Gerhard Anton von Halem

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Gerhard Anton von Halem (1752–1819)

Gerhard Anton von Halem (* 2. März 1752 in Oldenburg (Oldenburg); † 4. Januar 1819 in Eutin) war ein deutscher Schriftsteller, Jurist und Oldenburger Verwaltungsbeamter.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gerhard Anton von Halem wurde im damals zu Dänemark gehörenden Oldenburg geboren. Seine Eltern waren der Stadtsyndikus und Justizrat Anton Wilhelm von Halem (1711–1771) und dessen Ehefrau Magdalena Sophia Wardenburg (1733–1809). Sein Vater legte Wert auf eine breite Bildung seines Sohnes. Halem hatte dadurch früh Zugang zur Bibliothek seines Vaters. Erste literarische Eindrücke erhielt er durch seinen Lehrer Johann Michael Herbart. Bereits im Alter von 16 Jahren bezog er die Universität Frankfurt (Oder) und später Straßburg, und schon mit 18 Jahren promovierte er zum Dr. jur. in Kopenhagen.

Nach der Rückkehr nach Oldenburg unterstützte er zunächst seinen Vater in dessen Kanzlei und übernahm nach seinem Tod die Geschäfte und die Ernährung der hinterbliebenen Familie.

Bereits 1775 trat der Aufklärer in den Staatsdienst des nach dem Vertrag von Zarskoje Selo nun wieder selbständigen und zum Herzogtum erhobenen Oldenburg ein, zunächst als Assistent des Landvogts Georg Christian Oeder. Von Halem blieb die meiste Zeit seines Lebens im Dienste des Herzogs Peter Friedrich Ludwig. Zunächst wirkte er bis zur Annexion Oldenburgs durch Frankreich in der Verwaltung in Oldenburg selbst. Er stieg dabei bis zum Leiter der Justizkanzlei auf. Als Oldenburg 1811 von Frankreich einverleibt wurde, bot der Herzog Halem an, diesen ins russische Exil zu begleiten. Halem lehnte dies jedoch mit der Begründung seines fortgeschrittenen Alters ab und trat zunächst in Oldenburg und später in Hamburg in französische Dienste. Selbst als Hamburg in den Wirren der Befreiungskriege nach kurzzeitiger Besetzung durch alliierte Truppen von den französischen Truppen zurückerobert wurde, kehrte Halem auf seinen Posten am Kaiserlichen Gerichtshof in Hamburg zurück.

Ein Grund dafür ist darin zu sehen, dass Halem große Hoffnungen in eine geordnete aufgeklärte bürgerliche Rechtsprechung hatte, zumal er selbst in Oldenburg eine Reform umzusetzen versuchte. Als Jurist verfolgte er die Entwicklung der Rechtsprechung im revolutionären Frankreich. Die Einführung des Code civil auch in den angegliederten Departements in Norddeutschland begrüßte er in einer inhaltlich überlieferten Ansprache.

Nach der Niederlage Napoleons wurde Halem 1. Rat der Regierung in Eutin im Fürstentum Lübeck, welches zu Oldenburg gehörte, da nach den Befreiungskriegen die Wiederanstellung aufgrund seiner frankophilen Haltung nicht möglich erschien. Welches Ansehen von Halem bei dem wiedergekehrten Herzog gehabt haben muss, zeigt die Tatsache, dass Peter Friedrich Ludwig im Zuge dieser Versetzung die Privatbibliothek seines Beamten käuflich erwarb und in das Eutiner Schloss bringen ließ, wo Halem diese Sammlung von 8000 Bänden weiter nutzen konnte. Die Bibliothek Halems bildet den Grundstock der heutigen Eutiner Landesbibliothek.

