Giulietta Guicciardi

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Julie Guicciardi, Heliogravüre einer anonymen Zeichnung; Beethoven-Haus Bonn[1]

Gräfin Julie („Giulietta“) Guicciardi, verheiratete Gräfin Gallenberg (* 23. November 1782[2] in Przemyśl, Galizien; † 22. März 1856 in Wien) war eine österreichische Adlige und 1801/02 Klavierschülerin von Ludwig van Beethoven, der ihr 1802 die Sonata quasi una Fantasia cis-Moll op. 27 Nr. 2 widmete, die sogenannte „Mondschein-Sonate“.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ihr Eltern waren

Beide hatten am 9. März 1782 im Wiener Stephansdom geheiratet. Später war der Vater in Przemyśl tätig, wo „Julie“, wie sie in der Familie genannt wurde,[3] geboren wurde.

Im Juni 1800 kam sie mit ihren Eltern aus Triest nach Wien und wurde dort wegen ihrer Schönheit bald zum Mittelpunkt der Gesellschaft. Sie verlobte sich mit dem jungen Grafen Wenzel Robert von Gallenberg, den sie am 14. November 1803[4] im Stephansdom heiratete. Anschließend reiste sie mit ihm nach Neapel, wo sich die Familie viele Jahre aufhielt. Erst 1822 kehrte sie nach Wien zurück.

In späteren Jahren zählte der Fürst Hermann von Pückler-Muskau zu ihren Verehrern, ebenso der Schriftsteller Ludwig Mielichhofer (1814–1892), der überliefert: „Sie war von schöner Figur, hatte braune Locken und schöne dunkelblaue Augen“, aber „es habe stets ein Schleier der Melancholie über ihrem seelenvollen Antlitz gelegen.“[5]

Sie wohnte zuletzt „am Hof Nr. 322“, wo sie am 22. März 1856 „an Altersschwäche“ starb.[6] Es handelt sich um das Haus „Zum Hahnenbeiß“, heute Am Hof 5.[7]

Beziehung zu Beethoven[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Julie Guicciardi, Ölbild (verschollen), ehemals Schloss Zschepplin (Sachsen)
Miniatur aus Beethovens Nachlass, angeblich Julie Guicciardi, die allerdings „dunkelblaue Augen“ hatte, nicht braune, wie die hier Porträtierte

Beethoven lernte Julie durch die Familie Brunsvik kennen. Er war besonders mit den Schwestern Therese und Josephine Brunsvik eng befreundet. Im Herbst 1801 wurde er Julies Klavierlehrer und verliebte sich offenbar in sie. Sie ist wahrscheinlich jenes „zauberische Mädchen“, über das er am 16. November 1801 an seinen Jugendfreund Franz Gerhard Wegeler schreibt: „etwas angenehmer lebe ich jezt wieder, indem ich mich mehr unter Menschen gemacht, du kannst es kaum glauben, wie öde, wie traurig ich mein Leben seit 2 Jahren zugebracht, wie ein Gespenst ist mir mein schwaches Gehör überall erschienen, und ich floh – die Menschen, mußte Misantrop scheinen, und bins doch so wenig, diese Veränderung hat ein liebes zauberisches Mädchen hervorgebracht, die mich liebt, und die ich liebe, es sind seit 2 Jahren wieder einige seelige Augenblicke, und es ist das erstemal, daß ich fühle, daß – heirathen glücklich machen könnte, leider ist sie nicht von meinem stande“.[8] 1802 widmete er ihr als „Giulietta Guicciardi“ die Mondschein-Sonate.

Otto Jahn notierte am 14. November 1852 nach einem Gespräch mit Julie von Gallenberg, dass Beethoven ursprünglich das Rondo G-Dur op. 51 Nr. 2 für sie komponiert hatte, es jedoch zurückforderte, „als er d[e]r Gr. Lichnowsky etwas dediciren mußte, u. widmete ihr d. Sonate“.[9] Gemeint ist die Schwester des Fürsten Karl Lichnowsky, Gräfin Henriette von Lichnowsky.

