Gotthold Hasenhüttl

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Gotthold Nathan Ambrosius Hasenhüttl (* 2. Dezember 1933 in Graz) ist ein in Deutschland tätiger österreichischer suspendierter römisch-katholischer Priester, Theologe und Kirchenkritiker.

Hasenhüttl war von 1974 bis 2002 Professor für Systematische Theologie. Theologisch folgt Hasenhüttl in seinen Überlegungen dem relational-dialogischen Ansatz, der Ideen des Existentialismus des 20. Jahrhunderts für die Systematik fruchtbar machen will. Er setzt sich für die Interkommunion, d. h. die gemeinsame Eucharistiefeier von Christen unterschiedlicher Konfessionen, sowie für die Aufhebung der Zölibatsverpflichtung für katholische Priester ein. Dies sowie weitere Kritik an der „starren, fundamentalistisch orientierten Institution“[1] der römischen Kirche brachte ihn in schwere Konflikte mit deren Hierarchie, die ihn 2003 als Priester suspendierte und ihm 2006 die Lehrerlaubnis als Hochschullehrer entzog. 2010 trat Hasenhüttl formell aus der römisch-katholischen Kirche aus.[2]

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach dem Besuch der Volksschule in seinem Geburtsort Graz sowie des dortigen Akademischen Gymnasiums studierte Hasenhüttl Philosophie und katholische Theologie, zunächst an der Universität Graz, ab 1953 in Rom an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Hier erwarb er 1956 das Lizenziat der Philosophie sowie 1960 das der Theologie. 1959 empfing er in Rom die Priesterweihe.[3]

1962 promovierte Hasenhüttl zum Dr. theol. Danach war er zwei Jahre als Kaplan in Sankt Lorenzen im Mürztal in der Steiermark tätig, bevor er 1964 als Assistent an die Universität Tübingen wechselte. Hasenhüttl war Wissenschaftlicher Assistent von Prof. Hans Küng am 1963/64 von Küng gegründeten Institut für Ökumenische Forschung. Küng und Ratzinger waren eine Weile die beiden Stelleninhaber der Professuren des dogmatischen Lehrstuhls der römisch-katholisch theologischen Fakultät der Universität Tübingen.[4] 1969 habilitierte er sich und begann zu lehren. 1972 promovierte er zum Dr. phil. mit einer Arbeit über den Gottesgedanken bei Sartre.[3]

Von 1974 bis zu seiner Emeritierung 2002 war er Professor für Systematische Theologie an der Philosophischen Fakultät der Universität des Saarlandes. Seit 1989 ist er Vorsitzender der Internationalen Paulusgesellschaft. Seit 1993 ist er ordentliches Mitglied der Academia Scientiarum et Artium Europaea.

Beim Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin zelebrierte er einen Gottesdienst nach römisch-katholischem Ritus und lud explizit alle Anwesenden zur Kommunion ein. Deshalb wurde er 2003 als Priester suspendiert, und 2006 wurde ihm die Lehrerlaubnis, das „Nihil obstat“, entzogen.

2010 trat er nach jahrelangem Streit mit den Hierarchen der Katholischen Kirche aus der Kirche als Körperschaft des öffentlichen Rechts aus. Er betonte, „selbstverständlich“ aber weiterhin der Glaubensgemeinschaft der Katholischen Kirche anzugehören.[1][5]

Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Theologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hasenhüttl schrieb 1979 in seinem Buch Kritische Dogmatik, dass der Glaube nie für sich in Anspruch nehmen dürfe, eine ewig gültige objektive Wahrheit zu sein. 2001 erschien sein Buch Glaube ohne Mythos, in dem er die These vertritt, dass sich Gott in der Liebe zwischen den Menschen zeige. Es sei zweitrangig, ob Jesus gelebt habe, und die Eucharistie sei Realsymbol für Jesus Christus, gleichsam ein „himmlisches Bild“.[6]

Hasenhüttl versteht Gott als Ereignis der Liebe im zwischenmenschlichen Kontext, fordert Paradigmenwechsel vom Juridischen hin zum Charismatischen. Nach seiner Aussage habe „Jesus selbst keine Kirche gegründet. Er hat ihr daher a fortiori keine institutionelle Struktur gegeben; ein hierarchisches Prinzip hat mit dem Wesen der Kirche nichts zu tun.“[7]

