Giornico

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Giornico
Wappen von Giornico
Staat: Schweiz
Kanton: Tessin (TI)
Bezirk: Bezirk Leventinaw
Kreis: Kreis Giornico
BFS-Nr.: 5073i1f3f4
Postleitzahl: 6745
Koordinaten: 710460 / 139748Koordinaten: 46° 24′ 0″ N, 8° 52′ 30″ O; CH1903: 710460 / 139748
Höhe: 391 m ü. M.
Fläche: 19,5 km²
Einwohner: 879 (31. Dezember 2016)[1]
Einwohnerdichte: 45 Einw. pro km²
Website: www.giornico.ch
Giornico

Giornico

Karte
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Giornico [dʒorˈniko], in der alpinlombardischen Ortsmundart [ʒjorˈniːk],[2] deutsch veraltet Irnis, ist eine politische Gemeinde und der Hauptort des Kreises Giornico (Bezirk Leventina) im Schweizer Kanton Tessin.

Aussprache von Giornico

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dorf liegt in der Talsohle der Leventina beidseits des Flusses Tessin. Zwischen den Dorfteilen liegt eine bewohnte Flussinsel. Zur Gemeinde gehört das kleine Dorf Altirolo nordwestlich Giornicos. Von Norden kommend ist Giornico der erste Ort mit südlichem Charakter.

Die Gemeinde grenzt im Norden an Faido, im Osten an Sobrio, im Ostsüdosten an Bodio, im Süden an Personico, im Südwesten an Frasco und im Westen an Chironico.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dorf findet sich erstmal um 935/40 (Kopie von 1613/1619) in der Phrase «Ego presbiter Franciscus de Iudicibus Giornicensis» erwähnt; 1202 ist die Rede von «sancto N[icolao] de Iornico». Dem Namen liegt womöglich keltisch *iuris oder *iurom «bewaldeter Berg» zugrunde.[2]

Im Mittelalter gehörte Giornico, zusammen mit den drei ambrosianischen Tälern, dem Domkapitel Mailand[3] und war ein Gerichtsort der Leventina. 1403 wurde es erstmals von Uri und Unterwalden erobert.

Am 28. Dezember 1478 kam es als Folge der die Alpen übergreifenden Machtansprüche der Eidgenossenschaft zur Schlacht bei Giornico, der Battaglia dei Sassi Grossi, bei der die Schweizer die Mailänder besiegten. Sie besiegelte die bis 1798 dauernde Herrschaft von Uri über die Leventina.

1803 kam Giornico wie die gesamte Leventina zum neu gegründeten Kanton Tessin.[4]

Bevölkerung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bevölkerungsentwicklung
Jahr 1745 1850 1880 1900 1950 1970 1980 1990 2000 2010 2012 2014 2016
Einwohner 510 707 2147 768 829 1389 1305 1048 885 848 858 872 879

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Dorf ist von Weinbergen und Kastanienwäldern umgeben. Der alte Dorfkern, der im Inventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz (ISOS) als schützenswertes Ortsbild der Schweiz von nationaler Bedeutung eingestuft ist,[5] besteht vorwiegend aus Steinhäusern. Bekannt ist Giornico besonders für seine romanischen Kirchen.

Kirchen

  • Die Kirche San Nicolao ist das bedeutendste romanische Baudenkmal im Tessin und stammt aus den 1120er-Jahren. Sie enthält unter anderem mit Tiermotiven verzierte Kapitelle sowie Wandmalereien aus dem 13. und 15. Jahrhundert auf, darunter ein Tricephalus, die mehrmals verbotene Darstellung der Dreifaltigkeit mittels ineinander übergehender Gesichter.[6]
  • Die Pfarrkirche San Michele wurde 1210 erstmals bezeugt; der heutige Chor datiert von 1644, das heutige Schiff von 1787.[7]
  • Die Kirche Santa Maria di Castello steht an der Stelle einer 1518 auf Betreiben der Urner zerstörten Burg und integriert die Mauern des ehemaligen Palas.[8]
  • Die Kirche San Pellegrino im Ortsteil Altirolo enthält den bedeutendsten Freskenzyklus des späten 16. Jahrhunderts im Tessin.[9]

Wohnhäuser und Museen

  • Im Dorfzentrum des Ortsteiles Chironico steht ein sechsgeschossiger Wohnturm, der mit dem im 10. Jahrhundert wirkenden Bischof Atto von Vercelli in Verbindung gebracht wird. Die heutige Bausubstanz reicht ins 14. Jahrhundert zurück.[10][11]
  • Die Casa Stanga ist ein altes Wirtshaus aus dem 16. Jahrhundert, dessen Fassade um 1589 mit gemalten Wappen berühmter Gäste verziert wurde. Seit 1972 beherbergt es das Regionalmuseum der Leventina.[10][12]
  • La Congiunta ist ein 1992 entworfenes, dem Bildhauer Hans Josephsohn gewidmetes Museum.

