Glockengießer-Familie Schilling

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die Artikel Glockengießerei in Apolda und Glockengießer-Familie Schilling überschneiden sich thematisch. Hilf mit, die Artikel besser voneinander abzugrenzen oder zusammenzuführen (→ Anleitung). Beteilige dich dazu an der betreffenden Redundanzdiskussion. Bitte entferne diesen Baustein erst nach vollständiger Abarbeitung der Redundanz und vergiss nicht, den betreffenden Eintrag auf der Redundanzdiskussionsseite mit {{Erledigt|1=~~~~}} zu markieren. MdE 18:59, 30. Aug. 2015 (CEST)
Der langjährige Unternehmens-Standort der Glockengießerei Schilling in Apolda

Die Glockengießer-Familie Schilling in Apolda prägte die Entwicklung der thüringischen Kleinstadt zur überregional bekannten Glocken-Stadt im 19. und 20. Jahrhundert maßgeblich mit. – Die letzte kenntnisreiche Zeitzeugin und Angehörige dieser Kunsthandwerks-Dynastie ist Margarete Schilling (* 1932), Autorin und Expertin für Glocken und Carillons.

Der Anfang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Firma Carl Friedrich Ulrich wurde im Jahre 1826 von Carl Friedrich Gottlob Ulrich gegründet. Er starb 1849, und sein Sohn Ernst Carl Friedrich Christian Ulrich musste das Geschäft des Vaters im Alter von 17 Jahren übernehmen; er führte es bis zu seinem Tode im Jahre 1861 weiter. Beide hatten bis zu diesem Zeitpunkt 768 Kirchenglocken gegossen. Anfang des Jahres 1862 übernahm der Bruder Carl Richard Emil Ulrich die Firma. Ulrich heiratete 1865 die Schwester von Franz Friedrich August Schilling. Ab 1868 erlernte Franz Schilling das Glockengießerhandwerk und arbeitete nach der Lehre in der Firma seines Schwagers als Geselle. Der Schwager Richard nahm ihn 1877 als Kompagnon auf und stieg Ende 1878 aus dem Geschäft aus. Richard Ulrich hatte von 1862 bis 1877 insgesamt 492 Kirchenglocken gegossen.

Franz Schilling[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Franz Schilling den Betrieb Carl Friedrich Ulrich in der Unteren Bahnhofstraße in Apolda Ende 1878 übernahm, existierten außer der Gießerei Gebrüder Ulrich in der Apoldaer Glockengießereistraße noch viele derartige Firmen. Angesichts dieser Konkurrenz war es für Franz Schilling wichtig, sich zwischen Handwerk und beginnender Industrialisierung zu entscheiden und die Nebenproduktion der Vorgänger aufzugeben. Der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung und die verhältnismäßig lange währende Friedenszeit ermöglichten es ihm, seine schöpferischen Fähigkeiten zu entfalten. 1889 errichtete er in Allenstein (ehemals Ostpreußen) eine Filiale, in der mehr als ein Jahrzehnt Glocken gegossen und ausgeliefert wurden.

1895 verlieh ihm das Herzoglich-Sächsische Staatsministerium Weimar den Titel eines „Hofglockengießers“ – dieser Titel war von unschätzbaren Wert für die Aufwärtsentwicklung des Betriebes, da wichtige Auftraggeber um des Wörtchens „Hof“ willen, das für sie Qualität und Ehre bedeutete, dort Glocken in Auftrag gaben. Die Gießbücher Franz Schillings dokumentieren die Leistungsfähigkeit der Gießerei von 1878 bis 1901. Sie ist beachtlich, da der Bedarf an Glocken zu jener Zeit durch die große Anzahl der existierenden Glockengießereien so gut wie gedeckt war und fast nur noch bei Kirchenneubauten oder Glocken-Erneuerungen Aufträge zu erhalten waren. Schillings Schwager und Vorgänger Richard Ulrich lieferte in 15 Jahren knapp 500 Glocken, Franz Schilling kam in 18 Jahren auf das Dreifache. Im Merkbuch führte er von 1878 bis 1889 2.245 Glocken auf, von 1902 bis 1911 goss er 3.012 Stück, also insgesamt 5.457 Glocken.

