Geiselnahme von Gladbeck

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Geiselnahme von Gladbeck (BRD und Westberlin)
1) 16.08. Gladbeck
1) 16.08. Gladbeck
2) 17.08. Bremen
2) 17.08. Bremen
3) 18.08. Niederlande
3) 18.08. Niederlande
4) 18.08. Köln
4) 18.08. Köln
5) 18.08. A3 bei Bad Honnef
5) 18.08. A3 bei Bad Honnef
Wichtige Stationen auf der Flucht der Geiselnehmer.

Die Geiselnahme von Gladbeck (auch bekannt als Gladbecker Geiseldrama) war ein aufsehenerregendes Verbrechen im August 1988, in dessen Verlauf drei Menschen starben.

Am 16. August 1988 überfielen Dieter Degowski und Hans-Jürgen Rösner die Filiale der Deutschen Bank im nordrhein-westfälischen Gladbeck. Im Anschluss nahmen sie mehrmals Geiseln und flüchteten mit ihnen zwei Tage lang durch Deutschland und die Niederlande. Die Geiselnahme endete am 18. August 1988 in einer umstrittenen Polizeiaktion auf der Autobahn 3 bei Bad Honnef.

Während der Flucht erschoss Degowski den 15-jährigen Italiener Emanuele De Giorgi in einem entführten Linienbus und bei der Verfolgung in die Niederlande kam bei einem Zusammenstoß mit einem LKW ein Polizist ums Leben. Eine zweite Geisel, die 18-jährige Silke Bischoff, starb während der abschließenden Polizeiaktion auf der Autobahn. Laut Behördenangaben wurde der tödliche Schuss auf sie aus der Waffe Rösners abgegeben.

Das Verhalten der beteiligten Journalisten, die die Täter interviewten, im Fluchtfahrzeug mitfuhren und durch ihre große Nähe zum Geschehen die Polizeiarbeit behinderten, entfachte eine intensive öffentliche Debatte über Verantwortung und Grenzen des Journalismus. Neben der Kritik an der Rolle der Medien wurden auch gegen die Verantwortlichen der Polizei der beteiligten Bundesländer Vorwürfe wegen der Einsatzkoordination erhoben.

Chronik der Ereignisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

16. August[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um 7:55 Uhr des 16. August 1988 verschafften sich der 32-jährige Degowski und der 31-jährige Rösner vor Schalteröffnung Zugang zu einer Filiale der Deutschen Bank im Gladbecker Stadtteil Rentfort-Nord. Rösner war zum damaligen Zeitpunkt flüchtig und hatte bereits elf Jahre in Haft verbracht. Nach ihm wurde gefahndet, seit er 1986 von einem Hafturlaub nicht zurückgekehrt war. In Gladbeck hatte er bereits zahlreiche Raubüberfälle und Einbrüche begangen.[1]

Die Bank befand sich im Atrium des Geschäftszentrums Rentfort-Nord an der Schwechater Straße 38. Auf der Rückseite des Gebäudes befanden sich hochgelegene Oberlichter, die zu einem um den gesamten Gebäudekomplex verlaufenden breiten Versorgungsweg führten. Der Eingang lag in einem der vier überdachten Zugänge des Atriums. Links und rechts der Bank befanden sich Ladenlokale. Daher war es Degowski und Rösner kaum möglich, aus der Bank heraus mögliche Fluchtwege zu beobachten. Sie hatten lediglich einen Teileinblick ins Atrium sowie Sicht auf die zwei überdachten Zugänge zum Atrium. Der linke Zugang führte zum für den öffentlichen Verkehr gesperrten Versorgungsweg, der rechte zur Straße.

Um 8:04 Uhr ging bei der Polizei der Notruf eines Arztes ein, dessen Praxis sich im ersten Obergeschoss des Gebäudes befand. Er hatte die Täter beim Eindringen beobachtet. Die ersten eintreffenden Beamten parkten ihren Streifenwagen direkt vor dem zur Straße liegenden Zugang. Als Degowski und Rösner die Bank mit ihrer Beute von 120.000 DM (inflationsbereinigt in heutiger Währung rund 104.000 €) verließen, entdeckten sie das Polizeifahrzeug, kehrten um und nahmen zwei Bankangestellte als Geiseln. Dann forderten sie einen Fluchtwagen und Lösegeld. Um ihre Forderungen zu unterstreichen, gaben sie einige Schüsse ab. Ein Rundfunksender führte das erste Telefoninterview.