Brücken

  • Zwei romanische Steinbrücken, über die der mittelalterliche Saumpfad führte, verbinden den rechtsseitigen Dorfteil über eine Tessininsel mit dem links des Flusses gelegenen Viertel. Sie wurden im 14. Jahrhundert erstmals erwähnt.[13][14]
  • Das Biaschina-Viadukt mit seinen Spannweiten bis zu 160 m und einer Höhe von 100 m ist das markanteste Bauwerk der Autobahn A2 und wurde 1978–1980 erbaut.[15]

Weitere Sehenswürdigkeiten und Baudenkmäler

  • das Schlachtendenkmal von 1937 (Bildhauer: A. Pessina)
  • Schalenstein auf der Alpe Cramosino im Ortsteil Sprügh (1720 m ü. M.)[16]
  • Wasserfall Cramosina[17]

Verkehr und Wirtschaft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Giornico war jahrhundertelang ein Bauern- und Säumer­dorf, das vom Gotthardverkehr lebte.

Von der Inbetriebnahme der Gotthardbahn 1882 konnte es trotz eines eigenen Bahnhofs nicht wie andere Gemeinden profitieren, da dieser aufgrund der schwierigen topographischen Verhältnisse zwei Kilometer ausserhalb der Gemeinde gebaut werden musste.[18] Die Teilstrecken zu den Nachbarbahnhöfen Lavorgo und Bodio mit 26.8 und 27 ‰ weisen die grössten Steigungen der Gotthardbahn auf. Die spätere Verlegung des Bahnhofs mehr zum Zentrum der Gemeinde hin vermochte den Trend nicht aufhalten; heute ist die Station geschlossen. Die Linienführung der Gotthardbahn direkt oberhalb von Giornico ist gekennzeichnet durch zwei unmittelbar aufeinander folgende Spiraltunnel (Pianotondo und Travi Spiral Tunnel) auf der linken Seite des Tessintals, die zusammen auch als Biaschina-Schleifen bezeichnet werden. – Bei Giornico befindet sich heute der längste und höchste Autobahnviadukt der A2, der Biaschina-Viadukt.

Die 1946 eröffneten Stahlwerke der FIrma Monteforno beschleunigten den Wandel zum Industrieort; sie wurden 1994 allerdings geschlossen. Einen Ersatz bietet die im Jahr 2000 nach Giornico gezogene Tensol Rail, die im Bereich Eisenbahnzubehör und Schienenunterhalt tätig ist. Etwa zwei Drittel der aktiven Bevölkerung sind Wegpendler.

Sport[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Associazione Calcistica Giornico[21]

Persönlichkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Francesco Martino Stanga (15. Jahrhundert), Leventinerführer im 1478 in der Schlacht bei Giornico[22]
  • Antonio Bandera (* um 1515 in Airolo ?; † nach 1572 in Giornico ?), Priester, Pfarrer in Quinto, 1572 in Giornico als Visitator oder Generalvikar von Karl Borromäus für die drei Ambrosianischen Täler erwähnt[23]
  • Carlo Maggini (* 15. Januar 1877 in Giornico; † 19. August 1941 in Bellinzona, Bürger von Biasca), Journalist, Stadtpräsident von Bellinzona, Tessiner Gross- und Staatsrat, Nationalrat[24]
  • Rachele Giudici (* 7. April 1887 in Giornico; † 20. Oktober 1959 in Faido), Malerin, Illustratorin, Forscherin, Dozentin an der Magistrale femminile von Locarno[25]
  • Agostino Robertini (* 13. Oktober 1904 in Giornico; † 21. Dezember 1988 in Intragna TI), Priester, Pfarrer von Tremona und Verscio, Ehrendomherr der Kathedrale San Lorenzo (Lugano), Kunsthistoriker[26]
  • Alberto Stefani (* 3. August 1918 in Giornico; † 4. August 2006 ebenda, Bürger von Prato (Leventina)), 1949–1956 Gemeindepräsident von Giornico sowie Tessiner Grossrat, 1956–1962 Tessiner Staatsrat, 1963–1983 Ständerat[27]
  • Claudio Generali (* 17. Januar 1943 in Lugano; † 19. Mai 2017 in Gentilino, Bürger von Giornico), Bankdirektor (Banca del Gottardo), 1983–1989 Tessiner Staatsrat, Vizepräsident der SRG SSR, Präsident der CORSI[28][29]
  • Francesco Vallana (* 17. September 1944 in Giornico, Bürger von Russo), Ingenieur, Maler[30]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Geschichte

