Gertrudenfriedhof (Oldenburg)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Der Gertrudenfriedhof liegt in der niedersächsischen Stadt Oldenburg nördlich der Innenstadt zwischen der Nadorster und der Alexanderstraße. Auf ihm befindet sich eine Vielzahl an kulturhistorisch bedeutenden Grabmalen. Dominiert wird der Friedhof von dem Mausoleum als Grablege des herzoglich-oldenburgischen Hauses sowie von der Gertrudenkapelle, dem ältesten und einzigen erhalten gebliebenen mittelalterlichen sakralen Bauwerk der Stadt.

Friedhof[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der St. Gertruden-Kirchhof entstand im Mittelalter und wurde, aufgrund seiner Lage vor den Toren der Stadt, zur Bestattung unheilbar und ansteckend Kranker aus dem erstmals 1345 erwähnten Siechenhaus in der Nähe der Gertrudenkapelle benutzt. Ab dem 17. Jahrhundert ließen sich zunehmend auch Bürger auf dem Gertrudenfriedhof beisetzen, die in der Natur ihre letzte Ruhestätte finden wollten.

1649 erhielt der Gertrudenfriedhof eine Mauer mit Eingangstor. Im linken Tor ist ein Bibelvers eingemeißelt (Hiob 19, 25), im rechten Tor die Worte „Oh ewich ist so lanck“, welche den Dichter Georg von der Vring zu einem Gedicht gleichen Titels inspirierten.

1791 wurde der Lambertifriedhof aufgelöst und zum Gertrudenfriedhof verlegt. Damit war der Gertrudenkirchhof bis 1874 der einzige Friedhof der Stadt.[1]

Auf dem an klassizistischen Grabstellen reichen Friedhof, der auch das Grabmal und Mausoleum von Johann Georg von Hendorff von 1791 sowie das Mahnmal für die 1813 von französischen Besatzern hingerichteten Christian Daniel von Finckh und Albrecht Ludwig von Berger beherbergt[1], wurden in neuerer Zeit unter anderem die Künstler Anna Maria Strackerjan und Horst Janssen, der Mediziner Wilhelm Heinrich Schüßler und die Sozialpädagogin Edith Ruß bestattet. Weiterhin befindet sich auf dem Friedhof ein Denkmal für im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 gefallene Oldenburger Soldaten sowie ein Grabmal für die französischen Soldaten aus demselben Krieg, das 22 Namen trägt.[2]

Mausoleum[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Mausoleum

Ab 1785 begann anlässlich des Todes von Friederike von Württemberg am nordöstlichen Rand des Friedhofsgeländes der Bau des Mausoleums. Die Ehefrau des Oldenburger Herzogs Peter Friedrich Ludwig von Holstein-Gottorp starb im November 1785 und wurde nach Fertigstellung des Mausoleums 1790 dort beigesetzt, da die bisherige Fürstengruft wegen des geplanten Neubaus der Lambertikirche nicht mehr genutzt werden sollte.

Dieses Mausoleum war das erste Bauwerk in Oldenburg im klassizistischen Stil, welcher die Architektur in der Stadt über die folgenden Jahrzehnte bestimmte. Bei seiner Ausführung engagierte sich Herzog Peter Friedrich Ludwig selbst und griff mehrfach entscheidend in die Planungen des Architekten Johann Heinrich Gottlieb Becker ein. Sah dessen Entwurf noch einen Bau mit Laterne und barockem Wappen im Giebelfeld vor, so entfernte der Herzog diese beiden Bestandteile mit zwei Federstrichen. Das Mausoleum wurde 1829 auch zur Grablege des Regenten und seiner Nachfolger. Bis heute werden die Mitglieder des herzoglich-oldenburgischen Hauses hier bestattet. Peter Friedrich Ludwigs Sarkophag trägt die Inschrift: Vater dem Lande zu seyn, war ihm höchster Beruf.