Glocke 2 – g0 aus der Dresdner Kreuzkirche

Franz Schilling wurde besonders als Gießer sehr großer Glocken berühmt. 1894 goss er die Glocken für die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. 1899 schuf er die Glocken der Kreuzkirche in Dresden, die beide Kriege und die Zerstörung Dresdens überstanden. Die größte Glocke wiegt 11.511 kg und ist etwas schwerer und im Durchmesser größer als die berühmte „Gloriosa“ im Erfurter Dom. Aus den Gießbüchern ist ersichtlich, dass viele seiner Glocken aus Kanonen gegossen wurden.

Generationswechsel: Otto Schilling und Friedrich Schilling[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1911 übernahmen die beiden älteren Söhne Otto und Friedrich Schilling unter dem Firmensignet „Hofglockengießerei Franz Schilling Söhne, vormals Carl Friedrich Ulrich“ den Betrieb. Otto Schilling wurde später ebenfalls zum Hofglockengießer ernannt. In der Firma wurden in den wenigen Jahren vor dem Ersten Weltkrieg sehr viele Glocken gegossen, so auch zehn Glocken für die Michaeliskirche in Hamburg.

Die Glockengießerei Franz Schilling Söhne entwickelte sich zur größten und bedeutendsten Glockengießerei in Deutschland. Ihre Erzeugnisse wurden zu einem beträchtlichen Teil auch über die Grenzen des Landes ausgeführt. Doch der Ausbruch des Ersten Weltkrieges brachte einschneidende Veränderungen, Franz Schilling musste die Geschäfte wieder allein führen, da seine Söhne eingezogen wurden.

Hartgussglocken „Schilling & Lattermann“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um die Lücken im Glockenbestand der Nachkriegszeit wieder zu füllen, gründete der Glockengießermeister Otto Schilling und der Hammerwerksbesitzer Gottfried Lattermann in Morgenröthe-Rautenkranz im Vogtland 1918 eine OHG zum Zwecke des Gusses und Vertriebs von Hartgussglocken für Kirchen, Schulen und ähnlicher Einrichtungen unter der Firmenbezeichnung „Schilling & Lattermann“. Der Sitz war Apolda, die Dauer der Zusammenarbeit bis 1927 festgelegt, sie bestand jedoch bis 1966. Die Führung der Geschäfte stand nur dem Gesellschafter Schilling zu, der den gesamten Vertrieb der Glocken, die Werbung, die zur Erlangung von Aufträgen erforderlichen Reisen, den Abschluss der Lieferverträge und dergleichen übernahm.

Lattermanns Verpflichtung war, sämtliche in Auftrag gegebene Glocken in seinem Morgenröther Werk nach den Angaben und Entwürfen von Schilling gießen zu lassen. Die dort gegossenen Glocken wurden nach Apolda gebracht und in der Schmiede und Schlosserei mit Armaturen und Glockenstühlen versehen. Im Jahre 1919 kam zudem ein Vertrag mit der Berndorfer Metallwarenfabrik in Berndorf über die Einrichtung einer Bronzeglockengießerei zustande, der bis 1927 bestand.

Franz August Schilling als Nachfolger des verstorbenen Friedrich Schilling[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Jahre 1927 wurde der jüngste Sohn des Hofglockengießers Franz Schilling, Franz August Schilling, Mitinhaber der Glockengießerei Franz Schilling Söhne. Er übernahm auch die Aufgaben seines 1928 verstorbenen Bruders Friedrich Schilling. Obwohl sich durch die allgemeine Wirtschaftskrise der Existenzkampf weiter verschärfte, wurden Glocken und Glockenspiele für viele Kirchen und andere Einrichtungen gegossen, darunter für die Herz-Jesu-Kirche in Zürich in der Schweiz, für Kirchen in Reykjavík in Island und in Philadelphia in den USA.

