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Gisulf II. (Friaul)

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Kreuz aus dem 1874 entdeckten sogenannten Grab des Herzogs Gisulf, Gräberfeld von Cella – San Giovanni, Cividale. Die Inschrift „CISVL“ auf dem Sarkophag scheint eine Fälschung des 19. Jahrhunderts zu sein, ob es sich um das Grab Gisulfs II. oder seines gleichnamigen Onkels handelt, bleibt unklar. Exponat in der Ausstellung Die Langobarden. Das Ende der Völkerwanderung vom 22. August 2008 bis zum 11. Januar 2009 im Rheinischen LandesMuseum Bonn. Leihgabe aus dem Museo archeologico nazionale di Cividale del Friuli

Gisulf II. von Friaul († um 610) war ein Dux der Langobarden im Gebiet von Friaul. Er fiel im Kampf, als die Awaren in das Herzogtum Friaul einfielen.

Seine Gemahlin war Romilda, Tochter von Herzog Garibald I. von Baiern und von Walderada, die wiederum eine Tochter des Langobardenkönigs Wacho war. Mit Romilda hatte Gisulf acht Kinder, nämlich vier Töchter und vier Söhne.

Einzige Quelle für die Zeit Gisulfs ist die Historia Langobardorum, die der Langobarde Paulus Diaconus – er stammte aus dem Friaul – kurz vor 800 verfasste. Dieser berichtet, dass Gisulf, wie die meisten Herzöge des Friaul, eine eigenständige Politik verfolgte, in deren Folge es zu Auseinandersetzungen mit den Königen der Langobarden kam. Gaidoald von Trient und Gisulf wurden von König Agilulf wieder aufgenommen, nachdem sie sich mit ihm überworfen hatten (IV, 27).

Nach dem Tod des Patriarchen Severus von Aquileia (um 606) folgte ihm, im Einverständnis mit dem König und Herzog Gisulf, Abt Johannes im Amt. Auch in Grado wurde ein Bischof eingesetzt, nämlich der romtreue Candidianus, auf den – vielleicht zur Untermauerung flicht Paulus einen Kometen ein – der oberste Notar Epiphanius folgte. Dieser wurde gleichfalls Patriarch, so dass nun zwei Patriarchen existierten, wie Paulus meint: „ex illo tempore coeperunt duo esse patriarchae“ (IV, 33).

Reiche der Awaren, Langobarden, Franken und Bajuwaren sowie das Oströmische Reich
Langobardische und byzantinische Gebiete vor 603

In einem langen Abschnitt (IV, 37) beschreibt Paulus den ersten Angriff der Awaren auf das Friaul. In einer Schlacht unterlag Gisulf dem zahlenmäßig weit überlegenen Gegner, die Überlebenden flüchteten sich in die Städte. Dabei hatte sowohl König Authari als auch Agilulf einen Frieden mit den Awaren geschlossen, worunter wohl eher eine Art Bündnis zu verstehen ist, denn es waren keine kriegerischen Handlungen vorangegangen. Diese Bündnisse könnten sich auch gegen die Herzöge des Friaul gerichtet haben, vor allem aber gegen Byzanz, etwa als die Awaren (und Slawen) Istrien plünderten. Mit Hilfe von Slawen gelang zudem um 603 die Eroberung der byzantinischen Städte Cremona, Mantua und Brescello durch die Langobarden.

Gisulfs Frau Romilda suchte nach dem Tod ihres Mannes mit ihren Kindern in der Stadt Forum Iulii Schutz. Die Stadt wurde jedoch von den Awaren eingenommen, angeblich weil Romilda, von der Schönheit des jungen Awarenherrschers geblendet, die Tore öffnete. Die Männer der Stadt wurden umgebracht, die Frauen und Kinder verschleppt. Die Söhne Gisulfs konnten allerdings entkommen. Paulus bezeichnete Romilda als „meretrix“ und „proditrix patriae“, als ‚Hure‘ und ‚Vaterlandsverräterin‘.

Warum die Awaren die Langobarden angriffen, mit denen sie sonst in gutem Einvernehmen standen, bleibt unklar, solange man glaubt, es handle sich um ethnische Konflikte. Wenige Jahre zuvor war ein Frieden zwischen dem Langobardenkönig und dem Awarenkhagan geschlossen worden, hinzu kommt, dass der Langobardenkönig Agilulf offenbar keine Hilfe leistete. Dies lässt die Vermutung zu, dass die Awaren in seinem Auftrag oder unter seiner Duldung gegen Gisulf vorgingen.[1] Mit Blick auf die zweite Invasion der Awaren in Italien stellt Paulus Diaconus heraus, dass es wieder der König war, der die Awaren als Verbündete ins Land rief, um seinen herzoglichen Gegner zu bekämpfen (V, 19). Wie sein Vater Grasulf, so war in den Augen des Königs auch Gisulf II. unzuverlässig, da er mit Byzanz paktierte. Der König konnte seine Ansprüche gegenüber dem Herzog dabei nur mit Hilfe der Awaren durchsetzen.

Zweien der Söhne, nämlich Raduald und Grimoald gelang die Flucht, sie waren nacheinander Herzog von Benevent. Grimoald wurde 662 sogar König der Langobarden. Die beiden Älteren, Taso und Cacco, wurden Herzöge des Friaul, ein Hinweis darauf, dass nach Abzug der Awaren die alte Herzogsfamilie die Macht im Friaul zunächst behielt.

Wikisource: Historia Langobardorum – Quellen und Volltexte (Latein)
  1. Walter Pohl: Die Awaren. Ein Steppenvolk in Mitteleuropa 567–822 n. Chr., 2 Aufl., München 2002, S. 239, ISBN 3-406-48969-9.