Geschichte der Stadt Chemnitz

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Stadtkirche St. Jakobi (Chemnitz)

Namensursprung[Bearbeiten]

Der Name „Chemnitz“ leitet sich vom Fluss gleichen Namens her, der die Stadt durchfließt. Dessen Name wiederum geht auf die slawische Bezeichnung „Kamenica“ (= Steinbach, zu Sorbisch „kamen“ = „Stein“; vgl. Kamenz) zurück.

Ortsnamenformen

1143: Kameniz, 1218: Camnizensis Conventus, 1254: Kemeniz, 1264: Kemniz, 1293: Kemnicz, 1308: Kempniz, 1378: Kemnicz, 1389: Kempnicz, 1492: Kembnicz.[1]

Von 1953 bis 1990 trug die Stadt den Namen „Karl-Marx-Stadt“.

Geschichte[Bearbeiten]

Zur Geschichte der Stadt Chemnitz liegen aus der Zeit vor 1300 lediglich sieben Urkunden vor, doch konnten die stadtarchäologischen Untersuchungen, die gleichzeitig mit dem Wiederaufbau ab 1953 einsetzten und besonders nach 1993 große Teile der Innenstadt erfassten, viele neue Erkenntnisse zur Stadtentstehung und -entwicklung beisteuern.

Hochmittelalter[Bearbeiten]

Die älteste Urkunde stammt aus dem Jahr 1143 und enthält neben der Bestätigung König Konrads III. für das um 1136 von seinem Vorgänger Lothar gegründete Benediktinerkloster St. Marien auch die Verleihung eines Marktrechtsprivilegs an das Kloster.[2] Dabei wird auch ein „locus Kamenicz“ genannt. Der Standort der ersten klösterlichen Marktsiedlung wird mit guten Gründen unterhalb des Kapellenberges mit der Nikolaikirche auf der anderen Seite der Chemnitz vermutet.

Der klösterliche Markt bildete jedoch nicht den unmittelbaren Vorgänger der königlichen Stadt, sondern die Gründung einer Reichsstadt erfolgte vermutlich unter Friedrich Barbarossa zwischen 1171 und 1174 im hochwasserfreien Bereich um die Johanniskirche. Das staufische Königshaus verfügte bis 1264 über deren Patronat und sie gilt (nach Manfred Kobuch) als erste Stadtkirche.

Auf Grund der zunehmenden Bevölkerungszahl und des gewerblichen Wachstums sowie unzureichender Befestigungsmöglichkeit wurde die Stadt um 1200, vielleicht aber auch schon ein bis zwei Jahrzehnte früher, in die Talaue verlegt. Die ältesten bei den jüngsten stadtarchäologischen Untersuchungen geborgenen und dendrochronologisch bestimmten Hölzer wurden um 1199, um 1200 bzw. 1208 verbaut. Es muss jedoch weiterhin offen bleiben, wer der Gründer der hochmittelalterlichen Stadt in der Aue war. Hierfür kommen Friedrich I. Barbarossa (in seinen letzten Regierungsjahren um 1180), Heinrich VI. und Philipp von Schwaben in Betracht. In einem Zinsregister von 1216 wird Chemnitz erstmals „civitas“ genannt.

Spätmittelalter[Bearbeiten]

Im Zentrum der Stadtanlage wurde um 1200 die neue Stadtpfarrkirche St. Jakobi gegründet, die 1254 erstmals urkundlich genannt wird. Zunächst war nur der Bereich am Markt und entlang der Langen Straße besiedelt. Diese querte als einzige den gesamten Stadtgrundriss und verband vermutlich ursprünglich die älteren Siedlungskerne um St. Johannis und St. Nikolai. Erst etwas später, wohl in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, möglicherweise aber noch vor 1220, wurde der nordwestliche Teil des Stadtkerns aufgesiedelt. Dabei wurden Trockenlegungshorizont aus Astwerk und Holzresten niedergelegt sowie Kanäle zur Entwässerung gegraben, um die vernässte Chemnitzaue begeh- und besiedelbar zu machen. Allerdings bestanden noch bis ins 14. Jahrhundert hinein Freiflächen und offene Gewässer sowie offenbar landwirtschaftlich genutzte Flächen innerhalb des Berings und erst zu dieser Zeit ist die Stadtstruktur weitgehend festgelegt worden. Eine wesentliche Rolle scheint dabei dem Stadtbrand von 1333 zuzukommen. Weitere Brände folgten 1379, 1389 und 1395. Auch der Neumarkt war ursprünglich bebaut und erhielt erst in der Neuzeit seinen Platzcharakter. Hinsichtlich einiger Überlegungen zur Datierung und Anlage der mittelalterlichen Stadt anhand des jüngeren Stadtgrundrisses muss festgestellt werden, dass es im Mittelalter noch zahlreiche Änderungen im Straßengefüge und in der Stadtstruktur gab und damit von der neuzeitlichen Stadtstruktur ausgehenden Überlegungen wenig Wert besitzen.

Die Stadt wurde bald nach ihrer Gründung befestigt. Im Jahr 1264 wurde eine Stadtmauer indirekt genannt, 1296 folgte die direkte urkundliche Erwähnung. Von der Ummauerung sind heute nur wenige Reste erhalten und ihr Verlauf ist im Stadtbild kaum mehr nachzuvollziehen. Doch sind Verlauf, Gestalt und bauliche Entwicklung auf Grund von bildlichen und schriftlichen Quellen sowie der Ergebnisse der stadtarchäologischen Untersuchungen inzwischen gut bekannt. Der Mauerring, mit einer Länge von circa 1650 m, umschloss eine annähernd runde Fläche mit einem Durchmesser von etwa 500 m. Er besaß vier Tore jeweils mit Turm, 21 weitere Türme mit Abständen von weniger als 70 m und eine Pforte. Davor lagen die Zwingermauer mit halbkreisförmigen barocken Bastionen und der 16 bis 33 m breite Stadtgraben mit innerer und äußerer Stadtgrabenmauer. Die in Lehm gesetzte Stadtmauer wird in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts datiert, die Zwingermauer stammt aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts.

