Gertrud Feiertag

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Gertrud Feiertag (* 4. Juli 1890 in Berlin; † Mai 1943 im KZ Auschwitz) war eine deutsche Reformpädagogin und Gründerin des Jüdischen Kinder- und Landschulheims Caputh.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sie wuchs zusammen mit ihren drei Geschwistern in einer gutsituierten assimilierten jüdischen Kaufmannsfamilie auf. Sie besuchte in Berlin von 1897 bis 1906 die Luisen-Schule. Folgend führte sie fünf Jahre den mutterlos gewordenen Familienhaushalt. Im Oktober 1911 trat sie in das renommierte Pestalozzi-Fröbel-Haus ein, wo sie eine Kindergärtnerinnen- sowie Jugendleiterinnenausbildung absolvierte. Im Sommer 1913 war sie als Helferin und im darauf folgenden Sommer des Jahres 1914 als zweite Leiterin im Kinder Erholungsheimes U.O.B.B. Zion-Loge XV. No. 360 Hannover auf Norderney tätig. Ostern 1920 übernahm Gertrud Feiertag die Leitung des Kindererholungsheims auf Norderney, dem 1921 eine Abteilung für schulentlassene Mädchen, zur Ausbildung in Kinderpflege und Hauswirtschaft angegliedert wurde. 1929 absolvierte sie, zusätzlich zu ihrer Arbeit in Norderney, noch den Studienkurs für Berufstätige (Vollstudium II) an der Deutschen Akademie für soziale und pädagogische Frauenarbeit. Bereits zuvor hatte Gertrud Feiertag in den Wintermonaten der Jahre 1924/1925, 1925/1926 und 1926/27 Kurse an dieser Ausbildungsstätte besucht[1].

Eingang zum Jugendhilfezentrum Gertrud Feiertag in Caputh, früher Jüdisches Landschulheim Caputh

Mit finanzieller Unterstützung ihres Bruders kaufte sie in Caputh eine Villa, umgeben von einem großen Grundstück mit altem Baumbestand. Dort eröffnete die Pädagogin offiziell am 1. Mai 1931 ihr Jüdisches Landschulheim Caputh u. a. im Einvernehmen mit der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, das sie nach den Prinzipien der Reformpädagogik leitete. Schulischer Leiter war von 1932 bis 1936 Fridolin Friedmann und ab 1937 bis zur Schließung Ernst Ising.[2] In der Presse wurde immer wieder positiv von der Einrichtung berichtet, die bewusst von einer jüdischen Haltung getragen wurde:

„Im Mittelpunkt der Erziehungs- und Unterrichtsarbeit steht die E r z i e h u n g zum J ü d i s c h e n, das alle Fächer zu durchsetzen vermag. Naturgemäß wird besondere Aufmerksamkeit den eigentlich jüdischen Gegenständen gewidmet: der jüdischen Geschichte, die in Verbindung mit der allgemeinen Weltgeschichte gelehrt wird, dem Hebräischen, dem vier Wochenstunden gewidmet sind, der Palästinakunde, die die Verbindung mit allgemeiner Geographie steht, und der jüdischen Gegenwartskunde, der besonders der regelmäßige Oneg Schabbat gewidmet ist. Die allgemeinen Fächer enthalten als Fremdsprachen Englisch und Französisch“.[3]

Großer Wert wurde auf die schöngeistige Bildung gelegt: Zeichnen, Basteln, Gedichte deklamieren, Aufführungen von Musik- und Theaterstücken (in englischer und französischer Sprache) sowie viele Naturerfahrungen in und um Caputh. Eine ehemalige Schülerin erinnerte sich :

„Und dann das Interesse an der Kultur, die Musik! Den 'Freischütz' haben wir aufgeführt und den 'David Copperfield'. Unser Musiklehrer hat uns die 'Kleine Nachtmusik' von Mozart vorgespielt, und wenn ich heute im Theater 'Wie es euch gefällt' sehe, dann sehe ich Rosalind und Orlando im Wald von Caputh, denn dort habe ich als kleines Mädchen Gertrud Feiertag zugehört, wie sie Shakespeare vorgelesen hat“.[4]

Beim Pogrom von 9. auf den 10. November 1938 wurde das Landschulheim überfallen. Die Heimbewohner wurden aufgefordert, sofort die Villa zu verlassen. Mutig stellte sich Feiertag den Nazi-Schergen entgegen, erstattete Anzeige und verlangte mehr Zeit und Gelegenheit, da man sich um die erschrockenen und kranken Kinder besonders kümmern musste.

Nach der Vernichtung des Landerziehungsheimes arbeitete Feiertag in Berlin. Dort unterstützte sie jüdische Hilfsorganisationen und sorgte sich vor allem um die Verschickung elternloser jüdischer Kinder ins rettende Ausland. In diesem Zusammenhang begleitete sie persönlich Kindertransporte nach England. Dabei hätte sich für sie durchaus eine günstige Gelegenheit ergeben, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. Aber Feiertag lehnte eine Flucht ab, da sie sich zutiefst ihrer humanitären Aufgabe verpflichtet fühlte[5].