Nach stundenlangen Verhandlungen erhielten sie 300.000 DM (inflationsbereinigt 259.000 €) und ein Fluchtfahrzeug, in dem sie mit ihren beiden Geiseln um 21:45 Uhr losfuhren. Die Polizei ließ sie scheinbar abziehen, konnte den Wagen aber mit Hilfe eines Peilsenders verfolgen. Im Nachhinein berichteten die Fahnder von einem völlig atypischen Verhalten der Geiselnehmer nach der Abfahrt:[2] Anstatt Gladbeck zu verlassen, deckten sich die Täter mit Reiseproviant und Alkohol ein. Mit gezogener Waffe gab Rösner eine Großbestellung in einer Imbissstube ab und kaufte anschließend Schlaftabletten in einer Apotheke.[2] Aus Angst, dass der Fluchtwagen von der Polizei präpariert sein könnte, versuchte Rösner ein anderes Fahrzeug zu beschaffen. Mit gezogener Pistole betrat er eine Gaststätte, um ein vor der Tür geparktes Fahrzeug zu rauben. Da sich der Fahrzeughalter selbst dann nicht zu erkennen gab, nachdem Degowski von außen durch die Scheibe geschossen hatte, zogen sich die Täter zurück.[2] Vor einer Spielhalle raubten die Geiselnehmer schließlich ein neues Fluchtfahrzeug,[2] entschlossen sich jedoch, das Fahrzeug erneut zu wechseln. An einer Tankstelle auf der Horster Straße entwendete Rösner einem Polizeibeamten seine Dienstwaffe und ein Funkgerät. Anschließend tappten die Täter in eine Falle der Polizei: Rösner stahl ein auffällig geparktes Fahrzeug, das von den Beamten zuvor mit einem Peilsender präpariert worden war.[2] Bevor die Täter mit den Geiseln Gladbeck verließen, stieg Marion Löblich, die Freundin Rösners, zu.

17. August[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Täter und Geiseln frühstückten unbehelligt im westfälischen Hagen.[3] Anschließend fuhren sie über die Autobahn nach Bremen, wo Löblich Verwandte hatte. In Bremen kleideten sie sich in einer Boutique neu ein. Da die Polizei davon ausging, dass die Freilassung der Geiseln unmittelbar bevorstand, ließ sie eine Gelegenheit zum Zugriff verstreichen, als Degowski, der alleine bei den Geiseln zurückgeblieben war, das Auto mit den Geiseln kurzzeitig verließ. Nachdem die Geiselnehmer bemerkt hatten, dass sie von Polizeikräften verfolgt wurden, brachten sie im Ortsteil Huckelriede am 17. August um 19:00 Uhr einen Bus der Linie 53 der Bremer Straßenbahn AG mit 32 Fahrgästen in ihre Gewalt. Anschließend standen sie der Presse Rede und Antwort. Auch die beiden Geiseln aus der Bank wurden von Reportern interviewt, während die Geiselnehmer ihnen die Pistole an den Kopf hielten.

Nachdem sie fünf Geiseln freigelassen hatten, fuhren Degowski, Rösner und Löblich im Bus mit den anderen 27 Geiseln auf die Autobahn. An der Raststätte Grundbergsee (zwischen den Anschlussstellen 50-Stuckenborstel und 51-Posthausen) ließen sie die beiden Bankangestellten im Austausch gegen zwei Journalisten frei.

Zwei Polizeibeamte nahmen ohne Weisung der Einsatzleitung Rösners Freundin fest, als diese die Toilette der Raststätte aufsuchen wollte. Wer die Anweisung über Funk zum Zugriff gegeben hatte, konnte im Nachhinein nicht mehr festgestellt werden. Rösner und Degowski verlangten die sofortige Freilassung und drohten, nach fünf Minuten eine Geisel zu erschießen. Obwohl die Einsatzleitung die sofortige Freilassung Löblichs befahl, kam es zu Verzögerungen (Löblich war bereits mit einem Fahrzeug weggefahren worden, der Schlüssel in den Handschellen war abgebrochen). Noch innerhalb der Frist schoss Degowski dem fünfzehnjährigen Italiener Emanuele De Giorgi, der seine neunjährige Schwester schützen wollte, in den Kopf.[4] Erst eine Minute später konnte Rösners Freundin freigelassen werden. De Giorgi verblutete, da kein Rettungsfahrzeug mit Sanitätern zur Erstversorgung bereitstand. Die Polizisten, die Löblich festgenommen hatten, beriefen sich später auf Notwehr.