1290/91 wurde der Stadt der Charakter einer „Reichsstadt“ bestätigt. Aus der Urkunde lassen sich erstmals Hinweise auf die Existenz von Richter, Räten und einer Ratsverfassung entnehmen, die für 1298 sicher bezeugt sind. Eine bedeutende Veränderung brachte das Jahr 1308, als Chemnitz seinen Stand als Reichsstadt verlor und nach der Schlacht bei Lucka an das Haus Wettin fiel.

Mit dem verstärkten Einsetzen der schriftlichen Quellen im 14. Jahrhundert und den archäologischen Ausgrabungen ist das Handwerk in Chemnitz gut erforscht. 1357 erhielt die Stadt ein landesherrliches Bleichprivileg. Das Bleichmonopol bedeutete, dass jede in der Mark Meißen produzierte Rohleinwand zum Veredeln auf die Chemnitzer Bleichpläne gebracht werden musste. Dies bildete eine wesentliche Grundlage für den Aufstieg, durch den sich Chemnitz zum Zentrum der obersächsischen Leineweberei und ab dem 16. Jahrhundert auch der Baumwollweberei und Färberei entwickelte. Einen zweiten wirtschaftlichen Schwerpunkt bildete die Metallverarbeitung, speziell das Hüttenwesen.

In Chemnitz bestand im MA auch eine Kalandsbruderschaft mit dem Namen fraternitas corporis Christi (Bruderschaft des Leibes Christi), dessen Mitglieder, in der Regel aus den angesehensten Familien der Stadt, zu dem Zwecke zusammengetreten waren, um am ersten Tag des Monats durch Beten das Heil ihrer Seelen zu fördern, so dass die frommen Werke der Genossenschaft jedem Einzelnen zugutekamen. 1412 stiftete die Kalandsbruderschaft den Fronleichnamsaltar in der Jacobikirche. Die Kalandsbruderschaft wurde auch Constabelgesellschaft genannt.

Frühe Neuzeit[Bearbeiten]

Im Jahre 1539 wurde die Reformation in der Stadt eingeführt. In der Mitte des 16. Jahrhunderts war Chemnitz ein Zentrum des Humanismus, als der Montanwissenschaftler, Arzt und Humanist Georgius Agricola von 1546 bis 1555 als Bürgermeister wirkte.

Durch eine Pestepidemie 1613, einen großen Stadtbrand 1631 und die Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges ging die Zahl der Einwohner von rund 5.500 um 1610 auf etwa 3.000 zurück. Die Stadt war hochverschuldet und zum großen Teil zerstört. Bis 1700 stieg die Einwohnerzahl wieder auf ungefähr 5.000 an.

Chemnitz war 1514–1679 von Hexenverfolgung betroffen. Acht Personen gerieten in Hexenprozesse.[3] Auch der Chemnitzer Ortsteil Klaffenbach war von Hexenverfolgung betroffen.

Während des Großen Nordischen Krieges wurde die Stadt mehrfach durch dänische, schwedische, russische und sächsische Truppen besetzt und musste hohe Kontributionen entrichten. Dies wiederholt sich im Siebenjährigen Krieg (1756–1763), durch den sich die Verluste der Stadt nach der preußischen Besetzung auf etwa 1,12 Millionen Taler beziffern lassen.

16. Jahrhundert[Bearbeiten]

  • 1511: Herzog Georg verleiht der Stadt als besondere Gnade zwei Viehmärkte.
  • 1515: Der Abt Heinrich von Schleinitz legt den Grund zum steinernen Neubau der Klosterkirche und ihres Turmes.
  • 1525: Der massive und erweiterte Bau der Berg-Klosterkirche sammt Turm wurde vollendet.
  • 1529: Der Chemnitzfluss tritt über die Ufer und riss vor dem Chemnitzer Tor die Kapelle der Heiligen Ottilie weg. Ratsherr Joh. Thiele ließ sie jedoch schöner und massiv auf seine Kosten wieder aufbauen. Im selben Jahr brach auch eine mörderische Seuche, der kalte Schweiß, aus. Viele Menschen starben oft schon in 24 Stunden daran.
  • 1533: Der berühmte Gelehrte Georg Agricola zog von Joachimsthal als Stadtarzt nach Chemnitz.
  • 1537: Am 5. Mai wurde Wolfgang Jäger wegen Entführung einer Schneidersfrau auf dem Klosterhofe enthauptet. Die Entführte erhielt den Staubbesen.
  • 1549: Räumlichkeiten des Benediktinerklosters wurden zu einer fürstlichen Wohnung umgebaut, der Aussicht wegen wurde das Gericht vom großen Anger vor dem Johannistor weggerissen und auf dem Sauanger vor dem Chemnitztor neu errichtet, der Schlossteich wurde angelegt.
  • 1560: Am 1. Juli gab es eine große Überschwemmung, das Wasser riss die Stadtmauer am Niclastor ein und stand drei Ellen hoch vom Klostertor bis zur Pforte.
  • 1562: Am 26. Januar wurde der Marktmeister enthauptet, weil er zwei angetraute Weiber hatte.
  • 1566: Die Johanniskirche wurde, nachdem sie 19 Jahre in Trümmern lag, wieder aufgebaut.
  • 1567: Die Pest wütet in Chemnitz – 650 Menschen sterben.
  • 1568: Blechprivileg der Stadt Chemnitz wird durch Kurfürst August bestätigt, die Pest wütet noch immer und fordert 900 Opfer, ein gewisser Römer wird verbrannt, weil er Pestkranken siedendes Wasser in den Hals gegossen hat.
  • 1585: Die Pest brach wieder aus – unter den Opfern Bürgermeister Paul Kinder, der Johannis-Gottesacker erhielt eine Erweiterung.
  • 1589: Ein Floßgraben aus den Einsiedler- und Dittersdorfer Wäldern wurde bis zum alten Sauanger zum Holzflößen angelegt.
  • 1590: Über den Stadtgraben am Nicolaitor wird eine steinerne Brücke gebaut, wegen einer ungewöhnlichen Dürre kommt es zu einer Hungersnot, 24 Wochen regnet es nicht, die Bäche und Flüsse trockneten aus und die Wälder brannten.
  • 1591: Die Tuchmacherei steht in Blüte, die Vorstädte wurden vergrößert, Häuserbau um den Stadtgraben (Grabenvorstadt).

