Gleimtunnel

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Gleimtunnel
Gleimtunnel
Ostportal, 2022
Nutzung Fuß-, Rad-, Pkw-Verkehr
Ort Gleimstraße, Berlin-Prenzlauer Berg
Länge 130 mdep1
Breite 23 m
Höchstgeschwindigkeit 30 km/h
Bau
Bauherr KED Berlin
Baubeginn 1903
Fertigstellung 1904
Planer Zabinski (Bauingenieur)
Lage
Gleimtunnel (Berlin)
Koordinaten
Portal West 52° 32′ 47,1″ N, 13° 23′ 57,7″ O
Portal Ost 52° 32′ 47,8″ N, 13° 24′ 4″ O

Der Gleimtunnel ist ein denkmalgeschützter Tunnel in Berlin-Prenzlauer Berg. 1904 fertiggestellt, diente er als niveaufreies Kreuzungsbauwerk von Gleimstraße und den Gleisen der Berliner Nordbahn. Während der Deutschen Teilung war er von der Berliner Mauer versperrt. Heute unterquert der Gleimtunnel den Mauerpark und verbindet das Gleimviertel (Ortsteil Prenzlauer Berg, Bezirk Pankow) mit dem Brunnenviertel (Ortsteil Gesundbrunnen, Bezirk Mitte). Namensgeber ist der Dichter Johann Wilhelm Ludwig Gleim.

Beschreibung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hartungsche Säulen mit Kapitell­verblendung im Gleimtunnel

Der Gleimtunnel ist ein Tunnelbauwerk, jedoch nicht im bergmännischen Sinn. Als Ingenieurbauwerk ist er eine 130 Meter lange und 23 Meter breite Gleisunterführung, bestehend aus stählernen Gleisüberbauten, die von 78 gusseisernen Hartungschen Säulen getragen werden. Seine Fahrbahn besteht aus Großsteinpflaster. Die Durchfahrtshöhe beträgt 3,80 Meter. Abgetrennt durch Leitplanken befinden sich jeweils auf beiden Seiten Fuß- und Radwege. Für Lkw ist der Tunnel gesperrt.

Wegen seiner Lage am ehemaligen Sperrgebiet der Berliner Mauer ist das Bauwerk relativ gut erhalten. So besitzen die meisten Säulen noch die Kapitell-Abdeckungen, die andernorts, etwa bei den Säulen der berliner Yorckbrücken, verloren sind oder aus Gründen der Verkehrssicherung entfernt wurden. Der Gleimtunnel steht seit 2001 unter Denkmalschutz. Er ist neben den Yorckbrücken das einzige größere Eisenbahnbrückenbauwerk Berlins aus der Zeit um 1900, das bis heute in seiner Ursprungsausführung vollständig erhalten ist.

Oberhalb des Gleimtunnels führten von 1903 bis in die 1980er Jahre die Gleise der Berliner Nordbahn. Diese verliefen parallel zur Schwedter Straße und endeten wenige hundert Meter südlich im Kopfbahnhof Berlin Eberswalder Straße, früher genannt Nordbahnhof. Heute wird der Gleimtunnel von einem Verbindungsweg des Mauerparks überquert.

Konstruktion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Deckenspiegel des Gleimtunnels ist in Teilen trapezförmig konstruiert. Er folgt damit der Aufweitung der ehemaligen Gleisanlagen in Richtung Süden. Von Westen aus gesehen gliedert sich der Gleimtunnel in einen stählernen Trägerrost sowie in vier einzelne stählerne Gleisbrücken. Der Trägerrost ist nochmals in vier konstruktiv eigenständige Gruppen aufgeteilt. Zwei davon sind trapezförmig gestaltet und besitzen eine unterschiedliche Anzahl von Pendelstützen. Von Westen aus ist die Konstruktion wie folgt:

  • erste Trägerrostgruppe: sechs Pendelstützen auf der Nordseite, sieben auf der Südseite
  • zweite Trägerrostgruppe: fünf Pendelstützen auf der Nordseite, fünf auf der Südseite
  • dritte Trägerrostgruppe: sieben Pendelstützen auf der Nordseite, sieben auf der Südseite
  • vierte Trägerrostgruppe: 12 Pendelstützen auf der Nordseite, 13 auf der Südseite

gefolgt von vier

  • Einzelbrücken (Dreifeldträger) mit je zwei Pendelstützen auf der Nord- und Südseite.

Bedingt durch die zwei trapezförmig gestalteten Trägerrostgruppen besitzt der Gleimtunnel 78 Pendelstützen. Die Übergänge zwischen diesen Trägerrostgruppen und den Einzelbrücken sind abgedeckt, so dass der Eindruck eines zusammenhängenden Brückentunnels entsteht.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1903–1985 Gleisunterführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1877 nahm die Berliner Nordbahn ihren Betrieb auf. Ihre Züge fuhren von Neubrandenburg und später auch von Stralsund bis zum damaligen Nordbahnhof an der Bernauer Straße. Der Bahnhof lag südlich der Gleimstraße und war – mit wenigen Jahren Ausnahme – ein reiner Güterbahnhof. Die Aufschüttung des Bahndamms und der Bau des Gleimtunnels als Gleisüberführung über die Gleimstraße erfolgte ab 1903 durch den Bauingenieur Zabinski. 1908 bis 1911 wurde der Gleimtunnel umgebaut und erweitert. Er war damals eine wichtige Verbindung zwischen den Wohngebieten in Prenzlauer Berg und den Fabriken im Wedding, etwa der AEG an der Brunnenstraße. Benannt wurde der Gleimtunnel am 9. November 1911 nach der Gleimstraße, die durch ihn hindurchführt.

