Geschlechterdemokratie

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
World Pride, London 2012

Geschlechterdemokratie ist ein dem Gender Mainstreaming verwandter Begriff. Er bezeichnet die Absicht, demokratische Verhältnisse zwischen Frauen und Männern in der Gesellschaft insgesamt sowie konkret in Unternehmen und Organisationen herzustellen. Um dies zu erreichen, finden u. a. Gendertrainings statt, die das Bewusstsein für Ungleichheiten entwickeln und schärfen und Wege aufzeigen sollen, die Geschlechterverhältnisse zu demokratisieren. Der Begriff Geschlechterdemokratie wurde von der Berliner Soziologin Halina Bendkowski entwickelt und geprägt.[1]

Geschichte des Begriffs[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Johanna-Dohnal-Platz in Wien. In einer von Johanna Dohnal herausgegebenen Publikation erschien der Begriff „Geschlechterdemokratie“ 1993 erstmals auf einem Buchtitel.

Halina Bendkowski zufolge entwickelte sie den Begriff Anfang der 1990er Jahre, als sie „im Auftrag der österreichischen Frauenministerin Johanna Dohnal in den USA nach innovativen Projekten gegen häusliche Gewalt recherchierte“.[2] Erstmals als Titel erschien der Begriff dann 1993 in einer Publikation der österreichischen Bundesministerin für Frauenangelegenheiten: „Test the West: Geschlechterdemokratie und Gewalt“.[3]

Die Pioniere des geschlechterdemokratischen Ansatzes lehnten eine fixe Definition des Begriffs ab. So schrieb Bendkowski: „Sobald Begriffe lexikalisch erfasst und theorierecycelt sind, haben sie ihr vitales Leben schon meist hinter sich. Ja, auch Begriffe leben, besonders die, die für und in politischen Realauseinandersetzungen gewonnen worden sind.“[4] Gunda Werner, die 1999 Grundsätze für Geschlechterdemokratie in der Heinrich-Böll-Stiftung umriss, erklärte: „Die Geschlechterdemokratie hat weder fertige praktische noch theoretische Konzepte. Sie ist eine Suchbewegung nach neuen Orientierungen und Modellen.“[5] Dennoch lassen sich Eckpunkte dieser frühen Ansätze von Geschlechterdemokratie benennen:

  • Geschlechterdemokratie ist ein normativer Begriff, d. h. eine absolute moralisch-ethische Forderung.
  • Demokratische Prinzipien sollen nicht nur für die Sphäre der Politik, sondern auch für Arbeitswelt und Privatleben gelten.[6]

Anderenorts wird auf die nicht widerspruchslose Vielschichtigkeit des Prinzips verwiesen:

„Entstanden in der Anti-Gewalt-Debatte zielt [der Begriff Geschlechterdemokratie] auf einen Perspektivwechsel mit dem Ziel, Männer in ihren verschiedenen Positionen (...) stärker in die Verantwortung zu nehmen. In der Institutionen- und Organisationsdebatte wurde Geschlechterdemokratie vor allem als Alternative zur herkömmlichen Frauen- und Gleichstellungspolitik diskutiert. Als feministische Utopie erhält der Begriff v.a. eine Platzhalterfunktion für eine Vielzahl an feministischen Visionen.[7]

Ziele und Ansätze[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ziel der Geschlechterdemokratie ist es, Frauen und Männer gleichberechtigt an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft teilnehmen zu lassen. Dazu sollen undemokratische Strukturen verändert und gewaltförmige Herrschaft abgebaut werden. „Demokratie“ hat hierbei einen erweiterten Sinn: Gleiche Rechte und Chancen für verschiedenartige Menschen werden anerkannt. Da es eine Vielzahl an geschlechtlichen Identitäten gibt, wird auch die Dichotomie Mann/Frau abgelehnt, da jeder weibliche und männliche Mensch, unabhängig vom Geschlecht, die Möglichkeit haben müsse, Lebensweg und Beziehungen selbstbestimmt und jenseits stereotyper Vorstellungen über „die“ Männer bzw. „die“ Frauen zu gestalten.[8]

In der geschlechterdemokratischen Praxis werden von Männern entwickelte Strukturen und Inhalte der rechtsstaatlichen Demokratie untersucht und in geschlechtergerechte Systeme und Ausdrucksformen umgewandelt. In einer Quelle heißt es, das demokratische Repräsentationsprinzip und der Staat seien aufgrund der Trennung in eine öffentliche Sphäre (in der durch Diskurse Macht und Herrschaft durchgesetzt, aber auch kritisiert werden) und in eine private Sphäre (Hausarbeit) Garant für die bleibende geschlechtliche Trennung. Diese gelte es zu überwinden, indem eine geschlechtergerechte Partizipation, Artikulation und Präsentation entwickelt wird. Im Gegensatz zu der Praxis von Gender Mainstreaming wird hierfür auch der Zugang zu adäquaten Ressourcen berücksichtigt sowie die Struktur des Staates selbst hinterfragt.[9]

Ein wesentliches Mittel, um Geschlechterdemokratie umzusetzen, sind sogenannte Gendertrainings, bei denen u. a. Rollenvorstellungen hinterfragt werden, der gesellschaftliche Rahmen analysiert wird und Ansätze dafür entstehen sollen, wie in Organisationen eine größere Geschlechtergerechtigkeit hergestellt werden kann.

