Geschlechterunterschiede im Sport

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Als Geschlechterunterschiede beim Sport versteht man Unterschiede, die auf deren Zugehörigkeit zum männlichen oder weiblichen Geschlecht zurückgeführt werden und einen Einfluss auf die sportliche Leistungsfähigkeit haben.

Rūta Meilutytė (Weltrekordhalterin 100 m Brust) mit anderen litauischen Schwimmern
Entwicklung der Weltrekorde im Stabhochsprung bei Männern und Frauen
Lee Sang-Su und Park Young-Sook, gemischtes Doppel bei der WM 2013
Oksana Masters und Rob Jones, Mixed-Skull Team bei den Paralympics 2012
gemischte Teams, Block beim Volleyball
Lilly Scholz und Otto Kaiser, Paarlauf, Olympische Winterspiele 1928
U 10 Meisterschaftsspiel, 2009

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Männer- und Frauensport haben sich völlig unterschiedlich entwickelt. Frauen konnten viele Sportarten aufgrund historischer und sozialer Beschränkungen erst viel später ausüben als Männer. So wurde beispielsweise der Marathonwettbewerb für Frauen erst 1984 ins Olympische Programm aufgenommen. Durch die späte Etablierung von Frauensport stiegen die Rekorde um 1980–1990 explosionsartig an und einige Wissenschaftler prognostizierten, dass Frauen spätestens im Jahr 2050 Männer im Hochleistungssport überholen würden. Durch das Abflachen der "Leistungsexplosion" im Frauensport um die Jahrtausendwende geht man aktuell davon aus, dass sich der "Gender Gap" aufgrund der genetischen Unterschiede nicht aufheben lässt. Der Leistungsunterschied zwischen Männer und Frauen im Sport ist in den letzten Jahren sogar größer geworden. Während der Unterschied zwischen den Geschlechtern 1989 durchschnittlich 10,4 Prozent betrug, liege er derzeit wieder bei knapp mehr als elf Prozent. Die Ursache dafür sehen die Forscher in erster Linie im Verschwinden des "Ostblocks" - bzw. des planmäßigen Dopings speziell im Frauensport dieser Länder. [1]

Physische Unterschiede[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Männer und Frauen unterscheiden sich anatomisch unter anderem auch in Körpergröße, Gewicht, Muskelmasse und Körperbau. Männer sind im Schnitt 12 cm größer[2] und 10 bis 20 kg schwerer als Frauen. Während der Körperbau bei Frauen rumpfbetont ist, sind bei Männern die Extremitäten betont. Frauen haben kleinere Atemwege, und auch ihre Herzen und Lungen sind relativ kleiner, die Herzfrequenz relativ höher, die Blutmenge und der Wert des Sauerstofftransporteurs Hämoglobin sind relativ niedriger als bei Männern. Frauen haben einen höheren Anteil an Körperfett und weniger Muskelmasse, auch der Stoffwechsel ist bei beiden Geschlechtern unterschiedlich.[3] Im Bevölkerungsdurchschnitt haben die besten 20 % der Frauen dieselbe körperliche Leistungsfähigkeit wie die schlechtesten 20 % der männlichen Bevölkerung.[4]

Im Leistungssport erreichen Männer im Schnitt 10 bis 20 % mehr körperliche Leistungsfähigkeit in den verschiedenen Disziplinen. Es ist nicht möglich ein einheitliches Maß für die Leistungsfähigkeit des Menschen aufzustellen. Stattdessen wird die Leistungsfähigkeit für jede Disziplin beziehungsweise jeden Bewegungsablauf im Sport einzeln definiert. Beispiele sind in der folgenden Tabelle im Abschnitt „Weltrekorde“ aufgeführt. Dieser Effekt ist umso stärker, je mehr es auf Kraft ankommt.[4][5] Der höhere Fettstoffwechsel von Frauen ist bei Ultra-Ausdauerdisziplinen von Vorteil.[6]

Intersexualität beim Sport[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Natur bietet eine breite Spanne von Ausprägung der Geschlechter. So gibt es beispielsweise Frauen mit erhöhtem Testosteronspiegel und Menschen mit Androgenresistenz, die bei einem XY-Karyotyp ein weibliches Erscheinungsbild haben. Diese und weitere Zwischenformen zwischen Mann und Frau werden unter dem Begriff Intersexualität zusammengefasst. Dieser Umstand erschwert es, eine allgemein für den Leistungssport gültige Definition für „Frau“ zu finden.[7][8]

Damit Männer nicht bei Frauenwettbewerben antreten, finden bei Verdachtsfällen Geschlechtsüberprüfungen statt.

Geschlechtertrennung beim Sport[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aufgrund der unterschiedlichen physischen Leistungsfähigkeit werden in den meisten Sportarten die Geschlechter getrennt. Häufig sind die Sportgeräte, welche Frauen verwenden anders, meist kleiner oder leichter, als jene die Männer verwenden. Beispielsweise ist der Basketball der Frauen 2,54 cm kleiner[9], das Frauen Volleyballnetz 19 cm niedriger und der Frauen-Diskus 1 kg leichter, als das Gegenstück der Männer.

