Gerechte-Welt-Glaube

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Der Gerechte-Welt-Glaube (englisch just-world hypothesis) bezeichnet eine generalisierte Erwartung, dass es in der Welt grundsätzlich gerecht zugeht und dass Menschen im Leben das bekommen, was ihnen zusteht.[1][2][3]

Es wurden Verfahren entwickelt, um den Gerechte-Welt-Glauben als Persönlichkeitsmerkmal zu messen.[4][5]

Mögliche Bedeutung hat der Glaube an eine gerechte Welt für die Verarbeitung von Unfallfolgen und auch Psychotraumata. Wichtig erscheint, ob der Unfall durch das Opfer als faires oder unfaires Schicksal betrachtet wird und ob negative Emotionen vorherrschen (im Sinne von „das Opfer hadert mit seinem Schicksal“).[6] Der Gerechte-Welt-Glaube kann eine wichtige persönliche Ressource bei der Bewältigung von kritischen Lebensereignissen sein.[7] Ein anderes Beispiel ist die Bewältigung von Arbeitslosigkeit.[8]

Dem Gerechte-Welt-Glauben können Einstellungen wie Täter-Opfer-Umkehr und der Herabsetzung Armer zugrunde liegen.[9]

Weltanschauliche Aspekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Gerechte-Welt-Glaube ist in die übergreifenden philosophische Weltanschauung einer Person eingebettet. Er bildet die Basis von persönlichen aber auch sozio-kulturellen moralischen Wertemaßstäben. Thematisch wird sowohl in theologischen als auch in atheistischen Weltanschauungen dazu Stellung genommen.

Christentum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Unterscheidung zwischen Recht und Unrecht wird im christlichen Glauben in letzter Instanz auf eine welterschaffende Göttlichkeit zurückgeführt. Nach christlichem Maßstab ist vor Gott keiner gerecht und Gerechtigkeit kann nur durch den Sühnetod von Jesus erlangt werden. In den Berichten der neutestamentlichen Autoren wird deshalb eine Wertung von Leid als gerechte Strafe für das unrechte Handeln einer Person abgelehnt und darauf verwiesen, dass jeder unrecht handelt. Siehe z. B. Jesus Aussagen im Lukas-Evangelium:

„Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms am Schiloach erschlagen wurden - meint ihr, dass sie größere Schuld auf sich geladen hatten als alle anderen Einwohner von Jerusalem? Nein, sage ich euch, vielmehr werdet ihr alle ebenso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt.“ (Lukas 13,4–5 EU)

Die Aufforderung, ein „gerechtes“ Leben anzustreben, zieht deshalb keinen Anspruch auf eine „gerechtere“ Behandlung oder gar einen höheren Status nach sich. Davon abweichende sozio-kulturell bedingte Interpretationen des christlichen Glaubens führten wiederholt zu korrigierenden Glaubensbewegungen.

Ökologische Bewegung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ökologische Bewegungen sehen in der Verantwortung für die Umwelt und die nachfolgende Generation eine moralische Verpflichtung für eine gerechte Welt. So basiert z. B. die in der Fridays-For-Future-Bewegung oft zu beobachtende moralische Verurteilung der „untätigen“ älteren Generationen auf einem Gerechte-Welt-Anspruch.[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Jürgen Maes: Die Geschichte der Gerechte-Welt-Forschung: Eine Entwicklung in acht Stufen? In: Gerechtigkeit als innerdeutsches Problem – Bericht. Nr. 17, 1998, ISSN 1430-1148 (handle.net [abgerufen am 30. April 2020]).

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Siegfried Preiser, Constanze Beierlein: Gerechte-Welt-Glaube. In: Dorsch Lexikon der Psychologie. M. A. Wirtz, 2014, S. 622, abgerufen am 30. April 2020.
  2. Lerner, M.J.: The belief in a just world: A fundamental delusion. Plenum, New York 1980.
  3. Montada, L. & Lerner, M.J.: Responses to victimizations and belief in a just world. Plenum, New York 1998.
  4. Dalbert, C. (1999): The world is more just for me than generally: About the personal belief in a just world scale's validity. Social Justice Research, 12, 79-98.
  5. Rubin, Z. & Peplau, L.A. (1975): Who believes in a just world? Journal of Social Issues, 31(3), 65-89.
  6. Montada, L.: Attribution of responsibility for losses and perceived injustice. In: L. Montada, S.H. Filipp & M.J. Lerner (Hrsg.): Life crises and experiences of loss in adulthood. Erlbaum, Hillsdale (NJ) 1992, S. 133–161.
  7. Dalbert, C.: The Justice Motive as a Personal Resource. Dealing with Challenges and Critical Life Events. Kluwer Academic, New York 2001.
  8. Dalbert, C.: Belief in a just world as a resource for unemployed young adults. In: C. Dalbert & H. Sallay (Hrsg.): The Justice Motive in Adolescence and Young Adulthood. Origins and consequences. Routledge, London 2004, S. 175–188.
  9. Aileen Lovitt, Murray G. Millar, R. Shane Westfall: The Influence of Physical Attractiveness on Belief in a Just World, SAGE Publications, 8. März 2018.
  10. Maurizio Ferraris: Wohlstand und Fortschritt schützen das Klima besser als jede Moral. In: Neue Zürcher Zeitung. 7. Oktober 2021, abgerufen am 11. Dezember 2021.