Gießener Decke

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die Gießener Decke in der geologischen Karte des südöstlichen Rheinischen Schiefergebirges

Die Gießener Decke ist eine geologische Einheit des südöstlichen Rheinischen Schiefergebirges. Sie stellt aufgrund ihrer Gesteinsabfolge einen Fremdkörper unter den umgebenden geologischen Einheiten dar und ist während der variskischen Gebirgsbildung durch weiträumige Überschiebung als tektonische Decke an ihre heutige Position gelangt.[1] Gleichartige Gesteinseinheiten sind unter anderem im südlichen Kellerwald und im Harz[2] sowie in Tschechien[3] aufgeschlossen. Diese geologischen Einheiten sind die sonst in Mitteleuropa nur selten erhaltenen Reste der an der variskischen Kontinentkollision im Karbon beteiligten oberen Mikro- oder Kontinentalplatte und stellen somit ein wichtiges Zeugnis der gebirgsbildenden Prozesse dar.

Lage[Bearbeiten]

Das geschlossene Verbreitungsgebiet der Gießener Decke ist etwa 300 km2 groß und erstreckt sich am Westfuß des Vogelsbergs über etwa 40 km von Braunfels über Wetzlar und Gießen fast bis Marburg. Ihr Nordteil wird im Osten von der Lahn begleitet, ehe sie die Gießener Decke zwischen Gießen und Wetzlar quert, um dem Rhein zuzufließen.

Gesteine und Schichtenfolge[Bearbeiten]

Der Gesteinsinhalt der Gießener Decke setzt sich zusammen aus gering mächtigen Ton-, Kiesel- und Alaunschiefern des Unter- und Mitteldevons und Grauwacken des Oberdevons und Unterkarbons.[4] Vor allem die Grauwacken des Oberdevons stehen in deutlichem Gegensatz zu den Ton- und Kalksteinen, die zur gleichen Zeit in den unmittelbar unter der Gießener Decke liegenden geologischen Einheiten abgelagert wurden. Sie gaben den ersten Anlass, die Einheit der Gießener Grauwacken als ortsfremden Gesteinskörper einzustufen.[5] An einigen Stellen sind an der Basis der Gießener Decke tektonische Schuppen aus Basalten erhalten, die aufgrund ihrer chemischen Zusammensetzung als MOR-Basalte angesehen werden.[6]

Struktur[Bearbeiten]

Die Basisüberschiebung des Deckenkörpers ist durch das Vorkommen von stark beanspruchten Kataklasiten und unter relativ niedrigen Temperaturen entstandenen Myloniten gekennzeichnet. Sie liegt heute annähernd horizontal, ist lokal jedoch durch späte Faltungs- und Überschiebungsvorgänge verformt. Durch die Erosion wurden randlich liegende Gesteinskörper von der Hauptmasse der Decke abgetrennt und liegen jetzt als Klippen vor ihr, so etwa bei Braunfels und Steindorf, einem Ortsteil von Wetzlar. Die Gesteine innerhalb der Decke sind stellenweise eng gefaltet und von Scherzonen und Störungen durchzogen.[7]

Erforschungsgeschichte[Bearbeiten]

Wegen der von der Umgebung abweichenden Gießener Grauwacken wurden diese seit der Aufnahme systematischer geologischer Kartierung von einigen Geologen als ortsfremde geologische Einheit interpretiert, so etwa 1927 vom in Leipzig wirkenden Geologieprofessor Franz Kossmat.[5] Ihr besonderer Charakter wurde auch von den Geologen beschrieben, die in diesem Gebiet ihre Forschungen betrieben, allen voran Johannes Ahlburg und Wilhelm Kegel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie deuteten die Abweichungen als das Produkt von schmalen, unterschiedlich ausgebildeten Ablagerungsräumen, die unmittelbar nebeneinander lagen.[8],[9],[10] Zahlreiche Untersuchungen beschäftigten sich seitdem mit unterschiedlichen Einzelfragen. Die Deutung der Einheit als tektonische Decke trat zurück hinter der Auffassung, die Gießener Grauwacken seien ein spezieller, aber im Wesentlichen im Zusammenhang der umgebenden Einheiten gebliebener Ablagerungsraum.