Er war Zeitgenosse von Gerhard Anton Gramberg, Landarzt in Oldenburg und herzoglicher Leibarzt, mit dessen Töchtern Frederike Wilhelmine und Sophie er in zweiter und dritter Ehe vermählt war. Mit diesem gab er verschiedene Zeitschriften von regionaler Bedeutung heraus.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Er war mehrfach verheiratet. Seine erste Frau wurde am 12. Januar 1781 Susanna Sophia Wardenburg (* 10. Januar 1762; † 15. Juni 1782). Das Paar hatte eine Tochter:

  • Berhardine Wilhelmine Sophie (* 29. Dezember 1781; † 8. November 1808) ∞ Adam Christian Langreuter (* 12. Februar 1772; † 21. März 1859), Theologe[1]

Nach dem Tod seiner Frau heiratet er am 4. Juni 1798 Friederike Wilhelmine Gramberg (* 1772; † 30. September 1815). Das Paar hatte folgende Kinder:

  • Susanne (* 18. Dezember 1802; † 2. März 1865)
  • Arnold (* 14. August 1799; † 4. März 1848) ∞ Dorothea Elisabeth Heuer (* 20. August 1797; † 1880)
  • Marie (* 1801; † 20. Oktober 1854)
  • Antonie (* 24. April 1806; † 4. Mai 1885)
  • Elimar (* 23. November 1809; † 7. Oktober 1846), Mediziner ∞ Friederike Reisner (* 24. Juli 1820; † nach 1870) (aus Saransk im heutigen Mordwinien)
  • Friederike (* 30. September 1815; † 1872)

Nachdem seine zweite Frau im Kindbett gestorben war, heiratet er am 25. Dezember 1816 ihre jüngere Schwester Sophie (* 1780;† 7. März 1864). Diese Ehe blieb kinderlos.

Über seinen Sohn Elimar ist Halem ist ein direkter Vorfahre von Nikolaus Christoph von Halem (1905–1944).

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Halem war ein typischer Vertreter der Spätaufklärung. Er stand mit den bedeutendsten Zeitgenossen in freundschaftlichem Briefwechsel. Dazu gehörten Christoph Martin Wieland, Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg, Gottfried August Bürger und Johann Heinrich Voß.

Seine Einstellung zur Französischen Revolution, die auch in seinem Werk Niederschlag fand, macht ihn für die heutige Forschung wieder interessant. Sie brachte ihm die Bekanntschaft und Freundschaft mit Adolph Freiherr von Knigge und Konrad Engelbert Oelsner. In einen Brief an Wieland spricht Halem von der opinion publique. Damit dürfte er der erste sein, der den Begriff der Öffentlichen Meinung in den deutschen Sprachgebrauch eingeführt hat. Lange ging die Literaturwissenschaft davon aus, dass dies erst durch Georg Forster geschah.

Die bisherige Forschung nahm nur wenig Notiz von Halem. Die Ursache dafür ist zum Teil in einen Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe im Jahre 1802 zurückzuführen, in dem sie auf die von 1801 bis 1806 von Halem herausgegebene Zeitschrift Irene Bezug nehmen:

„[…] Sie sind, mit mir, höflich eingeladen, einige Beiträge zu der Irene von Halem einzuschicken. Es ist doch eine wahre Bestialität, daß diese Herren, welche das Mögliche versuchen um uns zu annihilieren, noch verlangen können, daß wir ihre Werke selbst fördern sollen. Ich bin aber Willens, Ungern, der mir diesen Antrag getan, recht aus vollem Herzen zu antworten. […]“, schrieb Friedrich Schiller am 17. März 1802 an Goethe. Dieser antwortet: „[…] Ich wünsche Ihnen einen recht guten Humor und eine recht derbe Faust, wenn Sie auf die irenische Einladung antworten. Es wäre recht schön wenn Ihnen ein Epistel glückte, die auf alle das Packzeug paßte, dem ich immer größern Haß widme und gelobe. […]“ (Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe in den Jahren 1794 bis 1805. Hrsg. von Manfred Beetz. Münchner Ausgabe, Band 8.1, hrsg. von Karl Richter et al. München und Wien 1990; München 2005 für die Taschenbuchausgabe)

Sein Wallenstein-Drama gilt als die bedeutendste Bearbeitung des Stoffes vor Schillers Trilogie. Es wurde 1786 erstmals komplett veröffentlicht. Zuvor wurde ein Auszug im Deutsches Museum 1785, 1.Bd., S. 396–417 gedruckt. Kein Geringerer als Gottfried August Bürger hat das Stück Korrektur gelesen. Eine zweite - leicht erweiterte - Fassung erschien 1794. Ein Nachweis, ob Schiller diesen Text kannte, konnte bislang nicht erbracht werden. Parallelen in der Darstellung sind durchaus vorhanden, dürften jedoch auf die Verwendung gleicher Quellen zurückzuführen sein.