Im Jahre 1931 beschäftigte die Firma Schilling 70 Arbeitskräfte. Sie übernahm noch die Glockengießerei Heller in Rothenburg ob der Tauber, 1936 auch die Radlersche Glockengießerei in Hildesheim. Bis 1931 entstanden in Apolda mehr als 12.000 Glocken – ein bedeutender Anstieg an Aufträgen aus dem Ausland sprach für den internationalen Ruf der Gießerei: Die Glocken gingen nach Argentinien, Australien, Belgien, Brasilien, China, Dänemark, Finnland, Griechenland, Indien, Island, Japan, Jerusalem, Norwegen, Österreich, Russland, Schweiz und USA.

In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg ging der Umsatz trotz ausgeführter Großprojekte wie Glockenspiele für die NS-Ordensburg Krössinsee und andere Einrichtungen beträchtlich zurück. Im Jahre 1939 fand in Apolda der letzte Guss für Lenk in den Berner Alpen statt. Otto Schilling schreibt am 8. Oktober 1939 in sein Gießbuch: „Das Gießen von Glocken ist verboten.“ Da die Schillings eine Beteiligung am Kriegsgeschäft ablehnten, schlossen sich die Tore der Gießerei für Jahre.

Zweiter Weltkrieg[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im zweiten Jahr des Zweiten Weltkrieges war die deutsche Kriegswirtschaft – ähnlich wie 1917 – in große Bedrängnis geraten, da es ihr an den für die Kriegsführung dringend benötigten Buntmetallen mangelte, insbesondere waren die verfügbaren Vorräte an Kupfer und Zinn bedenklich geschrumpft. Wie im Jahre 1917 beschlagnahmte die Regierung wieder Bronzeglocken. Neben vielen anderen wurden auch die Glocken des Hofglockengießers Franz Schilling für die Kaiser-Wilhelm- Gedächtniskirche in Berlin vernichtet. Sein Sohn Franz August Schilling schreibt am 16. November 1942 in Berlin an seine Frau: „Gestern, Sonntag, ging ich an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche vorbei, da lag neben dem Hauptportal der untere Teil der großen Glocke. Sie ist nun auch zerschlagen worden. Auf dem ersten Stück, das ich sah, las ich ,Franz Schilling’, da wurde es mir doch sehr weh ums Herz.“

Nach Kriegsende[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1945 kam der Wiederaufbau der Glockengießerei Franz Schilling Söhne nur schwer in Gang. Metallmangel und der Mangel an Facharbeitern erschwerten die ohnehin schwierige allgemeine Situation. Zunächst waren nur Umgüsse möglich; die ersten Neugüsse fanden im August 1946 statt, dazu verwendete man auch Kupferdraht, zerbrochene und zerbeulte Zinngefäße sowie Glockenschrott.

Franz August Schilling[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Arbeitskräfte wurden für den Wiederaufbau der zerbombten Städte benötigt. Franz August Schilling (* 2. Februar 1897 in Apolda; † 10. Oktober 1977 in Apolda; oft als Franz Schilling benannt) schrieb 1948 in das Gießbuch „Homburg ging durch, weil ungelernte und uninteressierte Arbeiter die Form aufgemauert haben“. Zu jener Zeit war der künftige Arbeiterstamm, der Jahrzehnte im Betrieb verblieb, nur auf dem Montageplatz der Schmiede und Schlosserei beschäftigt. Franz August Schilling kümmerte sich später zudem noch als Glockenkustos in den Lagern Oranienburg, Hettstedt und Ilsenburg um die Sicherstellung der im Krieg nicht eingeschmolzenen Glocken und konnte die Heimatorte von mehr als 1.300 Glocken ermitteln.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewannen auch Hartgussglocken aus Morgenröthe-Rautenkranz wieder an Bedeutung, die Gemeinden sammelten Hufeisen, alte Ketten und ähnliches für die Glockenspeise. Nochmals gingen Tausende Glocken aus Morgenröthe in viele Weltteile für Kirchen, Schulen und Schiffe, darunter auch die Glocke für Lambarene an Albert Schweitzer. Auch die Oder-Neiße-Friedensglocke in Frankfurt/Oder ist eine Hartgussglocke. Mit der Verzierung von Glocken beauftragte Franz Schilling Künstler wie Elly-Viola Nahmmacher, Kurt Grohmann und Horst Jährling.[1]