Gertrud Feiertag wurde am 17. Mai 1943 mit dem 38. Osttransport des Reichssicherheitshauptamtes nach Auschwitz deportiert.

„Eine ehemalige Schülerin aus Caputh, Tamar Berger, ist ihr sowohl im April 1943 im Sammellager in der Oranienburger Straße sowie im Spätsommer dieses Jahres in Auschwitz nochmals begegnet. Sie hat IRMGARD KLÖNNE, Paderborn, in einem Interview darüber berichtet. Damals erfuhr sie, dass sich unter denen, die für die Gaskammer bestimmt waren, GERTRUD FEIERTAG befand: »Ich bin unter Lebensgefahr noch gegangen, sie zu sehen. Hab ihr natürlich nicht erzählt, was ihr bevorsteht. Nette Leute haben es ihr irgendwie erzählt, aber sie hat mich gefragt: ,Was stimmt?' Hab ich gesagt: ,Ich war nicht dort, ich kann's dir leider nicht sagen. Du gehörst in ein Spital, denn du scheinst auf dem Weg zu sein, Flecktyphus zu bekommen‹. Das hat sie beruhigt, da sie nun wußte, warum sie sich so schlecht fühlte, so kraftlos. Sie war schon halb bewußtlos. Ich hab für sie getan, was ich konnte.« [..] GERTRUD FEIERTAG, 1890 in Berlin geboren, starb vermutlich im Alter von 53 Jahren kurz nach dieser Begegnung. Ihr genaues Todesdatum ist unbekannt: im ,Gedenkbuch' des Bundesarchivs Koblenz von 1986 heißt es lediglich: »1943 in Auschwitz verschollen.« »Aber«, um noch ein letztes Mal SOPHIE FRIEDLÄNDER zu zitieren, »Gertrud Feiertags Caputh hat bis heute weitergelebt.«[6]