Die von ihm verfasste Reisebeschreibung Blicke auf einen Theil Deutschlands, der Schweiz und Frankreichs bey einer Reise vom Jahre 1790 (1791) berichtet zwar über die ruhigste Phase der Ereignisse in Frankreich, sie schließt jedoch die Lücke zwischen den Berichten Campes und Reichardts. Die Blicke sind der bedeutendste Text Halems und stehen in keiner Weise hinter anderen bedeutenden Reisebeschreibungen ihrer Zeit zurück. Auffällig ist besonders das enzyklopädische Wissen, das Halem bei der Komposition heranziehen kann. Er zitiert immerhin in 7 Sprachen! Der in Briefform verfasste Text zeigt eine rational positive Haltung zur Französischen Revolution. Auch nach der Hinrichtung des Königs und dem Grande Terreur konnte Halem seinen nüchternen Blick bewahren, wiewohl er sich deutlich mit einer Ode ganz im Stil seines literarischen Vorbildes Klopstock distanzierte, und erkannte die Fortschritte der Revolution vor allem auf juristischem Gebiet an. In der Reisebeschreibung spricht er sich für die Befreiung der Juden aus und in seinem Dramolett Die Stimme der Natur (1794) feiert er die Aufhebung der Sklaverei in den französischen Kolonien durch den Konvent im gleichen Jahre.

Eine zweite Reise nach Paris (Erinnerungs-Blätter von einer Reise nach Paris im Sommer 1811) zur Huldigung Napoleons hat zwar nicht die Bedeutung der Blicke, bemerkenswert bleibt jedoch die Tatsache, dass Halem diese 1813 veröffentlichen ließ, obwohl Napoleons Stern bereits im Sinken begriffen war. Auf dieser Reise lernte von Halem Alexander von Humboldt kennen. Seine Einschätzung, dass die große Lebhaftigkeit seines Geistes der Wissenschaft noch Vieles [verspricht], zeigt, wie vorausschauend Halem in Hinblick auf Humboldt war. Halem erkannte, was die deutsche Öffentlichkeit erst nahezu 200 Jahre später realisierte.

Neben Lyrik und zahlreichen Aufsätzen zu einer großen Bandbreite von Themen enthält sein Werk eine dreibändige Geschichte des Herzogthums Oldenburg, die in ihrer Darstellung an die Osnabrückische Geschichte von Justus Möser angelehnt ist. Des Weiteren schrieb Halem Biographien des aus Oldenburg stammenden Generalfeldmarschalls in russischen Diensten, Burkhard Christoph von Münnich, und Peters des Großen. Erstaunlicherweise war das Echo auf diese Werke in Schweden, Russland und Frankreich größer als in Deutschland. Aufgrund ihres Quellenreichtums gilt die letztgenannte Schrift nicht nur als erste wissenschaftliche Darstellung Peters, sondern auch als wichtiges Hilfsmittel der heutigen russischen Geschichtsforschung.

Das von Ludwig van Beethoven komponierte Lied Gretels Warnung (aus Sechs Gesänge für Singstimme und Klavier, op. 75/4, komponiert 1795, fertiggestellt 1809) basiert auf einem Gedicht von Halem. Dieses Gedicht ist thematisch wie stilistisch an Gottfried August Bürgers Des Pfarrers Tochter von Taubenhain angelehnt.

