Gerücht

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The Rumour

Ein Gerücht (griech. pheme bzw. phama; lat. fama[1]), auch Ondit[2] (frz. on dit ‚man sagt‘), ist eine unverbürgte Nachricht, die stets von allgemeinem bzw. öffentlichem Interesse ist, sich diffus verbreitet und deren Inhalt mehr oder weniger starken Veränderungen unterliegt. Das wichtigste Merkmal eines Gerüchts stellt die Ungesichertheit der weitergegebenen Information dar.[3]

Formen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemäß der Klassifikation von Knapp (1944) lassen sich Gerüchte in drei Kategorien einteilen[3]:

  1. Wunschgerüchte (Hoffnung auf ein positives Ereignis)
  2. Aggressionsgerüchte (Feindseligkeit gegenüber anderen)
  3. Angstgerüchte (Furcht vor einem negativen Ereignis)

Außerdem lassen sich Gerüchte hinsichtlich ihres Inhalts klassifizieren, wie beispielsweise organisationale Gerüchte (DiFonzo et al., 1994)[4] oder Produktgerüchte (Miller, 2013)[5].

Abgrenzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dieser allgemeinen Bedeutung wird der Begriff gelegentlich mit „Klatsch“ und „moderne Sage“,[6] im Fall der Skepsis oder nachgewiesenen Unwahrheit auch mit „Legende“ oder „Märchen“ synonym verwendet.[7] Im engeren Sinne des Begriffs werden bei einem Gerücht – anders als beim Klatsch – die erzählten Ereignisse in der Regel nicht einzelnen Personen zugeschrieben;[8] bei der modernen Sage sind demgegenüber konkrete Personen zwar vorhanden, werden aber namentlich nicht erwähnt.[6] Strategisch lancierte Gerüchte in der Politik werden der Propaganda zugerechnet.[9]

Verwandte Begriffe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Als Flüsterpropaganda bezeichnet man einen Vorgang, bei dem meist durch die Politik geheim gehaltene Vorkommnisse weitererzählt werden und so langsam unter die Bevölkerung und damit in die Öffentlichkeit gelangen. Diese häufig in totalitären Staaten vorkommende Verbreitung von Nachrichten kann zu Gerüchten führen.
  • Latrinenparolen sind umgangssprachlich abwertend bezeichnete Gerüchte, die zumeist irreführend oder falsch sind und heimlich verbreitet werden. Das Wort stammt aus der Soldatensprache, da sich in Kasernen oder anderen Unterkünften an der dortigen Sickergrube oder auch Latrine alle Mannschaftsgrade zur gemeinsamen Entleerung trafen und wo auch Informationen ausgetauscht und dann weitergegeben worden sind. Synonyme sind Latrinengerücht oder derber Scheißhausparole.
  • Stammtischparolen bezeichnen stereotype Versatzstücke einer lokalen Meinungsbildung und umfassen ebenfalls Gerüchte.

Rahmenbedingungen der „Gerüchteküche“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gerücht lebt von dem Spannungsverhältnis, ob es denn nun wahr oder unwahr ist. Daher erweckt es Interesse und erregt Aufmerksamkeit. Erfüllt es vorhandene Erwartungshaltungen (Ängste, Hoffnungen etc.), fällt ein Gerücht auf einen nahrhaften Boden; es scheint für Momente Orientierung zu bieten.

Ein Gerücht bedient zudem soziale Bedürfnisse nach Nähe und Übereinkunft. Durch das Teilen eines vermeintlichen Geheimnisses wird kurzzeitig so etwas wie eine Gemeinschaft der Wissenden hergestellt, die über gemeinsam geteilte Gefühle wie der Schadenfreude oder moralischer Entrüstung gestärkt wird. Darüber festigen sich vorhandene informelle Normen.