Der Bus mit den drei Geiselnehmern samt Geiseln fuhr dann weiter in Richtung Niederlande. Während der Verfolgung des Busses kollidierte ein Polizeiwagen mit einem LKW, wobei ein Polizist starb und ein weiterer verletzt wurde.

In der Nacht hatte die niederländische Polizei den Bus weiträumig umringt und niemanden in das Gebiet gelassen, um weitere Geiselnahmen zu vermeiden. Einem Journalisten aus Essen gelang es dennoch durch die Absperrung zu gelangen und mit seinem PKW zum Bus vorzufahren. Als einer der Täter ihn entdeckte und mit der Waffe auf ihn zielte, flüchtete er aus dem Sperrgebiet.

18. August[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Morgen des 18. August um 2:30 Uhr überquerte der Bus die niederländische Grenze. Um 5:15 Uhr wurden zwei Frauen und drei Kinder freigelassen, da die niederländische Polizei sich weigerte, mit den Geiselnehmern zu verhandeln, solange noch Kinder in ihrer Gewalt waren. Die beiden Geiselnehmer erhielten um 6:30 Uhr einen neuen Fluchtwagen. Dieses Fahrzeug – ein BMW 735i – wurde mit Mikrofonen und einem Peilsender ausgestattet und so präpariert, dass der Motor mittels Fernbedienung ausgeschaltet werden konnte. Nachdem Rösner versehentlich einen Schuss abgegeben hatte, wurden der Busfahrer und Marion Löblich während des dadurch ausgelösten Schusswechsels verletzt.

Mit den zwei Bremer Geiseln Silke Bischoff und Ines V. fuhren Degowski, Rösner und Löblich im BMW wieder zurück nach Deutschland. Bei einem Zwischenstopp in Wuppertal kauften die Entführer in einer Apotheke ein und bezahlten mit einem Teil des geraubten Geldes.

In Köln, wo Rösner, wie er später angab, den Dom sehen wollte, kam es dann abermals zu fragwürdigem Verhalten seitens der Journalisten, als diese gegen 11 Uhr inmitten von Passanten in der Fußgängerzone Breite Straße in der Kölner Innenstadt das Fluchtauto mit den Straftätern sowie den Geiseln umlagerten und Liveinterviews führten. Darunter war auch der spätere Fernseh-Moderator Frank Plasberg, der ein Interview mit Rösner führte. Der verantwortliche Redakteur des SWF entschied allerdings, das Interview nicht zu senden.[5]

Der SEK-Beamte Rainer Kesting hatte sich mit einem in Zivil gekleideten Notzugriff-Team an das Fahrzeug herangearbeitet.[6] Er verwickelte Rösner in ein Gespräch und legte ihm dabei den Arm um den Nacken. Kesting plante, den am Steuer sitzenden Rösner mit einem Handgriff zu überwältigen, während die am hinteren Teil des PKW postierten SEK-Beamten den finalen Rettungsschuss auf Degowski abfeuern sollten.[7] Dieser saß auf der Rückbank zwischen den Geiseln und hielt Silke Bischoff nahezu ununterbrochen seinen Revolver an den Kopf. Kesting entschied sich gegen den Zugriff, da er ein Disziplinarverfahren fürchtete.[8] Die Kölner Einsatzführung hatte ihm mit strafrechtlichen Konsequenzen gedroht, da vorher vereinbart wurde, dass sich das Notzugriff-Team dem Fahrzeug nur unbewaffnet nähern dürfe.[6] Weder die um das Fahrzeug versammelten Journalisten noch Rösner und Degowski bemerkten die Anwesenheit der Polizei. Einige Journalisten boten sich als Lotsen an und zeigten den Geiselnehmern Fotos von Polizisten, damit sie den Verbrechern bei einem möglichen Austausch der Geiseln nicht untergeschmuggelt werden konnten. Besonders negativ fiel der Express-Reporter und spätere Bild-Chefredakteur Udo Röbel auf. Er bot sich an, die Geiselnehmer im Fluchtwagen bis zur nächsten Autobahnauffahrt zu lotsen und fuhr zwischen Köln und der Raststätte Siegburg im Fluchtfahrzeug mit. Dabei wetteiferten zahlreiche Journalisten um die besten Bilder und folgten dem Fahrzeug der Geiselnehmer im Autopulk.