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1786: Wallenstein, ein Schauspiel Göttingen 1786 (Dramatischer Text)
  • 1787-97: Blätter vermischten Inhalts, Gerhard Anton von Halem und Gerhard Anton Gramberg, Oldenburg (Zeitschrift)
  • 1789: Poesie und Prosa (Gedichte und Aufsätze)
  • 1791: Blicke auf einen Theil Deutschlands... Hamburg 1791 (Reisebeschreibung) (kommentierte Neuausgabe Bremen 1990)
  • 1792: Andenken an Oeder (Gedicht/Nachruf)
  • 1794: Dramatische Werke - enthält eine 2. Fassung des Wallenstein (Dramatische Texte)
  • 1794–1796: Geschichte des Herzogthums Oldenburg (Historiographische Gesamtdarstellung)
  • 1795: Ein dringendes Wort an das Heilige Römische Reich... (Aufsatz in verschiedenen Auflagen!)
  • 1787–1797: Blätter vermischten Inhalts (Zeitschrift)
  • 1798: Blüthen aus Trümmern (Gedichte)
  • 1803: Lebensbeschreibung des Russisch-Kaiserlichen Generalfeldmarschalls Burchard Christoph von Münnich (Biographie)
  • 1803–1804: Leben Peters des Großen (Biographie)
  • 1803–1810: Schriften (Aufsätze)
  • 1804–1807: Oldenburgische Zeitschrift (Zeitschrift)
  • 1805: Jetzt geltendes Oldenburgisches Particular-Recht in systematischem Auszuge[1] (Sammlung von Gesetzestexten)
  • 1807: Sammlung der wichtigsten Aktenstücke zur neuesten Zeitgeschichte... (Zeitschrift)
  • 1810: Jesus, der Stifter des Gottesreiches (Epos)
  • 1812: Magazin für das Civil- und Criminal-Recht des Kaiserreiches Frankreich (Zeitschrift)
  • 1813: Erinnerungs-Blätter von einer Reise nach Paris im Sommer 1811 (Reisebeschreibung)
  • 1813: Statistisches Handbuch für das Departement der Wesermündungen auf das Jahr 1813 (Jahrbuch/Kalender)
  • 1813: Töne der Zeit (Gedichtsammlung)
  • 1816: Vernunft aus Gott... (Gedichtsammlung)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gerhard Lange: Gerhard Anton von Halem (1752–1819) als Schriftsteller. Leipzig 1928.
  • Karl Steinhoff: Gerhard Anton von Halem (1752–1819). Oldenburgischer Geschichtsschreiber, Literat und Weltbürger im Zeitalter der Aufklärung. In: Oldenburgische Familienkunde. ISSN 0030-2074. Jg. 22 (1980), H. 1, S. 147–167.
  • Paul Raabe: Der Briefnachlaß Gerhard Anton von Halems (1752–1819) in der Landesbibliothek Oldenburg (Katalog). Oldenburg 1982. ISBN 3-447-02407-0
  • Klaus-Peter Müller und Karl-Heinz Ziessow (Hrsg.): Im Westen geht die Sonne auf. Justizrat Gerhard Anton von Halem auf Reisen nach Paris 1790 und 1811 (Ausstellungskatalog, Schriften der Landesbibliothek Oldenburg 21). 2 Bände. Oldenburg 1990.
  • Claus Ritterhoff: Gerhard Anton von Halem In: H. Friedl et al. (Hrsg.): Biographisches Handbuch zur Geschichte des Landes Oldenburg. Oldenburg 1992 ISBN 3-89442-135-5.
  • Heidi & Wolfgang Beutin: Der Löwenritter in den Zeiten der Aufklärung. G. A. v. Halems Iwein-Version „Ritter Twein“ Göppingen 1994 ISBN 3-87452-837-5.
  • Anne-Bitt Gerecke: Halem, Gerhard Anton von: Wallenstein, ein Schauspiel. Göttingen 1786. In: Heide Hollmer, Albert Meier (Hrsg.): Dramenlexikon des 18. Jahrhunderts. München: C. H. Beck 2001. S. 123–124.
  • Ronald Heinze: Die Schweiz als Modell für die deutsche Aufklärung in ausgewählten Reiseschriften von Halem, Afsprung und Baggesen. In: D. Bähtz, M. Beetz, R. Rittig (Hrsg.): Dem freien Geiste freien Flug - Beiträge zur deutschen Literatur. Für Thomas Höhle. Leipzig 2003 ISBN 3-936522-42-1.
  • Ronald Heinze: Halem, Schiller und Wallenstein. Probleme der Dramengestaltung und der Darstellung des Krieges im „Wallenstein“. In: Helle Panke (Hrsg.): Friedrich Schiller und das lebendige Erbe der Aufklärung. Berlin 2006.
  • Christina Randig: Aufklärung und Region – Gerhard Anton von Halem (1752–1819) Göttingen 2007 ISBN 978-3-89971-351-0.
  • August Mutzenbecher: Halem, Gerhard Anton von. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 10, Duncker & Humblot, Leipzig 1879, S. 407–409.
  • Gerhard Anton von Halem, Gerhard Anton v. Halem's Selbstbiographie, 1840, Digitalisat

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wikisource: Gerhard Anton von Halem – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Nachkommen Langreuter