Gewerkschaftshaus (Hamburg)

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Das Gewerkschaftshaus ist ein Gebäudekomplex am Besenbinderhof in Hamburg-St. Georg (Anschrift: Besenbinderhof 56–60). Die Gebäude stehen unter Denkmalschutz (ID 13363 bis 13367).

Baukomplex des Gewerkschaftshauses,
rechts der Ursprungsbau von 1906,
links der 2. Bauabschnitt von 1913.

Bau und Baugeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ursprungsbau wurde von 1904 bis 1906 nach Plänen von Heinrich Krug errichtet und in Barockformen mit Jugendstildekor gestaltet; das ursprüngliche Dach dieses Gebäudes ist aufgrund einer späteren Aufstockung nicht erhalten geblieben.

Im Osten folgte 1912/13 der zweite, im Baustil strenger gehaltene Bauabschnitt nach Plänen von Wilhelm Schröder.

August Bebel bezeichnete das Gebäude bei der Eröffnung als eine der drei wichtigsten architektonischen Sehenswürdigkeiten Hamburgs neben dem zur gleichen Zeit eröffneten Hauptbahnhof und dem Rathaus.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gewerkschaftshaus beschädigt und in der Folgezeit mehrfach umgebaut und erweitert. Seit 2004 hat man unter anderem die Außenfassade, Treppenhäuser, historische Stuckelemente, Steinreliefs und Säulenkapitelle wieder hergestellt. Seit 2008 wurde zudem der Musiksaal im Ursprungsgebäude renoviert.[1][2][3]

Neben dem Gewerkschaftshaus schließt sich östlich das ehemalige Verwaltungsgebäude der GEG (Großeinkaufs-Gesellschaft Deutscher Consumvereine) an. Es wurde 1906/07 erbaut, ebenfalls nach Plänen des Architekten Heinrich Krug. Das Gebäude steht auch unter Denkmalschutz (ID 13622).

Nutzung und Bedeutung als Gewerkschaftshaus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wolfgang Rose, Leiter des Kulturvereins im Gespräch mit Esther Bejarano bei einer Lesung im Gewerkschaftshaus (September 2016)

Bei der Eröffnung sah der SPD-Politiker August Bebel in dem Gebäude eine „geistige Waffenschmiede des Proletariats“. In den Folgejahren wurde das Gewerkschaftshaus zu einem politischen, sozialen und kulturellen Zentrum der deutschen Arbeiterbewegung. Es umfasste mehrere Versammlungsräume, Büros, eine Bibliothek sowie eine Speisehalle und Wohnräume für Wanderarbeiter. Ab 1918 nutzte der Arbeiter- und Soldatenrat die Räumlichkeiten als Zentrale; 1919 bezog der Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund sein Hauptquartier am Besenbinderhof. Das Gebäude war zudem Ziel der Aufmärsche am Maifeiertag. 1919 tagte hier die Gründungsversammlung der Volksbühne, 1923 die der Sozialistischen Arbeiterinternationale, auf dem ADGB-Bundeskongress. Am 2. November 1920 wird das GBI Großhamburger Bestattungsinstitut durch die Gewerkschaften, die AOK und die Konsumgenossenschaft „Produktion“ gegründet.[4] Es hat seinen Sitz im Gewerkschaftshaus. Der Arbeiter-Radio-Bund Deutschlands hat hier Radioübertragungen für die Arbeiterschaft durchgeführt.

Am 2. Mai 1933 stürmten SA, SS und NSDAP-Mitglieder das Hamburger Gewerkschaftshaus und verhafteten die Vorstandsmitglieder des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes (ADGB), zerstörten das Gewerkschaftsarchiv und nutzte es als „Haus der Arbeit“ bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs als Hauptquartier. Am 11. Mai 1945, unmittelbar nach Kriegsende, wurde es zum Gründungsort der Sozialistischen Freien Gewerkschaft; Paul Bebert entfernte am 14. September 1945 die Symbole der Deutschen Arbeitsfront von der Fassade des Gewerkschaftshauses.

Heute befinden sich in den Räumlichkeiten Geschäftsstellen des Hamburger DGB, des DGB-Bezirk Nord, der IG Metall, ver.di, IG Bergbau, Chemie, Energie, Arbeit und Leben, des DGB-Bildungswerk, des GBI Großhamburger Bestattungsinstitut, ein Hamburger Genossenschaftsmuseum und ein Kulturverein. Der bis Ende der 1970er Jahre vom „Theater am Besenbinderhof“ genutzte Saal wird nach Umbau und Sanierungen für verschiedene Veranstaltungen genutzt.[5][3][2]

Im Sommer 2016 wurde der Umbau des Vorplatzes abgeschlossen. Die Straße (jetzt Einbahnstraße) vor dem Gewerkschaftshaus wurde an die Repsoldstraße angebunden und die Parkplätze zu Grünflächen umgestaltet.

