Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband

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Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband e. V.
Logo des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes
Basisdaten
Präses: Michael Diener
Generalsekretär: Frank Spatz
Gründungsjahr: 1888 (Vereinigung Ost-West 1991)
Mitgliedsverbände: 37
Mitglieder (inkl. Freunde): ca. 300.000
Gnadauer Zentrale in Kassel
Website: www.gnadauer.de

Der Evangelische Gnadauer Gemeinschaftsverband e. V. ist ein Dachverband regionaler Verbände und Werke und der zur deutschen Gemeinschaftsbewegung gehörenden Ausbildungsstätten, Missionen und diakonischen Werke und Einrichtungen. Er arbeitet innerhalb der evangelischen Landeskirchen in Deutschland. Sitz der pietistischen Organisation ist seit 2003 Kassel.[1]

Der Verband sieht seine Aufgabe darin, die Verständigung unter den Gemeinschaften zu stärken und Rahmenbedingungen für die Arbeit der Mitglieder zu schaffen. Er trifft Absprachen mit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), bietet Fortbildungen und Mitarbeiterbetreuung an und lädt jährlich zu Kongressen ein.

Die Deutsche Evangelische Allianz zählt den Gnadauer Verband zu den der Deutschen Evangelischen Allianz nahestehenden Organisationen.

Geschichte[Bearbeiten]

Vom 22. bis zum 24. Mai 1888 fand eine Pfingstkonferenz mit führenden Vertretern der Gemeinschaftsbewegung und ihr nahestehender Theologen in Gnadau bei Magdeburg statt, um Fragen des deutschen Gemeinschaftslebens zu erörtern. Von den insgesamt 142 Teilnehmern waren 68 Theologen, 74 waren Laien.[2] Die Konferenz gilt als erster Schritt zur Schaffung eines Mittelpunktes der deutschen Gemeinschaftsbewegung, deren Landesverbände bislang weitestgehend isoliert gearbeitet hatten.[3]

Die Wurzeln dieser Bewegung liegen im Pietismus. Im Laufe der Zeit sind die Einflüsse allerdings vielschichtiger geworden.

Gegründet wurde der Verband am 27. Oktober 1897 in Berlin unter dem Namen Deutscher Verband für evangelische Gemeinschaftspflege und Evangelisation.[4][5]

In der Zeit des Nationalsozialismus orientierte sich das Werk an der Bekennenden Kirche und distanzierte sich von den Deutschen Christen.[6] Nach dem Krieg, bedingt durch die Teilung Deutschlands, zerfiel der Verband in den „Gnadauer Verband“ und das „Evangelisch-kirchliche Gnadauer Gemeinschaftswerk in der DDR“. 1991 schlossen sich die beiden Verbände zum „Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband“ zusammen.

Erster Vorsitzender (Präses) des Werkes war der Reichsgraf Eduard von Pückler, der das Amt von 1897 bis 1906 bekleidete.[7][8] Von 1906 bis 1911 war Walter Michaelis zunächst ehrenamtlich, dann von 1919 bis 1953 hauptamtlich Vorsitzender des Verbandes.[9] Sein Nachfolger als Präses war von 1953 bis 1971 der Pfarrer Hermann Haarbeck, vormals der Direktor der Evangelistenschule Johanneum.[10] Vorsitzender war von 1971 bis zu seinem Tod 1988 der Pfarrer Kurt Heimbucher.[11][10]

Sein Nachfolger wurde Christoph Morgner, der das Amt des Verbandspräses 20 Jahre lang innehatte. Seit September 2009 amtiert als Präses der bisherige Pfälzer Dekan Michael Diener.

Am 3. Juni 1946 konstituierte sich das Ostwerk des Verbandes mit dem Namen „Evangelisch-kirchliches Gnadauer Gemeinschaftswerk in der DDR“.[12] Die Vorsitzenden waren Hans Dannenbaum (März 1946 bis Oktober 1947), Arthur Mütze (Oktober 1947 bis Februar 1963), Frithjof Glöckner (Juli 1963 bis Dezember 1972), Helmut Appel (Januar 1973 bis Dezember 1977) und Hans-Joachim Martens (Januar 1978 bis zum Zusammenschluss).[13]

Verbandsstruktur[Bearbeiten]

Die Gnadauer Zentrale in Kassel umfasst die Geschäftsstelle des Verbandes, das Gnadauer Archiv sowie den Gnadauer Verlag und bietet Tagungsmöglichkeiten.