Das Mausoleum ist inzwischen als Baudenkmal von nationaler Bedeutung eingestuft. Es wurde in den Jahren 2012/2013 aufwändig restauriert.[3][4][5] Erstmals erhielt die Öffentlichkeit im November 2013 die Gelegenheit, das Gebäude von innen zu besichtigen.[6]

Die von der Oldenburgischen Landschaft verwaltete Stiftung Oldenburgischer Kulturbesitz (SOK) kümmert sich seit Dezember 2014 um die Sanierung zahlreicher historisch wertvoller Gräber und hat jetzt den ersten Unterstützer gefunden. 10.000 Euro investiert die VR-Stiftung der Volksbanken und Raiffeisenbanken in Norddeutschland in sechs Objekte. „Wir halten das Areal für historisch sehr bedeutsam und möchten es der Nachwelt erhalten“, sagt der Vorsitzende der Stiftung Harald Lesch. Dazu gehört unter anderem die Grabstele des Grafen Detlev Hans von Schmettau von 1795, die von dem Kopenhagener Hofbildhauer Johannes Wiedewelt stammt. Hervorzuheben sind auch die Grabstätte der Wicherine Gerhardine Johanne Georg (1837), bei der nicht nur die Stele, sondern auch die erhaltene eiserne Umzäunung restauriert werden sollen, sowie die Grabsäule für Johann Hermann Detmers (1831). Diese und weitere Gräber befinden sich in direkter Nachbarschaft des jüngst vollständig restaurierten herzoglichen Museums auf dem Oldenburger Gertrudenfriedhof. Es handelt sich um ein wertvolles Ensemble von historischen Grabstätten und Grabsteinen, die alle dringend saniert werden müssen, weil sie sonst dem Verfall preisgegeben würden. Fachleute nennen das Areal auch „die gute Stube“.[7]

Kapelle[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gertrudenkapelle

Der Baubeginn der Kapelle war um 1250. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie im Jahre 1428. Ursprünglich gehörte die Kapelle zu dem nicht mehr vorhandenen Siechenhaus. Der Ursprungsbau bestand aus einer einschiffigen Backsteinkirche mit Westturm. 1481 erhielt die Kirche ein neues Gewölbe mit figürlichen und ornamentalen Darstellungen, die bei einer Neuverputzung um 1600 überdeckt wurden. Um 1680 wurde die Kapelle neu ausgemalt. Diese Malereien wurden nach mehreren Überdeckungen erstmals teilweise 1908 freigelegt und werden seit 1964 in mehreren, bisher nicht abgeschlossenen Schritten restauriert. Im Turm hängt eine bronzene Glocke, die 1950 von den Gebr. Rincker zunächst für den Kirchentag in Essen gegossen wurde. Die Glocke ist 637 kg schwer und auf den Ton g´´ gestimmt. Sie trägt die Inschrift „Freuet euch in dem Herrn allewege“.[8]

Gertrudenlinde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ludwig Strackerjan: Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. S. 149

Um die Linde auf dem Kirchhof der Gertrudenkapelle rankt sich eine alte Sage, die der Autor Ludwig Strackerjan 1867 wie folgt wiedergab:

„Ein Mädchen, heißt es, war unschuldig zum Tode verurtheilt und wurde vor das Thor zur Richtstätte geführt. Unterwegs ergriff es einen am Boden liegenden dürren Zweig, steckte ihn verkehrt, das obere Ende unten, in die Erde und sprach „so wahr dieser Zweig ausschlagen und zu einem mächtigen Baume erwachsen wird, so wahr bin ich unschuldig!“ Das Mädchen wurde hingerichtet; der Zweig aber bekam Leben, wuchs und gedieh und wurde der Baum, der jetzt den Kirchhof schmückt. (...) Einige geben an, das Mädchen habe bei einer reichen Herrschaft gedient und habe dem Sohne derselben nicht zu Willen sein wollen. Da, so erzählen sie, nahm der Sohn seinen Eltern einige silberne Löffel weg und verbarg sie in dem Koffer des Mädchens. Als die Löffel vermißt und überall im Hause gesucht wurden, fand man sie endlich in dem Koffer; das Mädchen wurde des Diebstahls derselben für schuldig befunden und zum Tode verurtheilt.“

