Gezerot Tatnu

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Unter dem Namen Gezerot Tatnu („Verfolgung des Jahres 4856“ [nach jüdischer Zeitrechnung]) wird in der jüdischen Liturgie der Opfer des Massakers im Jahre 1096 n. Chr. gedacht.

Hintergrund[Bearbeiten]

Im 11. Jahrhundert waren etwa 1000 der 7000 Einwohner von Mainz Juden. Die meisten von ihnen lebten in der durch den Bischof anerkannten Kehillah „Unter den Juden“ in der Stadtmitte. Die Verwaltung der Gemeinde und die Verantwortung für die Entrichtung der Steuern an den christlichen Souverän oblag einem Ratsgremium, dessen zwölf Mitglieder durch die Gemeinde gewählt wurden. Streitigkeiten zwischen Juden wurden durch ebenfalls von der Gemeinde gewählte jüdische Richter entschieden. Im Vergleich zu den meisten christlichen Einwohnern war die jüdische Bevölkerung überdurchschnittlich gebildet und viele waren des Lesens und Schreibens mächtig. Das jüdische Viertel stellte zwar politisch eine eigene „Stadt in der Stadt“ dar, wirtschaftlich herrschte jedoch reger Austausch zwischen den christlichen und jüdischen Einwohnern von Mainz. Dennoch begegneten die Christen der ihnen fremden Kultur ängstlich und ablehnend. Die Juden wurden, unter anderem wegen ihrer höheren Bildung und ihres fremdartigen Glaubens, verspottet und verleumdet. So wurde erzählt, die Juden seien betrügerisch und würden die Brunnen der Stadt vergiften.

Auch eine tiefe Demütigung der Christen im fernen Palästina trug zum Argwohn der rheinischen Christen bei: Im September 1009 hatte Fatimiden-Kalif Al-Hakim die Grabeskirche in Jerusalem plündern und mitsamt dem Felsengrab Christi zerstören lassen. Daraufhin waren Christen im Fatimidenreich zahlreichen Repressalien ausgesetzt. Christliche Symbole und das Begehen christlicher Feste wurden verboten und die Christen wurden gezwungen auffällige Gürtel und schwarze Kopfbedeckungen zu tragen, um als Christen erkennbar zu sein. Die Vorkommnisse trugen zu einem latenten Fremdenhass auch der Christen im Rheinland bei, den sie vor allem auf die in ihrer Mitte lebenden Juden projizierten.

Im Jahr 1012 befahl König Heinrich II. diejenigen Juden aus der Stadt zu vertreiben, die nicht bereit waren, sich taufen zu lassen. Unter dem Druck gaben einige Mitglieder der Gemeinde nach, die anderen mussten ihre Häuser und Geschäfte verlassen, bald darauf wurde ihnen die Rückkehr jedoch gestattet. Auch in Frankreich wurden in den folgenden Jahren Juden, die sich der Taufe verweigerten, vertrieben oder ermordet.

Die Ermordung der Juden im Rheinland[Bearbeiten]

Unter dem Pontifikat von Papst Urban II. keimte die Idee eines Heiligen Krieges zur Befreiung des Heiligen Landes auf. Zum Abschluss der Synode von Clermont rief er am 27. November 1095 zum Ersten Kreuzzug auf, woraufhin im ganzen Land in Predigten zur Teilnahme am Kreuzzug aufgerufen wurde. Der Aufruf stieß auf enorme Resonanz und noch bevor sich das offizielle päpstliche Kreuzzugsheer gesammelt hatte, brach bereits im April 1096 in Nordfrankreich auf eigene Faust ein erster ungeordneter Zug auf, der sogenannte Volks- oder Armenkreuzzug. Diese „Kreuzfahrer“ waren keine stolzen Ritter, sondern einfache Bauern, Bettler und Kriminelle, bewaffnet nur mit Stöcken und bäuerlichen Arbeitsgeräten. Eine Abspaltung des Zugs, der Deutsche Kreuzzug, erreichte unter der Führung von Graf Emicho von Flonheim am 10. April, dem Beginn des jüdischen Pessachfests, Trier. Auch hier, wie schon seit Beginn der Reise, schlossen sich hunderte von verarmten Tagelöhnern und Bettlern dem Zug an. Ihre Schaar umfasste mehrere tausend hungrige Männer und Frauen. Sie erpressten und stahlen von den Trierer Juden Lebensmittel und Geld.