Entstehung und Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Gerücht entsteht, wenn jemand (man kann ihn als Urheber des Gerüchts bezeichnen) eine Tatsachenbehauptung oder eine These "in die Welt setzt", also mindestens einem Dritten gegenüber äußert. Typisch für ein Gerücht ist ein gewisser Verbreitungsgrad. Er hängt davon ab, wie oft und wie schnell ein durchschnittlicher Empfänger das Gerücht weitererzählt.

Die Tatsachenbehauptung oder These kann wahr, halbwahr oder unwahr sein; man kann zwischen Unwahrheit und Lüge unterscheiden (im ersteren Fall glaubt der Urheber selber an seine Falschaussage; im zweiten Fall nicht; zu möglichen Motiven einer Lüge siehe Lüge). Das Entstehen einer unwahren Tatsachenbehauptung oder These wird begünstigt, wenn der Urheber eine stark subjektiv gefärbte Wahrnehmung hat, unstrukturiert denkt, Vermutungen für Tatsachen nimmt, ein Missverständnis nicht bemerkt, wenn er zu Verschwörungstheorien neigt und/oder wenn er niedere Motive hat (als solche gelten z. B. Schadenfreude, Bosheit, Neid, Missgunst (impliziert Destruktivität)).

Gerüchte kann man schriftlich oder mündlich verbreiten bzw. weiterverbreiten (siehe auch Tratsch); auch Massenmedien können dies. Motive zum "weitererzählen" können ein subjektiv empfundener Neuigkeitswert bzw. Sensationsgrad sein oder eine persönliche Betroffenheit.

Manchmal wird beim Weitererzählen eines Gerüchts der Rezipient gebeten, es nicht weiterzuerzählen und/oder nicht zu verraten, von wem er das Gerücht gehört hat (Vertraulichkeit). Der Erzähler kann ein berechtigtes Interesse daran haben. Ein Beispiel: X erzählte Y Ende 1942 das (wahre) Gerücht, die militärische Lage in der Schlacht von Stalingrad sei weitaus schlimmer als vom NS-Regime behauptet. Eine solche Aussage konnte den Erzähler das Leben kosten (Anklage wegen Wehrkraftzersetzung).

Feldexperimente, in denen Forscher bewusst Gerüchte in Umlauf brachten, ergaben, dass an der verformenden Weitergabe von Gerüchten bestimmte Personen einer Population in besonderem Ausmaß beteiligt sind. Eine große Rolle spielen deren Glaubwürdigkeit und Autorität. F. C. Bartlett (1932) konnte mit der Methode der Kettenreproduktion folgende Tendenzen der Gerüchtbildung modellieren: Vereinfachung, Strukturierung, Dramatisierung, Detaillierung und Schuldzuweisung.

Das Phänomen, dass Nachrichten beim mehrfachen Weitergeben verändert werden, wird auch Stille Post genannt.

Gerüchte in Volkserzählungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Gerücht wird von der volkskundlichen Erzählforschung als eine eher exotische Gattung der Volksprosa betrachtet. Es ist meist kurz und direkt, die Mitteilung erfolgt oftmals in der dritten Person und bezieht sich für gewöhnlich auf etwas bereits Geschehenes. Charakteristische Textrahmen wie „Ich habe gehört, dass …“ zu Beginn oder „Ist das nicht ein Ding?“ am Ende des Erzählten liegen sowohl im fragwürdigen Wahrheitsgehalt als auch in der moralischen Ambivalenz begründet. Das Gerücht steht in besonderer Relation zur Sage, auch zur modernen Sage.

Funktionsbereiche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Anlehnung an DiFonzo und Bordia (2007)[10] haben Hutchinson und Appel (2020) eine Klassifikation unterschiedlicher Funktionsbereiche von Gerüchten zusammengetragen:[11]

  • Mehrdeutigkeit entgegenwirken
  • Bedrohungen bewältigen
  • Unterhaltung
  • Kommunikation von Gruppennormen
  • Anderen Schaden zufügen

Glaubhaftigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ob einem Gerücht Glauben geschenkt wird, hängt von unterschiedlichen Faktoren ab. Gemäß dem confirmation bias werden Informationen eher geglaubt, wenn diese den eigenen Ansichten entsprechen.[12] Informationen werden außerdem als glaubhafter wahrgenommen, wenn sie von verschiedenen Quellen verbreitet werden[11] und die Quellen als glaubwürdig wahrgenommen werden[13]. Außerdem wird Gerüchten entsprechend dem Illusory Truth Effect eher Glauben geschenkt, wenn diese mehrfach gehört werden[14].