Gegen 12 Uhr fuhren die Geiselnehmer auf der A3 weiter in Richtung Frankfurt am Main und hielten auf Höhe von Hövel bzw. Brüngsberg im Bad Honnefer Stadtbezirk Aegidienberg, kurz vor der Landesgrenze zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, auf dem Seitenstreifen an. Nachdem daraufhin ein Beamter das Fluchtfahrzeug mit einem schweren gepanzerten Einsatzfahrzeug der Mercedes S-Klasse seitlich gerammt und fahrunfähig gemacht hatte, griff ein Sonderkommando der nordrhein-westfälischen Polizei aus Köln mit Waffengewalt und Blendgranate ein. Ursprünglich war beabsichtigt, den Motor des präparierten Fluchtfahrzeuges ferngesteuert auszuschalten, die dafür benötigte Fernbedienung war jedoch nicht mitgeführt worden. Nach einem heftigen Schusswechsel (die Polizei gab 62 Schüsse ab), bei dem die Kugeln der Polizei die Seitenwände des Fluchtfahrzeuges aufgrund des verwendeten Munitionstyps kaum durchschlagen konnten, endete das Geiseldrama wenig später. Die 18-jährige Silke Bischoff starb durch eine Kugel aus Rösners Waffe, ihre Freundin Ines V. blieb weitgehend unverletzt, da sie sich durch einen Sprung in den Straßengraben retten konnte. In einem Interview mit der Tageszeitung Die Welt im September 2008 äußerte der bekannte Strafverteidiger Rolf Bossi, der Degowski 1991 verteidigte, dass sich der tödliche Schuss aus Rösners Waffe vermutlich während einer Schmerzreaktion des Täters löste, als dieser von einer Kugel in den linken Oberschenkel getroffen wurde, welche bis in die rechte Beckenseite eindrang.[9]

Ob Rösner mit Tötungsabsicht abgedrückt hat, konnte in dem späteren Gerichtsverfahren nicht geklärt werden.[10] Während des Schusswechsels lag der Täter quer auf beiden Vordersitzen, während Löblich im Fußraum des Beifahrersitzes Schutz suchte.[11] Silke Bischoff befand sich auf der Rückbank hinter dem Fahrersitz. Degowski, der sich zwischen den Geiseln befand, hatte zuvor einen Kreislaufkollaps erlitten. Laut Aussagen mehrerer SEK-Beamter zielte Rösner während des Schusswechsels auch durch die Vordersitze in den hinteren Teil des Fahrzeugs.[11] Rösner bestreitet bis heute, Silke Bischoff erschossen zu haben.[11][12] Allerdings belegen Aussagen der Geisel Ines V., dass er Bischoff zwischen den Vordersitzen nach vorne gezogen hat, um ihr die Pistole an den Kopf halten zu können.[11]

Nach der Beendigung der Geiselnahme gab es Vorwürfe gegen die Polizei und den Innenminister von Nordrhein-Westfalen, sie hätten unbedingt noch auf dem Gebiet des Bundeslandes die Geiselnahme beenden wollen und deshalb auf die Geiseln keine Rücksicht mehr genommen. Das rheinland-pfälzische Innenministerium hatte bereits den Bundesgrenzschutz um Übernahme der Aktion gebeten und Beamte der GSG 9 standen hinter der Landesgrenze zum Zugriff bereit.

Gerichtsverfahren und Haft[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Rösner und Degowski wurden am 22. März 1991 vom Landgericht Essen zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Die Anklage wurde wegen gemeinschaftlichen erpresserischen Menschenraubs und Geiselnahme mit Todesfolge erhoben, gegen Degowski dazu wegen Mordes und gegen Rösner wegen versuchten Mordes.[13] Gegen Rösner wurde darüber hinaus Sicherungsverwahrung angeordnet, da er nach Überzeugung des Gerichts ein Hangtäter sei.[14] Rösners Freundin Marion Löblich erhielt eine neunjährige Haftstrafe, von der sie sechs Jahre verbüßte. Danach wurde sie wegen guter Führung entlassen, heiratete und lebt heute, aufgrund ihrer Tablettensucht schwer erkrankt, in Magdeburg.[15] Alle drei traten ihre Haftstrafen in nordrhein-westfälischen Gefängnissen an.