Am 3. Mai erreichte der Zug schließlich Speyer. Salomo bar Simeon, ein jüdischer Chronist, schrieb später nach Aussagen von Zeugen über den Zug der Kreuzfahrer:

„Als sie nun auf ihrem Zug durch die Städte kamen, in denen Juden wohnten, sprachen sie: ,Sehet, wir ziehen den weiten Weg, um die Grabstätte aufzusuchen und uns an den Ismaeliten zu rächen. Und siehe, hier wohnen unter uns die Juden, deren Väter Christus unverschuldet umgebracht und gekreuzigt haben! So lasset zuerst an ihnen uns Rache nehmen und sie austilgen unter den Völkern, dass der Name Israel nicht mehr erwähnt werde. Oder sie sollen unseresgleichen werden und zu unserem Glauben sich bekennen.' Am Sabbat, den 8. Ijjar überfielen die Feinde die Gemeinde Speyer und erschlugen elf heilige Personen. Diese waren die Ersten, die ihren Schöpfer heiligten, da sie sich nicht taufen lassen wollten. Die Übrigen wurden, ohne ihren Glauben wechseln zu müssen, von dem Bischof gerettet.“.[1]

Johann I., Bischof von Speyer, befahl zwar die Verteidigung der jüdischen Gemeinde, ließ sich diese Tat jedoch von den Juden bezahlen. Die Kreuzfahrer setzten ihren Weg den Rhein nordwärts entlang fort, in die entgegengesetzte Richtung des eigentlichen Ziels Jerusalem.

Am Sonntag, dem 18. Mai, stürmten die hungrigen bewaffneten Männer das jüdische Viertel in Worms. Diejenigen Juden, die nicht zuvor Zuflucht im Palast des Bischofs gesucht hatten, wurden von der aufgebrachten Menge angegriffen und, wenn sie die Taufe verweigerten, was die meisten aus Überzeugung taten, grausam umgebracht. Das jüdische Viertel wurde sowohl von den Kreuzfahrern als auch den Wormser Einwohnern geplündert. Nach einer Woche des Asyls stürmten die Kreuzfahrer auch den bischöflichen Palast und stellten die zunächst geflüchteten Juden vor die Wahl Tod oder Taufe. In Worms wurden nach manchen Angaben etwa 800 Juden von den Kreuzfahrern ermordet oder wählten den Freitod.

Am 25. Mai 1096 erreichte der Tross schließlich Mainz. Nach zwei Tagen Belagerung vor den verschlossenen Stadttoren wurde die mordlustige Menge in die Stadt gelassen, vermutlich gegen den Befehl des Erzbischofs Ruthard II.[2] Die Mainzer Juden hatten sich bewaffnet, um ihr Viertel und den Bischofspalast zu verteidigen. Sie waren der, vom Hass auf die Juden getriebenen, Heerschar jedoch deutlich unterlegen. Die ursprünglichen Kreuzfahrer richteten ein Blutbad in der Stadt an. Die jüdische Gemeinde wurde fast vollständig vernichtet, laut Rolf Dörrlamm starben 600 Gemeindemitglieder.[3] Einer der überlebenden zwangsgetauften Juden zündete wenige Tage später zuerst sein Haus, dann die Synagoge und sich selbst an, um sich so von der Schmach zu reinigen, seinen Glauben verraten zu haben. Viele weitere folgten seinem Beispiel, das jüdische Viertel wurde niedergebrannt. Viele Überlebende zogen die Selbsttötung einem Leben als zwangsgetaufter Christ vor.

Im Rahmen der Ausschreitungen um den Ersten Kreuzzug kam es auch in anderen Städten, so etwa in Köln, Neuss, Xanten, Regensburg und Prag, zu Pogromen gegen die jüdische Bevölkerung.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Salomo bar Simeon, zitiert auf GEO.de
  2. GEO.de
  3.  Rolf Dörrlamm: Magenza. Die Geschichte des jüdischen Mainz. Verlag Hermann Schmidt, Mainz 1995 (Festschrift zur Einweihung des neuen Verwaltungsgebäudes der Landes-Bausparkasse Rheinland-Pfalz).

Literatur[Bearbeiten]

  • Eva Haverkamp (Hg.): Hebräische Berichte über die Judenverfolgungen während des Ersten Kreuzzugs. München 2005 (MGH Hebräische Texte aus dem mittelalterlichen Deutschland 1), ISBN 3-7752-1301-5

Weblinks[Bearbeiten]