Beendigung von Gerüchten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemäß Merten (2009) gibt es vier verschiedene Möglichkeiten, um ein Gerücht zu beenden:[15]

  1. Der im Gerücht behauptete Sachverhalt lässt sich – für alle Kenner des Gerüchts wahrnehmbar oder erfahrbar – in den Medien als definitiv nicht zutreffend darstellen. Das trifft beispielsweise für alle Prognose-Gerüchte (etwa Weltuntergangsgerüchte) zu.
  2. Alle Adressaten wurden vom Gerücht erreicht, sodass sich niemand mehr dafür interessiert.
  3. Ereignisse höherer Aktualität (das könnte auch ein noch aktuelleres Gerücht sein) treten ein und überlagern den Gerüchteprozess, sodass dieser abstirbt.
  4. In der Öffentlichkeit werden das Gerücht und dessen Kontext rückhaltlos und vor allem glaubhaft aufgeklärt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Florian Altenhöner: Kommunikation und Kontrolle. Gerüchte und städtische Öffentlichkeiten in Berlin und London 1914/1918. München 2008, ISBN 978-3-486-58183-6.
  • F. C. Bartlett: Remembering. A study in experimental and social psychology. Cambridge University Press, Cambridge 1932.
  • Jürgen Brokoff: Die Kommunikation der Gerüchte. Wallstein, Göttingen 2008, ISBN 978-3-8353-0332-4.
  • Manfred Bruhn, Werner Wunderlich (Hrsg.): Medium Gerücht. Studien zu Theorie und Praxis einer kollektiven Kommunikationsform. Haupt, Bern u. a. 2004, ISBN 3-258-06650-7.
  • Karin Bruns: “Do it wherever you want it but do it!” Das Gerücht als partizipative Produktivkraft der neuen Medien. In: Britta Neitzel, Rolf F. Nohr (Hrsg.): Das Spiel mit dem Medium. Partizipation – Immersion – Interaktion (Schriftenreihe der Gesellschaft für Medienwissenschaften). Schüren, Marburg 2006, ISBN 3-89472-441-2, S. 332–347.
  • Klaus Merten: Zur Theorie des Gerüchts. In: Publizistik, Band 54, Nummer 1, S. 15–42.
  • Gary Alan Fine und Janet S. Severance: Gerücht. In: Enzyklopädie des Märchens, Bd. 5, 1988, Sp. 1102–1109.
  • Jean-Noël Kapferer: Gerüchte. Das älteste Massenmedium der Welt. Aufbau-Taschenbuch-Verlag, Berlin 1997, ISBN 3-7466-1244-6.
  • Hans-Joachim Neubauer: Fama. Eine Geschichte des Gerüchts. Matthes & Seitz, Berlin 2008, ISBN 978-3-88221-727-8.
  • Wolfgang Pippke: Gerücht. In: Peter Heinrich, Jochen Schulz zur Wiesch (Hrsg.): Wörterbuch zur Mikropolitik. Leske & Budrich, Opladen 1998, ISBN 3-8100-2013-3, S. 96–98.
  • Christian Schuldt: Klatsch! Vom Geschwätz im Dorf zum Gezwitscher im Netz. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-458-17457-8.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiktionary: Gerücht – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
Wikiquote: Gerücht – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Das lateinische Wort fama ist eine Entlehnung von dem dorisch-griechischen Wort phama bzw. attisch-griechischen Wort pheme, vgl. Lars-Broder Keil, Sven Felix Kellerhoff: Gerüchte machen Geschichte. Folgenreiche Falschmeldungen im 20. Jahrhundert. Berlin 2006, S. 11, ISBN 3-86153-386-3.