17. Jahrhundert[Bearbeiten]

Rekonstruktion der ummauerten Stadt Chemnitz um 1750 von K. Haustein 1907
  • 1603: die St. Georgenkirche wird wiederaufgebaut
  • 1608: durch günstige Gewerbsverhältnisse hatte sich die Lebensqualität erhöht und die Einwohnerzahl vergrößert
  • 1612: die Pest brach aus, von Ostern bis in den Herbst starben 964 Personen – darunter Bürgermeister M. Christoph Kinder, ein Senator und der Pfarrer zu St. Johannis
  • 1613: im Juli bricht die Pest wieder aus 941 Personen sterben
  • 1616: von Mai bis Oktober regnet es nicht ein mal
  • 1617: am 5. November 4 Uhr früh wird das Rathaus ein Raub der Flammen, die Ratsversammlungen finden im Dr. Vogelschen Haus am Roßmarkt statt
  • 1618: das Rathaus wird wieder aufgebaut
  • 1619: im Herbst dieses Jahres wird das Rathaus wieder bezogen, die erste Kämmersitzug findet am 11. November statt
  • 1620: der hohe Turm wird vollendet; Chemnitz bekommt eine Winkelmünze, dafür wird in der Klostermühle das Mühlenwerk herausgerissen

Im Jahre 1620 gelangt die Stadt in den Besitz der Ober- und Erbgerichtsbarkeit. Kurfürst Johann Georg I. verkaufte dem Chemnitzer Rat, auf dessen vorheriges Ansuchen hin, die Ober- und Erbgerichtsbarkeit innerhalb und außerhalb der Stadt im Bereich der Bannmeile für 3000 Meißnische Gulden.

  • 1621: am 29. Juni wird die große Glocke auf den Kirchturm gebracht; am 13. August wird das erste Geld gemünzt
  • 1622: durch Kippen und Wippen des Geldes kam es zu einem starken Preisanstieg und Inflation
  • 1623: der Falschmünzerei wurde ein Ende gesetzt, indem die Winkelmünzen die nicht konventionsmäßig geprägte Münzen herstellten aufgehoben wurden
  • 1631: Am 12. Juni 15:30 Uhr nachmittags bricht in der Klosterquergasse bei einem Peter Quellmalz, durch die Schuld eines Knaben mittels Schießpulver, ein Feuer aus. Innerhalb von vier Stunden lagen die Häuser der Klosterquer-, Spitz-, Herren-, Weber-, Kloster- und Lohgasse in Schutt und Asche. Insgesamt fielen dem Brand 300 Häuser, davon 60 in der Klostervorstadt und 9 Scheunen sowie einige außerhalb der Stadt zum Opfer.
  • 1639: am 14. April kommt es zur Schlacht bei Chemnitz (1639) eine vernichtende Niederlage für die Kaiserlichen und Kursachsen
  • 1640: Ende April kapituliert der schwedische Oberstleutnant Johan Bjornsson Printz vor den Kursachsen

Durch den gesteigerten Geschäftsverkehr Ende des 17. Jahrhunderts gab es eine weitere Neuerung in der Stadt – die erste Postanstalt. Laut Erlass des kurfürstlichen Oberpostamtes zu Leipzig vom 13.Juni 1696 wurde „zur Beförderung der Korrespondenz und Fortbringung reisender Personen eine wöchentlich zweimal gehende, geschwinde fahrende Post von Leipzig über Borna, Penig, Frohburg, Chemnitz, Ehrenfriedersdorf, Thum nach Annaberg“ eingerichtet. Landkutscher („geschworene Boten“) gab es weiterhin.

Stadtentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert[Bearbeiten]

Ludwig Rohbock, Ansicht des Chemnitzer Marktplatzes um 1850
Panoramaansicht von Chemnitz im Jahr 1883

Mit der Industriellen Revolution setzte um 1800 ein großer Aufschwung ein. In Chemnitz war es im 19. Jahrhundert vor allem der aufkommende Textilmaschinenbau (Sächsische Maschinenfabrik vorm. Richard Hartmann – später auch Bau von Dampflokomotiven, Schönherr & Seidler später Sächsische Webstuhlfabrik AG), die Herstellung von Werkzeugmaschinen (Union und Schüttoff), Fahr- und Motorrädern sowie Autos (Presto-Werke). Im benachbarten Schönau waren die Wanderer-Werke ebenfalls ein bedeutender Hersteller von Fahrzeugen sowie von Werkzeug-, Schreib- („Continental") und Rechenmaschinen. Das 1927 gebaute Wanderer-Fahrzeugwerk in Siegmar wurde Teil der Mitte 1932 gegründeten Auto Union, die ihren Sitz von 1936 bis 1948 in Chemnitz hatte. Dies führte zu einem beträchtlichen demographischen und räumlichen Wachstum der Stadt. Betrug die Einwohnerzahl im Jahr 1800 noch etwa 10.500, so wurde Chemnitz 1883 mit über 100.000 Einwohnern zur Großstadt. Ende des 19. Jahrhunderts konzentrierten sich beispielsweise 80 % der Weltproduktion an Damenstrümpfen in Chemnitz und Umgebung. Die Einwohnerverluste des Ersten Weltkrieges glichen sich schnell aus, 1919 wurden bereits wieder mehr als 300.000 Bewohner gezählt.