Zum für sechs Jahre gewählten Vorstand gehören der Präses, der Generalsekretär, der Schatzmeister und mehrere Beisitzer. Zur Mitgliederversammlung gehören je zwei leitende Vertreter aller Verbände und Werke des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes. Dem Verband gehören ca. 100.000 eingetragene Mitglieder in den angeschlossen Verbänden an.[14]

Der Verband unterhält vierzehn Arbeitskreise.[15]

Der Vorstand[Bearbeiten]

  • Präses: Michael Diener (Kassel, seit 2009)
  • Generalsekretär: Frank Spatz (seit September 2014)
  • Schatzmeister: Jürgen Schleicher (Kassel)
  • 10 Beisitzer

Verbandsleben heute[Bearbeiten]

Viele evangelikale Christen innerhalb der Landeskirche haben sich heute in Form von sogenannten „Gemeinschaftsgemeinden“ selbstständig gemacht, da sie in den meisten landeskirchlichen Strukturen für ihre Haltungen keine Mehrheit finden. Von diesen eigenständigen Gemeinden innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) haben sich einige unter dem Dachverband Gnadauer Gemeinschaftsverband zusammengeschlossen. Häufig werden diese Gemeinschaften auch als „Evangelische Gemeinschaft“ bezeichnet.

Evangelische Gemeinschaften des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes sind keine Freikirchen, da ihre Mitglieder meist Mitglieder der jeweiligen Evangelischen Kirchengemeinde bleiben, was aber nicht zwingend notwendig ist. Sie sind ein „innerkirchliches Missionswerk“, das großen Wert auf Evangelisation und als authentisch empfundene Gemeinschaft legt. Der Fokus liegt meist darauf, wie die Bibel und ihre Botschaft im Alltag umgesetzt werden kann. Dabei helfen sich die Mitglieder gegenseitig durch intensiven Austausch über ihren Glauben in Kleingruppen. In den meisten Gemeinschaften gibt es Veranstaltungen ähnlich denen in Kirchengemeinden.

Seit den 1990er Jahren bilden sich vermehrt Strukturen ohne Verbindungen zur Landeskirche. Dabei existieren örtliche Gemeinschaften als christliche Gemeinden neben und unabhängig (auch finanziell) von der Amtskirche. Diese haben freikirchlichen Charakter. Obwohl dieses „Modell 4“ offiziell vom Gnadauer Verband nicht propagiert wird, bestehen in einzelnen Mitgliedsverbänden inzwischen ein Großteil der Gemeinschaften in dieser freikirchlichen Struktur (z. B. in der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland, im Ev. Gemeinschaftsverband Siegerland-Wittgenstein oder zum Teil auch im Herborner Gemeinschaftsverband).

Ein aktuelles Projekt im Verband ist das seit 2003 bestehende Projekt Zahnrad, in dem die Aktiven verstärkt darauf hinarbeiten, die verschiedenen Generationen der Gemeinschaften miteinander zu verzahnen.

Im Januar 2013 fand in Erfurt der Zukunfts-Kongress "Neues wagen" mit etwa 2.500 Haupt- und Ehrenamtlichen statt. Erwartet worden waren 3.000 Teilnehmer.[16] Schwerpunkte waren Geistliches Leben, Neugründung und Neubelegung von Gemeinden und Gemeinschaften sowie Gesellschaftliche und diakonische Verantwortung.

Liste der angeschlossenen Werke[Bearbeiten]

Gemeinschaftsverbände[Bearbeiten]

Jugendverbände[Bearbeiten]

  • Christlicher Jugendbund in Bayern (cjb)
  • Deutscher Jugendverband »Entschieden für Christus« (EC)
  • Die Apis. – Evangelischer Gemeinschaftsverband Württemberg e. V.
  • Gemeinschaftsjugend Pfalz[18]
  • Jugendwerk der Evangelischen Gesellschaft für Deutschland
  • Jugendwerk des Blauen Kreuzes in Deutschland

Theologische Ausbildungsstätten[Bearbeiten]