Ludwig Strackerjan, 1867[9]

Der Umfang der Linde soll mehr als 15 Oldenburger Fuß [1 Oldenburger Fuß = 0,2958 m] betragen haben, sie soll nach allen Seiten hin ein breites Laubdach mit fast 50 Fuß im Durchmesser gehabt haben, das oben eine zweite Krone bildete. In einem alten Reisebericht im Oldenburger Stadtarchiv ist zu lesen, dass die erste – bereits sehr alte – Linde im Jahr 1656 auf 28 Säulen gestützt wurde und dass im Sommer am Baumstamm eine Kanzel stand, vor dem Gottesdienste im Freien abgehalten wurden. 1960 wurde ein Ableger der uralten Linde am Eingang des Gertrudenkirchhofs neu gepflanzt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael W. Brandt: Das Oldenburger Mausoleum – Grablege einer neuen Dynastie. In: Jörgen Welp (Red.): Dem Wohle Oldenburgs gewidmet: Aspekte kulturellen und sozialen Wirkens des Hauses Oldenburg, 1773–1918 (= Veröffentlichungen der Oldenburgischen Landschaft. Bd. 9). Hrsg. von der Oldenburgischen Landschaft, Isensee, Oldenburg 2004, ISBN 3-89995-142-5, S. 65 ff.
  • Wilhelm Gilly: Revolutionsarchitektur auf dem Oldenburger Gertrudenfriedhof. In: Oldenburger Jahrbuch, Bd. 70 (1971), S. 1–29 (online)
  • Wolfgang Runge: Kirchen im Oldenburger Land Band III. Kirchenkreise Oldenburg 1 und 2, Holzberg, Oldenburg 1988, ISBN 3-87358-298-8, S. 59–96
  • Reinhard Meyer-Graft: Die Wandmalereien der Gertrudenkapelle in Oldenburg, in: Hans-Herbert Möller (Hrsg.): Restaurierung von Kulturdenkmalen. Beispiele aus der niedersächsischen Denkmalpflege (= Berichte zur Denkmalpflege, Beiheft 2), Niedersächsisches Landesverwaltungsamt – Institut für Denkmalpflege, Hameln: Niemeyer, 1989, ISBN 3-87585-152-8, S. 206ff.
  • Wilhelm Gilly: Mittelalterliche Kirchen und Kapellen im Oldenburger Land. Baugeschichte und Bestandsaufnahme. Isensee Verlag, Oldenburg 1992, ISBN 3-89442-126-6, S. 102 f.
  • Hans von Seggern, Bernd Franken: Geschichte und Geschichten rund um den St. Gertruden-Kirchhof, 3. Auflage, Isensee, Oldenburg 2009, ISBN 978-3-936957-00-6

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Gertrudenfriedhof – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Deutsche Stiftung Denkmalschutz: Hilfe für das Grabmal v. Hendorff. (Memento vom 8. Oktober 2008 im Internet Archive)
  2. Denkmalprojekt.org
  3. Felix Zimmermann im "Oldenburger Lokalteil" am 12. Januar 2012 (Memento des Originals vom 2. Dezember 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.oldenburger-lokalteil.de
  4. Kulturland Oldenburg Ausgabe 2.2010 (Memento des Originals vom 8. Januar 2016 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.oldenburgische-landschaft.de
  5. Kulturland Oldenburg Ausgabe 3.2013
  6. Nordwest Zeitung 22. November 2013. Abgerufen am 24. November 2013.
  7. Zempel-Bley, Katrin: Sanierung historisch wertvoller Grabstätten. OOZ – Oldenburger Onlinezeitung, 22. Dezember 2014.
  8. Wolfgang Runge: Kirchen im Oldenburger Land, Band 3, Holzberg Oldenburg 1988
  9. Ludwig Strackerjan: Aberglaube und Sagen aus dem Herzogtum Oldenburg. Band 2. (hrsg. von Karl Willoh) Oldenburg 1867, S. 149.

Koordinaten: 53° 8′ 54,3″ N, 8° 12′ 53,4″ O