Gildehaus (Bad Bentheim)

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Gildehaus
Wappen von Gildehaus
Koordinaten: 52° 17′ 41″ N, 7° 6′ 27″ O
Höhe: 63 m
Fläche: 8,2 km²
Einwohner: 4084 (31. Dez. 2013)[1]
Bevölkerungsdichte: 498 Einwohner/km²
Eingemeindung: 1. März 1974
Postleitzahl: 48455
Vorwahl: 05924
Gildehaus (Niedersachsen)
Gildehaus

Lage von Gildehaus in Niedersachsen

Gildehaus, evangelische Kirche

Gildehaus ist ein Ortsteil der Stadt Bad Bentheim in Niedersachsen (Deutschland) und liegt im Landkreis Grafschaft Bentheim an den Grenzen zu Nordrhein-Westfalen und den Niederlanden.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ort war bereits 1292 eine selbstständige Pfarre,[2] die sich von Schüttorf abgezweigt hatte und zunächst als Nova ecclesia (Neue Kirche) bezeichnet wurde. Seit 1292 wird der Ort auch urkundlich mit dem Eigennamen Nyenkerken erwähnt. Der Ort dürfte somit wesentlich älter sein, auch wenn er nicht früh beurkundet ist. Der Name Gildehaus leitet sich nicht von Handwerkergilden ab, sondern bezeichnet nach Hermann Abels ein Haus, das man in früherer Zeit in den Bauerschaften zur Aufnahme des Archidiakons (etwa Dechant) hatte. Solche Häuser (im Raum Osnabrück verbreitet) dienten ebenfalls zu Gildeversammlungen der Gemeindegenossen und wohl auch als Schul- und Armenhäuser.

Gildehaus wurde am 1. März 1974 in die Stadt Bad Bentheim eingemeindet.[3] Bad Bentheim übernahm dann die ehemalige Gildehauser Postleitzahl 4444. Zum Kirchspiel Gildehaus gehören die früher ebenfalls selbständigen Gemeinden Achterberg, Bardel, Hagelshoek, Holt und Haar, Sieringhoek, Waldseite und Westenberg.

Einer der Täufer, Bernhard Krechting, war Pastor in Gildehaus. Mit zahlreichen Gildehausern zog er nach Münster und gründete dort ein Täuferreich. Seit der Reformation ist das Dorf jedoch überwiegend streng evangelisch-reformiert. Einen zunehmend starken Anteil an der Bevölkerung stellen Niederländer, die sich wegen neuer Baugebiete in Gildehaus niederlassen.

Zu Beginn des Dritten Reichs gab es in Gildehaus zahlreiche Konflikte zwischen Eiserne Front (Reichsbanner / SPD) und der örtlichen NSDAP, besonders zwischen dem NSDAP-Kreisleiter Josef Ständer und dem Reichsbannermann Heinrich Kloppers. Kloppers wurde 1944 im KZ Neuengamme ermordet.

Politisch wird in Gildehaus überwiegend sozialdemokratisch gewählt, während im Kirchspiel Konservative und die CDU dominieren. Das Dorf Gildehaus, heute staatlich anerkannter Erholungsort und romantisch auf zwei Höhenrücken (Ausläufer Teutoburger Wald) gelegen, trägt seit 1923 den Beinamen „Perle der Grafschaft“. Die spezifische Mentalität der ortsansässigen Bevölkerung wird in der heimatkundlichen Literatur seit langem als „Gildehauser Eigenart“ umschrieben. Im Gegensatz zu anderen Stadtteilen haben sich hier viele dörfliche Traditionen bewahrt. Plattdeutsch als Alltagssprache ist weit verbreitet.

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Liste der Gildehauser Bürgermeister
Bürgermeister Zeitraum
Everhard Hagen 1813–1816 (1816 verstorben)
Jan Wilhelm Schrader 1816–1839 (1839 verstorben)
August Ernst Roskott 1842–1846 (1846 verstorben)
Lambertus Hoon 1846–1877 (1877 verstorben)
Hermann Gerhard Hoon 1877–1891
Bernhard Hagels 1891–1920
Ernst Buermeyer, Lehrer (DVP) 1920–1933 (vom NSDAP-Kreisleiter vertrieben)
Weynand Vos, Kaufmann (NSDAP) 1933–1943 (vom Kreisleiter eingesetzt)
Johann Bründermann, Kaufmann (NSDAP) 1943–1944 (vom Kreisleiter eingesetzt; 1944 Unfalltod in den Niederlanden)
Wilhelm Bornhalm, Vorarbeiter (NSDAP) 1944–1945 (vom Kreisleiter eingesetzt; 1945 von britischer Militärregierung entlassen)
Anton Ringena, Pastor 1945 (von britischer Militärregierung eingesetzt)
Paul Hoon, Textilfabrikant 1945–1946 (von britischer Militärregierung eingesetzt)
Heinrich Rahe, Bäckermeister (CDU) 1946–1949
Heinrich Spalink, Lehrer (SPD) 1949–1955
Heinrich Hölscher, Kaufmann (CDU) 1955–1956
Heinrich Spalink, Lehrer (SPD) 1956–1968
Ernst Wegkamp (UWG) 1968–1972
Dietrich Mersmann, Finanzbeamter (SPD) 1972–1974 (Amtszeit wegen Eingemeindung nach Bentheim erloschen)

Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele Jahrhunderte stellte die Landwirtschaft in Dorf und Kirchspiel den Haupterwerb, bevor im 12. Jahrhundert die (holländischen) Steinhandelsgesellschaften in den Steinbrüchen den Gildehauser Sandstein abbauen ließen. Der Sandstein wurde vor allem zum Bau von Kirchen und Rathäusern – auch in den benachbarten Niederlanden – verwendet.