Unter den 28 verschiedenen Sportarten bei den olympischen Sommerspielen 2016 ist Reiten die einzige, in der Frauen und Männer gemeinsam antreten. In Rhythmischer Sportgymnastik und Synchronschwimmen sind nur Frauen zugelassen.

Auch im Schießen werden bei olympischen Spielen männliche und weibliche Athleten getrennt, obwohl bei diesem Präzisionssport Männer keinen Vorteil gegenüber Frauen haben. In der Schweiz treten männliche und weibliche Schützen gemeinsam an, beispielsweise beim Knabenschießen.[10] Seit den olympischen Spielen in Mexiko 1968 können Frauen an Schießwettbewerben teilnehmen. Zunächst wurden sie in die Männerteams integriert. Seit Los Angeles 1984 werden die meisten Schießbewerbe für Frauen getrennt durchgeführt. Der olympische Skeet-Wettbewerb wurde jedoch weiterhin gemeinsam durchgeführt, bis 1992 die Chinesin Zhang Shan als erste Frau überraschend gewann. Vier Jahre später, bei den Olympischen Spielen in Atlanta, waren die Frauen vom Skeet-Bewerb ausgeschlossen und Zhang Shan konnte ihren Sieg nicht verteidigen. Erst 2000 in Sydney wurde das Wurfscheibenschießen für Frauen zum eigenständigen olympischen Wettbewerb erhoben. Auch bei anderen Präzisionssportarten, wie dem Pétanque treten beide Geschlechter gemeinsam an.

Bei allen Pferdesportarten treten Männer und Frauen zusammen an: Westernreiten, Distanzreiten, Dressurreiten, Springreiten, Vielseitigkeitsreiten, Fahrsport, Pferderennen, Voltigieren und Leistungspflügen.[11] Beim Polo wird der physische Vorteil der Männer durch das Handicap ausgeglichen.[12]

Gemischte Doppel, gemischte Teams und Paare[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gemischte Doppel aus je einer Frau und einem Mann werden in den Rückschlag-Sportarten Tennis, Tischtennis und Badminton ausgetragen.

Gemischte Teams gibt es bei den Wassersportarten Segeln, Rudern und Kanufahren (Canadier), aber auch bei Team-Sportarten wie Curling, Unihockey-Mixed, Volleyball, Softball, Fussball und Ultimatefrisbee.

Beim Tanzen, Eiskunstlauf und Eistanzen gibt es Paarwettbewerbe, bei denen Paare aus Männern und Frauen antreten. Beim Eiskunstlauf und Ballett gibt es Hebefiguren, bei denen aufgrund der physischen Gegebenheiten meist der Mann Part des Untermanns übernimmt. Beim Voltigieren übernimmt das jeweils Größere die Untermann- beziehungsweise die Unterfrau-Rolle.[13]

Quidditch, eine Adaption des fiktiven Spiels aus dem Harry-Potter-Universums, ist eine der wenigen Sportarten, die gemischte Teams fordert und dabei auch Personen mit nichtbinären Geschlechtsidentitäten explizit einschließt.[14]

Sportarten mit Besonderheiten bezüglich des Geschlechtsunterschieds[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Geschlechterabstand im Schwimmen beträgt 6–15 % zugunsten der Männer. Beim Schwimmsport wirken sich die biologischen Unterschiede weniger gravierend aus als bei anderen Sportarten. Badeanzüge bedecken mehr Fläche als Badehosen und verringern den Wasserwiderstand und fördern auf diese Weise die Geschwindigkeit.[15]

Beim Fußball spielen Mädchen und Jungen in Deutschland üblicherweise bis zur D-Jugend gemeinsam.[16]