Die Zahl der in der Stadt lebenden Menschen verzeichnete fortlaufend neue Höchststände, so dass man Mitte der 1920er Jahre davon ausging, dass Chemnitz mittelfristig durch Eingemeindung mit den Umlandgemeinden zu einer Millionenstadt heranwachsen könnte. Die damals durchaus als realistisch zu betrachtende Vision der „Millionenstadt Chemnitz“ brachte auch zahlreiche Überlegungen zum Ausbau der Verkehrsinfrastruktur mit sich, zumal die Stadt Chemnitz die höchsten Nutzungsraten des Individualverkehrs im Freistaat Sachsen hatte. Diese Vorhaben reichten von Planungen einer Gürtelstraße mit Nah- und Schnellverkehrsspuren und einer Schnellstraßenbahn, die sämtliche Ausfallstraßen ringförmig verbinden sollte, bis zu Überlegungen zur Ausarbeitung von Projekten einer Stadtbahn, Ringbahn oder Untergrundbahn im Stadtzentrum. Und diese Vorhaben waren wichtig, so beschreibt ein Zeitgenosse den Chemnitzer Verkehr wie folgt:

„Da siehst du ein Stück Chemnitzer Verkehr. Du wunderst dich. In Leipzig, in Dresden ist der Verkehr ja auch beachtlich. Aber hier? Unwillkürlich denkst du an Paris, etwa Place St. Michel? Das stimmt ungefähr. Aber dort ist die innere Disziplin der Kraftwagenfahrer und Fußgänger größer. Noch immer denkt bei uns jeder: ,Paß du auf …', drüben: ,Ich passe auf'. So ist der Unterschied.“

Otto Rudert: Geschichtliche Wanderfahrten – Das alte Chemnitz[4]

Zu jener Zeit war beispielsweise der Johannisplatz in Chemnitz neben dem Alexanderplatz in Berlin und dem Karlsplatz (Stachus) in München einer der verkehrsreichsten Plätze Deutschlands.

In der Gründerzeit entstanden ausgedehnte Wohngebiete und Fabrikanlagen außerhalb der mittelalterlichen Stadt, doch auch die vergleichsweise kleine Innenstadt wurde zu dieser Zeit wesentlich umgestaltet. So war schon Anfang des 19. Jahrhunderts damit begonnen worden, die Festungsanlagen zu schleifen. Der aus dem Spätmittelalter überkommene Stadtgrundriss unterlag einigen kleinen Veränderungen, an der Stelle ein- und zweigeschossiger Gebäude entstanden große und repräsentative Wohn-, Büro- und Geschäftshäuser, Hotels, Restaurants, Kinos sowie Banken. Um 1900 war die Innenstadtbildung weitgehend abgeschlossen.

Mit der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 stoppte abrupt der Zuzug weiterer Arbeitssuchender. So hatte die Stadt 1930 trotz zahlreicher Eingemeindungen den später nie wieder erreichten Bevölkerungshöchststand mit einer Einwohnerzahl von 360.250.

Hauptartikel: Luftangriffe auf Chemnitz

Chemnitz war im Wesentlichen eine Industriestadt, was auch die beiden Synonyme „Ruß-Chamtz“ und „Sächsisches Manchester“ zeigen. Wegen dieser Tatsache wurde die Stadt im Zweiten Weltkrieg als "kriegsentscheidend" eingestuft. 1944 und insbesondere im Februar und März 1945 war Chemnitz mehr als zehn mal zum Ziel alliierter Luftangriffe geworden. Insgesamt wurden von der britischen Royal Air Force und den United States Army Air Forces 7.360 t Bomben auf die Stadt abgeworfen.[5] Es waren insgesamt 3.600–4.000 Todesopfer zu beklagen.[6]

Beim stärksten Luftangriff wurde die Innenstadt am 5. März 1945 zu 95 Prozent zerstört, das Stadtgebiet insgesamt zu zwei Dritteln, auf einer Fläche von sechs Quadratkilometern. In der Nacht warfen 683 schwere, viermotorige Bomber der Typen Lancaster und Halifax 413 Luftminen, 1.500 Tonnen Sprengbomben und 860 Tonnen Brandbomben ab. Es resultierte ein Flammeninferno. Allein in dieser Nacht gab es über 2.100 Todesopfer. Von der angloamerikanischen Presse wurde Chemnitz zusammen mit Essen zur „toten Stadt“ erklärt.[6]

Im Einzelnen waren zerstört oder stark beschädigt oder ausgebrannt: die Jakobi-Kirche, Jodokus-Kirche, Pauli-Kirche, Johann-Nepomuk-Kirche, Nikolai-Kirche, Lukas-Kirche, Kreuz-Kirche, das Hospital St. Georg, das Alte Rathaus und das Rathaus, Hoher Turm und Roter Turm, die Bürgerschule, das Schauspielhaus, das Hauptpostgebäude, das Städtische Realgymnasium, das Casino-Gebäude, das Centraltheater, das Kaufhaus Tietz, die „Speersche“ Spinnmühle, die „Beckersche“ Baumwollspinnerei und praktisch der gesamte Denkmalbestand an Wohnhäusern in der Innenstadt. Beschädigt wurden unter anderem: die Schloss-Kirche, die Christus-Kirche, die Reichsbank und das Opernhaus.[7]

Rathaus, 1956
Opernhaus, 1956
Sowjetpavillon, 1956
Zentrum, 1959

Nach dem Ende des Krieges wurden die stark durch Bomben und Brand in Mitleidenschaft gezogenen Gebäude in der zweiten Hälfte der 1940er und in den 1950er-Jahren abgerissen und die frei gewordenen Flächen mit dem Schutt planiert. Mit dem Wiederaufbau im Stadtkern begann man im Jahr 1953, wobei zunächst die Wiederherstellung des historischen Stadtgrundrisses vorgesehen war.

