Geschlechterturm

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Die Geschlechtertürme in San Gimignano

Der Geschlechterturm ist eine ursprünglich in Italien, vor allem in der Toskana, als Wohn- und Verteidigungswerk einflussreicher städtischer Familien entstandene Bauweise.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die zwei Türme Asinelli und Garisenda in Bologna

Die Geschlechtertürme entstanden in der von Fehden geprägten Epoche des 12. und 13. Jahrhunderts, zeitgleich mit den Bergfrieden ländlicher Burgen, denen sie ihre Form entlehnt hatten, allerdings aufgrund der fehlenden Höhenlage sowie der Enge in den Städten oft schlanker und höher.

Der oberitalienische Landadel, der bislang Ministerialendienst auf den Burgen oder Festen Häusern seiner Lehnsherren getan und von Anteilen der erhobenen Zolleinnahmen sowie den eher bescheidenen Abgaben der Leibeigenen, Hörigen und Hintersassen gelebt hatte, fühlte sich durch den wachsenden Wohlstand der bürgerlichen Patrizier in den Städten herausgefordert, siedelte seinerseits schon früh in die Städte über und begann, sich ebenfalls kommerziell zu betätigen und Handelshäuser oder Bankgeschäfte aufzubauen - ganz im Gegensatz zum Lehnsadel im übrigen Europa, dem Handels- oder Gewerbebetätigung bei Androhung des Standesverlustes untersagt war. Gleichwohl behielten diese adligen Familien anfangs ihre ritterliche, fehdegewohnte Lebensweise bei und brachten zwischen 1150 und 1250 mit ihren Geschlechtertürmen die fortifikatorische Bauweise von Bergfried, Turmburg und Wohnturm und damit ihre feudalen Macht- und Statussymbole in die Enge innerstädtischer Gassen. Kaufleute und Bankiers versuchten mitzuhalten und errichteten sich ebenfalls Türme. Je höher der Turm einer Familie gebaut wurde, desto höher war das Ansehen dieses Geschlechts. Oft waren die Türme an Häuser oder Palazzi angebaut, die in Friedenszeiten als Wohnsitz dienten.

Die Grundfläche ist meist quadratisch, die Höhe unterschiedlich. Die Türme wurden innen fortifikatorisch ausgebaut, man gelangte in das jeweils höhere Stockwerk, das meist nur aus einem Raum bestand, über Leitern oder Strickleitern, die im Belagerungsfall nach oben gezogen werden konnten. In den oberen Stockwerken wurden Waffen, Pech, Wasser und Vorräte gelagert, im Fehdefall wohl auch die Münzreserven. Teilweise sind die Türme auch mit Wasserspeiern versehen, die für Angriffe auf Belagerer mit heißem Öl, Wasser und Ähnlichem genutzt werden konnten.

Die meisten Türme sind um 1200 entstanden. Schon im Lauf des 13. und 14. Jahrhunderts wurden viele entweder geschleift oder abgebaut, andere stürzten ein. Später dienten sie als Lager, Wohnungen oder Geschäfte oder wurden als Kerker genutzt.

Viele Bauten wurden bereits im Mittelalter bei innerstädtischen Auseinandersetzungen zerstört. Andere fielen städtebaulichen Projekten zum Opfer oder wurden irgendwann wegen Baufälligkeit abgerissen. Die meisten Türme wurden jedoch im Lauf der Zeit gekürzt und in die unteren Etagen neuer Häuser integriert. In Florenz sind bei genauem Hinsehen noch viele solcher Turmstümpfe zu erkennen; noch im Zweiten Weltkrieg wurden dort bei Bombenangriffen viele bis dahin erhaltene Türme zerstört.

Städte mit Geschlechtertürmen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bologna im 11. Jahrhundert mit rund 180 Geschlechtertürmen
Perugia 1454 (Fresko von Benedetto Bonfigli)

Die Stadt mit den meisten in voller Höhe erhaltenen Geschlechtertürmen ist San Gimignano in der Toskana mit 15 schon von weither sichtbaren Türmen. In Florenz gab es einst etwa 200 Türme; viele von ihnen stürzten aber ein, da die Erbauer zu hoch hinaus wollten, teilweise über 70 Meter; Erdbeben taten das ihre. Die Stadtverwaltung sah sich bereits im Jahr 1250 gezwungen, die Höhe der Türme auf 27,5 Meter – was etwa 9 Stockwerken entspricht – zu begrenzen, was darüber lag musste auf dieses Maß gekürzt werden. Ferner wurde den Besitzern aufgegeben, die Türme zu bewohnen, damit sie nicht als Waffenmagazine genutzt wurden. Etwa 40 solcher Turmstümpfe sind in Florenz noch vorhanden.

In Bologna sind von ursprünglich 180 noch 20 Türme bzw. Turmstümpfe erhalten. Zwei der bekanntesten Geschlechtertürme dort sind die beiden schiefen Due Torri (Asinelli, 97 m, und Garisenda, 48 m). In Siena sind noch etwa 15 zu sehen, in Volterra sechs, in Pisa drei. In Lucca gab es einst 250. Die 50 Türme in Perugia mussten, bis auf einen, nach einer Rebellion 1531 auf päpstliche Anordnung niedergelegt werden.

In Deutschland sind Geschlechtertürme vor allem in Regensburg anzutreffen, wo sich ein reichsstädtisches Patriziat die italienischen Türme zum Vorbild nahm; bis auf wenige Ausnahmen (u. a. Goldener Turm, Bräunelturm, Kappelmayerturm, Kastenmayerturm, Zanthausturm) wurden sie später allerdings auf Firsthöhe gekappt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Klaus Tragbar: Vom Geschlechterturm zum Stadthaus. Studien zu Herkunft, Typologie und städtebaulichen Aspekten des mittelalterlichen Wohnbaus in der Toskana (um 1100 bis 1350) (= Beiträge zur Kunstgeschichte des Mittelalters und der Renaissance 10). Rhema-Verlag, Münster 2003, ISBN 3-930454-22-X.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]