Geschlechterdemokratie in Organisationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Beispiele für Organisationen, in denen Geschlechterdemokratie institutionell verankert ist:

  • In der Satzung der Gewerkschaft ver.di ist die „Verwirklichung der Geschlechterdemokratie“ als Ziel festgelegt.[11]
  • In der Bundessatzung der Partei Die Linke trägt der § 10 den Titel „Geschlechterdemokratie“.[13]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Johanna Dohnal (Hrsg.): Test the West: Geschlechterdemokratie und Gewalt. Bd. 1 von Gewalt gegen Frauen, Frauen gegen Gewalt. Bundesministerin für Frauenangelegenheiten, Wien 1993, ISBN 978-3-901-19209-8.
  • Femina Politica, Ausgabe 2/2002: Schwerpunkt: Geschlechterdemokratie – ein neues feministisches Leitbild?
  • Heinrich-Böll-Stiftung (Hrsg.): Geschlechterdemokratie wagen!, Königstein/Taunus, 2002.
  • Heinrich-Böll-Stiftung: Schriften zur Geschlechterdemokratie (14 Bände)
  • Walter Hollstein: Geschlechterdemokratie. Männer und Frauen: Besser miteinander leben. Wiesbaden 2004, ISBN 978-3-8100-3978-1.
  • Annette Jünemann: Geschlechterdemokratie für die Arabische Welt. Die EU-Förderpolitik zwischen Staatsfeminismus und Islamismus, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-658-04941-6.
  • Helga Lukoschat: Das Konzept der Geschlechterdemokratie und seine Umsetzung in Organisationen, in: Gleichstellungsstelle der Landeshauptstadt Stuttgart (Hrsg.): Chancen und Risiken der Verwaltungsreform für Frauen, Stuttgart 1998, S. 6–13.
  • Ministerium für Arbeit, Frauen, Gesundheit und Soziales: Gender Mainstreaming in Sachsen-Anhalt, Magdeburg 2001
  • Birgit Sauer: Staat, Demokratie und Geschlecht – aktuelle Debatten. (PDF-Dokument) In: gender…politik…»online«, 2003.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jenseits von EMMA. Oder: Wie werden das Wissen und die Diskussionen des Feminismus. In: UTOPIE kreativ. Nr. 158, Dezember 2003, S. 1144–1146.
  2. Jenseits von EMMA. Oder: Wie werden das Wissen und die Diskussionen des Feminismus. In: UTOPIE kreativ. Nr. 158, Dezember 2003, S. 1144–1146.
  3. Test the West: Geschlechterdemokratie und Gewalt. Bd. 1 von Gewalt gegen Frauen, Frauen gegen Gewalt. Hrsg. von Johanna Dohnal, Bundesministerin für Frauenangelegenheiten, Wien 1993.
  4. Jenseits von EMMA. Oder: Wie werden das Wissen und die Diskussionen des Feminismus. In: UTOPIE kreativ. Nr. 158, Dezember 2003, S. 1144–1146.
  5. Gunda Werner: Geschlechterdemokratie 2000. Zehn Thesen zur Diskussion. Oktober 1999 (PDF-Dokument).
  6. Helga Braun: Geschlechterdemokratie wagen! In: Geschlechterdemokratie wagen. Hrsg. von der Heinrich-Böll-Stiftung, Königstein/Ts. 2002
  7. Juliette Wedl, Jutta Bieringer: Geschlechterdemokratie – Begriffsgeschichte und Problemfelder. Eine Einleitung. In: Femina Politica, 2/2002
  8. Prämissen einer geschlechterdemokratischen Organisationsform Gunda-Werner-Institut
  9. Birgit Sauer: Staat, Demokratie und Geschlecht – aktuelle Debatten. (PDF-Dokument) In: gender…politik… 2003.
  10. Satzung der Heinrich-Böll-Stiftung Dort heißt es in § 2(3): „Ein besonderes Anliegen ist ihr die Verwirklichung von Geschlechterdemokratie als ein von Abhängigkeit und Dominanz freies Verhältnis der Geschlechter. Diese Gemeinschaftsaufgabe ist sowohl für die interne Zusammenarbeit als auch für die öffentliche Tätigkeit aller Bereiche ein maßgebliches Leitbild.“
  11. Satzung ver.di - Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft, September 2015 Dort heißt es in § 5.3(f): „Zur Erreichung dieser Ziele dienen insbesondere: Verwirklichung der Geschlechterdemokratie und der gleichberechtigten Teilhabe von Frauen und Männern in Betrieb, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik, auch unter Anwendung des Gender Mainstreaming.“
  12. GEW: Satzung – Ordnungen – Richtlinien, Juli 2014 (PDF-Dokument) Dort § 3(d)
  13. Bundessatzung der Partei DIE LINKE. § 10 Geschlechterdemokratie Dort heißt es, eher an Prinzipien der Gleichberechtigung als speziell der Geschlechterdemokratie orientiert, u. a.: „Die politische Willensbildung der Frauen in der Partei ist aktiv zu fördern. Es ist Ziel der Partei, dass Frauen weder diskriminiert noch in ihrer politischen Arbeit behindert werden.“
  14. KjG – Positionen: Geschlechterdemokratie