2002 lehnte das Oberlandesgericht Hamm „wegen der besonderen Schwere der Schuld“ eine vorzeitige Haftentlassung von Degowski ab. Die Dauer seiner Haft wurde auf mindestens 24 Jahre festgelegt, so dass eine Haftentlassung frühestens im Januar 2013 möglich gewesen wäre. 2008 stellte Degowski ein Gnadengesuch,[16] das im März 2009 vom damaligen nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers abgelehnt wurde.[17] Auch nachdem Degowski seine Mindesthaftstrafe verbüßt hatte, entschied die Strafvollstreckungskammer des Landgerichts Arnsberg im August 2013, dass er vorläufig weiter in Haft bleiben muss.[18][19][20] Seit 2014 darf Degowski das Gefängnis im Rahmen von begleiteten Ausführungen verlassen, mit seiner Entlassung aus der Haft sei nicht vor August 2016 zu rechnen.[21] Degowski wird dann einen neuen Namen tragen.[22]

Rösner war von 2004 bis 2012 in der JVA Bochum (Krümmede) inhaftiert. 2009 wurden in seiner Einzelzelle von Vollzugsbeamten sieben Gramm Heroin gefunden.[23] Dafür wurde er von einem Bochumer Schöffengericht zu einer zusätzlichen Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt.[10] Im Oktober 2012 wurde Rösner in die JVA Rheinbach verlegt.[24]

Rösners Gesuch auf vorzeitige Entlassung lehnte das Oberlandesgericht Hamm 2004 ab, wie auch eine Haftverkürzung. Im Oktober 2015 hat Rösner nach 27 Jahren Haft zum ersten Mal das Gefängnis für vier Stunden im Rahmen einer begleiteten Ausführung zur "Aufrechterhaltung der Lebenstüchtigkeit" verlassen.[25] Als frühester Entlassungszeitpunkt aus der Strafhaft wäre der 27. Februar 2016 in Betracht gekommen; da aber die Sicherungsverwahrung angeordnet worden war, zeichnet sich (mit Stand 2016) eine Entlassungsperspektive nicht ab.[26]

Öffentliches und mediales Interesse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch ihre Liveberichte und -interviews boten die Medienvertreter den beiden Verbrechern ein öffentliches Podium in bis dahin nicht gekannter Form. Dieses Verhalten der Presse rief in der Öffentlichkeit Empörung hervor. Auch die Polizei-Taktik wurde heftig kritisiert. Den Einsatzleitungen wurden schwere Organisationsfehler und psychologisches Ungeschick vorgeworfen. Der Bremer Innensenator Bernd Meyer trat wegen polizeilicher Fehler zurück.[27] Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Schnoor blieb hingegen trotz zahlreicher Rücktrittsforderungen im Amt.

„Das bizarre Fiasko, in dem die Einsatzkräfte während des unverschämten Katz-und-Maus-Spiels der Täter untergingen, wurde nur noch von der Sensationsgier der Reporter übertroffen. Während die Polizei im Blindflug agierte, waren die Medien umso näher dran. Direkt am Fluchtauto. Sie hatten ihre Bilder von blutüberströmten und mit der Pistole bedrohten Geiseln.“

Paul Jandl[28]

Das Verhalten der Journalisten in Bremen wurde zum damaligen Zeitpunkt unterschiedlich bewertet. Aufgrund der chaotischen Situation gelang es Journalisten, die Freilassung von fünf Geiseln zu erreichen. Auch die Freilassung der beiden Bankangestellten auf der Raststätte Grundbergsee erreichten Journalisten durch ein Gespräch mit Rösner.

Journalisten brachten den von Degowski im Bus angeschossenen, bereits verblutenden Emanuele zum Notarzt. Allerdings hielt ein Reporter den herabhängenden Kopf des schwerverletzten Jungen noch einmal fotogerecht in die Kamera.

Wegen des Fehlverhaltens der Journalisten während des Geiseldramas äußerte der Deutsche Presserat am 7. September 1988 die Meinung, dass Geiselnehmer während einer Geiselnahme nicht interviewt werden sollten und eigenmächtige Vermittlungsversuche nicht zu den Aufgaben von Journalisten gehörten. Der Pressekodex wurde entsprechend erweitert. In einem Bericht der Süddeutschen Zeitung zwanzig Jahre nach dem Gladbecker Geiseldrama erklärten einige der damals beteiligten Journalisten, sie bereuten ihr Verhalten, das zur Unterstützung der Verbrecher beigetragen habe.[29]

Verarbeitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gedenkstätte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