Musiksaal[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Historischer Musiksaal, Oktober 2016

Nach 5-jähriger Restaurierung ist der historische Musiksaal des Gewerkschaftshauses im Herbst 2016 fertiggestellt worden. Stuckdecken, Reliefs und historische Fliesenarbeiten aus den 1920er Jahren sind wieder sichtbar. 1903 wurde der Musiksaal erstmals eingeweiht. Am 8. Juli 1963, zu der Zeit wirkte in diesem Ort das Theater am Besenbinderhof, wurde Dinner for One vor Publikum live aufgezeichnet. Heute bietet der Musiksaal Platz für bis zu 390 Personen.[6] Der Musiksaal des Gewerkschaftshauses hatte 1914 farbige Glasfenster mit revolutionären Sätzen. Auf einem Bild erkennt man neben einer Weltkugel tragenden Figur „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“, den letzten Satz aus dem Kommunistischen Manifest, neben Darstellungen des Handwerks. Leider sind die Glasfenster verschwunden.[7]

Gedenktafeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An die Besetzung von 1933 erinnert heute eine Gedenktafel am Besenbinderhof 60. Eine weitere Gedenktafel ehrt Barthold Heinrich Brockes. Sie wurde am Gewerkschaftshaus im November 2016 angebracht. Am Besenbinderhof, wo heute das Gewerkschaftshaus steht, lag der Garten, den Barthold Heinrich Brockes mehrfach in seinen Gedichten beschrieben hat.

Seilscheibe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Vor dem Gewerkschaftshaus steht eine Hälfte der Seilscheibe (die andere Hälfte steht in Recklinghausen), die an die Aktion „Kunst gegen Kohle“ erinnern soll. In der Nachkriegszeit hatten Bergleute den Hamburger Theatern Kohle zum Heizen geliefert. Zum Dank gastierten im Sommer 1947 150 Schauspieler der drei Hamburger Staatsbühnen in Recklinghausen und begründeten damit die Ruhrfestspiele. Die Überschrift auf der Gedenktafel neben der Seilscheibe in Hamburg hat folgenden Text: Seilscheibe der 1965 stillgelegten Gründerzeche „König-Ludwig“ der Ruhrfestspiele Recklinghausen.

Wandbild[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Ecke Repsoldstraße/Amsickstraße, direkt hinter dem heutigen Gewerkschaftshaus, befand sich einst eine große Waggonfabrik, die Straßen- und Eisenbahnfahrzeuge herstellte und weit über 1.000 Arbeiter verschiedenster Berufe beschäftigte.[8] Ein Wandbild erinnert an diese Fabrik und den neunwöchigen Streik im Jahre 1869, bei dem ein Arbeiter erschossen wurde. Das im September 2014 fertiggestellte Bild ist von der Repsoldstraße aus zu sehen, an der Wand des westlichen Anbaus des Gewerkschaftshauses.[9] Erstellt wurde es von der Künstlerin Hildegund Schuster, finanziert von der Heinrich Stegemann-Kunststiftung. Hildegund Schuster ist eine Hamburger Malerin und Mitarbeiterin der Hamburger Kunsthalle. Sie hat mehrere Wandbilder im Stadtgebiet von Hamburg gemalt, unter anderem 13 Bilder über Frauenarbeit und den Wandel weiblicher Wirtschaftskraft im Hamburger Hafen.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • (Karl Hense) Ein Führer durch das Hamburger Gewerkschaftshaus, Gesellschaft Gewerkschaftshaus m.b.H, Hamburg 1914
  • DGB Kreis Freie und Hansestadt Hamburg: 75 Jahre Gewerkschaftshaus Hamburg, Herausgeber: DGB Hamburg
  • Michael Joho: „Dieses Haus soll unsere geistige Waffenschmiede sein“ (August Bebel) 100 Jahre Hamburger Gewerkschaftshaus (1906–2006), Herausgegeben vom DGB Hamburg, VSA-Verlag, ISBN 3-89965-211-8

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ralf Lange: Architektur in Hamburg – Der große Architekturführer. 1. Auflage. Junius Verlag, Hamburg 2008, ISBN 978-3-88506-586-9, S. 147.
  2. a b Gewerkschaft entdeckt ihre frühere Pracht Die Welt online vom 25. April 2013. Abgerufen am 7. Januar 2015
  3. a b „Neuer“ Musiksaal im Besenbinderhof@1@2Vorlage:Toter Link/www.hamburger-wochenblatt.de (Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiveni Info: Der Link wurde automatisch als defekt markiert. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis. Hamburger Wochenblatt online. Abgerufen am 7. Januar 2015.
  4. Protokoll der Gründungsversammlung, Hamburger Genossenschaftsmuseum
  5. Franklin Kopitzsch, Daniel Tilgner (Hrsg.): Hamburg Lexikon. Aktualisierte Sonderausgabe. Ellert & Richter, Hamburg 2011, ISBN 978-3-8319-0373-3, S. 248
  6. Prospekt des Veranstalters Besenbinderhof Giffey Catering, Hamburg 2016
  7. Jürgen Bönig Karl Marx in Hamburg, Hamburg 2017, VSA-Verlag, S. 159–161, ISBN 978-3-89965-751-7
  8. Ulrich Bauche, Ludwig Eiber, Ursula Wamser, Wilfried Weinke (Hrsg.): Wir sind die Kraft – Arbeiterbewegung in Hamburg von den Anfängen bis 1945. Katalogbuch zu Ausstellung des Museums für Hamburgische Geschichte, VSA-Verlag, Hamburg 1988, ISBN 3-87975-355-5, S. 33.
  9. „Der kühnen Bahn nun folgen wir, die uns geführt Lassalle“, Textbuch einer Totenfeier für Ferdinand Lassalle, Seite 28 und 29, der Streik in der Lauensteinischen Waggonfabrik, Herausgeber: Kunststiftung Heinrich Stegemann, Hamburg 2016, ISBN 978-3-739-23003-0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

DGB Hamburg: Der Besenbinderhof historisch: Die halbe Seilscheibe

Koordinaten: 53° 33′ 2,9″ N, 10° 0′ 43,6″ O