Weltrekorde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Rekorde in den Sprungdisziplinen liegen bei den Männern etwa 15 bis 18 % höher/weiter als bei den Frauen
Der Rekord im Speerwurf der Männer ist etwa 27 % weiter als der Rekord der Frauen.
Sportart Disziplin Rekord Unter­schied
Werfen Diskuswurf[17] 74,08 m (2 kg) Blue Mars symbol.svg kein Vergleich möglich:
versch. Wurfgewichte
76,80 m (1 kg) Symbol venus.svg
Laufen Ultramarathon 100 km[18] 6:10:20 h Blue Mars symbol.svg 6 %
6:33:11 h Symbol venus.svg
Laufen Marathonlauf[19] 2:02:57 h Blue Mars symbol.svg 9 %
2:15:25 h Symbol venus.svg
Eisschnelllauf 100 m-Eisschnelllauf[20] 9,40 s Blue Mars symbol.svg 9 %
10,21 s Symbol venus.svg
Laufen 100-Meter-Lauf[21] 9,58 s Blue Mars symbol.svg 10 %
10,49 s Symbol venus.svg
Laufen 400-Meter-Lauf 43,18 s Blue Mars symbol.svg 10 %
47,60 s Symbol venus.svg
Laufen 1500-Meter-Lauf 3:26,00 min Blue Mars symbol.svg 12 %
3:50,07 min Symbol venus.svg
Schwimmen 50 m Brust[22] 26,42 s Blue Mars symbol.svg 12 %
29,48 s Symbol venus.svg
Schwimmen 50 m Rücken 24,04 s Blue Mars symbol.svg 13 %
27,06 s Symbol venus.svg
Schwimmen 50 m Freistil 20,91 s Blue Mars symbol.svg 14 %
23,73 s Symbol venus.svg
Springen Hochsprung[23] 2,45 m Blue Mars symbol.svg 15 %
2,09 m Symbol venus.svg
Springen Weitsprung 8,95 m Blue Mars symbol.svg 16 %
7,52 m Symbol venus.svg
Springen Stabhochsprung 6,16 m Blue Mars symbol.svg 18 %
5,06 m Symbol venus.svg
Gewichtheben Reißen Gewichtsklasse bis 69 kg[24] 166 kg Blue Mars symbol.svg 23 %
128 kg Symbol venus.svg
Gewichtheben Stoßen Gewichtsklasse bis 69 kg[25] 198 kg Blue Mars symbol.svg 27 %
158 kg Symbol venus.svg
Gewichtheben Zweikampf Gewichtsklasse bis 69 kg[26] 359 kg Blue Mars symbol.svg 20 %
286 kg Symbol venus.svg
Werfen Speerwurf[27] 98,48 m (800 g) Blue Mars symbol.svg 27 %
versch. Wurfgewichte
72,28 m (600 g) Symbol venus.svg

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. http://sciencev1.orf.at/news/120078.html
  2. A century of trends in adult human height, 26. Juli 2016
  3. Männersport – Frauensport. Abgerufen am 28. Januar 2017.
  4. a b Helena Carreiras, Gerhard Kümmel: Women in the Military and in Armed Conflict (= Schriftenreihe des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr. Band 6). 1. Auflage. Springer VS, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-531-15834-1, Women in Combat: Reconsidering the Case Against the Deployment of Women in Combat-Support and Combat Units, S. 10 (englisch, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche).
  5. Frauen-/Männer-Fußball: So groß ist der Unterschied wirklich. In: https://www.tz.de. 25. Juni 2011 (tz.de [abgerufen am 28. Januar 2017]).
  6. Energiebilanz und Fettstoffwechsel, Lutz Aderhold, German Road Races, 23. Januar 2014
  7. Remo Geisser: 800-m-Lauf der Frauen: Der Endlauf der Kontroverse. In: Neue Zürcher Zeitung. 20. August 2016, ISSN 0376-6829 (nzz.ch [abgerufen am 28. Januar 2017]).
  8. Diese intersexuellen Sprinterinnen deklassieren ihre Gegnerinnen – liegts am Testosteron? In: az Aargauer Zeitung. (aargauerzeitung.ch [abgerufen am 28. Januar 2017]).
  9. http://www.fibaamericas.com/files/informes/A025ACC10A544F25857E5C8576F69696.pdf
  10. Hall of Fame, Knabenschiessen
  11. Arzt aus Sachsen zieht Brandenburgern davon, Lausitzer Rundschau, 14.9.2016
  12. Eva Brühl Polospielerin mit Handicap 2
  13. Barbie & Ken (Eszter Somogyi & Balázs Bence) CVIO Stadl Paura 2010. 19. Mai 2010, abgerufen am 28. Januar 2017.
  14. Jeffrey O. Segrave: Challenging the gender binary: the fictive and real world of quidditch. In: Sport in Society. Band 19, Nr. 8-9, 17. August 2015, ISSN 1743-0445, S. 1299–1315, doi:10.1080/17430437.2015.1067783.
  15. Stärker als Männer? Die Grenzen des weiblichen Körpers. In: Die Presse. (diepresse.com [abgerufen am 28. Januar 2017]).
  16. „Mädchen und Jungen so lange wie möglich zusammen“ :: DFB - Deutscher Fußball-Bund e.V. Abgerufen am 28. Januar 2017.
  17. Diskuswurf
  18. IAU World Best Performances
  19. Leichtathletik-Weltrekorde
  20. Liste der Eisschnelllaufweltrekorde
  21. Leichtathletik-Weltrekorde
  22. Liste der Schwimmweltrekorde
  23. Leichtathletik-Weltrekorde
  24. Liste der Weltrekorde im Gewichtheben
  25. Liste der Weltrekorde im Gewichtheben
  26. Liste der Weltrekorde im Gewichtheben
  27. Leichtathletik-Weltrekorde