Missionswerke[Bearbeiten]

Diakonissen-Mutterhäuser[Bearbeiten]

Die im „Bund Deutscher Gemeinschafts-Diakonissen-Mutterhäuser“ zusammengeschlossenen Einrichtungen:

Die im Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband (DGD) zusammengeschlossenen Einrichtungen:

  • Diakonissen-Mutterhaus »Altvandsburg«
  • Diakonissen-Mutterhaus Bleibergquelle
  • Diakonissen-Mutterhaus »Hebron«
  • Gemeinschafts-Diakonissen-Mutterhaus Hensoltshöhe
  • Diakonissen-Mutterhaus Lachen
  • Diakonissen-Mutterhaus »Neuvandsburg«
  • Zendings-Diaconessenhuis (Niederlande) [21]

Verbindungen[Bearbeiten]

Der Gnadauer Verband ist Mitglied der Arbeitsgemeinschaft Missionarische Dienste (AMD), eines Fachverbandes des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland, sowie seit 1984 Teil von „EURIM“ (Europäische Innere Missionen), einem informellen Netzwerk der innerkirchlichen pietistischen Bewegungen in Europa.[22][23] Der Gnadauer Verband war von 1974 bis 1991 Mitglied der Konferenz Bekennender Gemeinschaften in der Evangelischen Kirche Deutschlands (KBG).[24] 1991 verließ der Gnadauer Gemeinschaftsverband die Konferenz Bekennender Gemeinschaften mit der Begründung, dass die Konferenz im Wesentlichen durch die Absage an die Moderne zusammengehalten werde.[25]

Literatur[Bearbeiten]

  • Kurt Heimbucher (Hrsg.): Dem Auftrag verpflichtet. Die Gnadauer Gemeinschaftsbewegung. Brunnen Verlag, Giessen, 1988, ISBN 3765557439
  • Reinhard Hempelmann (Hrsg.): Handbuch der evangelistisch-missionarischen Werke, Einrichtungen und Gemeinden, Christliches Verlagshaus Stuttgart, Stuttgart, 1997, Seite 147 ff, ISBN 978-3767577633
  • Michael Diener: Kurshalten in stürmischer Zeit. Walter Michaelis (1866–1953), ein Leben für Kirche und Gemeinschaftsbewegung. (TVG Kirchengeschichtliche Monographien), Brunnen Verlag, Gießen 1998, ISBN 3-7655-9422-9
  • Reinhard Scheerer: Bekennende Christen in den evangelischen Kirchen Deutschlands 1966-1991. Geschichte und Gestalt eines konservativ-evangelikalen Aufbruchs. Haag und Herchen, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-86137-560-5.
  • Friedhelm Jung: Die deutsche evangelikale Bewegung. Grundlinien ihrer Geschichte und Theologie. (Zugl.: Marburg, Univ., Diss., 1991) 3., erweiterte Auflage, Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn 2001, ISBN 3-932829-21-2.
  • Dieter Lange: Eine Bewegung bricht sich Bahn. Die deutschen Gemeinschaften im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert und ihre Stellung zu Kirche, Theologie und Pfingstbewegung. Brunnen Verlag, Gießen 1990, S. 116, ISBN 3765593591

