Giovanni di Lorenzo

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Giovanni di Lorenzo (2013)

Giovanni di Lorenzo [dʒoˈvanni di Іoˈrentso] (* 9. März 1959 in Stockholm) ist ein deutsch-italienischer Journalist, Autor und Fernsehmoderator. Er ist Chefredakteur der Wochenzeitung Die Zeit, Mitherausgeber des Berliner Tagesspiegels und Gastgeber der Talkshow 3 nach 9 bei Radio Bremen.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Di Lorenzo wurde als Sohn eines Italieners und einer Deutschen in Stockholm geboren.[1] Sein Vater, Carlo di Lorenzo, war Leiter einer Synchronisationsfirma, seine aus Königsberg in Ostpreußen stammende Mutter Marianne, geb. Matull, arbeitete als Lehrerin an der Deutschen Schule in Stockholm und später als Psychotherapeutin.[2][3] Sein Großvater mütterlicherseits war der Journalist und Historiker Wilhelm Matull, seit 1925 Vorsitzender der Sozialistischen Arbeiterjugend in Königsberg und von 1928 bis 1933 Redakteur bei der sozialdemokratischen Königsberger Volkszeitung.[4] Sein Onkel väterlicherseits, Giorgio di Lorenzo, war führender Manager beim italienischen Büromaschinenkonzern Olivetti.[2][5] Die ersten Jahre seiner Kindheit verbrachte di Lorenzo in Schweden und Deutschland, bevor die Familie nach Rimini und später nach Rom zog, wo di Lorenzo die Deutsche Schule besuchte.[2][6][7] Nach der Trennung der Eltern lebte er ab dem elften Lebensjahr mit seinem Zwillingsbruder Marco und seiner Mutter in Hannover. Dort besuchte er zunächst das humanistische Ratsgymnasium und später die neusprachliche Tellkampfschule, wo der spätere Regierungssprecher Steffen Seibert zu seinen Mitschülern zählte.[2][8] Nach dem Abitur 1979 bestand di Lorenzo im Frühjahr 1980 die Aufnahmeprüfung an der Deutschen Journalistenschule in München, trat das Studium jedoch nicht an und verfasste stattdessen die Lebensgeschichte des rechten Terroristen Stefan Salge, die in Teilen zunächst im Dossier der Zeit und 1984 als Buchausgabe bei Rowohlt erschien.[9] Bis 1986 studierte di Lorenzo Kommunikationswissenschaft, Politologie und Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Seine Magisterarbeit schrieb er bei Karl Friedrich Reimers über Strategie und Aufstieg des Privatfernsehens in Italien am Beispiel der Networks von Silvio Berlusconi.

Di Lorenzo war von 2005 bis 2015 mit der Moderatorin Sabrina Staubitz liiert; ihre gemeinsame Tochter wurde 2008 geboren.[10]

Beruf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine journalistische Tätigkeit begann er 1979 bei der hannoverschen Tageszeitung Neue Presse (bis 1982), wo er auf seinen journalistischen Mentor Michael Radtke traf. Außerdem arbeitete er für das Stadtmagazin Schädelspalter.

Giovanni di Lorenzo als Gastgeber der Talkshow 3 nach 9 (2018)

Erste Erfahrungen im Fernsehen machte di Lorenzo als Moderator beim Bayerischen Rundfunk, wo er seit Juni 1984 das wöchentliche Jugendmagazin Live aus dem Alabama moderierte. 1988 und 1989 moderierte er die ARD-Kulturreportage live vom Münchner Filmfest. Seit 1989 wird die Fernseh-Talkshow 3 nach 9 von ihm mitmoderiert.

Von 1985 bis 1986 wirkte er als Berater an der Neugestaltung der Süddeutschen Zeitung und des Münchner Stadtanzeigers mit. Im Mai 1987 wurde di Lorenzo Mitglied der innenpolitischen Redaktion der Süddeutschen Zeitung, von Mai 1994 bis Ende 1998 Ressortleiter der Reportagen vorbehaltenen Seite Drei. Anfang 1999 wechselte er als Chefredakteur zur Berliner Tageszeitung Der Tagesspiegel. Seit August 2004 ist er Chefredakteur der ebenfalls bei der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck erscheinenden Wochenzeitung Die Zeit. Sein Vertrag als Chefredakteur läuft bis 2023.[11] Auch wurde er einer von derzeit drei Herausgebern des Tagesspiegels.

