Ghetto Theresienstadt

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Das Ghetto Theresienstadt wurde während des Zweiten Weltkrieges im sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren durch die deutschen Besatzer im November 1941 in der Garnisonsstadt von Theresienstadt eingerichtet. Es war als Sammellager Teil des nationalsozialistischen Systems der Konzentrationslager. Die Bezeichnung „Ghetto“ oder „jüdischer Wohnbezirk“ verschleierte den Zweck des Lagers, weil es den Lagerinsassen einen längeren Aufenthalt suggerieren sollte.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 10. Oktober 1941 beschlossen u. a. Adolf Eichmann und Hans Günther, sein Leiter der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Prag“ (ab dem 20. August 1942 Zentralamt für die Regelung der Judenfrage), ganz Theresienstadt in ein Sammellager für Juden aus dem „Protektorat Böhmen und Mähren“ umzuwandeln. Als solches unterschied es sich zunächst nicht von den Durchgangslagern in den anderen von Deutschland besetzten Ländern. Im Dezember 1941 folgte das Auswanderungsverbot für Juden aus Tschechien. Die ursprüngliche Stadtbevölkerung musste ihre Wohnungen nach einem Räumungsbefehl vom 16. Februar 1942 verlassen. Das „Sammellager (Ghetto)“ in der ehemaligen Garnisonsstadt wurde von der Gestapo sehr schnell mit Juden aus dem gesamten Protektorat gefüllt. Theresienstadt wurde zu einem Lager unter „jüdischer Selbstverwaltung“ erklärt, was praktisch bedeutete, dass die Gefangenen selbst für Unterbringung, Nahrung, medizinische Versorgung oder die Betreuung und Verpflegung der Kinder sorgen mussten. Nur dem Namen nach wurde das Ghetto durch einen „Ältestenrat“ verwaltet, der durch den „Judenältesten“ geleitet wurde. Doch in Wahrheit unterlagen alle Entscheidungen dem von Günther eingesetzten SS-Lagerkommandanten. Günther wiederum unterstand als hoher SS-Führer einerseits in der lokalen Struktur des Protektorats dem Polizeichef und gleichzeitig als Judenbeauftragter dem Referat Eichmanns im Reichssicherheitshauptamt (RSHA).[1]

Die ersten tschechischen Juden wurden als ein Aufbaukommando aus Prager Gefängnissen in das „Sammellager (Ghetto)deportiert. Dieses hatte die Aufgabe, die Nutzung als Lager vorzubereiten und einen „Judenrat“ als interne Verwaltungsorganisation zu schaffen. Die Zahl der hierhin deportierten Juden aus dem Protektorat wuchs rasch an. Schon im Mai 1942 waren mehr als 28.000 Juden deportiert worden und im September 1942 bereits über 58.000 Menschen auf einem Raum interniert, der zuvor 7.000 Einwohner hatte. Davon waren 30.000 Personen Alte und Kranke, von diesen waren 4.000 invalide und 1.000 blind. Viele besaßen nicht einmal einen eigenen Schlafplatz.

Die Gesamtzahl der Männer, Frauen und Kinder, die hier bis Mai 1945 insgesamt eingesperrt wurden, betrug etwa 141.000, darunter 70.000 alte Menschen und 15.000 Kinder. Während der letzten Kriegstage trafen noch einmal 13.000 weitere Gefangene ein, die aus von der SS liquidierten Konzentrationslagern im Deutschen Reich und Polen nach Theresienstadt verfrachtet worden waren.

Die Zahl der Betroffenen gliedert sich folgendermaßen:[2]

An der Tatsache, dass das Ghetto Teil des Vernichtungsfeldzuges gegen die jüdische Bevölkerung war, änderte sich durch die Propaganda nichts. Ein Viertel der Gefangenen des Ghettos Theresienstadt (etwa 33.000) starben dort vor allem wegen der entsetzlichen Lebensumstände. Etwa 88.000 Häftlinge wurden nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager wie Treblinka, Majdanek oder Sobibor deportiert. Davon überlebten nur ca. 4.000 Menschen den Krieg. Unter den Toten waren auch viele tausend Kinder.

Propaganda[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theresienstadt hatte als Konzentrationslager eine Sonderstellung. Für die Nazis diente es als „Vorzeige-“ und „Altersghetto“. Aufgrund dieser Stellung war die Behandlung der Häftlinge in Theresienstadt im Vergleich mit anderen Konzentrationslagern der Nazis vergleichsweise „milde“.

In der Wannsee-Konferenz wurde die Garnisonsstadt als „Altersghetto“ für prominente und alte Juden aus Europa vorgesehen. Sie wurden gezwungen, ihren Wohnraum zu kaufen. Einen großen Teil der Gefangenen stellten aber jüdische Familien, die aus Böhmen und Mähren deportiert worden waren.

