Gilles-Éric Séralini

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Gilles-Éric Séralini

Gilles-Éric Séralini (* 23. August 1960 in Annaba, Algerien) ist ein algerisch-französischer Molekularbiologe. Er arbeitet als Professor an der Universität von Caen und stellt zusätzlich den CO-Direktor des universitären Pôle Risques. Seine Hauptforschungsgebiete sind zum einen Untersuchungen zu Auswirkungen von Umweltfaktoren wie gentechnisch veränderte Organismen und Pestizide auf die Gesundheit, Sexualhormone, Fortpflanzung und Krebs. Zum anderen erforscht er schwerpunktmäßig die Themen Vorbeugung und Heilung von Brustkrebs und Endokrine Disruptoren. Einer breiteren Öffentlichkeit ist Séralini durch seine Studien zu transgenem Mais bekannt geworden, deren Ergebnisse in der Fachwelt weithin kritisiert wurden.[1][2] Séralini ist Träger des Ordre national du Mérite. Er wurde 2015 vom Verband Deutscher Wissenschaftler VDW und vom Juristenverband IALANA mit dem Whistleblowerpreis ausgezeichnet. [3]

Wissenschaftliche Ausbildung und Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gilles-Éric Séralini studierte in Nizza. 1987 wurde er an der Universität Montpellier II zum Doktor für Biochemie und Molekularbiologie promoviert. Die folgenden vier Jahre betrieb er in zwei renommierten Forschungseinrichtungen, zuerst in Ontario und später Quebec, Grundlagenforschung. 1990 legte er das französische Auswahlexamen für Universitätsprofessoren ab. Seit 1991 ist Séralini am Institut de Biologie Fondamentale et Appliquée an der Universität Caen ordentlicher Professor für Molekularbiologie und leitet eine mit dem Centre National de la Recherche Scientifique verbundene Forschergruppe. Er ist Präsident des Wissenschaftlichen Rates des von ihm mitbegründeten Comité de recherche et d’information indépendantes sur le génie génétique (CRII-GEN).

Schwerpunkte des Wirkens[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Séralini gehörte zu den ersten Wissenschaftlern, die sich 1996/1997 für ein europäisches Moratorium gegen die kommerzielle Einführung gentechnisch veränderter Organismen einsetzten, bis diese besser erforscht seien. Von 1998 bis 2007 gehörte er zwei französischen Regierungskommissionen (Commission du Génie Biomoléculaire und Comité de Biovigilance) an, die die Auswirkung der Einführung gentechnisch veränderter Organismen untersuchten. Gemeinsam mit der ehemaligen französischen Umweltministerin Corinne Lepage und dem Botaniker Jean-Marie Pelt gründete Séralini das Comité de Recherche et d’Information Indépendantes sur le Génie Génétique (CRII-GEN), das unabhängige Untersuchungen zu Auswirkungen von gentechnisch veränderter Organismen ermöglichen soll. 2003 gehörte er dem Beratergremium des Rates der Europäischen Union an. Es ging hier um den vor der Welthandelsorganisation ausgetragenen Rechtsstreit zwischen den Vereinigten Staaten, Argentinien und Kanada und der Europäischen Union um das faktisch bestehende Moratorium, das eine kommerzielle Einfuhr gentechnisch veränderter Organismen in die Europäische Union unterband. Séralini war mit der Entwicklung der Verteidigungsstrategie betraut.

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verfahren wegen übler Nachrede[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Januar 2011 gewann Séralini ein Verfahren wegen „übler Nachrede“, das er gegen Marc Fellous, Präsident der Association Française des Biotechnologies Végétales – Befürworter gentechnisch veränderter Organismen – angestrengt hatte. Hintergrund war, dass seine Neutralität im Zusammenhang mit einer Studie zu Auswirkungen von drei genetisch veränderten Maissorten auf die Gesundheit von Säugetieren in Zweifel gezogen wurde. Die 17. Kammer des „Tribunal correctionnel de Paris“ entschied, dass der Vorwurf, eine finanzielle Beteiligung von Greenpeace hätte die Studienergebnisse beeinflusst, diffamierend gewesen sei; weitere Vorwürfe wurden von der Jury jedoch an den wissenschaftlichen Diskurs rückverwiesen.[4][5]

Séralini-Affäre[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hauptartikel: Séralini-Affäre

Die von Séralini beschriebene Toxizität von transgenem Mais in Verbindung mit dem Herbizid Roundup wird in der Fachwelt kontrovers diskutiert.[6] Séralinis im November 2012 publizierte Studie Long Term Toxicity of a Roundup Herbicide and a Roundup-tolerant Genetically Modified Maize zur Auswirkung von genetisch modifiziertem Mais auf Ratten wurde von der weit überwiegenden Zahl der Fachleute sowie auch von sämtlichen staatlichen Stellen, die eine Einschätzung abgaben, als methodisch unzureichend kritisiert.[7][8]