Erst in den 1950er Jahren war der Metallmangel behoben. In der Glockengießerei Franz Schilling Söhne entstanden wieder viele Bronzeglocken, etwa für den Erfurter Dom, den Meißner Dom, die St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin sowie die Buchenwaldglocke. Glocken wurden nach Bayern, Hessen und in andere Länder geliefert, ab 1968 exportierte die Firma ein Jahrzehnt lang Glocken in die ČSSR nach Mähren, Böhmen und in die Slowakei, darunter große Geläute für Brünn und Blatná sowie Glocken für Prag. Seine letzten Glocken goss Franz August Schilling 1969 für Jasenná und Ranzin.

Die Glockenstadt Apolda verdankt Franz August Schilling zudem Leihgaben des inzwischen über 50 Jahre existierenden Glockenmuseums, das die Entwicklung der Glocke von den Anfängen bis zur Gegenwart zeigt.

Otto Franz Georg Schilling und Friedrich Wilhelm Schilling[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Söhne des Hofglockengießers Otto Schilling, Otto Franz Georg (1911–1973) und Friedrich Wilhelm (1914–1971) trugen viel zur Verbesserung des Klanges der Schilling-Glocken, besonders in Bezug auf Glockenspiele bei, sie erforschten intensiv die Teiltonreihen und entwickelten diese weiter, ein langwieriger Prozess bei der zeitraubenden Glockenherstellung.

Otto Franz Georg Schilling studierte 1930 bis 1934 Mathematik an den Universitäten in Jena, Göttingen sowie Marburg (wo er auch seine Dissertation abschloss) und arbeitete 1934/35 am Trinity-College Cambridge in England, von 1935 bis 1937 in Princeton, später als Dozent an der Universität in Chicago, avancierte zum Ordentlichen Professor und blieb dort bis 1960. Eine Reihe hervorragender Publikationen festigten seinen wissenschaftlichen Ruf und brachten ihm großes Ansehen ein. Er starb im Alter von 62 Jahren. Sein Tod war ein großer Verlust, da er im Rentenalter wieder seine Forschungen an den Glockenrippen aufnehmen wollte.

Friedrich Wilhelm Schilling (1914–1971) war der jüngste Sohn des Apoldaer Hofglockengießers Otto Schilling. Er kam 1949 nach Heidelberg, um sich – da die Apoldaer Glockengießerei noch von seinem Vater Otto Schilling und seinem Onkel Franz Schilling geführt wurde – eine eigene Existenz zu gründen. Er hatte bereits mit zwölf Jahren in Apolda die erste Glocke gegossen. Seine Ausbildung ergänzte er bei der Firma Rüetschi in Aarau und schloss sie bei Friedrich Hamm in Staad bei Rohrschach im Jahre 1933 ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er Kustos des Glockensammellagers Hamburg und wie sein Onkel Franz in Apolda bei der Rückführung der Glocken unermüdlich tätig. Er sorgte für die Heimkehr von mehr als 13.000 Glocken, die im Hamburger Freihafen lagerten und vom Einschmelzen verschont geblieben waren.