An der Stelle an der Autobahn 3, an der die Geiselnahme zu Ende ging, erinnerte lange Jahre ein kleines Holzkreuz und ein eigens gepflanzter Baum an den Tod von Silke Bischoff. Im Zuge des Neubaus der ICE-Strecke Köln–Frankfurt am Main wurde dieses 2002 entfernt. Die Errichtung einer Gedenkstätte scheiterte zunächst an Bedenken des Ordnungsamts der Stadt Bad Honnef,[30] konnte im August 2009 jedoch umgesetzt werden. Neben dem Baum befindet sich nun eine Gedächtnisskulptur, die von der Autobahn aus sichtbar ist, außerdem wurde an einer nahegelegenen Autobahnbrücke eine Gedenktafel angebracht.[31]

Im Jahr 2008 lehnte die Bezirksvertretung Köln-Innenstadt einen Bürgerantrag ab, eine Stele mit Bronzetafel in der Fußgängerzone Breite Straße aufzustellen, wo am 18. August 1988 der parkende Wagen mit den Geiselnehmern und den zwei Geiseln von Schaulustigen sowie Journalisten umringt war.[32]

Parlamentarische Untersuchungsausschüsse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Landtag Nordrhein-Westfalen[33][34] und die Bremische Bürgerschaft[35] haben 1988 Untersuchungsausschüsse einberufen, um etwaiges Fehlverhalten der Behörden politisch aufzuarbeiten.

Im Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Film Terror 2000 – Intensivstation Deutschland von Christoph Schlingensief entstand 1992 in Anlehnung an das Gladbecker Geiseldrama.
  • Mitte der 1990er-Jahre entstand für den Sender RTL ein aufwändiges Doku-Drama über die Ereignisse, wobei auch direkt Beteiligte zu Wort kamen. Ausgestrahlt wurde der Film im August 1998 unter dem Titel Wettlauf mit dem Tod – Das Geiseldrama von Gladbeck. RTL bestätigte damals, dass die Täter für Hintergrundgespräche zu dem Film eine „Aufwandsentschädigung“ erhielten.[36]
  • Der von ARTE und ZDF 1999 ausgestrahlte Fernsehfilm Ein großes Ding von Bernd Schadewald stellte in einer Mischung aus Reality und Drama die Ereignisse der Geiselnahme nach.
  • Die 2003 ausgestrahlte Folge Nachtschicht – Amok! der im ZDF ausgestrahlten deutschen Polizeifilmreihe Nachtschicht weist im Finale einige Parallelen auf.
  • Im Juli 2016 meldet die ARD: Geiseldrama "Gladbeck" wird nun verfilmt. Über zwei Jahre nach der Ankündigung sind die Dreharbeiten für die Verfilmung des Geiseldramas von Gladbeck gestartet. Im Vorfeld hatte einer der Geiselnehmer die Produktion verhindern wollen. Nun steht dem Dreh nichts im Wege.[37]

Dokumentation[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Gramberg: Gladbeck – Dokument einer Geiselnahme. Dokumentation mit Bildmaterial deutscher Fernsehsender. WDR, 2006.[38]

In der Musik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Mike Oldfield verwendete ein kurzes Stück aus einem Radiobericht über das Geiseldrama für sein Lied Hostage auf dem Album Earth Moving (1989).
  • Die Dark-Wave-Gruppe 18 Summers benannte sich zunächst im Frühjahr 1990 nach der Geisel Silke Bischoff. Auf Silke Bischoff wird in einigen Texten Bezug genommen, so zum Beispiel bei dem Track Why Me? vom 1991er Debüt-Album. Nach einem Rechtsstreit zwischen den Gründungsmitgliedern im Jahr 2002 wurde der Name 18 Summers („18 Sommer“) gewählt, was sich auf das Alter von Silke Bischoff zum Zeitpunkt ihrer Tötung bezieht.
  • Im Liedtext von Hier auf dem ersten Album Wichtig (1993) der Hamburger Gruppe Die Sterne ist vom sogenannten „Rösner-Degowski-Syndrom“ die Rede.
  • Die deutsche Hardcore-Punk-Band Hammerhead setzte ein Foto, auf dem Degowski im Auto die Waffe an den Hals von Bischoff hält, auf das Cover ihres Debütalbums Stay Where The Pepper Grows (1994), auf der Rückseite ist mittels Fotomontage Rösner als Gitarrist abgebildet.
  • Die aus dem Ruhrgebiet stammende Hardrock-Gruppe Axxis veröffentlichte 1995 auf ihrem Album Matters of survival (1995) das Lied Just a story, das die Geschehnisse des Gladbecker Geiseldramas zwar in szenisch abgewandelter Form wiedergibt, sich aber inhaltlich mit der Sensationslust der Journalisten, die über den Fall berichteten, auseinandersetzt.
  • Die deutsche Hip-Hop-Band Äi-Tiem hat 2006 ein Stück mit dem Titel Gladbeck auf dem Album Murphies Gesetz veröffentlicht. Bereits vorher wurde das Thema im Track „Wenn hier einer schießt, dann bin ich das“ 1995 im gleichnamigen Album behandelt.
  • In Anlehnung an das Cover von Hammerhead spielt 2010 auch das Cover des Albums Ausflug mit Freunden der Electro-Punk-Band Egotronic auf das Geiseldrama an.
  • Die aus Meppen stammende rechtsextreme Band Saccara besingt die Geiselnahme auf dem Album Sturmfest und Erdverwachsen (Titel: Geiselnehmer).
  • Die linkspolitisch orientierte Band Neue Katastrophen behandelt das Thema in ihrem Lied Degowski Beat. Von diesem Lied existieren verschiedene Mix-Versionen, allesamt beinhalten original Mitschnitte aus TV und Radioberichten.