Am 10. Mai 1953 erfolgte auf Beschluss des Ministerrats der DDR die Umbenennung der Stadt Chemnitz in „Karl-Marx-Stadt“. Die Umbenennung nahm Ministerpräsident Otto Grotewohl mit den Worten vor: „Die Menschen, die hier wohnen, schauen nicht rückwärts, sondern sie schauen vorwärts auf eine neue und bessere Zukunft. Sie schauen auf den Sozialismus. Sie schauen mit Liebe und Verehrung auf den Begründer der sozialistischen Lehre, auf den größten Sohn des deutschen Volkes, auf Karl Marx. Ich erfülle darum hiermit den Beschluss der Regierung. Ich vollziehe den feierlichen Akt der Umbenennung dieser Stadt und erkläre: Von nun an trägt diese Stadt den stolzen und verpflichtenden Namen Karl-Marx-Stadt.“

Im Jahre 1958 folgte der Beschluss des V. Parteitages der SED, die Großstädte wieder aufzubauen. Entsprechend den „Grundsätzen der Planung und Gestaltung sozialistischer Stadtzentren“ begann ab 1961 unter Aufgabe der historischen Stadtstrukturen des Mittelalters und der Gründerzeit in „industrieller Bauweise“ (mehrgeschossige Wohnblocks in Großplattenbauweise) der Wiederaufbau der Innenstadt. Karl-Marx-Stadt wurde eine der elf Aufbaustädte der DDR. Ihr Wiederaufbau unterscheidet sich insofern von dem westdeutscher Städte, als dass sich über frühere Eigentumsverhältnisse hinweggesetzt werden konnte. Rückgrat des weit nach Norden erweiterten Innenstadtbereichs wurde die leicht gekrümmte Achse Rosenhof – Markt – Straße der Nationen. Dabei soll Walter Ulbricht persönlich in die Planung eingegriffen und mit dem Ausspruch „Machen sie das Zentrum hell und licht, damit die Menschen noch viele Jahre später sagen können: Sie haben gut gebaut.“ eigenhändig die Stellung eines Wohnblocks in dem Stadtmodell verändert haben. Mit dem Wiederaufbau der Stadt nach sozialistischen Maßstäben wurde jedoch der historische Stadtgrundriss missachtet und damit nicht rekonstruiert.

Neben Wohnhäusern in Großplattenbauweise, großzügigen Plätzen und Parkanlagen in der Innenstadt wurde diese besonders durch das 1971 von Lew Kerbel geschaffene Karl-Marx-Denkmal bestimmt. Die Neugestaltung des Stadtzentrums wurde im Jahre 1974 weitgehend abgeschlossen, obwohl einige Baulücken geblieben waren oder geplante Bauten durch Provisorien ersetzt werden mussten. Hauptaufgabe war von nun an die „Lösung des Wohnungsproblems durch Bau großflächige Neubaugebiete“, insbesondere des Fritz-Heckert-Gebietes, das für rund 80.000 Menschen Wohnungen bot, denn Chemnitz hatte sich inzwischen wirtschaftlich weiterentwickelt. Im Wendejahr konzentrierten sich hier fast die Hälfte aller Industriebetriebe Sachsens und rund ein Drittel aller Industriebeschäftigten. Hier wurde fast ein Fünftel des DDR-Sozialproduktes erwirtschaftet, rund 50 % davon für den Export in die Sowjetunion.

Im Vorfeld des Beitritts Sachsens zur Bundesrepublik Deutschland wurde am 23. April 1990 eine Volksabstimmung über den künftigen Namen der Stadt abgehalten. Dabei stimmten 76 % der Bürger für den alten Namen „Chemnitz“. Die offizielle Rückbenennung erfolgte am 1. Juni 1990, also noch vor dem formellen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik Deutschland. Nach Wiedererrichtung des Landes Sachsen 1990 wurde auch der Bezirk Chemnitz aufgelöst.

Ab Mitte der 1990er-Jahre setzte die Verdichtung und wesentliche Umgestaltung der Innenstadt ein, mit der trotz Unterschutzstellung als Denkmalensemble einige Abrisse von Großplattenbauten einhergingen.

Da Chemnitz Anfang der 1990er-Jahre noch immer über kein eigenständiges Stadtzentrum verfügte und damit gegenüber anderen Städten Deutschlands ein erhebliches funktionelles Defizit aufwies, begann die Stadt Pläne über eine Bebauung der innerstädtischen Brachflächen, die bis dahin die größten innerstädtischen Brachflächen Europas waren, zu entwerfen. Dazu wurde die zentrale Omnibus- und Straßenbahnhaltestelle verlegt. Ende der 1990er-Jahre eröffneten wichtige Einkaufszentren in der neu entstehenden Stadtmitte. So waren die Eröffnung der „Galerie Roter Turm“, der „Galeria Kaufhof“ und des Modegeschäfts „Peek & Cloppenburg“ große Meilensteine der Stadtentwicklung. Es wurde zudem der Altstadtbereich an vielen Stellen stark verändert. Im Jahre 2002 wurde der erste Teil der Mittelstandsmeile und ein Jahr darauf deren zweiter Teil eröffnet. Noch immer ist der Bau der neuen Stadtmitte nicht abgeschlossen. 2005 wird voraussichtlich die Umgestaltung mehrerer großer Bürogebäude aus Zeiten der DDR begonnen und der Bereich um die Stadthalle saniert werden.

Zerstörte Bauten aus dem Mittelalter[Bearbeiten]

Für die (zumindest in Teilen) erhaltenen Bauten aus dem Mittelalter siehe Sehenswürdigkeiten in Chemnitz.

Chemnitz um 1885

Neben der erhaltenen Stadtkirche St. Jacobi existierte intra muros noch eine zweite große Kirche, die Neue St. Johannis-Kirche bzw. ab 1876 St.-Pauli-Kirche. Sie wurde 1750–56 an der Stelle der Klosterkirche des 1481 gegründeten Franziskanerklosters gebaut. Auch dieser Bau wurde im Krieg zerstört, zunächst teilweise wiederaufgebaut und 1961 gesprengt. 1955–58 und 1961/62 wurde der Grundriss des Franziskanerklosters mit dem Pfortenturm untersucht und damit die Deutung einer Zeichnung des Klosters von 1756 möglich und der Grundriss der gesamten Anlage mit der dreischiffigen Hallenkirche bekannt.

Weitere öffentliche Gebäude aus der Zeit des Mittelalters waren schon früher der Spitzhacke zum Opfer gefallen: Das Gewandhaus aus der Zeit um 1500 wurde 1826/27 abgebrochen. Die alte Lateinschule aus dem Ende des 14. Jahrhunderts wurde beim Bau des Neuen Rathauses zwischen 1908 und 1911 abgetragen, nur das Portal blieb erhalten.