Da es sich in Heidelberg um einen vollständigen Neubeginn handelte, zudem mit Arbeitskräften, die zuvor weder in einer Formerei noch in einer Gießerei tätig gewesen waren, erschienen die Schwierigkeiten in der ersten Zeit enorm. Doch Friedrich Wilhelm Schilling überwand diese Zeit schnell, das 1953 gegossene 11-stimmige Geläut von St. Lorenz in Nürnberg zeigte bereits seine Meisterschaft. Ausgehend von den Rippen der väterlichen Gießerei in Apolda entwickelte er bald seine eigene Linie, die sich später von der in Apolda klanglich unterschied. Unterstützt wurde er, wie auch der Thüringer Betrieb, von seinem älteren Bruder, dem Mathematiker Otto Schilling.

Friedrich Wilhelm Schilling bevorzugte schwere und überschwere Rippen. Hartgussglocken ließ er ebenfalls in einem anderen Betrieb fertigen, bei Weule in Bockenem im Harz – jenem Betrieb, der seinerzeit als Ulrich & Weule sehr viele Hartgussglocken produziert hatte. Sie wurden nach Friedrich Wilhelm Schillings Glockenrippen gegossen und verhalfen ihm zum Startkapital für den Aufbau und den Erhalt seines Betriebes. Er versah sie in Heidelberg mit Armaturen. Nahezu 8.000 Glocken gingen aus der Heidelberger Gießerei in alle Welt; von den größten Kathedralen und Kirchen ertönen sie, erkennbar an ihrem ausgezeichneten Klang. Seine mächtigste Glocke hängt seit 1960 in der Martinskirche in Hannover. Er starb unerwartet im Alter von 56 Jahren. Die von ihm in Heidelberg betriebene Glockengießerei wurde 1982 von der Carl Metz GmbH in Karlsruhe übernommen und in die von dieser Gesellschaft geführte Bachertsche Glockengießerei integriert. Dort wurde auch mit Schilling-Rippen gearbeitet.

Die letzte Generation: Franz Peter Schilling und Margarete Schilling[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1956 war der Sohn des Glockengießers Franz August Schilling, Franz Peter Schilling (* 13. Februar 1930 in Jena; † 9. September 2001 in Apolda; oft als Peter Schilling benannt), in die beiden OHG Franz Schilling Söhne und Schilling & Lattermann eingetreten. Peter Schilling hatte von 1949 bis 1954 – nach der Lehre im väterlichen Betrieb und in Morgenröthe-Rautenkranz – in Mainz und in München Volkswirtschaft, Betriebswirtschaft und Jura studiert.[2] Als sein Vater nach einem Verkehrsunfall nicht mehr in der Lage war, die Gießerei allein zu leiten und zu gießen, rief er seinen Sohn nach Apolda in die DDR zurück. Ab 1970 musste Peter Schilling die Gießerei ohne seinen Vater führen, ihm aktiv zur Seite stand seine Frau Margarete Schilling.

1972 wurde die Glockengießerei Schilling zwangsenteignet und als volkseigener Betrieb unter dem Namen „VEB Apoldaer Glockengießerei“ weitergeführt; Peter Schilling wurde formal Betriebsdirektor, Margarete Schilling Technischer Direktor. Doch 1976 konnten die Eheleute die zunehmend selbstzerstörerische Betriebsführung seitens der SED-Machthaber weder länger kompensieren noch tolerieren. Sie sahen sich veranlasst, ihr einstiges Unternehmen zu verlassen. Sie setzten die Familientradition außerhalb fort und arbeiteten als freiberufliche Künstler weiter, projektierten Glocken, Glockenspiele und Spieleinrichtungen, die von weit entfernten Werkstätten gefertigt wurden. Sie verfassten Glocken-Gutachten und erstellten auf Kirchtürmen Klanganalysen.

Am 10. Dezember 1986 erhielt Peter Schilling das DDR-Patent Nr. 155 083 für die Erfindung von Mangan-Aluminium-Mehrstoffbronze für Glocken.[3]

Lange Zeit wurde das Ehepaar vom DDR-Staatssicherheitsdienst bespitzelt, allein vom Jahr 1980 existiert eine Stasi-Akte von 600 Seiten.

