Geschlechtsangleichende Maßnahme

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Geschlechtsangleichende Maßnahmen sind medizinische Maßnahmen, die dazu dienen, primäre oder sekundäre Geschlechtsmerkmale an eine Norm anzugleichen.

Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den geschlechtsangleichenden Maßnahmen gehören einerseits Therapien wie die Gabe von Geschlechtshormonen (siehe auch Endokrinologie und Hormonersatztherapie) oder die Unterdrückung der Hormonbildung sowie operative Eingriffe, siehe geschlechtsangleichende Operation.

Intersexualität[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei intersexuellen Menschen (Personen mit nicht eindeutig weiblichen oder männlichen körperlichen Geschlechtsmerkmalen) können medizinische Maßnahmen ergriffen werden, um den Körper an das gefühlte oder vermutete Geschlecht anzupassen. Dies kann von einem Ausgleich eines anomalen Hormonspiegels über „kleinere“ Eingriffe wie dem Verkleinern der Klitoris, bis zur kompletten Umgestaltung des Genitalbereiches mit Mitteln der plastischen Chirurgie reichen.

Vor allem in der Vergangenheit wurde die Entscheidung zu einer solchen Maßnahme im Kindesalter häufig von den Eltern getroffen, ohne die persönliche Entwicklung des Kindes abzuwarten. Da das Entfernen rudimentärer männlicher Geschlechtsteile (also die Operation zur Frau) die chirurgisch einfachere Maßnahme ist, wurde sie häufiger gewählt, ohne dass sie im Einzelfall die der Situation des Kindes angebrachtere gewesen wäre. Der Deutsche Ethikrat spricht sich auf Basis der UN-Kinderrechtskonvention gegen solche medizinisch nicht notwendigen Operationen an nicht-einwilligungsfähigen Kindern aus.[1] Auch eine 2016 verabschiedete AWMF-Leitlinie empfiehlt einen restriktiven Umgang mit operativen Eingriffen bei nicht-einwilligungsfähigen Kindern; das Elterliche Sorgerecht ermögliche demnach nur eine Einwilligung in medizinisch notwendige Operationen, nicht jedoch in kosmetische Eingriffe.[2] Am 22. Mai 2021 trat in Deutschland ein grundsätzliches Verbot geschlechtsangleichender Maßnahmen bei nicht einwilligungsfähigen intersexuellen Kindern in Kraft.[3]

Geschlechtsspezifische Abweichung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei transsexuellen bzw. transgeschlechtlichen (auch transgender) Menschen (Menschen, welche sich mit ihren primären und sekundären Geschlechtsmerkmalen nicht oder nicht vollständig identifizieren) werden diese Maßnahmen durchgeführt, um eine Anpassung des Körpers an das empfundene Geschlecht durchzuführen. Diese Maßnahmen finden auf ausdrücklichen Wunsch der betreffenden Personen und im Allgemeinen nach ausführlichen Begutachtungen statt.

Umstritten hier ist oft noch, ob diese Maßnahmen allen zugutekommen sollen, die sie benötigen, oder nur Menschen, welche die Definition von „Transsexualismus“ im ICD-10 vollständig erfüllen. Die Tendenz, sowohl unter transgeschlechtlichen Menschen selbst als auch Behandlern, geht zunehmend zu ersterem. Folglich wurde in der kommenden 11. Version des ICD die Diagnose „Störungen der Geschlechtsidentität“, welche „Transsexualismus“ beinhaltete, ersetzt durch die Fachbezeichnung „geschlechtsspezifische Abweichung“ (gender incongruence). Der ICD-11 tritt jedoch erst ab 1. Januar 2022 in Kraft. Zusätzlich ist die Diagnose nicht mehr als psychische Störung eingeordnet, sondern als „Zustandsform der sexuellen Gesundheit(condition of sexual health). Unterschieden wird nach dem Lebensalter[4]:

  1. HA60: geschlechtsspezifische Abweichung während der Pubertät oder im Erwachsenenalter (gender incongruence of adolescence or adulthood)
  2. HA61: geschlechtsspezifische Abweichung während der Kindheit (gender incongruence of childhood)

Recht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seltener werden auch juristische Maßnahmen zu den geschlechtsangleichenden Maßnahmen gerechnet, also die Anpassung von Vornamen und/oder Personenstand an ein anderes Geschlecht:

Häufigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Daten in der folgenden Tabelle stammen aus einem Artikel1 von Lynn Conway2 und sind grobe Schätzwerte zur Prävalenz3 in den USA. Laut Conway beruht die Unsicherheit der Schätzungen auch darauf, dass die Begriffe teilweise verschieden interpretiert werden.

Schätzungen zur Prävalenz3 von Cross-Dressing und TG/TS-Veranlagungen in den USA (2001)
TG: Transgender, TS: Transsexualität, GA-OP: Geschlechtsangleichende Operation
Kriterium Konservative5 Schätzung
der gegenwärtigen Prävalenz
%
von
bis
Intrinsische“ Prävalenz,6
wahrscheinlicher Mindestwert
Intensives Cross-Dressing4 in Teilzeit 1:50 2,0–5,0 1:20
Personen mit starken TG-Gefühlen 1:200 0,5–2,0 1:50
Personen mit intensiven TS-Gefühlen 1:500 0,2–0,7 1:150
TG-Transitionen7 (ohne GA-OP) 1:1000 0,1–0,5 1:200
TS-Transitionen (mit GA-OP) 1:2500 0,04–0,2 1:500
  1. Lynn Conway: How Frequently Does Transsexualism Occur? (17.12.2002). Übersetzung: Wie häufig tritt Transsexualität auf?
  2. Biographieabriss von Lynn Conway – englisch (2006)
  3. Prävalenz: Anteil der Betroffenen in der Bevölkerung
  4. „Cross-Dressing“ bezeichnet das Tragen der typischen Kleidung des anderen Geschlechts
  5. Konservative Schätzung: bisher von Psychiatern festgestellte/angegebene Prävalenz
  6. „Intrinsisch“: geschätzte Prävalenz inklusive „Dunkelziffer
  7. „Transition“: Wechsel des sozialen Geschlechts bzw. der Geschlechterrolle (englisch „transgender transition“)

Situation in den USA[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Vereinigten Staaten sind geschlechtsangleichende Maßnahmen, wie z. B. auch plastische Operationen, für Transgender seit den 1950er Jahren möglich.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Veröffentlichung der Stellungnahme "Intersexualität". Deutscher Ethikrat, 23. Februar 2012, abgerufen am 28. September 2020.
  2. Leitlinien-Detailansicht: Geschlechtsentwicklung, Varianten der ... Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, 22. Juli 2016, abgerufen am 28. September 2020.
  3. Bundesgesetzblatt. Abgerufen am 23. Mai 2021.
  4. Geoffrey M. Reed, Jack Drescher, Richard B. Krueger, Elham Atalla, Susan D. Cochran: Disorders related to sexuality and gender identity in the ICD‐11: revising the ICD‐10 classification based on current scientific evidence, best clinical practices, and human rights considerations. In: World Psychiatry. Band 15, Nr. 3, Oktober 2016, ISSN 1723-8617, S. 205–221, doi:10.1002/wps.20354, PMID 27717275, PMC 5032510 (freier Volltext).