In Presse und Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Guido Hitze: Das Geiseldrama von Gladbeck – die „Stunde der Opposition“ oder der Parlamentarische Untersuchungsausschuss als „stumpfes Schwert“. In Guido Hitze: Verlorene Jahre? Die nordrhein-westfälische CDU in der Opposition 1975–1995, Teil II: 1985–1990; Droste Verlag Düsseldorf 2010, ISBN 978-3-7700-1893-2, S. 635–734
  • Wolfgang Berke, Jan Zweyer: Pleiten, Pannen und eine entfesselte Medienmeute. Das Gladbecker Geiseldrama. In: Dies.: Echt kriminell. Die spektakulären Fälle aus dem Ruhrgebiet. Klartext Verlag, Essen 2012, ISBN 978-3-8375-0705-8, S. 50–59.
  • Gudrun Altrogge, Jürgen Dahlkamp, Nadja Kölling, Bruno Schrep: Mach es weg, mach es weg. In: Der Spiegel. Nr. 33, 2008, S. 36–42 (online).
  • Peter Henning: Ein deutscher Sommer. Roman. Aufbau Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-351-03542-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Gisela Friedrichsen: … kamen Sie gleich zur Sache, Herr Rösner? In: Der Spiegel. Nr. 33, 1989 (online).
  2. a b c d e Dieter Bednarz, Bruno Schrep: Hören Sie, was machen Sie für ’n Mist? In: Der Spiegel. Nr. 28, 1989, S. 96–114 (online).
  3. Mike Fiebig: Gladbecker Geiselnehmer bestellten Frühstück im Hagener Cafe, Westfalenpost, 14. August 2013, gelesen 201512142356
  4. Gladbeck Geiselnahme Zeit online, gelesen 201502061125
  5. Stefan Domke: Frank Plasberg über seinen Einsatz beim Geiseldrama 1988: „Da habe ich einfach Angst bekommen“. Interview auf WDR.de vom 13. August 2003
  6. a b Josef Hufelschulte: Report: „Silke Bischoff könnte noch leben“, Abschnitt „Streit um Bewaffnung beim Einsatz“. Interview mit Rainer Kesting. In: Focus, 11. August 2008; abgerufen am 15. September 2009.
  7. Josef Hufelschulte: Report: „Silke Bischoff könnte noch leben“, Abschnitt „‚Der finale Rettungsschuss wäre berechtigt gewesen‘“. Interview mit Rainer Kesting. In: Focus, 11. August 2008; abgerufen am 15. September 2009.
  8. Josef Hufelschulte: Report: „Silke Bischoff könnte noch leben“, Abschnitt: „‚Ich, Rainer Kesting, habe gekniffen‘“. Interview mit Rainer Kesting. In: Focus, 11. August 2008; abgerufen am 15. September 2009.
  9. Hermann Weiß: Staranwalt Bossi: „Geiselgangster Degowski ist kein Mörder.“ In: Die Welt, abgerufen am 21. Dezember 2009.
  10. a b Gisela Friedrichsen: Die ganz große Keule. In: Spiegel Online. 11. August 1989, abgerufen am 17. Januar 2012.
  11. a b c d Georg Bönisch: Sie fragte sogar: Warum gerade ich? In: Der Spiegel. Nr. 31, 1989 (online).
  12. Guido Brandenburg, Bernhard Kelm, Josef Ley: 20 Jahre nach Gladbeck: Zum 1. Mal spricht Geisel-Gangster Rösner. In: Bild, 20. Juni 2013 (Das Gespräch muss 2008 geführt worden sein, wohl auch die Erstveröffentlichung.); abgerufen am 23. Juli 2013.
  13. Rolf Schraa: Für die Täter Rösner und Degowski bleibt Freiheit ein ferner Traum. In: Bonner General-Anzeiger, 15. August 2008
