Glockengießerei Otto

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Die Brema im Dom zu Bremen
Läute- und Spielglocken (f1 und g1) von St. Martini in Bremen

Die Glockengießerei Otto, auch Glockengießerei Hemelingen genannt, wurde im Jahre 1874 in Hemelingen, heute ein Stadtteil von Bremen, gegründet. Das Unternehmen firmierte unter „Glockengießerei F. Otto Hemelingen“ und hat mit Ausnahme der Kriegsjahre bis zur Einstellung des Gussbetriebs 1974 mehrere tausend Glocken gegossen.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bremen war im Mittelalter ein Zentrum der Glocken- und Grapen- und Gelbgießereien, die neben Glocken unter anderem auch Taufbecken, Geschützrohre und andere, kleinere Gegenstände herstellten. Vom Gießer Olricus stammte um 1300 eine Glocke und ein Taufbecken für die Kirche St. Michaelis in Lüneburg, Metallgießer Otto fertigte ein Taufbecken für St. Martini in Bremen und die Glockengießerfamilie Klinge goss um 1430 bis 1474 Glocken für den Bremer Dom, für St. Ansgarii in Bremen und für Kirchen in Jever, Wildeshausen, Brinkum, Lübeck und für die Wasserhorster Kirche im Blockland. Darüber hinaus waren weitere zahlreiche Gießer in Bremen tätig.

Im Jahr 1874 gründete Franz Otto zusammen mit seinem Bruder Karl in Hemelingen die Glockengießerei Otto. Beide stammten aus Duderstadt; Karl war Priester und von 1884 bis 1910 Pfarrer der Gemeinde Sankt Mauritius in Desingerode und Franz war Schuhmacher. Karl wohnte während seines Studiums bei Glockengießer Lange in Hildesheim, wo er sich theoretische Kenntnisse des Glockengießens aneignete und im Eigenverlag das Buch Theorie der Glockentöne – eine akustische Monografie herausgab. Nach seiner Berufung zum Pfarrer von Hemelingen holte er seinen Bruder Franz, der inzwischen ebenfalls bei Lange gelernt hatte, nach Hemelingen. Nach der Gründung der Gießerei war Karl für die Konstruktion der Glockenrippen, Franz für das Gießen verantwortlich.[1]

Zunächst wurden Glocken in einer leichten Rippe gegossen, von denen einige in Ostfriesland und das fünfstimmige Geläut von St. Georg in Arnstorf (gegossen 1890/1891) erhalten geblieben sind.[2] Mitte der 1890er Jahre stellte die Gießerei ihre Glockenrippen jedoch um. Ergebnis waren eine mittelschwere und eine schwere Rippe. In der schweren Rippe wurden vor allem für das damalige Erzbistum Köln äußerst qualitätsvolle Glocken gegossen, so u. a. 1898 das fünfstimmige Geläut für St. Josef in Krefeld, dessen größte Glocke – Dicke Anna genannt – 4.407 kg wiegt. Dieses Geläut ist neben den Geläuten des Frankfurter Doms und der Dresdner Kreuzkirche eines der bedeutendsten Geläute des 19. Jahrhunderts in Deutschland.[3] Dieses Geläut bildete den Auftakt zu einer umfangreichen Liefertätigkeit für das damalige Erzbistum Köln, wohin bis zum Ersten Weltkrieg eine große Zahl bedeutender Geläute geliefert wurde (240 Glocken)[4], darunter auch zwei Glocken für den Kölner Dom im Jahre 1911: die Aveglocke (g1) und die Kapitelsglocke (e1).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gründete die Ottosche Gießerei eine Filiale im damaligen Breslau und konnte mit dieser zweiten Fertigungsstätte mehr Aufträge erledigen.

Im Jahre 1909 wurden von Otto vier Glocken für die neu erbaute Kirche der Dormitio-Basilika (Dormitio Beatae Mariae Virginis) in Jerusalem geliefert. Das Geläute mit den Tönen cis – e – fis – gis hatte ein Gewicht von 5,4 Tonnen. Von den vier Glocken aus dem Jahre 1909 hängen heute noch drei (Glocken I, III und IV) im Turm der Dormitio.

Während des Ersten Weltkrieges mussten zahlreiche Glocken an die Rüstungsindustrie abgeliefert werden. Bei Glocken der Gießerei Otto gab es oftmals Ausnahmen, da sie aufgrund der zum Teil außergewöhnlich guten Klangeigenschaften auch von der Ablieferung freigestellt wurden.