  2. Duden: Ondit
  3. a b Robert H. Knapp: A PSYCHOLOGY OF RUMOR. In: Public Opinion Quarterly. Band 8, Nr. 1, 1. Januar 1944, ISSN 0033-362X, S. 22–37, doi:10.1086/265665 (oup.com [abgerufen am 12. Januar 2020]).
  4. Nicholas DiFonzo, Prashant Bordia, Ralph L. Rosnow: Reining in rumors. In: Organizational Dynamics. Band 23, Nr. 1, 1. Juni 1994, ISSN 0090-2616, S. 47–62, doi:10.1016/0090-2616(94)90087-6 (sciencedirect.com [abgerufen am 12. Januar 2020]).
  5. David L. Miller: Introduction to collective behavior and collective action. Waveland Press, Long Grove 2013.
  6. a b Johannes Stehr: Sagenhafter Alltag. Über die private Aneignung herrschender Moral. Frankfurt a. M. / New York 1998, S. 63 f., ISBN 3-593-35986-3.
  7. Max Brink: Gerücht oder Legende. Methoden der Irreführung. Verlag Books on Demand, Norderstedt 2000, S. 17 und 39, ISBN 3-89811-735-9.
  8. Jörg Bergmann: Der Klatsch. Zur Sozialform der diskreten Indiskretion. Berlin / New York 1987, S. 96, ISBN 3-11-011236-1.
  9. Pamela Wehling: Kommunikation in Organisationen. Das Gerücht im organisationalen Wandlungsprozess. Wiesbaden 2007, S. 74, ISBN 3-8350-6083-X.
  10. Nicholas DiFonzo, Prashant Bordia: Rumor, Gossip and Urban Legends. In: Diogenes. Band 54, Nr. 1, Februar 2007, ISSN 0392-1921, S. 19–35, doi:10.1177/0392192107073433 (DOI=10.1177/0392192107073433 [abgerufen am 12. Januar 2020]).
  11. a b Leona Hutchinson, Markus Appel: Die Psychologie des Gerüchts. In: Die Psychologie des Postfaktischen: Über Fake News, „Lügenpresse“, Clickbait & Co. Springer Berlin Heidelberg, Berlin, Heidelberg 2020, ISBN 978-3-662-58695-2, S. 157–166, doi:10.1007/978-3-662-58695-2_14 (DOI=10.1007/978-3-662-58695-2_14 [abgerufen am 12. Januar 2020]).
  12. P. C. Wason: Reasoning about a rule. In: Quarterly Journal of Experimental Psychology. Band 20, Nr. 3, 1. August 1968, ISSN 0033-555X, S. 273–281, doi:10.1080/14640746808400161, PMID 5683766 (DOI=10.1080/14640746808400161 [abgerufen am 12. Januar 2020]).
  13. Nicholas DiFonzo, Prashant Bordia: Rumor psychology: Social and organizational approaches. 2007, doi:10.1037/11503-000 (DOI=10.1037/11503-000 [abgerufen am 12. Januar 2020]).
  14. Nicholas DiFonzo, Jason W. Beckstead, Noah Stupak, Kate Walders: Validity judgments of rumors heard multiple times: the shape of the truth effect. In: Social Influence. Band 11, Nr. 1, 2. Januar 2016, ISSN 1553-4510, S. 22–39, doi:10.1080/15534510.2015.1137224 (DOI=10.1080/15534510.2015.1137224 [abgerufen am 12. Januar 2020]).
  15. Klaus Merten: Zur Theorie des Gerüchts. In: Publizistik. Band 54, Nr. 1, März 2009, ISSN 0033-4006, S. 15–42, doi:10.1007/s11616-009-0028-y (springer.com [abgerufen am 12. Januar 2020]).