Ehrungen
  • Peter und Margarete Schilling wurden für ihr 1987 übergebenes Glockenspiel im Französischen Dom mit dem Goethe-Preis der Stadt Berlin geehrt.[4]
  • Im Jahr 2000 wurden Peter und Margarete Schilling mit der „Medaille für besondere Verdienste um die Stadt Apolda“ ausgezeichnet.
  • Zum Andenken an und als Dank für den letzten Glockengießermeister Franz Peter Schilling (1930–2001) – und damit wohl auch für die viele Generationen umfassende Schillingsche Glockengießer-Tradition und deren Verdienste für die Stadt – gibt es in Apolda die Peter-Schilling-Straße[5].

Das Ende der Glockengießer-Tradition in Apolda[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gießerei wurde von den Staatlichen Organen der DDR nach dem Anschluss an eine Eisengießerei in ein Kombinat für Labormöbel und Elektrogerätebau überführt, bis sie 1988 trotz vorliegender Aufträge endgültig geschlossen wurde. Hauptursache war vor allem die rapide gesunkene Qualität der gegossenen Glocken – das Know-how und die Autorität der Familien-Eigentümer Schilling konnten die staatlich eingesetzten Leiter nicht ersetzen.

Damit ging die Jahrhunderte alte Ära der Glockengießer-Dynastie Schilling aus Apolda zu Ende, deren rastlose Chronistin Margarete Schilling als letzte kenntnisreiche Zeitzeugin ist. Zahlreiche Schilling-Glocken und -Carillons beweisen bis heute mit eindrucksvollem Klang sowohl in Deutschland als auch in Argentinien, Australien, Belgien, Brasilien, der Volksrepublik China, Dänemark, Finnland, Griechenland, Indien, Island, Israel (Jerusalem), Japan, Norwegen, Österreich, Russland, der Schweiz und den USA diese einzigartige Handwerkskunst aus Thüringen.

Um zu beweisen, dass nicht die bewährten „Schilling-Rippen“ – also das Profil der Glocke, mit dem der Glockengießermeister im Voraus den Klang bestimmte und festlegte – an der Misere der vielen Fehlgüsse schuld waren, gaben Peter und Margarete Schilling ihre Kenntnisse an zwei Betriebe in Waren (Müritz) und Pößneck weiter. Dort entstanden nach Schillingschen Projektierungen viele Glockenspiele, so für die Nikolai-Kirche und den Französischen Dom in Berlin, für Dessau, Gera, Mühlhausen/Thüringen, Offenburg, Rostock, Wechselburg.

Das größte Glockenspiel für Halle (Saale) stellten Peter und Margarete Schilling in den 1990er Jahren mit der Karlsruher Glockengießerei fertig. Sie standen mit der Glocken- und Kunstgießerei Carl Metz GmbH seit 1990 in Verbindung. In den zehn Jahren der Zusammenarbeit entstanden dort viele Glocken mit Schilling-Rippen, so für den Schweriner Dom sowie Glockenspiele für verschiedene deutsche Städte und auch für ausländische Auftraggeber. Das erste gemeinsame Glockenspiel wurde nach Spanien geliefert. Die Glockengießerei Rudolf Perner in Passau goss ebenfalls Glocken nach Schilling-Rippen.

Schilling-Glocken und -Geläute 1948–1990[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Übersicht zeigt die von Franz August Schilling, dessen Sohn Franz Peter Schilling und Schwiegertochter Margarete Schilling in Apolda gefertigten Glocken zwischen 1948 und 1990. Das Verzeichnis beruht auf entsprechenden Dokumenten des Schillingschen Familienarchivs.[6]

Die Übersicht ist geordnet nach dem Jahr der Entstehung der Glocken und Geläute mit den jeweiligen Angaben zu Ton, Gewicht in Kilogramm und Bestimmungsort:

Jahr Schlagtöne Gewicht Ort
1948 h0 2.958 Homburg v. d.H.
1948 b0 2.706 Bockenem
1956 e0 7.000 Weimar-Buchenwald
1956 h0 4.130 Leipzig, Sportforum
1959 b0, c1, es1 7.781 Meißen, Dom
1960 as0 3.545 Eisenach, Georgenkirche
1960 h0, d1, e1 5.422 Wittenberg, Schloßkirche
1961 a0, c1, d1 9.126 Erfurt, Dom
1962 b0, d1, f1, g1 8.053 Heiligenstadt, Propsteikirche
1963 a0 4.097 Plau am See, St. Marien
1963 d1, es1, f1 5.400 Görlitz, St. Jakobus
1963 es1, f1, ges1, b1 3.816 Geismar, kath. Kirche
1963 es1, f1, as1, b1 3.184 Markkleeberg-West
1964 es1, ges1, as1, b1 3.316 Geisa, kath. Kirche
1967 d1, f1, g1, b1 4.367 Mühlhausen/Thüringen, kath. Kirche
1968 f1, as1, b1, des2 1.998 Němčice (ČSSR)
1969 c1, es1 3.815 Stralsund, Marienkirche
1969 e1 1.158 Prejmer (Rumänien)
1969 d1, f1, g1, b1, as2 3.712 Blatná (ČSSR), Schloß
1969 f1, as1 1.398 Brno, Peter-Paul-Kathedrale
1971 c1 2.300 Papradno (ČSSR)
1972 d1, e1, g1 3.623 Karl-Marx-Stadt, Lutherkirche
1973 as0, c1, es1 6.088 Dresden, Dreikönigskirche
1975 c1, es1, f1 6.022 Zittau, kath. Kirche
1977 c1, d1, e1, g1, a1, c2, a2, cis3, e3, fis3 9.901 Magdeburg, Kloster
1979 h0, d1 5.413 Rostock, Marienkirche
1980 a0 3.956 Halle, Roter Turm
1981 d1, f1, g1, a1 4.084 Leipzig, Propsteikirche
1983 g0 5.900 Halle, Roter Turm
1984 h0, dis1, gis1 10.923 Veliko Tarnovo (Bulgarien), Zarevez-Hügel
1988 gis0 5.000 Majdanek, Gedenkstätte
1990 b0, es1, g1 7.885 Schwerin, Dom (gegossen in der Karlsruher Glockengießerei)

Nach der Deutschen Einheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Apoldaer Glockengießerei war 1990 an die Glockengießerfamilie Schilling zurückgegeben worden; verfallen und ausgeräumt bis auf die letzte brauchbare Maschine – somit war die Wiedereröffnung ausgeschlossen. Auch die Treuhand räumte ein, dass kein Betrieb, sondern nur Immobilien übereignet werden konnten, die mit einer großen Menge von Altlasten in Form von Schrott und Schutt belastet waren.[7][8][9]

Die letzte Schillingsche Glocke 1999[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die letzte gemeinsam geplante und erschaffene Glocke des Ehepaars Peter und Margarete Schilling entstand für die heute als Autobahnkirche bekannte Dorfkirche Gelmeroda: Die Glocke wurde im Jahr 1999 als großes öffentliches Ereignis auf dem Markt von Weimar von der Glockengießerei Rudolf Perner aus Passau gegossen. Den Glockenschmuck schuf Horst Jährling. – Damit endete die einzigartige jahrhundertealte und weit über Thüringen hinaus bedeutsame Ära der Glockengießer-Dynastie Schilling aus Apolda, zu der bis heute (2015) als letzte kenntnisreiche Zeitzeugin Margarete Schilling gehört.