Diskussionen über die Natur der Gießener Grauwacke wurden nach 1980 durch verschiedene zusammenfassende wissenschaftliche Aufsätze wieder lebhafter, nachdem neuere geologische Untersuchungen die Theorie einer ortsfremden Herkunft mit neuen Untersuchungsergebnissen unterstützten.[11],[7] Obwohl viele Einzelheiten wegen der schlechten Aufschlüsse und der komplizierten geologischen Verhältnisse nicht geklärt sind, hat sich die Auffassung dieser Einheit als tektonische Decke mittlerweile etabliert und wird in amtlichen Karten dargestellt.[12]

Zusammen mit der Gießener Decke wird auch für weitere Teile des südöstlichen Rheinischen Schiefergebirges und die mit ihnen in Verbindung gebrachten Einheiten des südlichen Kellerwalds und des Harzes eine ortsfremde Herkunft diskutiert. [2]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Walter, Roland et al.: Geologie von Mitteleuropa. 5. Auflage, Schweizerbarth’sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart 1992. ISBN 3-510-65149-9, S. 179
  2. a b Huckriede H, Wemmer K, Ahrendt H (2004) Palaeogeography and tectonic structure of allochthonous units in the German part of the Rheno-Hercynian Belt (Central European Variscides). International Journal of Earth Sciences, Bd. 93, S.414–431
  3. Jiří Kalvoda et al.: Tectonostratigraphic development of the Devonian and Carboniferous in the Brunovistulian terrane, Czech Republic. In: M. Aretz, H.-G. Herbig (Hrsg.): Carboniferous Conference Cologne. From Platform to Basin, Sept. 4-10 2006. Kölner Forum für Geologie und Paläontologie, Bd. 15, Köln, 2006. ISBN 3-934027-18-0, S. 53-54.
  4. Wolfgang Dörr: Stratigraphie, Stoffbestand und Fazies der Gießener Grauwacke (östliches Rheinisches Schiefergebirge). Geologische Abhandlungen Hessen, Band 91, 94 S., Wiesbaden 1990
  5. a b Kossmat, F.: Gliederung des varistischen Gebirgsbaus. Abhandlungen der Sächsischen Geologischen Landes-Anstalt, 1, 39 S., Leipzig 1927
  6. J. Grösser, W. Dörr: MOR-Basalte im östlichen Rheinischen Schiefergebirge. Neues Jahrbuch für Geologie und Paläontologie, Monatshefte, Bd. 12, S. 705–722, 1986
  7. a b Birkelbach,M. et al.: Die geologische Entwicklung der östlichen Lahnmulde (Exkursion C. am 7. April 1988), Jahresberichte und Mitteilungen des oberrheinischen geologischen Vereins, Neue Folge 70, S. 43-74, Stuttgart 1988
  8. Ahlburg, J.: Über die Verbreitung des Silurs, Hercyns und Rheinischen Devons und ihre Beziehungen zum geologischen Bau im östlichen Rheinischen Gebirge. – Jahrbuch der preußisch geologischen Landesanstalt,40,1: S. 1-82, Berlin 1921
  9. Kegel, W.: Abriß der Geologie der Lahnmulde. Erläuterungen zu einer von Johannes AHLBURG hinterlassenen Übersichtskarte und Profildarstellung der Lahnmulde. - Abhandlungen der Preußisch Geologischen Landes-Anstalt, Neue Folge, 86, 81 S., Berlin
  10. Kegel, W.: Geologie der Dillmulde., Abhandlungen der preußisch geologischen Landes-Anstalt, Neue Folge 160, 48 S.,Berlin 1934
  11. Engel,W. et al.: Nappe Tectonics in the Southeastern Part of the Rheinisches Schiefergebirge, in: Martin,H; Eder,F.W. (Hrsg.): Intracontinental Fold Belts, S. 267-287, Heidelberg 1983
  12. Geologische Übersichtskarte 1 : 200 000, Blatt CC 5510 Siegen, Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe, Hannover

50.5806218.587189Koordinaten: 50° 34′ 50″ N, 8° 35′ 14″ O