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband: Impressum. Archiviert vom Original am 28. Oktober 2010, abgerufen am 28. Oktober 2010 (html, deutsch).
  2.  Dieter Lange, Kurt Heimbucher (Hrsg.): Dem Auftrag verpflichtet. Die Gnadauer Gemeinschaftsbewegung. Brunnen Verlag, Giessen 1988, ISBN 3765557439, S. 17.
  3.  Dieter Lange: Eine Bewegung bricht sich Bahn. Die deutschen Gemeinschaften im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert und ihre Stellung zu Kirche, Theologie und Pfingstbewegung. 3 Auflage. Brunen Verlag, Gießen 1990, ISBN 3765593591, S. 85.
  4. Dieter Lange, Eine Bewegung bricht sich Bahn, a.a.O. S. 116
  5. Reinhard Scheerer: Bekennende Christen in den evangelischen Kirchen Deutschlands 1966-1991. Geschichte und Gestalt eines konservativ-evangelikalen Aufbruchs. Haag und Herchen, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-86137-560-5, S. 27.
  6.  Christoph Morgner: Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband. In: Helmut Burkhardt und Uwe Swarat (Hrsg.): Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. 1, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal 1992, ISBN 3417246415, S. 574.
  7. Die Geschichte des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes. Archiviert vom Original am 2. November 2010, abgerufen am 2. November 2010 (html, deutsch).
  8.  Jörg Ohlemacher: Pückler, Graf Eduard von (1853-1924). In: Helmut Burkhardt und Uwe Swarat (Hrsg.): Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. 3, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal 1992, ISBN 3417246431, S. 1634.
  9.  Gerhard Ruhbach: Michaelis, Walter (1866-1953). In: Helmut Burkhardt und Uwe Swarat (Hrsg.): Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. 2, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal 1993, ISBN 3417246423, S. 1339.
  10. a b  Werner Paschko, Kurt Heimbucher (Hrsg.): Dem Auftrag verpflichtet. Die Gnadauer Gemeinschaftsbewegung. Brunnen Verlag, Giessen 1988, ISBN 3765557439, S. 51.
  11.  Gerhard Ruhbach: Konkordienbuch/-formel. In: Helmut Burkhardt und Uwe Swarat (Hrsg.): Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. 2, R. Brockhaus Verlag, Wuppertal 1993, ISBN 3417246423, S. 890.
  12.  Werner Paschko, Kurt Heimbucher (Hrsg.): Dem Auftrag verpflichtet. Die Gnadauer Gemeinschaftsbewegung. Brunnen Verlag, Giessen 1988, ISBN 3765557439, S. 53.
  13.  H.-J. Martens, Evangelisches-Kirchliches Gnadauer Gemeinschaftswerk in der DDR (Hrsg.): Du, Herr, hast uns gerufen. 100 Jahre Gnadauer Gemeinschaftswerk. Evangelische Verlagsanstalt, Berlin 1988, ISBN 3374005853, S. 377 ff.
  14. Protokoll Mitgliederversammlung Evangelischer Gnadauer Verband 13.-15.02.2014, Bad Blankenburg
  15. Organigramm, auf: Website des Verbandes
  16. Präsesbericht 2012, S. 4 Fn. 3 [1]
  17. Gemeinschaftsverbände. Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband, archiviert vom Original am 10. Dezember 2010, abgerufen am 10. Dezember 2010 (html, deutsch).
  18. Jugendverbände. Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband, archiviert vom Original am 14. Dezember 2010, abgerufen am 14. Dezember 2010 (html, deutsch).
  19. Theologische Ausbildungsstätten. Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband, archiviert vom Original am 14. Dezember 2010, abgerufen am 14. Dezember 2010 (html, deutsch).
  20. Äußere Mission. Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband, archiviert vom Original am 14. Dezember 2010, abgerufen am 14. Dezember 2010 (html, deutsch).
  21. a b Diakonissen-Mutterhäuser. Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband, archiviert vom Original am 15. Dezember 2010, abgerufen am 15. Dezember 2010 (html, deutsch).
  22. Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband e.V.:Heute. Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband, archiviert vom Original am 15. Dezember 2010, abgerufen am 15. Dezember 2010 (html, deutsch).
  23. EURIM:Map & Links. EURIM, archiviert vom Original am 15. Dezember 2010, abgerufen am 15. Dezember 2010 (html, englisch).
  24. Friedhelm Jung: Die deutsche evangelikale Bewegung. Grundlinien ihrer Geschichte und Theologie. (Zugl.: Marburg, Univ., Diss., 1991) 3., erweiterte Auflage, Verlag für Kultur und Wissenschaft, Bonn 2001, ISBN 3-932829-21-2, S. 107
    bzw. Reinhard Scheerer: Bekennende Christen in den evangelischen Kirchen Deutschlands 1966–1991. Geschichte und Gestalt eines konservativ-evangelikalen Aufbruchs. Haag und Herchen, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-86137-560-5, S. 23ff bzw. S. 160f.
  25. Reinhard Scheerer: Bekennende Christen in den evangelischen Kirchen Deutschlands 1966-1991. Geschichte und Gestalt eines konservativ-evangelikalen Aufbruchs. Haag und Herchen, Frankfurt am Main 1997, ISBN 3-86137-560-5, S. 160ff.