Die Gießerei fertigte ab 1919 wieder viele Großgeläute. 1927 entstand ein dreistimmiges Geläut für die Kirche Mariä Himmelfahrt in Scherpenseel (Kreis Heinsberg), das in den Tönen c1, d1 und e1 erklingt. Nicht zu vergessen ist das Geläut der Basilika in Dormagen-Knechtsteden von 1931, deren größte Glocke 4.021 kg schwer ist (b0). St. Martin in Krefeld erhielt 1934 ein dreistimmiges Te-Deum-Geläut auf cis1. Zudem entstanden in der Gießerei noch weitere Geläute, so etwa für den Neuen Mariendom in Hamburg, die Seligenstädter Basilika oder die Josefskirche in Offenbach am Main. Diese Geläute werden von Fachleuten als wertvoll eingestuft; sie mussten im Zweiten Weltkrieg, trotz geringen historischen Werts, nicht abgeliefert werden.

Im Jahr 1945 begann die Glockenproduktion in Hemelingen erneut. 1951 entstand das größte Geläut, das die Gießerei je hergestellt hatte, das Geläut des Trierer Domes mit einem Gesamtgewicht von 24.340 kg; die Christus- und Helena-Glocke wiegt dabei 7970 kg. 1962 wurde die große Glocke des Bremer Doms gegossen, die rund 7000 kg schwere Brema, die mit dem Schlagton g0 erklingt (siehe Einleitungsbild).

Für die St.-Martini-Kirche in Bremen wurden im Dezember 1957 drei Läuteglocken geliefert. Die größte, für den Stundenschlag bestimmte c1-Glocke mit einem Gewicht von 2.250 kg, bekam die von Manfred Hausmann verfasste Inschrift: „Ich will Dich ehren mit jedem Ton, gib uns, o Herr, den Frieden zum Lohn. Zerstört am 5. Oktober 1944 – neugegossen im Advent 1957“. Für das Glockenspiel folgten dann 1962 weitere sechzehn Glocken. Von den insgesamt 19 Glocken unterschiedlicher Größe sind 17 in das Glockenspiel einbezogen, fünf werden gleichzeitig als Läuteglocken benutzt. Die beiden größten Glocken c1 und d1 sind reine Läuteglocken. Das Gesamtgewicht aller Glocken soll 9.500 kg betragen.

Bis 1925 verließen 4223 Glocken die Gießerei. Von 1925 bis zur Schließung der Gießerei in Hemelingen im Jahr 1974 kamen (geschätzt) noch einmal 4000–5000 Glocken hinzu.

Otto-Glocken haben eine besonders flache Krone, deren sechs Kronenbügel radial angeordnet sind. Der Glockenmantel ist steil, am Wolm befinden sich häufig mehrere Stege.

1953 gründete Karl Otto in Saarlouis die neue Glockengießerei Otto Saarlouis, welche bis 1960 über 500 Glocken goss. Dieser Betrieb wurde 1960 eingestellt. Nach wie vor stellt Otto-Glocken aber Glocken und Glockenanlagen her und widmet sich der Wartung und Pflege von Glocken/-Anlagen. Die Firma Otto-Glocken hat nach wie vor ihren Sitz in Bremen.

Die Glockenstraße in Hemelingen wurde nach der Glockengießerei Otto benannt.

Die Firma Otto-Buer Glocken-Uhrentechnik in Neustadt in Holstein ist nicht mit der Firma Otto-Glocken identisch. Sie gießt keine Glocken mehr, sondern ist vor allem in der Herstellung von Glockenspielen tätig.