Ehrungen & Erinnerungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • An eine besondere Ehrung aus dem Jahr 1970 erinnert Sophie Friedländer: „Das Geschenk eines Segelbootes an einen Kibbuz in Israel, gestiftet von ehemaligen Caputhern aus aller Welt zu dem Geburtstag, der ihr 80. gewesen wäre, soll unsere Dankbarkeit für die ‚Seele von Caputh‘ erhalten.“[7]
  • Heute ist im ehemaligen Jüdischen Kinder- und Landschulheim ein Kinderheim untergebracht, das 1986 nach Anne Frank benannt wurde. Im November 2008 erfolgte in Gedenken des 70. Jahrestages der Pogrome von 1938 eine Umbenennung der sozialen Einrichtung in Jugendhilfezentrum Gertrud Feiertag.[8]
  • In Caputh wurde eine Straße nach Gertrud Feiertag benannt.
  • 2009 wurde in der Potsdamer Straße in Caputh, am Eingang zum Jugendhilfezentrum, ein Stolperstein zur Erinnerung an die Gertrud Feiertag eingelassen.[9]
  • Am 1. März 2018 wurde in Potsdam eine von Schülern des Humboldt-Gymnasiums unter dem Titel „ERINNERN AN DAS ERINNERN“ gestaltete Ausstellung über das Landschulheim Caputh eröffnet. 28 Ausstellungstafeln erzählen dessen Geschichte aus verschiedenen Perspektiven. Diese Ausstellung ist auch eine Erinnerungsarbeit über eine frühere Ausstellung, die verschwunden ist: „Die Schüler wollten und wollen ihr Forschungsprojekt nachhaltig und dauerhaft präsentieren und vor allem sichern. Damit nichts wieder verschwinden kann. Denn Mitte der 1990er-Jahre existierte bereits eine ähnliche Ausstellung von Studenten der Fachhochschule. Die erst im Keller der FH gelagert wurde und eines Tages unter ungeklärten Umständen einfach verschwand, erzählt Hans Dieter Rusch. Er war damals an der Recherche beteiligt und drehte dazu sogar einen kurzen Film. Viele Originalaufnahmen aber gingen verloren. ‚Es gab die Ausstellung an sich, aber auch etliche Kassetten mit Interviews der Zeitzeugen – aber kein Archiv, kein Museum wollte sie haben. Niemand fühlte sich für so etwas zuständig.‘ Dieser Umgang mit der Geschichte frustriert ihn. [..] In Caputh und der Gemeinde Schwielowsee ist das Thema allerdings nach wie vor schwierig, sagt Rutsch. Erst nach langem Zureden habe man die CDU-Bürgermeisterin zu einem Interview überreden können. Dann aber lobte Kerstin Hoppe die Schüler für ihren Mut, das Thema anzugehen. Und sagte: ‚Verdrängtes holt einen irgendwann ein.‘ [..] Nur wenige im Ort wissen, was am 10. November 1938 dort geschah: Dass Nazis die Kinder der örtlichen Schule aufstachelten und unter dem Schlachtruf ‚Es ist so weit, heute jagen wir die Juden raus!‘ mit ihnen gemeinsam das Heim stürmten, alles verwüsteten, die Kinder in den Wald jagten. Dazu gibt es Berichte von Zeitzeugen, die hier mitmachten, und von den Vertriebenen. Und es gibt noch immer Familien in Caputh, deren Vorfahren darin verwickelt waren. Es ist ein unangenehmes Thema und es fällt den Menschen schwer, darüber zu reden, oder sie verdrängen es komplett, so Rutschs Eindruck. Manchmal habe er dabei das Gefühl, dass das Unausgesprochene dennoch da ist: In so manchem Haus oder Dachboden könnten noch Dinge, Möbel oder Spielzeuge, stehen, die bei der Plünderung aus dem Heim geholt wurden.“[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ingeborg Pauluhn: Jüdische Migrantinnen und Migranten im Seebad Norderney 1893–1938 unter besonderer Berücksichtigung des Kinder-Erholungsheimes UOBB. Zion-Loge XV. No. 360 Hannover und jüdischer Geschäftsbetriebe, Igel-Verlag Literatur & Wissenschaft, Hamburg 2011, ISBN 978-3-86815-541-9. Online: Ingeborg Pauluhn: Jüdische Migrantinnen und Migranten im Seebad Norderney 1893–1938 bei Google-Books.
  • Manfred Berger: Gertrud Feiertag. Eine Wegbereiterin der modernen Erlebnispädagogik. Lüneburg 2003.
  • Rosemarie Braun: Gertrud Feiertag und ihr "Jüdisches Kinder-Landschulheim in Caputh". Ein vergessenes Kapitel reformpädagogischer (jüdischer) Schulgeschichte von 1931–1938. Köln 2002 (unveröffentlichte Diplomarbeit).
  • Hildegard Feidel-Mertz, Andreas Paetz: Ein verlorenes Paradies. Das Jüdische Kinder-Landschulheim Caputh 1931–1939. Frankfurt 1994.
  • Hildegard Feidel-Mertz: »Die Arbeit mit Kindern war ihr Leben«. Gertrud Feiertag 1890–1943. In: Sabine Hering (Hrsg.), mit Sandra Schönauer: Jüdische Wohlfahrt im Spiegel von Biographien. Schriftenreihe: Geschichte der jüdischen Wohlfahrt in Deutschland, 2. Hgg. Hering, Gudrun Maierhof, Ulrich Stascheit. Fachhochschulverlag, Frankfurt 2007 ISBN 3-936065-80-2, S. 152–159 (mit Foto Feiertags).
  • Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil. Die Verdrängte Pädagogik nach 1933. rororo, Reinbek, 1983, ISBN 3-499-17789-7.
  • Inge Hansen-Schaberg, Christian Ritzi: Wege von Pädagoginnen vor und nach 1933. Baltmannsweiler 2004, S. 21–31.
  • Hugo Maier (Hrsg.): Who is who der Sozialen Arbeit. Lambertus, Freiburg im Breisgau 1998, ISBN 3-7841-1036-3.
  • Joseph Walk: Jüdische Schule und Erziehung im Dritten Reich. Hain, Frankfurt 1991.
  • Ilse Meseberg-Haubold: Das jüdische Kinder- und Landschulheim Caputh. In: Helge-Ulrike Hyams, Klaus Klattenhoff, Klaus Ritter, Friedrich Wißmann (Hrsg.): Jüdisches Kinderleben im Spiegel jüdischer Kinderbücher. Eine Ausstellung der Universitätsbibliothek Oldenburg mit dem Kindheitsmuseum Marburg. BIS-Verlag, Oldenburg 2001, ISBN 3-8142-0766-1, S. 109–114.
  • Hildegard Feidel-Mertz: „Mit dem Blick fürs Ganze“. Die Sozialpädagogin Gertrud Feiertag (1890 – 1943), in: Inge Hansen-Schaberg und Christian Ritzi (Hg.): Wege von Pädagoginnen vor und nach 1933, Schneider Verlag Hohengehren GmbH, Baltmannsweiler, 2004, ISBN 3-89676-768-2.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vgl. Braun 2002. S. 5 ff.
  2. Hildegard Feidel-Mertz; Andreas Paetz: Ein verlorenes Paradies, 1994, S. 21
  3. Zit. n. Berger 2003, S. 47.
  4. Zit. n. Berger 2003, S. 22.
  5. vgl. Braun 2002, S. 167
  6. Hildegard Feidel-Mertz: „Mit dem Blick fürs Ganze“, S. 29–30.
  7. Sophie Friedländer: Erinnerungen an ein verlorenes Paradies. Das Jüdische Landschulheim Caputh 1933-1938, in: Hildegard Feidel-Mertz (Hg.): Schulen im Exil, S. 51
  8. Das Jugendhilfezentrum „Gertrud Feiertag“ bei Soziale Hilfen in Berlin und Brandenburg
  9. T. Lähns: Stolperstein für Gertrud Feiertag Hauptausschuss für Gedenkplatte in Caputh in Potsdamer Neueste Nachrichten vom 5. Dezember 2008
  10. Steffi Pyanoe: ERINNERN AN DAS ERINNERN. Unbequeme Vergangenheit, Potsdamer Neueste Nachrichten, 28. Februar 2018