Glasmuseum Boffzen

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Das Glasmuseum Boffzen in der Villa der Fabrikantenfamilie Becker

Das Glasmuseum Boffzen ist ein Museum im niedersächsischen Boffzen, das sich mit der Geschichte der örtlichen Glasindustrie der letzten 150 Jahre seit der Industrialisierung beschäftigt.[1] Es sieht sich in seinem Konzept als Ergänzung des benachbarten Erich-Mäder-Glasmuseums in Grünenplan, das über das Glasmachen vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit in der Hilsregion informiert.

Museumsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Glasmuseum wurde 1991 unter der Trägerschaft der Gemeinde Boffzen gegründet. Seit 2015 wird es vom Freundeskreis Glasmuseum Boffzen e.V. betrieben.[2] Das Museum finanziert sich über Zuwendungen der öffentlichen Hand sowie Spenden und Einnahmen.[3]

Die Georgshütte, links die Fabrikantenvilla der Familie Becker und heutiger Museumssitz, um 1918.

Das Museum befindet sich in der im Jahr 1905 erbauten Fabrikantenvilla der Glasmacherfamilie Becker, deren Vorfahren bereits seit Anfang des 15. Jahrhunderts in der Glasproduktion tätig waren. 1872 gründete Ludwig Wilhelm Becker die südlich des Wohngrundstücks liegende Georgshütte als Glashütte. Das Betriebsgelände ist seit der Stilllegung 1989 eine Industriebrache. Die Museumsausstellung widmet sich der Geschichte der örtlichen und überörtlichen Glasindustrie. Boffzen blickt auf eine über 500-jährige Glasmachertradition zurück, die Ausstellung befasst sich aber vorwiegend mit den letzten 150 Jahren der industriellen Glasfertigung in der Region. Das Glasmuseum Boffzen stellt vorwiegend Gebrauchs- und Haushaltsglas für den privaten Hausgebrauch und für den industriellen sowie gewerblichen Bedarf aus. Dazu zählen Gegenstände wie Karaffen und Weingläser sowie eine Vielzahl an Biergläsern aus den 1950er und 1960er Jahren. Es finden sich jedoch auch künstlerisch bemalte Einzelstücke, die für den Eigenbedarf der Glasmacher hergestellt wurden.[4]

Regionale Glasgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Den Hintergrund für die Museumsgründung bildet die örtliche Glasmacherei mit den beiden glasverarbeitenden Boffzener Betrieben Georgshütte und Noelle + von Campe. Der weitere geschichtliche Rahmen ist die Glasgeschichte des Sollings, an dessen Westhang Boffzen liegt. Die waldreiche Gegend des Sollings war in früheren Jahrhunderten ein günstiger Standort für Waldglashütten, da sie zur Befeuerung der Schmelzöfen und zur Herstellung von Pottasche (Waldasche) auf große Holzmengen angewiesen waren. Anhand urkundlicher Erwähnungen und Bodenforschungen wird seit dem 9. Jahrhundert von über 20 früheren Waldglashütten im Solling ausgegangen, von denen nicht mehr als 3 bis 4 Hütten gleichzeitig bestanden. In der Neuzeit lösten ortsfeste Glashütten die mobilen Waldglashütten ab.

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Ausstellungsraum
Pressglasform für Bierhumpen mit auswechselbaren Brauereiwappen

Schwerpunkt der Ausstellung ist der industrielle Fertigungsprozess von Pressglas. Aber auch mundgeblasene Objekte, Flaschen und Trinkgläser sind Bestandteil der Ausstellung. Der Prozess der Glasherstellung wird durch Werkzeuge, Formen, Geräte und Maschinen dokumentiert. Nicht nur industriell hergestelltes Glas, auch künstlerische Einzelstücke, wie Vasen, Gläser und Vereinspokale sind Bestandteil der Ausstellung. Den geschichtlichen Hintergrund der örtlichen Glasmacherei von der ersten Waldglashütte im 16. Jahrhundert über die örtliche Glasmacherfamilie Becker, bis zu dem noch heute bestehenden Unternehmen Noelle + von Campe, dokumentiert das Museum anhand von Schautafeln und Objekten in seiner Dauerausstellung. Dazu zählen Dokumente aus dem Leben und zum Wirken von Johann Georg von Langen als Forstmann, Landesplaner und Wirtschaftsförderer in der Region. Neben der Dauerausstellung organisiert das Museum auch Sonderausstellungen zu speziellen Themen aus Kunst, Kunstgewerbe und Industriegeschichte.[5] Finanziell unterstützt wird das Museum durch den Freundeskreis Glasmuseum Boffzen e.V.

2015 gab es eine Gemeinschaftsausstellung zu Wilhelm Wagenfeld. Glas- und Prozellanobjekte der 1930er Jahre im Glasmuseum Boffzen und im Museum Schloss Fürstenberg. 2016 wurde die Geschichte des Unternehmens Noelle + von Campe anlässlich des 150-jährigen Jubiläums präsentiert. Außerdem fand eine Ausstellung zu den Glaskünstlerinnen Louise Lang und Franca Tasch und ihrer zweijährigen weltweiten sogenannten „Weiberwalz“ statt. 2017 folgte eine Ausstellung zum Glas der 1950er Jahre in Deutschland.

2017 wurden Planungen des Museums bekannt, der Dauerausstellung für 90.000 Euro ein zeitgemäßeres Format zu verschaffen. Durch Multimediaeinrichtungen und Tablet-Computer soll die 150-jährige Geschichte der Boffzener Glasherstellung nacherlebbar werden.[6] Der Gemeinderat Boffzen gab keine feste Zusage über eine erforderliche Förderung des Vorhabens in Höhe von 13.500 Euro,[3] woraufhin die ehrenamtlich Tätigen des Glasmuseums ihren Rückzug aus der Museumsarbeit ankündigten.[7]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Glasmuseum Boffzen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Simone Flörke: Museum dokumentiert Geschichte der Glasherstellung in Boffzen. In: Neue Westfälische. 12. August 2016 (nw.de).
  2. Zukunft für Geschichte des Glases. In: Neue Westfälische. 4. September 2017 (nw.de).
  3. a b Torsten Wegener: Gemeinderat Boffzen gibt keine feste Finanzzusage für das Glasmuseum Boffzen. In: Neue Westfälische. 30. August 2017 (nw.de).
  4. Glasmuseum Boffzen. solling-vogler-region.de; abgerufen am 27. September 2017.
  5. Freundeskreis Glasmuseum Boffzen e.V. (Hrsg.): Flyer des Glasmuseums Boffzen.
  6. Burkhard Battran: Boffzener Glasmuseum soll aufgewertet werden. In: Neue Westfälische. 18. August 2017 (nw.de).
  7. Burkhard Battran: Glasmuseum Boffzen: Ehrenämtler ziehen sich aus Museumsbetrieb zurück. In: Neue Westfälische. 12. September 2017 (nw.de).

Koordinaten: 51° 45′ 14″ N, 9° 24′ 0″ O