Varia[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Glockengestalter und Glockenritzer Horst Jährling

Fast vier Jahrzehnte engagierten die Schilling-Glockengießer für die äußere Glocken-Gestaltung und für Glocken-Ritzzeichnungen immer wieder den in Weimar lebenden Künstler Horst Jährling.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kapitel IV Für und in Sachsen tätige Gießer, Abschnitt Gießerfamilie Schilling -> S. 67–70 in: Rainer Thümmel: Glocken in Sachsen – Klang zwischen Himmel und Erde. Hrsg. vom Evangelischen Landeskirchenamt Sachsens mit einem Geleitwort von Jochen Bohl. Fotos: Klaus-Peter Meißner. 2., aktualisierte und ergänzte Auflage, 432 Seiten, Leipzig 2015, ISBN 978-3-374-02871-9
  • Manfred Hofmann: Die Apoldaer Glockengießerei – Alte und neue Geheimnisse. Weimar 2014, ISBN 978-3-86160-415-0[10][11]
  • Margarete Schilling: Kunst, Erz und Klang. Die Werke der Glockengießerfamilien Ulrich und Schilling vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Berlin 1992, ISBN 3-362-00617-5[12]
  • Margarete Schilling: Glocken – Gestalt, Klang und Zier. Dresden 1988. 369 Seiten (Literaturverzeichnis auf S. 353–365), ISBN 3-364-00041-7[13]
  • Kurt Hübner: Der Glockenguss in Apolda. Stadtmuseum Weimar, Weimar 1980[14]
  • Franz Peter Schilling: Erfurter Glocken – Die Glocken des Domes, der Severikirche und des Petersklosters zu Erfurt. 64 Seiten, Berlin 1968[15]
  • Evangelisch-Lutherische Kirche in Thüringen, Landeskirchenrat (Hg.) / Fritz Schilling[16]: Unsere Glocken – Thüringer Glockenbuch. Gabe der Thüringer Kirche an das Thüringer Volk. Gewidmet dem „Thüringer Glockengießermeister Dipl.-Ing. Franz Schilling in Apolda in Dankbarkeit für seine Arbeit zum Besten unserer Gemeinden“. Jena 1954, 128 Seiten[17]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. S. 26 in: Margarete Schilling: Glocken aus Apolda, Apolda 1986
  2. Margarete Schilling: 50 Jahre Zwischenstopp in Apolda. Autobiographie mit Vorwort von Holger Zürch. Format A4, 306 Seiten mit zahlreichen farbigen Abbildungen, Apolda 2016, Seite 59
  3. Margarete Schilling: 50 Jahre Zwischenstopp in Apolda. Autobiographie, Apolda 2016, Seiten 64-65
  4. Margarete Schilling: Kunst, Erz und Klang, Berlin 1992, Seiten 210–211
  5. http://www.postleitzahlen.de/postleitzahlen/index/search?method=searchSimple&city_id=&_dvform_posted=1&zipCity=Apolda&street=Peter+Schilling+Straße&streetNumber=Nr.
  6. S. 75 in: Margarete Schilling: Glocken – Grafiken und Aquarelle von Anneliese Jährling. Gewidmet dem Glockengießer Franz Schilling. Apolda 2006, ISBN 3-86611-164-9
  7. Margarete Schilling: Kunst, Erz und Klang. Die Werke der Glockengießerfamilien Ulrich und Schilling vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Berlin 1992
  8. S. 69–72 in: Margarete Schilling: Glocken – Grafiken und Aquarelle von Anneliese Jährling. Gewidmet dem Glockengießer Franz Schilling. Apolda 2006, ISBN 3-86611-164-9
  9. Margarete Schilling: Die Glockengießer Schilling. S. 13–19 in: Manfred Hofmann: Die Apoldaer Glockengießerei – Alte und neue Geheimnisse. Weimar 2014, ISBN 978-3-86160-415-0
  10. http://www.wartburgverlag.net/index.php/german/sachbucher/apoldaer-glockengiesserei.html
  11. DNB 1036702596
  12. DNB 931328918
  13. DNB 880599316
  14. DNB 890909725
  15. DNB 458836087
  16. = nicht verwandt mit der Glockengießerfamilie Schilling; Superintendent in Sonneberg-Oberlind
  17. DNB 454355548