Bei der Schlacht um Berlin im April 1945 waren der Gleimtunnel und der benachbarte Falkplatz heftig umkämpft. Mehrmals wurde die Gleimstraße von sowjetischen und deutschen Soldaten zurückerobert. Der Falkplatz diente als Notfriedhof. Im Juni 1945 wurden die Leichen umgebettet.

1961–1989 versperrt durch die Berliner Mauer[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick vom Ostportal über die Berliner Mauer Richtung Falkplatz, 1988

Mit dem Bau der Berliner Mauer 1961 war der Gleimtunnel versperrt. Er lag bis 1988 vollständig auf West-Berliner Seite und die Grenzmauer verlief direkt entlang des Ostportals an der Schwedter Straße. Der Güterzugverkehr über dem Gleimtunnel verminderte sich stetig und wurde mit der Schließung des Güterbahnhofs durch die Deutsche Reichsbahn 1985 eingestellt. 1988 gab es einen Gebietsaustausch zwischen Berlin (West) und der Regierung der DDR, der Gleimtunnel lag infolge etwa zur Hälfte auf DDR-Staatsgebiet. 1989 wurde der Grenzstreifen verbreitert, die Grenzmauer verlief zuletzt etwa mittig oberhalb des Tunnels.

Ostportal mit Resten der Berliner Mauer, August 1990

Nach dem Mauerfall wurde ab Juni 1990 die Mauer vor dem Ostportal abgerissen und der Gleimtunnel im September wieder geöffnet, zunächst nur für den Fußgängerverkehr.[1] Im Oktober 1993 wurden umfangreiche Sanierungsarbeiten an der Tunneldecke abgeschlossen und die Durchfahrt auch für den Autoverkehr wieder geöffnet. Größere Proteste von Anwohnern gegen die Öffnung für Autos waren vergeblich geblieben.[2]

Nutzung seit dem Mauerfall[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da die Deckschicht des Bauwerks nicht betreten werden darf, trennte der Gleimtunnel ab 2005 den auf dem ehemaligen Bahngelände errichteten Mauerpark in einen Süd- und Nordteil. Auf Druck des Vereins Freunde des Mauerparks e.V. errichtete die Stadt Berlin im August 2008 eine von Fußgängern und Radfahrern nutzbare Leichtbaubrücke über den Tunnel.[3][4] Der westliche, gewerblich genutzte Teil des ehemaligen Bahngeländes war über eine Straße oberhalb des Tunnels erschlossen.

Gleimtunnel-Party, 2007

2002 und 2007 wurden an der Tunneldecke oberhalb der Fuß- und Radwege verschiedene Kunstprojekte realisiert. Die Lichtinstallationen von Sven Kalden und Christian Paschedag waren über mehrere Jahre in Betrieb.[5] Von 2007 bis 2013 war der Tunnel Veranstaltungsort der öffentlich geförderten Gleimtunnel-Party. Am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit sollten mittels der Tanzveranstaltung Interkulturelle Begegnungen zwischen Brunnen- und Gleimkiez ermöglicht werden.

Bei einem Unwetter am 27. Juli 2016 wurde der Gleimtunnel nach starken Regenfällen überschwemmt, wodurch einige parkende Autos aufschwammen und sich ineinander verkeilten. Der Tunnel wurde daraufhin gesperrt.[6] Uneinigkeiten zwischen der Stadt Berlin und der Deutschen Bahn über die Eigentumsverhältnisse verzögerten die Instandsetzung und Wiedereröffnung.[7] Am 13. Januar 2017 wurde der Tunnel wieder für den Autoverkehr freigegeben, Fußgänger und Radfahrer konnten bereits vorher wieder passieren.[8] Wegen Bauarbeiten an der Schwedter Straße war der Tunnel von Januar 2019 bis April 2020 für den Autoverkehr erneut gesperrt.[9][10]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Gleimtunnel – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Klaus Grosinski: Sportstätte mit Zukunft. In: Falkblatt 19/2005, S. 10. jahnsportpark.de
  2. Beschluss zum Mauerpark des Bezirksamtes Mitte. (PDF; 19 kB) (Nicht mehr online verfügbar.) 2012, archiviert vom Original am 4. März 2016; abgerufen am 23. August 2012.
  3. alex: Gleimsteg. Freunde des Mauerparks e. V., 2007, abgerufen am 5. Juli 2008.
  4. Christian von Lessen: Brückenschlag im Mauerpark. In: Der Tagesspiegel, 12. August 2008.
  5. Lichthelfer. (PDF; 676 kB) (Nicht mehr online verfügbar.) 2002, archiviert vom Original am 14. Januar 2005; abgerufen am 5. Juli 2008.
  6. Unwetter in Berlin: Wiedereröffnung des Gleimtunnels nicht absehbar. In: Berliner Zeitung. 28. Juli 2016, abgerufen am 30. Juli 2016.
  7. Klaus Kurpjuweit: Niemand will Besitzer des Gleimtunnels sein. In: tagesspiegel.de. Abgerufen am 2. August 2016.
  8. Kurzmeldungen – Eisenbahn. In: Berliner Verkehrsblätter. Nr. 2, 2017, S. 32.
  9. Bis März 2020 für Autoverkehr gesperrt – Gleimtunnel-Eröffnung verschiebt sich. In: Der Tagesspiegel, 16. Dezember 2019.
  10. Gleimtunnel wieder für Autos geöffnet. Website der Stadt Berlin, 2. April 2020.