Gertraudenfriedhof (Halle)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Zentralgebäude des Gertraudenfriedhof

Der Gertraudenfriedhof in Halle (Saale) ist ein unter Denkmalschutz stehender, 1912 bis 1914 errichteter Friedhof im Norden der Stadt. Im Denkmalverzeichnis der Stadt Halle ist der Friedhof unter der Erfassungsnummer 094 04815 verzeichnet.[1] Den Entwurf schuf Stadtbaurat Wilhelm Jost.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Friedhof wurde zur Entlastung des Südfriedhofs errichtet. Seinen Namen erhielt er in Anlehnung an den ehemaligen innerstädtischen Friedhof der Pfarrkirche St. Gertruden, der im Zuge des Baus des Schiffes der Marktkirche und der Anlage des Marktplatzes beseitigt wurde.

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Kunstwerk Die Endlose Straße auf dem Gertraudenfriedhof von Richard Horn

Das Gelände des Gertraudenfriedhofs umfasst ein Areal von 37 Hektar. Zentraler Bestandteil der Architektur ist die turmartige, fast würfelförmige Aussegnungshalle mit Krematorium. Die Halle ist mit einem flachen Walmdach gedeckt. Der Zentralbau wird von Säulenkolonnaden in dorischem Stil mit Aufenthaltsräumen flankiert, die ihren Abschluss in vorgezogenen Säulengalerien finden. Das Bauwerk hat monumentalen, tempelartigen Charakter. Vor der Halle befindet sich ein großes rechteckiges Wasserbassin. Die an jedem Krematorium problematische Gestaltung der beiden Schornsteine wurde durch ihre Anordnung hinter der Kapelle und die Schaffung eines verbindenden Schwibbogens gelöst.

Innen besteht die Aussegnungshalle aus einer hohen Rotunde mit einer Kuppel, die von schlichten dorischen Säulen gestützt wird. Die Kuppel ist von Innen mit Fresken von Karl Völker geschmückt; darunter ein Bildmotiv "Engelszyklus".

Neuer Jüdischer Friedhof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Teil des Gesamtareals ist der Neue Jüdische Friedhof, der als getrennte Anlage errichtet wurde. 1929 wurde der Friedhof mit dem Eingang an der Dessauer Straße 24 als vierter jüdischer Friedhof eingeweiht. Der Leipziger Architekt Wilhelm Haller errichtete mit der Trauerhalle die zu diesem Zeitpunkt bedeutendste expressionistische Architekturschöpfung in Halle.

Der Umbau im Februar 1941 und ein Erweiterungsbau im Mai 1942 veränderte sie äußerlich jedoch völlig. Die Friedhofshalle wurde nun als jüdisches Altenheim und Sammellager für Juden aus Halle, dem Saargebiet, der Pfalz und aus Baden genutzt. Von hier aus erfolgten Deportationen nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz.

Zum Friedhof gehört auch ein jüdisches Denkmalfeld mit insgesamt 180 Grabmalen, zum Teil noch aus dem Mittelalter. Es entstand, als das Begräbnisfeld am Töpferplan, dem zweiten alten jüdischen Friedhof, im Jahre 1937 zwangsweise aufgelöst wurde und die besterhaltenen Grabmale in die Anlage des neuen jüdischen Friedhofs integriert wurden.

Träger des Friedhofs ist die Jüdische Gemeinde Halle.

Gräber bekannter Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den Gräbern bekannter Persönlichkeiten auf dem Gertraudenfriedhof gehört das Grab von Wilhelm Jost, der auch große Teile der Anlagen in seiner Funktion als Stadtbaurat entwarf.

  • Hans Vaihinger (* 25. September 1852 in Nehren bei Tübingen; † 18. Dezember 1933 in Halle (Saale)), Philosoph und Kant-Forscher; (ehemalige) Grablege zwischen Abteilung I und II (aufgelassen)
  • Reinhold Lohse (* 12. Oktober 1878 in Glaucha; † 16. November 1964 in Halle (Saale)), Straßenmusikant; Abteilung IX Wahlstelle 141 (Ehrengrab der Stadt Halle)
  • Walther Siegmund-Schultze (* 6. Juli 1916 in Schweinitz, Provinz Sachsen; † 6. März 1993 in Halle (Saale)), Musikwissenschaftler, Mitbegründer der Händel-Festspiele Halle; Grablege Abteilung XIII Sondergrab 31
  • Willi Sitte (* 28. Februar 1921 in Kratzau, Tschechoslowakei, heute Tschechien; † 8. Juni 2013 in Halle (Saale)), deutscher Maler und Grafiker, Präsident des Verbandes Bildender Künstler (VBK) der DDR; Grablege Abteilung XI Sondergrabstätte 126-127
  • Christa Susanne Dorothea Kleinert (* 21. September 1925 in Neurode/Schlesien; † 14. Februar 2004 in Halle (Saale)), deutsche Ökonomin; Grablege Abteilung V.C.119