Zu den „Chemnitzer Bürgerhäusern“ liegen Aussagen fast ausschließlich aus den jüngsten archäologischen Untersuchungen vor, denn für bauhistorische Untersuchungen fehlen die Objekte. Bei den ältesten Häusern aus der Zeit um 1200 handelte es sich um Ständerbohlenbauten mit Firstständern, zeitlich folgten mehrere Fachwerkhäuser des 13. Jahrhunderts auf Steinfundamenten, die ebenfalls als Ständerbohlenbauten ausgeführt waren. Die Häuserflucht am Markt verschob sich zwischen Anfang des 13. und dem 14. Jahrhundert kontinuierlich in Richtung Markt und blieb dann mit der Errichtung von Steinhäusern im 14. Jahrhundert bis zur Zerstörung 1945 konstant.

Als einiges der wenigen zumindest durch Fotos aus den 1870er-Jahren bekannten Häuser erscheint die ehemalige Adler-Apotheke. 1495 war sie im Besitz des Bürgermeisters Ulrich Schütz; nach dem Umbau 1673 (?) wurde die Apotheke Ende des 19. Jahrhunderts abgebrochen, heute ist nur noch ein gedrechseltes Geländerteil aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts überliefert.

Weiterhin sind zwei Hausportale aus der Frührenaissance erhalten geblieben: Das Judith-Lucretia-Portal, datiert 1559, das jetzt am Alten Rathaus angebracht ist, befand sich bis 1910 am sogenannten „Neefeschen Haus“. Es wurde um 1555 vom Ratsherrn, Tuchmacher und -händler Merten Groß errichtet, kam um 1580 an die Erben Agricolas und 1589 in den Besitz der Familie Neefe. Erst 1804 wurde es von diesen verkauft und 1815 zum Hotel „Römischer Kaiser“ umgebaut. 1921 musste das Haus nach einem Großfeuer abgebrochen werden.

Das Gute-Hirten-Portal von 1542, das sich nun im Schloßbergmuseum befindet, war ursprünglich in einem Haus in der Inneren Klosterstraße eingebaut, das früher fälschlich „das Kloster“ genannt wurde. 1868 ist es abgebrannt und nur durch eine Zeichnung des Stadtbautrats A. Gottschaldt überliefert.

Nach der Blütezeit der Stadt im 15./16. Jahrhundert endete weitgehend auch die Errichtung von glanzvollen Bauten. Eine Ausnahme stellt das „Siegertsche Haus“ am Markt mit einer prachtvollen Barockfassade dar.

Die Nikolaikirche mit dem klösterlichen Markt wurde 1884 abgebrochen und östlich von ihr ein Neubau errichtet, der wiederum im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Von der Vorgängerkirche wurde nur wenig Bauplastik geborgen, hinzuweisen ist besonders auf ein Kapitellstück des romanischen Eingangstores. Durch radiometrische Messungen konnte zumindest die Lage des Grundrisses im Gelände eindeutig bestimmt werden.

Vorstädte[Bearbeiten]

Lage der Chemnitzer Vorstädte im 17./ 18. Jahrhundert

Noch zu der Zeit, als die Stadt Chemnitz eine Stadtmauer umschloss, entstand vor den Toren der Stadt eine Reihe von Vorstädten. Hier siedelten sich zunächst Handwerker und Bauern an, zur Zeit der Industrialisierung entstanden dort zahlreiche Manufakturen. Zu diesen Vorstädten zählten:

Klostervorstadt[Bearbeiten]

Vor dem Klostertor lag die Klostervorstadt. Sie lag zwischen der heutigen Theaterstraße, dem nordwestlichen Teil der Brückenstraße und dem Chemnitzfluss zwischen der 1869 erneuerten Bierbrücke und dem heute verschwundenen Klostermühlgraben, nördlich der Hohen Brücke von 1926 an der Hartmannstraße. Wichtige Straßen waren vor der Umgestaltung „Karl-Marx-Stadts“ in eine sozialistische Großstadt die Äußere Kloster- und die Rochlitzer Straße.

Am Klostermühlgraben stand 1480 schon die „Klostermühle“. Zu Anfang des 17. Jahrhunderts wurden dort auf kurfürstlichen Befehl Münzen geprägt. Später beschäftigte dort Richard Hartmann etwa 200 Mitarbeiter in seiner Maschinenbaufabrik, die 1841 an die Leipziger Straße übersiedelte. Endgültig wurde sie 1952 abgebrochen und mit ihr verschwand auch der Straßenname Hinter der Klostermühle (heute zur Hartmannstraße gehörend). Nahe der „Klostermühle“ befanden sich noch eine Färberei, der alte Fuhrmannsgasthof „Zum goldenen Stern“ und zur Amtszeit Agricolas der Siechhof „Zum heiligen Geist“ für Pestkranke.

Insgesamt sechs Bleichen soll es einst zwischen dem Klostermühlgraben und dem Chemnitzfluss gegeben haben. Die ehemaligen Bleichwiesen werden heute von der Straße An der Markthalle (ehem. Hedwigstraße) durchquert. Die 1891 eröffnete Markthalle wurde zur DDR-Zeit als Lagerhalle verwendet, erst 1995 eröffnete sie wieder zweckgebunden. Die Straße Am alten Bad erinnert an das 1843 eröffnete „Hedwigbad“, welches zugunsten des neuen Stadtbades an der Mühlenstraße in den 1920er-Jahren abgebrochen wurde.

An der Rochlitzer Straße, einst wichtige Ausfallstraße nach Furth und Glösa und heute nur noch eine etwa 100 m lange Sackgasse, stand noch bis zum Zweiten Weltkrieg eine Reihe von Fabriken, so beispielsweise die Diamantschwarzfärberei von Louis Hermsdorf und auf dem Areal des Stadtbades die 1848 gegründete Werkzeugmaschinenfabrik von Johann Zimmermann.

