von Jeremy Black: Geopolitics. London 2009, in: Raumnachrichten-Online, 2012.
  64. Helmut Schneider, Renaissance der Geopolitik? Kritische Bemerkungen zu Tim Marshall und Fred Scholz. In: Geographische Rundschau, 11/2006, S. 50–54.
  65. Hérodote online
  66. liMes online
  67. Online-Zeitschrift der Polnischen geopolitischen Gesellschaft (Polskie Towarzystwo Geopolityczne) European Journal of Geopolitics, Angaben der Central and Eastern European Online Library.