Gegenüber seinem Adlatus und Biographen Anton Schindler bekannte Beethoven im Februar 1823, er sei seinerzeit tatsächlich in sie verliebt gewesen.[10] In seiner 1840 erschienenen Beethoven-Biographie behauptete Schindler daraufhin, „Giulietta“ sei auch die Adressatin des Briefs an die „Unsterbliche Geliebte“, was sofort (obwohl damals noch nicht publiziert) von ihrer Cousine Therese Brunsvik angezweifelt wurde: „Drei Briefe von Beethoven, angeblich an Giulietta. Sollten es Machwerke sein?“[11] Thereses Zweifel waren nur zu begründet, da sie – im Unterschied zu Schindler und nahezu allen anderen Zeitgenossen – recht gut über die intensive und langandauernde Liebesbeziehung Beethovens zu ihrer Schwester Josephine Brunsvik Bescheid wusste: „3 Briefe von Beethoven ... sie werden wohl an Josephine sein, die er leidenschaftlich geliebt hat.“[12] Dagegen spricht vor allem, dass Beethoven den besagten Brief erst am 6./7. Juli 1812 schrieb, als Julie bereits in Italien lebte.

Nach Beethovens Tod fand man in seinem Nachlass Porträtminiaturen von zwei unbekannten Frauen, die in den Besitz von Gerhard von Breuning gelangten. Dieser legte sie einem Sohn von Giulietta Guicciardi vor – wahrscheinlich Alexander von Gallenberg (1816–1893) – und teilte 1874 mit, dass „deren eines der noch lebende Graf Gallenberg als jenes seiner Mutter (geborene Giulietta Guicciardi) erkannte.“[13] Obwohl Breuning nicht erwähnt, welches der beiden Porträts gemeint ist, hat sich die Beethoven-Forschung später darauf geeinigt, dass es sich um das oben abgebildete handeln muss.

Anlass für Breunings Identifizierungsversuch war wohl die Behauptung seines Freundes Anton Schindler, Giulietta Guicciardi sei Beethovens „Unsterbliche Geliebte“ gewesen. Auf dem Porträt ist allerdings eine Frau mit braunen Augen zu sehen, wohingegen Giulietta Guicciardi „schöne dunkelblaue Augen“ hatte. Daneben ist Schindlers Identifizierung eine reine Erfindung und wird heute nicht mehr diskutiert. Die Zuschreibung des Porträts gilt deshalb als zweifelhaft.

Familie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ehepaar Gallenberg hatte mehrere Kinder, darunter die Söhne[14]

  • Graf Hugo von Gallenberg (* 22. August 1805 in Neapel), Pfarrer in Groß Tajax in Mähren, verfasste ein Buch über Leonardo da Vinci (Leipzig 1834),
  • Graf Friedrich von Gallenberg (* 29. Dezember 1809; † 16. Oktober 1862),
  • Graf Joseph von Gallenberg (* 1. August 1811, † 7. März 1858), k. k. Oberst,
  • Graf Hector von Gallenberg (* 7. Januar 1813, † 27. Dezember 1864), k. k. Kämmerer,
  • Graf Alexander von Gallenberg (* 22. August 1816, † 7. Oktober 1893 in Wien).