Angervorstadt[Bearbeiten]

Das Gebiet der Angervorstadt befand sich in etwa in dem des heutigen „Brühl-Viertels“. Dort wurde vornehmlich Ackerbau und Kuhweide betrieben. Ein Kuhhirtenhäuschen befand sich an der Stelle des heutigen „Hotel Mercure“. Auf dem Anger wurde bis ins 16. Jahrhundert auch Gericht gehalten, weshalb eine dorthin führende Gasse als Henkergasse bezeichnet wurde. Später wurde der Anger auch für Volks- und Schützenfeste genutzt, woraufhin sich im 19. Jahrhundert der Neustädter Markt (heute Theaterplatz) und der Schillerplatz herausbildete. Schon ab 1799 wurde mit der Bebauung des Angers, dessen Gebiet in der Folgezeit auch „Neustadt“ oder auch „Neustadt am Anger“ bezeichnet wurde, durch den Chemnitzer Architekten Johann Traugott Heinig begonnen. Er legte die später als Königstraße oder Straße der Nationen bekannte Straße an, die im Verlauf des frühen 20. Jahrhunderts zu einem Chemnitzer Einkaufs- und Geschäftszentrum wurde.

Johannisvorstadt[Bearbeiten]

Die Johannisvorstadt war das Gebiet um die Johanniskirche, welche man durch das Johannistor erreichte. Nach Abbruch dieses Tores entstand an seiner Stelle der später sehr belebte Johannisplatz, der zur DDR-Zeit Posthof genannt wurde und seinen Glanz als Dreh- und Angelpunkt vollständig verlor. Nur die Johanniskirche und die Gebäude des Kaufhauses „Schocken“, der ehemaligen „Commerz- und Privatbank“ sowie der „Dresdner Bank“ (heute „Sparkasse“) sind bis heute erhalten geblieben. Für ein waghalsiges Hochstraßenprojekt wurde in den 1960er-Jahren am Fuße der Johanniskirche sämtliche Altbausubstanz, darunter auch eine 1818 errichtete Mädchenschule, restlos abgebrochen. Der „Johannisfriedhof“ (heute Park der Opfer des Faschismus) war bis 1874 Hauptbegräbnisstätte.

Chemnitzer Vorstadt[Bearbeiten]

Die Chemnitzer Vorstadt, im 19. Jahrhundert auch als Annaberger Vorstadt bezeichnet, lag zwischen der Nikolai- und der Johannisvorstadt. Diese kleine Vorstadt reichte vom Chemnitzer Tor bis in etwa die heutige Moritzstraße. Erhalten gebliebene Gebäude sind das Kaufhaus Tietz (heute „DAStietz“, 1912 bis 1913 von W. Kreis im neoklassizistischen Stil erbaut, im Krieg ausgebrannt, 1958 bis 1963 mit verändertem Erdgeschoss und wesentlichen Veränderungen im Inneren wieder aufgebaut)[8] und das Verlagshaus der ehem. „Chemnitzer Neuesten Nachrichten“ an der Annaberger Straße. An das alte Chemnitz Tor erinnert noch heute der Einkaufsmarkt „Am alten Stadttor“.

Nikolaivorstadt[Bearbeiten]

Die Nikolaivorstadt, 1412 erstmals urkundlich erwähnt, erstreckte sich vom heutigen Falkeplatz entlang der Stollberger Straße bis hin zum Kapellenberg. Benannt ist diese Vorstadt nach der aus dem 14. Jahrhundert stammenden, 1886 bis 1888 neu errichteten Kirche, die 1945 in der Bombennacht zerstört wurde und an deren Stelle sich heute ein Hotel befindet.

Am Walkgraben (dessen ehem. Verlauf noch heute am erhaltenen Straßenverlauf nachvollziehbar ist) befand sich eine für das Jahr 1487 bezeugte Mühle („Reisigmühle“), aus der 1488 die Saigerhütte Chemnitz hervorging – 1621/22 entstand daraus die Niclas-Tuchmacher-Walkmühle und in unmittelbarer Nähe eine Schleifmühle. An die alte 1926 abgebrochene, am Nikolaimühlgraben gelegene „Nikolai-Mühle“ (ebenso für 1486 bezeugt) erinnert heute leider nichts mehr. Jedoch gab es bis vor ein paar Jahrzehnten, bevor die Feuerwache an der Schadestraße dieses Gelände einbezog, noch eine Nikolaimühlgasse, die die Schadestraße und die Aue verband. Am östlichen Arm des Nikolaimühlgrabens befand sich auch noch die „Kempnitzmühle“.

Wie im nahe gelegenen Kaßberg, entstanden zu Beginn des 16. Jahrhunderts südlich vom Deubners Weg am Nordosthang des Kapellenberges Kelleranlagen, die zur Aufbewahrung des Chemnitzer Lagerbieres dienten. Für die Jahre 1709–1718 ist sogar Bergbau im Kapellenberg und im benachbarten Hüttenberg nachgewiesen.

Eingemeindungen[Bearbeiten]

Eingemeindungen nach Chemnitz

Schon zu Beginn des 15. Jahrhunderts benötigte die Stadt Chemnitz Platz für das angesiedelte Handwerk, denn bisher beschränkte sich das Stadtgebiet auf nur wenige Meter um die Stadtmauer und um „des Keisers Forste“. Daraufhin erweiterte die Stadt erstmals ihr Territorium mit dem Kauf von zwei wüsten Ortschaften und Teilen von anliegenden Klosterdörfern. Mit Einsetzen der Industrialisierung in und um Chemnitz begann von neuem eine Stadterweiterung, um den Bedürfnissen der Industrie und der Einwohnerentwicklung sowie der Stadt Chemnitz selbst nachzukommen. Die Eingemeindungen erfolgten in mehreren Etappen, so geschehen vor der Jahrhundertwende, vor dem Ersten Weltkrieg, vor dem Zweiten Weltkrieg, nach der Gründung der DDR und nach der Deutschen Einheit. Zusätzlich kam es auch zu zahlreichen Grenzverschiebungen zugunsten der Stadt Chemnitz vor und nach der Wiedervereinigung.