Im November 2011 veröffentlichte er ein vierseitiges Interview mit Karl-Theodor zu Guttenberg in der Wochenzeitung Die Zeit und kurz darauf mit Guttenberg ein gemeinsames Buch. Länge und Inhalt des Interviews hatten zahlreiche Leserbeschwerden zur Folge und wurden von einem Großteil der deutschen Presse kritisiert: Man warf ihm besonders mangelnde Distanz vor, wenn nicht gar Werbung.[12][13] Di Lorenzo antwortete darauf, dass Guttenberg ein Forum gegeben werden könne, da er weder Extremist noch Verbrecher sei. Eine Rückkehr Guttenbergs hänge nicht von ihm als Journalisten, sondern von den Wählern ab.[14] Im April 2012 äußerte er gegenüber der Berliner Zeitung, dass das Buch ein Fehler war, den er bereue.[15]

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Di Lorenzos erster Zeitungsartikel erschien unter dem Pseudonym Hans Lorenz, da der verantwortliche Redakteur di Lorenzos Namen für einen Künstlernamen hielt und dieser ihm zu fantasievoll erschien.[16]

1992 war di Lorenzo Mitorganisator der ersten deutschen Lichterketten gegen Fremdenfeindlichkeit unter dem Motto München – eine Stadt sagt Nein.[17]

Aufgrund seines Buches über einen Rechtsradikalen im Jahr 1984 suchte die damalige Moderatorin Amelie Fried di Lorenzo für eine Sendung über das Thema Rechtsradikalismus bei Live aus dem Alabama aus. Beide verband die gemeinsame Studienzeit. Im gleichen Jahr noch übernahm di Lorenzo die Mitmoderation. Di Lorenzo: „Ich kam als Gast und ging als Moderator.“ 1998 „revanchierte“ sich di Lorenzo bei Amelie Fried, als eine Nachfolgerin für die verstorbene Juliane Bartel bei 3 nach 9 gesucht wurde. Von 1998 bis zum Ausscheiden von Fried im August 2009 moderierten sie die Talkshow gemeinsam. Von September 2009 bis Januar 2010 war Charlotte Roche neben di Lorenzo Moderatorin des Formats,[18] seit Juli 2010 übernimmt Judith Rakers ihre Moderation.

1987 drehte er für den Bayerischen Rundfunk die Sendereihe Briefe aus Italien, bei der er im Wechsel mit Aviva Ronnefeld über italienische Städte und Regionen berichtete.

Giovanni di Lorenzo ist Mitglied in den Kuratorien der ZEIT-Stiftung[19] und des Journalists Networks und der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung.[20] Er engagiert sich ehrenamtlich für die Deutsche Knochenmarkspenderdatei und für die Aufarbeitung der SED-Diktatur. Seit 2003 ist er Gründungsmitglied des Fördervereins[21] der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

Di Lorenzo gehört zu den Initiatoren der Charta der Digitalen Grundrechte der Europäischen Union, die Ende November 2016 veröffentlicht wurde.

Verfahren wegen Doppel-Wahl[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Abend der Europawahl 2014 erklärte di Lorenzo in der Polit-Talkshow Günther Jauch, er habe aufgrund seiner doppelten Staatsangehörigkeit zweimal abgestimmt.[22] Dies ist nach § 6 Abs. 4 des Europawahlgesetzes nicht zulässig.[23] Aufgrund einer Strafanzeige eines AfD-Landesverbands ermittelte die Hamburger Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Wahlfälschung nach § 107a StGB.[24][25] Di Lorenzo begründete sein Verhalten damit, dass er sowohl als deutscher als auch als italienischer Staatsbürger eine Wahlbenachrichtigung erhalten habe und es ihm nicht bewusst gewesen sei, nur in einem Land wählen zu dürfen. Er bedauere sein Verhalten.[26] Das Ermittlungsverfahren wurde, nachdem di Lorenzo im November 2014 einen „namhaften Betrag“ als Geldauflage gezahlt hatte, eingestellt.[27][28][29]

Auszeichnungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Giovanni di Lorenzo – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bodo Krüger: Auf eine Wurst mit Giovanni di Lorenzo, in: Neue Presse vom 27. Oktober 2018, S. 25
  2. a b c d Gregor Gysi & Giovanni di Lorenzo. Abgerufen am 1. Juli 2021 (deutsch).
  3. Giovanni Di Lorenzo - Munzinger Biographie. Abgerufen am 1. Juli 2021.
  4. Markus Lanz vom 05.03.2019 - Gespräch mit Hans von Dohnanyi und Giovanni di Lorenzo. Abgerufen am 4. Juli 2021 (deutsch).
  5. AECT Membership Directory and Data Book, Ausg. 1972, S. 53.
  6. Botschaft der Bundesrepublik Deutschland: Una scuola da Champions: il Bayern-Monaco alla Scuola Germanica di Roma. (Memento vom 25. April 2012 im Internet Archive) Pressemitteilung vom 18. November 2010, abgerufen am 28. Juli 2019.
  7. Giovanni di Lorenzo: Meister der Zwischentöne Doku (2019). Abgerufen am 8. Juli 2021.
  8. Welche Schule für mein Kind? Verlagsbeilage der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung vom 12. Januar 2011, S. 4.
  9. Masterclass Chefredakteur. Abgerufen am 9. Juli 2021 (deutsch).
  10. welt.de: Giovanni di Lorenzo und Sabrina Staubitz trennen sich
  11. Bülend Ürük: Giovanni di Lorenzo: Fünf weitere Jahre "Zeit". In: kress. 28. Mai 2018 (kress.de [abgerufen am 29. Mai 2021]).
  12. Felix Dachsel: Kapitän überraschend in Not. In: Die Tageszeitung. 1. Dezember 2011.
  13. Wolfgang Storz: Wenn das Marketing feiert. In: Die Tageszeitung, 6. Dezember 2011.
  14. Giovanni di Lorenzo: Warum dieses Interview? In: Die Zeit, 1. Dezember 2011.
  15. Di Lorenzo bereut Guttenberg-Interview. In: Spiegel Online, 4. April 2012.
  16. Andrea Zoppolato: Giovanni di Lorenzo: „Berlin - die einzige Stadt der Welt mit einer dominierenden Arbeiterkultur“. cafebabel.de, 17. September 2010
  17. Pegida und Lichterkette: Di Lorenzo über 1992 und heute merkur.de. 21. Januar 2015.
  18. Michael Hanfeld: Charlotte Roche verlässt Talkshow „3nach 9“. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. Januar 2010.
  19. Zeit-Stiftung: Gremien - Kuratorium
  20. Kuratorium | Mitarbeiter/innen. Abgerufen am 8. Juli 2020 (deutsch).
  21. Gründung auf der Webseite des Fördervereins der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
  22. AfD erstattet Anzeige gegen di Lorenzo In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Mai 2014.
  23. Doppelt gewählt: Ermittlungen gegen „Zeit“-Chefredakteur. In: Focus, 26. Mai 2014.
  24. Ermittlungen gegen di Lorenzo wegen doppelter Stimmabgabe. In: Die Zeit, 26. Mai 2014.
  25. Strafverfahren gegen "Zeit"-Chef wegen Wahlfälschung. In: Focus, 26. Mai 2014.
  26. Jauch verteidigt „Zeit“-Chef di Lorenzo. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27. Mai 2014.
  27. Geldstrafe! Verfahren gegen di Lorenzo eingestellt. In: Hamburger Abendblatt. 18. November 2014, abgerufen am 18. November 2014.
  28. Verfahren gegen "Zeit"-Chefredakteur vorläufig eingestellt. In: Spiegel Online, 19. November 2014.
  29. Verfahren gegen di Lorenzo wegen doppelter Stimmabgabe eingestellt. In: Die Zeit, 19. November 2014.
  30. Mutige Löwen gegen rechte Rattenfänger In: DFB aktuell, Seite 77, 9. September 2009 (PDF).
  31. LeadAwards 2019. Abgerufen am 13. März 2021.