Denkmale und Gräberfelder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Auf dem Friedhof standen und stehen einige bedeutsame Denkmale; zu ihnen gehören:

NIEMAND HAT GRÖSSRE LIEBE DENN DIE DASS ER SEIN LEBEN LÄSSET FÜR SEINE FREUNDE
  • Denkmal für die Bombenopfer von 1944/45: Genau in der Mitte der Friedhofsanlage trägt ein großer Sockel (eines Vorgängerdenkmals) eine Friedenstaube und die Inschrift: Die 689 Bombenopfer auf diesem Friedhof mahnen zum Frieden. Die Gräberfelder mit den Opfern der Luftangriffe auf Halle (Saale) befinden sich unweit des Denkmals auf der "Abteilung 25". Jeder Tote erhielt einen liegenden Grabstein mit Namen, Geburts- und Sterbejahr. Die zerfallenen Kalksteine aus der Nachkriegszeit wurden 1995 durch witterungsbeständige Natursteine ersetzt.
  • In der Mitte des Kolumbariums stehen Die Figuren der endlosen Straße, angeführt durch den Tod, geschaffen vom Bildhauer Richard Horn (1980)
  • Gedenkfeld für die Opfer des Faschismus: Obelisk und Einzelsteine vom Bildhauer Richard Horn von 1948/1949
  • Mahnmal für die Opfer von Krieg und Gewalt: 25 Skulpturen vom Bildhauer Richard Horn von 1972/76
  • Mahnmal für die Toten der sowjetischen Garnison in Halle: Kunststeinpyramide und Kunststeinwand mit den Namen der Toten von Henry Cyrenius von 1948/1949
  • Ehrenmal für die Toten der sozialistischen Arbeiterbewegung: Obelisk von Edi Reissner und Heinz Stiller von 1965
  • Relief zum Gedenken an die Opfer des Faschismus: vom Bildhauer Herbert Volwahsen von 1946/1948

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Verein für Friedhofskultur in Halle und dem Umland e.V. / Kathleen Hirschnitz (Hrsg.): Natur und Kunst - Architektur und Landschaft. 100 Jahre Gertraudenfriedhof in Halle (Saale). Hasenverlag, Halle 2014, ISBN 978-3-945377-07-9.
  • Holger Brülls, Thomas Dietzsch: Architekturführer Halle an der Saale. Dietrich Reimer, Berlin 2000, ISBN 3-496-01202-1.
  • Michael Pantenius: Stadtführer Halle. Gondrom, Bindlach 1995, ISBN 3-8112-0816-0.
  • Rose-Marie Frenzel, Reiner Frenzel: Kunst- und Kulturführer Leipzig-Halle. Edition Leipzig, Leipzig 1993, ISBN 3-361-00351-2.
  • Jüdische Gemeinde zu Halle (Hrsg.): 300 Jahre Juden in Halle. Leben, Leistung, Leiden, Lohn. Mitteldeutscher Verlag, Halle 1992. ISBN 3-354-00786-9

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Gertraudenfriedhof (Halle) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Commons: Neuer jüdischer Friedhof (Halle) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Landesamt für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt (Hrsg.): Denkmalverzeichnis Sachsen-Anhalt / Stadt Halle. Fliegenkopfverlag, Halle 1996, ISBN 3-910147-62-3. S. 266.
  2. Aribert Schwenke: Zeitfreiwilligen-Verbände und Hallenser SC während der Unruhen in den Jahren 1919–21. In: Einst und Jetzt. Bd. 31, 1986, S. 47–72.

Koordinaten: 51° 30′ 17,3″ N, 11° 59′ 4,5″ O