  14. Hintergrund: Stichwort: Lebenslange Haft und Sicherungsverwahrung. Handelsblatt, 11. Dezember 2002; abgerufen am 22. März 2009.
  15. Markus Lanz (Fernsehsendung): 20 Jahre Geiseldrama von Gladbeck. Sendung vom 18. Juni 2008.
  16. Geiselnehmer Degowski bittet um Gnade; AP-Artikel in der Rheinischen Post vom 12. August 2008; abgerufen am 13. August 2008.
  17. Rüttgers lehnt Degowski-Gnadengesuch ab. Meldung aus der WAZ vom 22. März 2009 auf derwesten.de; abgerufen am 11. August 2009.
  18. rls/dpa: Geiseldrama von Gladbeck: Gutachter gegen Freilassung von Degowski. 7. August 2013, abgerufen am 14. August 2013.
  19. dpa/bar: Gericht prüft Bewährung für Geiselnehmer Degowski. 20. Juni 2013, abgerufen am 15. August 2013.
  20. Gladbecker Geiselnehmer: Gericht lehnt kurzfristige Haftentlassung von Degowski ab. 14. August 2013, abgerufen am 14. August 2013.
  21. Gladbecker Geiselmörder wird auf Freiheit vorbereitet, Die Welt vom 3. Juni 2014
  22. Gerald Bus: Dieter Degowski verlässt Werler JVA mit neuem Namen, Westfälischer Anzeiger, 20. Mai 2015
  23. Bernd Kiesewetter: Geiselgangster Rösner im Knast mit Heroin erwischt. Meldung aus der WAZ vom 17. April 2009 auf derwesten.de; abgerufen am 9. August 2009.
  24. Iris Klingelhöfer: Gangster im normalen Vollzug: Geiselgangster Rösner schmort im Rheinbacher Knast, express.de, 10. November 2012, abgerufen am 11. November 2012.
  25. Spiegel Panorama: "Gladbecker Geiselgangster: Hans-Jürgen Rösner darf Gefängnis kurz verlassen", abgerufen am 16. Dezember 2016.
  26. Geiselgangster sehen sich nicht im Werler Knast wieder, abgerufen am 24. April 2016.
  27. www.hbpublik.de Die Karriere des SPD-Genossen Innen- und Bausenator Bernd Meyer (o.J.). Aufgerufen am 28. Dezember 2013.
  28. Paul Jandl: Die Flipperkugel im Kopf des Gladbeck-Täters, Die Welt, 23. Juli 2013
  29. Holger Gertz: Im Rausch der Tiefe. In: Süddeutsche Zeitung, 12. August 2008, abgerufen am 13. August 2008.
  30. Keine Gedenkstätte für Silke Bischoff, General-Anzeiger, 20. August 2003, abgerufen am 19. März 2016.
  31. Foto der Gedenkstätte
  32. Seite nicht mehr abrufbar, Suche in Webarchiven:@1 @2 Vorlage:Toter Link/offeneskoeln.deVorlage 0823/2008 auf offeneskoeln.de (PDF; 20 kB)
  33. www.landtag.nrw.de Schlußbericht Untersuchungsausschuß Gladbecker Geiselnahme: Plenarbericht; Landtag intern, 21. Jahrgang, Ausgabe 7 vom 3. April 1990, S. 9–10, abgerufen am 28. Dezember 2013.
  34. www.landtag.nrw.de Bericht des Untersuchungsausschusses "Gladbeck", Drucksache 10/5291, abgerufen am 28. Dezember 2013 (PDF).
  35. Untersuchungsausschuss Geiseldrama – Abschlußbericht, Bürgerschaftsdrucksache 12/667 (unveröffentlicht).
  36. Oliver Gehrs: Der Gangster als Star. Berliner Zeitung, 19. August 1998, abgerufen am 18. August 2012.
  37. http://www.dwdl.de/nachrichten/56830/ard_geiseldrama_gladbeck_wird_nun_verfilmt/
  38. Sendungsbeschrieb beim WDR, abgerufen am 17. August 2013.