Gnade der späten Geburt

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Die Gnade der späten Geburt ist ein von dem deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl in den Jahren 1983/1984 geprägter Ausspruch, der zum Ausdruck bringen sollte, dass die Deutschen, die nach 1930 geboren worden waren, im Nationalsozialismus nicht schuldig (d. h. nicht zum Täter oder Mitläufer) werden konnten. Sie waren so „spät“ geboren worden, dass sie sich nicht selbst und bewusst für oder gegen den Nationalsozialismus entscheiden mussten.[1] Der Begriff, der ursprünglich von dem Journalisten Günter Gaus verwendet und von Kohl übernommen worden war,[1] entwickelte sich rasch zum politischen Schlagwort. Er stand im Zusammenhang mit der damals von Kohl ausgerufenen Politik der sogenannten geistig-moralischen Wende nach 1982.

Geschichte[Bearbeiten]

Kohl verwendete den Begriff der „Gnade der späten Geburt“ schon im Jahr 1983 im Vorfeld seines damaligen Staatsbesuchs in Israel, um das Verhältnis seiner Generation gegenüber dem jüdischen Staat zu beschreiben. Der Spiegel schrieb damals, er habe sich gegenüber dem israelischen Ministerpräsidenten Menachem Begin „als Mann der neuen Generation präsentieren“ wollen. „Die ‚Gnade der späten Geburt‘, so glaubte der 53jährige Kanzler, gebe ihm die Standfestigkeit, selbst einem Mann wie Begin unbefangen vor die Augen zu treten.“ Zu der Begegnung, auf die sich Kohl umfangreich vorbereitet habe, kam es damals nicht mehr, da Begin im September 1983 zurückgetreten war.[2]

Helmut Kohl gebrauchte den Begriff gleichwohl während seiner Israelreise im darauffolgenden Januar. Bei der Begrüßung am Flughafen von Tel Aviv sagte er am 24. Januar 1984, er sei „als Vertreter eines ‚neuen Deutschland‘ gekommen, als ‚erster Bundeskanzler aus der Nachkriegsgeneration‘, die einen unbefangeneren politischen Umgang zwischen Deutschen und Israelis wolle als frühere Generationen.“[3] Seine Rede vor der Knesset am selben Tag, die unter Protesten mehrerer Abgeordneter stattfand, begann er mit den Worten: „Ich rede vor Ihnen als einer, der in der Nazizeit nicht in Schuld geraten konnte, weil er die Gnade der späten Geburt und das Glück eines besonderen Elternhauses gehabt hat.“[4] Er hob sein Geburtsdatum auch später während des Besuchs noch mehrmals hervor, betonte aber gleichwohl die besondere deutsche Verantwortung für Israel. Deutschland war damals wegen Waffenlieferungen an Saudi-Arabien in die Kritik geraten.[3] Die deutsch-israelischen Beziehungen seien „immer mehr ein normales Verhältnis geworden“, deshalb sei auch dieser Verkauf von deutschen Waffen an die Gegner Israels nicht mehr ausgeschlossen.[5]

Später wies der Publizist Günter Gaus darauf hin, dass er bereits vor Kohl von der „Gnade der späten Geburt“ gesprochen und Kohl diesen Begriff nur plagiiert habe. Er hatte damit allerdings auf die protestantische Rechtfertigungslehre nach Martin Luther Bezug genommen und damit eine Gnade gemeint, „die keine Schuld tilgt und die nicht durch eigenes Verdienst erworben werden kann.“ Das Wort war in der Folge aus diesem Zusammenhang gerissen worden, sein Sinn wurde in das Gegenteil verkehrt, was ursprünglich damit gemeint war.[6] Gaus sagte, der Begriff sei als Alibi für einen „Schlusstrich“ missbraucht worden.[3]

Erst 1990 stellte Kohl klar, was er bei seinem Israel-Besuch gemeint hatte: „Die Gnade der späten Geburt ist nicht das moralische Verdienst meiner Generation, der Verstrickung in Schuld entgangen zu sein. Gnade meint hier nichts weiter als den Zufall des Geburtsdatums.“[3]

Rezeption[Bearbeiten]

Der Begriff der „Gnade der späten Geburt“ wurde seinerzeit vehement kritisiert, weil darin der Versuch erkannt wurde, die Nachkriegsgeneration von ihrer Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust freizusprechen.[7] So sei der Eindruck entstanden, Kohl gewähre sich selbst den Ablass,[6] als sei er infolge dieser Gnade tatsächlich „legitimiert, mit der Vergangenheit unbefangen umzugehen“.[8] Auch bei dem Skandal um die Rede am 10. November 1988 im Deutschen Bundestag, der zum Rücktritt von Bundestagspräsident Philipp Jenninger geführt hatte, wurde an Kohls Ausspruch erinnert.[5]

Die Kritik setzte aber nicht unmittelbar ein, sondern erst ein Jahr später, als Helmut Kohl 1985 gemeinsam mit Ronald Reagan den Soldatenfriedhof Bitburg besuchte, auf dem auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt sind, und als der Historikerstreit entbrannte.

Der politische Ausspruch Kohls wurde im Einzelnen sehr unterschiedlich wahrgenommen. Kritiker sahen in der Formulierung das mögliche Problem, dass spätere Generationen die historische Verantwortung von sich weisen würden und damit zugleich kein Verantwortungsbewusstsein mehr für aufkeimenden Faschismus und Antisemitismus entwickelten. Der damalige Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Heinz Galinski warnte, die Gnade der späten Geburt dürfe „nicht zum Fluch des frühen Rückfalls“ werden.[9]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Christel Gärtner, Karl Gabriel, Hans-Richard Reuter: Religion bei Meinungsmachern. VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden. 2012. ISBN 978-3-531-18443-2. Fußnote 56 auf S. 220f. (zitiert nach der Vorschau auf Google Books am 8. März 2014).
  2.  Späte Geburt. In: Der Spiegel. Nr. 36, 1983 (online)., S. 35.
  3. a b c d Monika Köpcke: Vor 20 Jahren: Helmut Kohl trifft in Israel ein und spricht von der „Gnade der späten Geburt“. In: Deutschlandradio Berlin. Kalenderblatt. 24. Januar 2004 (archiviert im Internet Archive). Abgerufen am 8. März 2014.
  4. Süddeutsche Zeitung, zitiert bei: Monika Köpcke: Vor 20 Jahren: Helmut Kohl trifft in Israel ein und spricht von der „Gnade der späten Geburt“. In: Deutschlandradio Berlin. Kalenderblatt. 24. Januar 2004 (archiviert im Internet Archive). Abgerufen am 8. März 2014.
  5. a b  „Mit Knobelbechern durch die Geschichte“. In: Der Spiegel. Nr. 46, 1988, S. 22–28, 27 (online).
  6. a b Claudius Seidl: Das war die BRD. Rezension von: Günter Gaus: Widersprüche. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 24. Oktober 2004. Abgerufen am 8. März 2014.
  7. Lars Rosumek: Die Kanzler und die Medien. Acht Porträts von Adenauer bis Merkel. Campus Verlag. Frankfurt am Main. 2007. ISBN 3-593-382148. S. 174 (zitiert nach der Vorschau auf Google Books am 8. März 2014).
  8.  Jürgen Leinemann: National verstand sich von selbst. SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Kohls Geschichtsverständnis. In: Der Spiegel. Nr. 46, 1986, S. 24–26, 24 (online).
  9.  Rückspiegel. Zitate, Der SPIEGEL berichtete .... In: Der Spiegel. Nr. 52, 1986, S. 182 (online).