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Beschreibung auf der Website des Beethoven-Hauses
  2. Steblin (2009), S. 96 behauptet, dass Julie Guiccardi nicht, wie bis dato angenommen, 1784, sondern zwei Jahre früher geboren wurde. Dem widersprechen aber Guicciardis Taufschein und das Geburtsdatum auf ihrem Grabstein.
  3. Die übliche Bezeichnung „Giulietta“ geht auf den italienischen Titel der ihr gewidmeten Mondscheinsonate zurück, auf der auch Beethoven selbst sich „Luigi van Beethoven“ nennt. (Steblin, 2009, S. 90)
  4. Steblin (2009), S. 145. Ein weiteres Datum, das falsch tradiert wird: Es war nicht der 3. oder 4. November 1803.
  5. Ludwig Nohl, Beethovens Leben, Band 2, Leipzig 1867, S. 129f. (Digitalisat)
  6. Wiener Zeitung, Nr. 71 vom 27. März 1856, S. 883 (Digitalisat)
  7. Zur Geschichte des Hauses
  8. Brandenburg (1996), Nr. 70.
  9. Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen, hrsg. von Klaus Martin Kopitz und Rainer Cadenbach unter Mitarbeit von Oliver Korte und Nancy Tanneberger, München 2009, Band 1, S. 412
  10. Ludwig van Beethovens Konversationshefte, hrsg. von Karl-Heinz Köhler und Dagmar Beck, Band 2, Leipzig 1976, S. 366f.
  11. Thereses Tagebuch, 12. November 1840, in Tellenbach (1983), S. 15. Der Brief an die „Unsterbliche Geliebte“ besteht aus drei Teilen.
  12. Thereses Tagebuch, 15. November 1840, in Goldschmidt (1977), S. 295. Diese „Giulietta-Hypothese“ wird heute nicht mehr diskutiert.
  13. Gerhard von Breuning, Aus dem Schwarzspanierhause. Erinnerungen an L. van Beethoven aus meiner Jugendzeit, Wien 1874, S. 124 (Digitalisat)
  14. Gothaisches Genealogisches Taschenbuch der Gräflichen Häuser, Jg. 47 (1874), S. 288 (Digitalisat)

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Anton Schindler, Biographie von Ludwig van Beethoven, Münster 1840
  • La Mara, Beethoven und die Brunsviks, Leipzig 1920
  • Robert Bory, Ludwig van Beethoven. His Life and his Work in Pictures, Zürich – New York: Atlantis 1960, S. 86f. (Digitalisat)
  • Harry Goldschmidt, Um die Unsterbliche Geliebte. Ein Beethoven-Buch. Leipzig: Deutscher Verlag für Musik 1977
  • Harry Goldschmidt, Beethoven in neuen Brunsvik-Briefen. In: Beethoven-Jahrbuch, Jg. 1973/77 (1977), S. 97–146
  • Marie-Elisabeth Tellenbach, Beethoven und seine „Unsterbliche Geliebte“ Josephine Brunswick. Ihr Schicksal und der Einfluß auf Beethovens Werk, Zürich: Atlantis 1983
  • Sieghard Brandenburg (Hrsg.), Ludwig van Beethoven, Briefwechsel. Gesamtausgabe, 7 Bände, München: Henle 1996
  • Silke Bettermann, Die beiden Damen-Miniaturportraits aus Beethovens Nachlass im Beethoven-Haus Bonn. Kunsthistorische Anmerkungen. In: Bonner Beethoven-Studien, Band 3 (2003), S. 23–41
  • Klaus Martin Kopitz, Rainer Cadenbach (Hrsg.) u. a.: Beethoven aus der Sicht seiner Zeitgenossen in Tagebüchern, Briefen, Gedichten und Erinnerungen. Band 1: Adamberger – Kuffner. Hrsg. von der Beethoven-Forschungsstelle an der Universität der Künste Berlin. Henle, München 2009, ISBN 978-3-87328-120-2, S. 411–414.
  • Rita Steblin, „A dear, enchanting girl who loves me and whom I love“: New Facts about Beethoven’s Beloved Piano Pupil Julie Guicciardi. In: Bonner Beethoven-Studien, Band 8 (2009), S. 89–152
  • Kurt Dorfmüller, Norbert Gertsch, Julia Ronge (Hrsg.), Ludwig van Beethoven. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, München 2014, Band 1, S. 160–165