Die Fachzeitschrift, Food and Chemical Toxicology, in der die Studie veröffentlicht wurde, versicherte, dass diese den gängigen und anonymen Peer-Review-Prozess durchlaufen habe[9], zog die Studie allerdings ca. ein Jahr später „aufgrund schwerwiegender Mängel im Hinblick auf Design und Methodik“ wieder zurück.[10] Dieses Vorgehen löste im Wissenschaftsbetrieb erneute Kontroversen aus. Cesare Gessler, Gentechniker an der ETH Zürich, bezeichnete den Rückzug des Artikels «ausserordentlich», da die Grundlage vieler anderer Studien nicht solider sei, eine Kritik diesen Ausmaßes jedoch unterbliebe.[11] Im Juni 2014 wurde diese Studie in dem Fachmagazin Environmental Sciences Europe (ESEU) leicht modifiziert erneut veröffentlicht,[12] um der Wissenschaftsgemeinschaft dauerhaften Zugriff auf die Daten der zurückgezogenen Studie zu geben.[13] Die Studie wurde ohne erneutes Peer-Review publiziert, da dieses laut ESEU-Chefredaktor Henner Hollert bereits durch das Journal Food and Chemical Toxicology vorgenommen worden sei und dieses festgestellt habe, dass kein Betrug oder Fehldarstellung vorliege.[13][14] Im Jahr 2015 wurde Séralini mit Bezug auf diese Studie der Whistleblowerpreis verliehen, da er als erster im Kontext eines zweijährigen Fütterungsversuch mit Ratten die Giftigkeit und tumorauslösende Wirkung des Glyphosat-basierten HerbizidsRoundup“ im Tierversuch beschrieben habe.[15]

In Die Zeit wurde die Preisverleihung kritisiert; „Kritiker der Gentechnik und ihre Lobby“ hätten Séralini zum „Opfer einer Rufmordkampagne“ stilisiert, und die Jury scheine ihnen „auf den Leim gegangen zu sein“.[16] Die Frankfurter Allgemeine Zeitung kritisierte die „dürftigen Forschungsarbeiten […] und umso schillernderen Auftritten“ Séralinis und stellte fest: „Wissenschaftliche Qualifikation ist nicht Voraussetzung, um den Whistleblower-Preis der Wissenschaftlervereinigung zu erhalten.“[17]

Rücktritt von Ralf Reski[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus Protest gegen die Veröffentlichung einer Studie von Séralini trat Ralf Reski im Februar 2014 als Editor der Fachzeitschrift BioMed Research International zurück.[18] Das Bundesinstitut für Risikobewertung teilte in einer Stellungnahme mit, dass die Studie keine neuen Erkenntnisse für die toxikologische Bewertung von Glyphosat bringe und für die laufende Re-Evaluierung von Glyphosat in der EU ohne Belang sei.[19]

Ehrungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zeitschriftenbeiträge[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gilles-Éric Séralini veröffentlichte mehr als 150 wissenschaftliche Arbeiten.

  • Gilles-Éric Séralini, Dominique Cellier, Joël Spiroux de Vendomois: New Analysis of a Rat Feeding Study with a Genetically Modified Maize Reveals Signs of Hepatorenal Toxicity. In: Archives of Environmental Contamination and Toxicology. Band 52, Nummer 4, S. 596–602, doi:10.1007/s00244-006-0149-5.
  • Joël Spiroux de Vendômois, François Roullier, Dominique Cellier, Gilles-Éric Séralini: A Comparison of the Effects of Three GM Corn Varieties on Mammalian Health. In: International Journal of Biological Sciences. Band 5, 2009, S. 706–726, (online).
  • Gilles-Éric Séralini, Joël Spiroux de Vendômois, Dominique Cellier, Charles Sultan, Marcello Buiatti, Lou Gallagher, Michael Antoniou, Krishna R. Dronamraju: How Subchronic and Chronic Health Effects can be Neglected for GMOs, Pesticides or Chemicals. In: International Journal of Biological Sciences. Band 5, 2009, S. 438–443 (online).
  • Céline Gasnier, Claire Laurant, Cécile Decroix-Laporte, Robin Mesnage, Emilie Clair, Carine Travert, Gilles-Éric Séralini: Defined plant extracts can protect human cells against combined xenobiotic effects. In: Journal of Occupational Medicine and Toxicology. Band 6, 2011 doi:10.1186/1745-6673-6-3.
  • Gilles-Éric Séralini, Emilie Clair, Robin Mesnage, Steeve Gress, Nicolas Defarge, Manuela Malatesta, Didier Hennequin, Joël Spiroux de Vendômois: Republished study: Long term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize. In: Environmental Sciences Europe 2014 26:14 (online)doi:10.1186/s12302-014-0014-5

Nachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Dieter Deiseroth (Autor), Hartmut Graßl (Hrsg.): Wistleblowerpreis 2015 - Whistleblower-Enthüllungen: US-Airbase Ramstein und globaler Drohnenkrieg, Herbizid Roundup/Glyphosat als Gefahrenquelle, NS-Belastete im Kernforschungszentrum Karlsruhe. Schriftenreihe Wissenschaft in der Verantwortung, herausgegeben von der Vereinigung deutscher Wissenschaftler e.V. (VdW). BMV Berliner Wissenschafts-Verlag 2016, 1. Auflage. ISBN 978-3830536413 Google-Books mit Vorschau
  • J. Doull, D. Gaylor, H.A. Greim, D.P. Lovell, B. Lynch, I.C. Munro: Report of an Expert Panel on the reanalysis by of a 90-day study conducted by Monsanto in support of the safety of a genetically modified corn variety (MON 863). In: Food and Chemical Toxicology. 45, Nr. 11, 2007, S. 2073–85. doi:10.1016/j.fct.2007.08.033. PMID 17900781.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Marcel Kuntz: Why the postmodern attitude towards science should be denounced. In: EMBO Reports. 14, Nr. 2, 2013, S. 114–6. doi:10.1038/embor.2012.214. PMID 23306654. PMC 3566841 (freier Volltext).
  2. G. Arjó, M. Portero, C. Piñol, J. Viñas, X. Matias-Guiu, T. Capell, A. Bartholomaeus, W. Parrott, P. Christou: Plurality of opinion, scientific discourse and pseudoscience: an in depth analysis of the Séralini et al. study claiming that Roundup™ Ready corn or the herbicide Roundup™ cause cancer in rats. In: Transgenic research. Band 22, Nummer 2, April 2013, ISSN 1573-9368, S. 255–267, doi:10.1007/s11248-013-9692-9. PMID 23430588
  3. http://neu.vdw-ev.de/wp-content/uploads/2015/10/S%C3%A9ralini_Langbegr%C3%BCndung.pdf
  4. Séralini gewinnt Prozess. In: Gen-ethischer Informationsdienst. April 2011, S. 40–42, (online)
  5. Marc Mennessier: Un chercheur condamné pour diffamation. Le Pr Fellous avait contesté l'«indépendance» d'un confrère anti-OGM. In: Le Figaro. 19. Januar 2011, (online, abgerufen 30. Oktober 2011).
  6. Ricroch, Agnès E. (2013). "Assessment of GE food safety using ‘-omics’ techniques and long-term animal feeding studies". New Biotechnology 30 (4): 349–354, doi:10.1016/j.nbt.2012.12.001.
  7. Butler, Declan. "Hyped GM maize study faces growing scrutiny." Nature 490.7419 (2012): 158-158.
  8. Scientists Smell A Rat In Fraudulent Genetic Engineering Study, 2012
  9. Stellungnahme Food and chemical toxicology vom November 2012(PDF; 15 kB)
  10. Spiegel vom 28. November 2013 Fachzeitschrift zieht Genmaisstudie zurück
  11. Unruhe im Wissenschaftsbetrieb – Hickhack um Rückzug von Genmais-Studie in Neue Zürcher Zeitung vom 4. Dezember 2013
  12. Republished study: long-term toxicity of a Roundup herbicide and a Roundup-tolerant genetically modified maize, in Environmental Sciences Europe 2014, 26:14, doi:10.1186/s12302-014-0014-5
  13. a b Barbara Casassus: Paper claiming GM link with tumours republished. Nature, 24. Juni 2014, abgerufen am 1. Januar 2017.
  14. Ivan Oransky: Republished Seralini GMO-rat study was not peer-reviewed, says editor. Retraction Watch, 24. Juni 2014, abgerufen am 1. Januar 2017.
  15. a b Whistleblower-Preisträger. Abgerufen am 2016.03.09.
  16. Ulrich Bahnsen: Ausgezeichnete Pfeife: Ein gefallener Forscher wird auf einmal als Whistleblower gefeiert. 9. Oktober 2015, abgerufen am 11. Dezember 2016.
  17. Joachim Müller-Jung: Die falschen Helden: Hauptsache, die Gesinnung stimmt. Der Whistleblower-Preis geht an einen Anti-Genaktivisten. Noch grotesker ist nur die Begründung. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. September 2015, abgerufen am 11. Dezember 2016.
  18. Interview mit Ralf Reski in der Zeit vom 14. Februar 2014, abgerufen am 15. Februar 2014
  19. BfR- Stellungnahme zu „Major pesticides are more toxic to human cells than their declared active principles“ von Robin Mesnage, Nicolas Defarge, Joël Spiroux de Vendômois und Gilles-Eric Séralini. Bundesinstitut für Risikobewertung, 6. März 2014, abgerufen am 4. Januar 2017.
  20. Vereinigung deutscher Wissenschaftler: Ausführliche Begründung zur Preisverleihung an Séralini

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]