Im 18. Jahrhundert siedelten sich erste Textilbetriebe an, so dass sich die Wirtschaftsstruktur grundlegend wandelte und Gildehaus zu einem textilindustriell geprägten Arbeiterdorf wurde. Mit dem Niedergang der Textilindustrie ging ab Mitte der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts der Aufbau des von Niederländern betriebenen Unfallwagenhandels einher. Gildehaus wurde international zu einem Zentrum des Unfallwagenhandels. Zahlreiche Osteuropäer kauften und kaufen hier Unfallwagen, um sie in ihre Heimat zu importieren.

Mitte der 1920er Jahre erhielt Gildehaus, nicht zuletzt durch den auf einem Höhenrücken (Ausläufer Teutoburger Wald) angelegten „Bürgergarten“, den Beinamen „Perle der Grafschaft“. 1985 wurde das Dorf staatlich anerkannter Erholungsort. Die „weiße Industrie“, d.h. der Ausbau des Fremdenverkehrs durch Hotels, Veranstaltungen usw., ist zurzeit jedoch eher bescheiden.

Große Bedeutung kommt dem stark von niederländischen Gewerbetreibenden genutzten Gewerbegebiet „K 26 / Westenberg“ zu. Hier, in unmittelbarer Autobahnnähe (A 30) auf deutscher Seite, haben sich viele deutsche und niederländische Firmen angesiedelt. Größter Arbeitgeber im Dorf ist derzeit das Eylarduswerk, eine evangelische Diakonieeinrichtung der Jugendhilfe mit ca. 280 Beschäftigten.

Kunstgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der abseits von der gotischen Hallenkirche stehende Kirchturm war mehrfach Motiv in Bildern des niederländischen Landschaftsmalers Jacob van Ruisdael (1648–1682). Ruisdael hat in den 50er Jahren des 17. Jahrhunderts Reisen in das deutsch-niederländische Grenzgebiet unternommen. Bekannter als das „Gildehaus-Motiv“ sind seine Ansichten der Burg Bentheim.

1729 hat der niederländische Zeichner Cornelis Pronk Kirche und Turm eine Zeichnung gewidmet.[4]

Das „Alte Rathaus“ aus dem Jahre 1656 ist ein denkmalgeschützter Bau. Er wurde ursprünglich als Schule errichtet. Bis zur Gebietsreform in den 1970er Jahren wurde das Gebäude als Rathaus und Schule genutzt. Seit dem 20. Oktober 1996 beherbergt es das Otto-Pankok-Museum Gildehaus.

Der in der NS-Zeit als entartet eingestufte Künstler Otto Pankok (1893–1966) hat im Sommer 1936 in Gildehaus gelebt und gearbeitet. Er schuf hier bei ausgedehnten Streifzügen durch das Dorf und seine Umgebung über 100 seiner typischen Kohlebilder.

Friedrich Hartmann, ein zeitgenössischer Künstler, arbeitete bis zu seinem Tode im Jahre 2000 in dem als Atelier ausgebauten Mühlenstumpf der Lukasmühle auf dem Gildehauser Mühlenberg. Seine Arbeiten sind geprägt durch „Suche nach dem Licht“. Seine zur Perfektion gebrachte Technik des Holzbeizens, haben Hartmann über die Grenzen Deutschlands bekannt gemacht. Sein ehemaliges Atelier beherbergt heute das Friedrich-Hartmann-Museum.

Schulen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Eylardusschule – Förderschule für Lern- und Verhaltensauffällige
  • Grund- und Hauptschule Gildehaus (einzige Hauptschule in der Stadt Bad Bentheim).

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Söhne und Töchter des Dorfes (Stadtteils):

  • Jan Wieking (1839–1912), Lehrer und Gründer der Schüler-, Jugend- und Volksbücherei in Gildehaus
  • Friedrike Wieking (1891–1958), oberste Kriminalpolizistin im Dritten Reich und Leiterin der Jugendkonzentrationslager Moringen und Uckermark, sowie an der T4 Aktion beteiligt
  • Heinrich Kloppers (1893–1944), Textilarbeiter, Gewerkschafts- und Kirchenfunktionär, Reichsbannermann, Bürgervorsteher, 1944 verhaftet und im KZ Neuengamme getötet

Personen, die vor Ort gelebt und gewirkt haben:

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Gildehaus (Bad Bentheim) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Geodatenzentrum – Gildehaus
  2. Gilhus.de
  3. Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Historisches Gemeindeverzeichnis für die Bundesrepublik Deutschland. Namens-, Grenz- und Schlüsselnummernänderungen bei Gemeinden, Kreisen und Regierungsbezirken vom 27. 5. 1970 bis 31. 12. 1982. W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart und Mainz 1983, ISBN 3-17-003263-1, S. 254.
  4. Zeichnung Gezicht op Gilhuis von C. Pronk in der Bibliothek der Universität Leiden