Der Eingemeindungsprozess entwickelte sich wie folgt:

Eingemeindung Gemeinde oder Ortsteil
29. September 1402 Borssendorf, Streitdorf, Teile von Bernsdorf und Gablenz
1. Juli 1844 Niklasgasse
1. Oktober 1880 Schloßchemnitz (1859 aus Schloßvorwerk und Schloßgasse gebildet)
22. Mai 1885 Küchwald
2. Januar 1887 „Schösserholz“
1. Oktober 1894 Altchemnitz
1. April 1900 Gablenz
1. Juli 1900 Altendorf
1. Oktober 1900 Kappel
1. April 1904 Hilbersdorf
1. April 1907 Bernsdorf
1. Oktober 1909 Helbersdorf
24. Februar 1911 Teile vom Staatsforst „Zeisigwald
1. Juli 1913 Borna und Furth
26. Januar 1914 „Der Schnelle Markt“ von Ebersdorf
1. Juli 1919 Ebersdorf und Markersdorf
1. Juli 1922 Heinersdorf
1. Oktober 1926 Rottluff
1. Januar 1929 Reichenhain
1. Juli 1950 Adelsberg (1934 aus Ober- und Niederhermersdorf gebildet), Erfenschlag, Glösa (mit dem 1933 eingegliederten Draisdorf), Harthau, Rabenstein und Stadt Siegmar-Schönau (gebildet am 1. Oktober 1935 durch den Zusammenschluss der Stadt Siegmar und der Gemeinde Schönau; zur Stadt gehörten auch die ehemaligen Gemeinden Reichenbrand ¹, Neustadt ² und Stelzendorf ³)
7. November 1950 Teile vom Staatsforst „Zeisigwald
9. Dezember 1953 Teile von Auerswalde
16. März 1957 Teile von Auerswalde
Ende 1970er Teile von Neukirchen/Erzgeb.
25. März 1994 Euba
1. Januar 1996 Teile von Lichtenwalde
1. Januar 1997 Einsiedel (mit dem bereits am 15. Juli 1936 eingegliederten Berbisdorf), Klaffenbach und Kleinolbersdorf-Altenhain
1. Januar 1999 Röhrsdorf, Grüna, Wittgensdorf (mit dem Ortsteil Murschnitz) und Mittelbach
  • ¹ = Reichenbrand wurde am 1. April 1922 nach Siegmar eingemeindet
  • ² = Neustadt wurde am 1. April 1922 nach Schönau eingemeindet
  • ³ = Stelzendorf wurde am 1. Oktober 1920 nach Reichenbrand eingemeindet

(Quelle: Chemnitzer Bürger-Buch 2000/2001)

Nach Wiedererrichtung des Landes Sachsen 1990 wurde auch der Bezirk Chemnitz aufgelöst. Im Rahmen der Kreisreform in Sachsen 1994 wurde der Landkreis Chemnitz aufgelöst. Ein Teil wurde mit den Landkreisen Hohenstein-Ernstthal und Glauchau zum neuen Landkreis Chemnitzer Land zusammengeschlossen. Der andere Teil ging im Landkreis Mittweida auf, einige Gemeinden kamen auch zum Mittleren Erzgebirgskreis und zum Landkreis Stollberg. Seit längerem gibt es auch Bestrebungen, die Gemeinde Neukirchen nach Chemnitz einzugliedern. Dies scheiterte bis heute am Widerstand des Landkreises Stollberg und der Gemeinde Neukirchen selbst. Chemnitz blieb kreisfreie Stadt.

Siehe auch[Bearbeiten]

 Portal: Chemnitz – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Chemnitz

Literatur[Bearbeiten]

  • Chemnitz am Ende des XIX. Jahrhunderts in Wort und Bild. Körner & Lauterbach, Chemnitz (um 1900) (Digitalisat)
  • Karl-Marx-Stadt (= Werte unserer Heimat. Band 33). 1. Auflage. Akademie Verlag, Berlin 1979.
  • Chemnitzer Geschichtsverein (Hg.): Mitteilungen des Chemnitzer Geschichtsvereins: Jahrbuch, mehrbändige Reihe, Chemnitz 1992ff.,ZDB-ID 9137270.
  • Uwe Fiedler: Erinnerungen an Chemnitz wie es einmal war. Wartberg Verlag, Gudensberg-Gleichen 2001, ISBN 3-8313-1149-8
  • Stadtarchiv Chemnitz (Hg.): Aus dem Stadtarchiv Chemnitz, mehrbändige Reihe, Chemnitz 1998ff., ZDB-ID 20028933.
  • Tilo Richter: Die Stadtkirche St. Jakobi zu Chemnitz. Gestalt und Baugeschichte vom 12. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Chemnitz 2000, ISBN 3-932900-40-5.
  • Gabriele Viertel, Stephan Weingart: Geschichte der Stadt Chemnitz. Vom locus Kameniz zur Industriestadt. Gudensberg-Gleichen 2002, ISBN 3-86134-968-X.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Digitales Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen – Chemnitz. Abgerufen am 30. Oktober 2013.
  2. Gründungsurkunde des Klosters St. Marien
  3. Manfred Wilde: Die Zauberei- und Hexenprozesse in Kursachsen. Köln, Weimar, Wien 2003, S. 474 f.
  4. Otto Rudert, Geschichtliche Wanderfahrten – Das alte Chemnitz. Dresden, 1932, aus dem Buch Erinnerungen an CHEMNITZ wie es einmal war.
  5. Olaf Groehler: Bombenkrieg gegen Deutschland. Akademie-Verlag, Berlin 1990. ISBN 3-05-000612-9. S.449
  6. a b http://www.chemnitzer-friedenstag.de/2005/maerz.html
  7. Heinrich Magirius in Schicksale Deutscher Baudenkmale im Zweiten Weltkrieg. Hrsg. Götz Eckardt, Henschel-Verlag, Berlin 1978. Band 2, S 452 bis 460
  8. Heinrich Magirius in Schicksale Deutscher Baudenkmale im Zweiten Weltkrieg. Hrsg. Götz Eckardt, Henschel-Verlag, Berlin 1978. Band 2, S. 457