Große Glocken und Geläute (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ort Kirche Glocke/Geläut Gussjahr Gesamt-Gewicht in kg Nominalfolge Bemerkung
Arnstorf St. Georg 5er-Geläut 1890/1891 05.050 c1–d1–e1–g1–a1
Berlin-Niederschönhausen St. Maria Magdalena 4er-Geläut 1927–1929 01.440 hohes G; g’’
(Ave)
3 Glocken wurden 1943 eingeschmolzen; die Ave-Glocke ist erhalten.
Billerbeck St. Ludgerus 5er-Geläut 1922–1926 09.350 b0–des1–es1–f1–as1
Bremen Dom St. Petri Brema 1962 07.112 g0
Bremen St. Martini 7er-Geläut 1957/62 c1–d1–f1–g1–a1–c2–d2
Darmstadt[5] St. Elisabeth 4er-Geläut 1905 07.889 b0–d1–f1–g1
Dormagen-Knechtsteden[6] St. Andreas 5er-Geläut 1931 10.145 b0–des1–es1–f1–ges1
Duderstadt St. Cyriakus 6er-Geläut 1923/31 12.370 ~g0–h1–es1–f1–g1–a1 (geplant: as0–c1–es1–f1–g1–as1)
Düren St. Joachim 5er-Geläut 1897 07.383 h0–d1–e1–fis1–g1
Düsseldorf-Friedrichstadt[7] St. Antonius 5er-Geläut 1912 08.437 b0–des1–es1–f1–ges1
Düsseldorf-Oberbilk[7] St. Josef 5er-Geläut 1901 09.923 b0–des1–es1–f1–ges1
Düsseldorf-Pempelfort[7] St. Adolfus 6er-Geläut 1913 11.970 a0–c1–d1–e1–g1–a1
Erkelenz St. Lambertus Große Glocke 1914 03.450 b0
Erkelenz-Golkrath St. Stephanus 4er-Geläut 1908/51 05.116 d1–e1–fis1–g1
Erkelenz-Venrath St. Valentin 3er-Geläut 1908/58 03.670 d1–e1–fis1
Essen-Holsterhausen St. Mariä Geburt 4er-Geläut 1907 07.749 h0–d1–e1–fis1
Fulda St. Blasius 5er-Geläut 1951/66 12.245 a0–h0–d1–e1–fis1
Krefeld[8] St. Anna 5er-Geläut 1905/66 08.754 h0–d1–e1–fis1–g1
Krefeld[8] St. Josef 5er-Geläut 1898 11.380 a0–c1–d1–e1–f1
Köln-Lindenthal St. Stefan 4er-Geläut 1922/30 05.350 cis0–e1–fis1–gis1
Marktheidenfeld St. Laurentius 5er-Geläut 1951 05.549 des0–es1–f1–as1-h1
Mönchengladbach-Hermges St. Josef 4er-Geläut 1925 06.504 h0–d1–e1–fis1
Mülheim-Kärlich St. Mauritius 4er-Geläut 1951 03.500 es1–f1–g1–b1
Offenbach St. Josef 4er-Geläut 1931 07.575 h0–d1–e1–g1
Püttlingen Liebfrauenkirche 5er-Geläut 1962 09.400 a0–cis1–e1–fis1–gis1
Recklinghausen St. Peter Große Glocke 1948 04.500 as0
Rimpar St. Peter und Paul 6er-Geläut 1886/87 05.100 cis1–dis1–fis1–gis1–ais1–h1 fis1 2008 gesprungen und geschweißt
Seligenstadt[9] St. Marcellinus und Petrus 5er-Geläut 1925/50 08.950 h0–d1–e1–fis1–a1
Trier Dom 10er-Geläut 1951 07.970 fis0–a0–h0–cis1–d1–e1–fis1–a1–h1–cis2
Viersen St. Josef 5er-Geläut 1950/51 10.043 b0–des1–es1–f1–ges1
Wilhelmshaven-Bant Banter Kirche 3er-Geläut 1900 Glocken wurden 1917 zu Kriegszwecken beschlagnahmt und eingeschmolzen.
Würselen St. Sebastian Große Glocke 1961 04.500 a0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Glockengießerei Otto – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Wüstefeld, Karl: Die Glockengießerei F. Otto Hemelingen. Duderstadt 1925.
  2. Geläut in Arnstorf, St. Georg – Informationen und Hörbeispiele.
  3. Sebastian Schritt: …von großer majestätischer Fülle. Zum 100. Geburtstag der Glocken von St. Josef in Krefeld. In: Die Heimat. Zeitschrift für niederrheinische Kultur- und Heimatpflege. Nr. 69, 1998, S. 93–98.
  4. Gerhard Hoffs: Register der Glockengießer, die für das Erzbistum Köln tätig waren (Memento vom 24. September 2015 im Internet Archive), S. 8.
  5. Motette (Hg.): Glocken-Landschaft Bistum Mainz. Motette-Verlag, Düsseldorf 2005, S. 26.
  6. Gerhard Hoffs: Glockenmusik im Dekanat Dormagen (Memento vom 6. Oktober 2013 im Internet Archive), S. 65f.
  7. a b c Gerhard Hoffs: Glockenmusik der Katholischen Kirchen Düsseldorfs (Memento vom 6. Oktober 2013 im Internet Archive), S. 139f., S. 272f., S. 302f.
  8. a b www.tornadopilze.de (Memento vom 3. Januar 2014 im Internet Archive) – Informationen über die Krefelder Glocken.
  9. Motette (Hg.): Glocken-Landschaft Bistum Mainz. Motette-Verlag, Düsseldorf 2005, S. 30.