Kunstgeschichte

  • Johann Rudolf Rahn: I monumenti artistici del medio evo nel Cantone Ticino. Tipo-Litografia di Carlo Salvioni, Bellinzona 1894, S. 98–113.
  • Kunstführer durch die Schweiz. Vollständig neu bearb. Ausgabe. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, ISBN 3-906131-96-3, S. 541–546.
  • Peter Märkli: Stiftung La Congiunta. Haus für Reliefs und Halbfiguren des Bildhauers Hans Josephsohn. Hatje, Stuttgart 1994.[32]
  • Anton-Heinz Schmidt: Schweiz – Theater aus Stein oder Unbiblisches in Tessiner Kirchen. Die wenig erforschten Kirchen San Nicola in Giornico, San Vittore in Muralto. A.-H. Schmidt, Aigen-Voglhub 2011.[33]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Giornico – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Ständige und nichtständige Wohnbevölkerung nach institutionellen Gliederungen, Geschlecht, Staatsangehörigkeit und Alter (Ständige Wohnbevölkerung). In: bfs.admin.ch. Bundesamt für Statistik (BFS), 29. August 2017, abgerufen am 20. September 2017.
  2. a b Lexikon der schweizerischen Gemeindenamen. Hrsg. vom Centre de Dialectologie an der Universität Neuenburg unter der Leitung von Andres Kristol. Frauenfeld/Lausanne 2005, S. 388 f.
  3. Die ambrosianischen Täler waren laut Historisch-Biographischem Lexikon der Schweiz, Band I, S. 333–335 von Erzbischof Arnulf II. von Mailand (996–1018) dem Mailänder Kapitel geschenkt worden.
  4. Mario Fransioli: Giornico. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  5. Liste der Ortsbilder von nationaler Bedeutung, Verzeichnis auf der Website des Bundesamts für Kultur (BAK), abgerufen am 10. Januar 2018.
  6. Kunstführer durch die Schweiz. Vollständig neu bearb. Ausgabe. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, ISBN 3-906131-96-3, S. 542 f.
  7. Kunstführer durch die Schweiz. Vollständig neu bearb. Ausgabe. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, ISBN 3-906131-96-3, S. 543.
  8. Kunstführer durch die Schweiz. Vollständig neu bearb. Ausgabe. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, ISBN 3-906131-96-3, S. 543 f.
  9. Kunstführer durch die Schweiz. Vollständig neu bearb. Ausgabe. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, ISBN 3-906131-96-3, S. 545 f.
  10. a b Kunstführer durch die Schweiz. Vollständig neu bearb. Ausgabe. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, ISBN 3-906131-96-3, S. 544.
  11. Turm des Bischofs Atto
  12. Museo di Leventina
  13. Steinbrücke Ost (Foto)
  14. Steinbrücke West (Foto)
  15. Kunstführer durch die Schweiz. Vollständig neu bearb. Ausgabe. Hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Band 2. Bern 2005, ISBN 3-906131-96-3, S. 546.
  16. Franco Binda: Il mistero delle incisioni. Armando Dadò editore, Locarno 2013, S. 70–71.
  17. Wasserfall Cramosina auf ethorama.library.ethz.ch/de/node
  18. Mario Fransioli: Giornico. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  19. Braun, Adolphe, Photographische Ansichten der Gotthardbahn, Dornach im Elsass, ca. 1875
  20. Dietler, H.: Gotthardbahn in Röll, V. Freiherr von: Enzyklopädie des Eisenbahnwesens, Band 5. Berlin, Wien 1912, p. 356 and 358 on www.zeno.org/Roell-1912
  21. Associazione Calcistica Giornico
  22. Eva Camenisch Luisoni: Stanga [Stanghi], Francesco Martino. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  23. Historisch-Biographisches Lexikon der Schweiz, Band II, S. 555 (Digitalisat; abgerufen am 1. Juni 2017).
  24. Pasquale Genasci: Maggini, Carlo. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  25. Rachele Giudici (italienisch) auf archividonneticino.ch (abgerufen am 14. Oktober 2016).
  26. Agostino Robertini (italienisch) in chiesaverscio.it (abgerufen am 11. März 2017).
  27. Francesca Mariani Arcobello: Stefani, Alberto. In: Historisches Lexikon der Schweiz.
  28. CORSI
  29. Claudio Generali auf ticinonews.ch/ticino (abgerufen am 20. Mai 2017).
  30. Francesco Vallana. In: Sikart
  31. Kuno Müller: Frischhans Teiling: Der Held von Giornico. auf portal.dnb.de (abgerufen am 3. Mai 2016.)
  32. Peter Märkli: Stiftung La Congiunta. Haus für Reliefs und Halbfiguren des Bildhauers Hans Josephsohn. auf portal.dnb.de (abgerufen am 3. Mai 2016.)
  33. Anton-Heinz Schmidt: Schweiz – Theater aus Stein oder Unbiblisches in Tessiner Kirchen: die wenig erforschten Kirchen San Nicola in Giornico, San Vittore in Muralto. auf portal.dnb.de (abgerufen am 3. Mai 2016.)