Aus Dänemark wurden im Oktober 1943 476 Juden nach Theresienstadt deportiert. Die meisten dänischen Juden konnten noch nach der Besatzung durch Nazi-Deutschland nach Schweden flüchten und wurden dabei von der dänischen Bevölkerung vorbildlich unterstützt (siehe Rettung der dänischen Juden). Als die dänische Regierung auf einer Inspektion des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz bestand, ließ man Theresienstadt monatelang zum „Vorzeigeghetto“ verschönern, um Berichte über Greueltaten und entsetzliche Lebensbedingungen zu widerlegen.

Um den Eindruck der Überbevölkerung zu nehmen, wurden im Vorfeld des Besuches die Transporte von Häftlingen aus Theresienstadt nach Auschwitz verstärkt. Die im Zuge dieser Aktion nach Auschwitz deportierten Juden wurden dort zunächst im separaten sogenannten „Familienlager“ in Auschwitz-Birkenau untergebracht, um sie bei eventuellen Nachfragen des Roten Kreuzes präsentieren zu können. Nach Ende der Kontrollen wurde dieses Lager liquidiert und die Insassen ermordet.

In Theresienstadt selbst wurden Cafés eingerichtet und eine Kinderoper Brundibár des tschechischen Komponisten Hans Krása einstudiert und aufgeführt.

Im Anschluss wurde der Film Theresienstadt. Ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet inszeniert. Am 26. Februar 1944 wurde mit den Dreharbeiten begonnen. Mit der Regie wurde Kurt Gerron beauftragt. In dem Film sollte gezeigt werden, wie gut es den Juden unter den „Wohltaten“ des Dritten Reiches ging. Nach den Dreharbeiten wurden die meisten Schauspieler und auch Gerron selbst ins Vernichtungslager von Auschwitz deportiert. Am 23. Juni 1944 besuchten der Schweizer Maurice Rossel und die Dänen Frants Hvass und Eigil Juel Henningsen, begleitet von einem deutschen Rot-Kreuz Vertreter und einer Gruppe hochrangiger SS-Offiziere das Lager.[3][4]

Im Zeichensaal der Technischen Kanzlei wurde von bis zu 25 Künstlern neben den offiziellen Arbeiten illegal tausende Zeichnungen und Grafiken über den Ghettoalltag und sein Grauen angefertigt. Als es 1944 gelang, einzelne dieser Zeichnungen in die Schweiz zu schmuggeln, fielen der SS einige Zeichnungen in die Hände. Am 17. Juli 1944 wurden in der „Affäre der Maler von Theresienstadt“ vier der Maler verhaftet. Adolf Eichmann warf Ihnen persönlich 'Greuelpropaganda' vor, Ferdinand Bloch[5] wurde in der Kleinen Festung nach den Folterungen ermordet, Otto Ungar wurde die rechte Hand verstümmelt[6], danach wurde er zusammen mit Leo Haas und Bedřich Fritta nach Auschwitz deportiert. Leo Haas überlebte als einziger und rettete im Sommer 1945 die vergrabenen und eingemauerten Zeichnungen und Malereien.[7]

Kurz vor Kriegsende gelang es dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz nach langen Verhandlungen mit der SS, Juden aus Theresienstadt in neutrale Länder zu bringen. 1.200 Juden konnten am 6. Februar 1945 in die Schweiz ausreisen. Am 15. April wurden die bis dahin überlebenden dänischen Juden im Rahmen der Rettungsaktion der Weißen Busse nach Schweden entlassen. Für knapp zwei Wochen übergab die SS die Verantwortung für Theresienstadt dem Roten Kreuz, am 8. Mai 1945 befreite die Rote Armee das Ghetto.

Heute ist die ehemalige Garnisonsstadt wieder eine städtische Siedlung; in den Anlagen der Kleinen Festung besteht eine staatliche Gedenkstätte.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bilder und Texte, die in Theresienstadt entstanden sind

Monographien

Weiterführende Literatur

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Cinematographie des Holocaust, Karel Margry: - Das Konzentrationslager als Idylle: "Theresienstadt" - ein Dokumentarfilm aus dem jüdischen Siedlungsgebiet (Memento vom 27. April 2013 im Internet Archive), Fritz Bauer Institut, Frankfurt am Main
  2. Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden, Band 2, S. 457/458
  3. Wolfgang Benz: Theresienstadt: Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung, 2013, S. 188
  4. Miroslav Kárný: Der Bericht des Roten Kreuzes über seinen Besuch in Theresienstadt, Theresienstädter Studien und Dokumente, 3/1996, S. 276–320
  5. Ferdinand Bloch auf ghetto-theresienstadt.info, Ferdinand Bloch auf Webseite der Gedenkstätte Theresienstadt
  6. Otto Ungar,„der Maler von Theresienstadt“, auf ghetto-theresienstadt.info
  7. Bedřich Fritta, Zeichnungen aus dem Ghetto Theresienstadt Ausstellung seines künstlerischen Schaffens im Jüdischen Museums Berlin einschließlich des Originals des Kinderbuches 'Für Tommy zum dritten Geburtstag', Januar 1944

Koordinaten: 50° 30′ 37″ N, 14° 8′ 59″ O