Hasenhüttl wurde von der römischen Glaubenskongregation vorgeworfen, er vertrete „irrige und unhaltbare Lehrmeinungen“ und interpretiere die katholische Lehre in „ungebührlicher und abwegiger Weise“.[8] Hasenhüttls Haltung wurde von Leo Scheffczyk und von Joseph Ratzinger kritisiert.[9] Ratzinger sagte, Hasenhüttl habe eine Dogmatik geschrieben, „in der er uns sagt, dass es Gott als eine in sich seiende Wirklichkeit gar nicht gibt, sondern lediglich ein Begegnungsereignis sei, […] eine gewisse Weise der Mitmenschlichkeit“, das sei „nicht katholisch“.[10]

Interkommunion mit Nichtkatholiken[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am Rande des ökumenischen Kirchentags 2003 in Berlin feierte Hasenhüttl in der evangelischen Gethsemanekirche einen so bezeichneten „Abendmahlsgottesdienst nach katholischem Ritus“, wobei er explizit auch Protestanten und Nicht-Katholiken zur Kommunion einlud. Etwa 2000 Personen waren bei dieser Liturgie anwesend, die vom Ökumenischen Netzwerk „Initiative Kirche von unten“, der Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“ und der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg-Nord vorbereitet wurde. Der Gottesdienst war kein Teil des offiziellen Kirchentags.

Wegen dieser Interzelebration wurde er durch den damaligen Trierer Bischof Reinhard Marx am 17. Juli 2003 vom Priesteramt suspendiert. Marx drohte Hasenhüttl mit Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis, falls er nicht einlenke. Als Reaktion warf Hasenhüttl den Bischöfen vor, sie verlangten „Eichmann-Gehorsam“. In der Folge äußerte sich Bundespräsident Rau, der „als evangelischer Christ“ die Haltung der katholischen Kirche zum „Abendmahlsstreit“ kritisierte.

Hasenhüttl legte sofort Beschwerde gegen die Suspension ein, weshalb diese am 21. Juli 2003 vorläufig bis zur Entscheidung des Heiligen Stuhls ausgesetzt wurde. Am 3. Juni 2004 wurde die Suspendierung vom Heiligen Stuhl per Dekret bestätigt. Hasenhüttl legte dagegen einen Rekurs ein, der aufschiebende Wirkung hatte.

Am 12. November 2004 wies die Glaubenskongregation seinen Rekurs zurück. Die Entscheidung bezeichnete die „verschiedenen Episoden, die der Beschwerdeführer zu seiner Verteidigung angeführt hat“ und welche nach Ansicht der Kongregation „sein Verhalten nicht rechtfertigen würden“, und wandte sich auch gegen „einige unhaltbare Lehrmeinungen […], die in der Beschwerde ausdrücklich enthalten sind oder implizit vorausgesetzt werden“ und welche Hasenhüttls Verhalten nicht rechtfertigen würden, sondern ihn sogar in „grundsätzlich lehrmäßiger Art“ belasten würden. Mit Dekret vom 2. Januar 2006 wurde Hasenhüttl durch Bischof Marx auch die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen.

Zeitgleich zum Ökumenischen Kirchentag 2010 in München feierte er dort trotz Verbots erneut ein ökumenisches Abendmahl. Der Gottesdienst fand zusammen mit dem protestantischen Pfarrer Eberhard Braun im völlig überfüllten Hörsaal 1180 der TU München statt, weil keine katholische oder evangelische Kirche in München bereit war, einen Raum zur Verfügung zu stellen. Die Abendmahlfeier fand nach der leicht geänderten sogenannten Lima-Liturgie statt.[11]

Haltung zu den Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hasenhüttl macht den emeritierten Papst Benedikt XVI. direkt für die systematische Vertuschung sexuellen Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche verantwortlich. Als Präfekt der Glaubenskongregation habe Joseph Ratzinger – der spätere Papst Benedikt XVI. – allen Bischöfen in einem Schreiben vom 18. Mai 2001 unter Androhung kirchenrechtlicher Strafen untersagt, Missbrauchsfälle an die Öffentlichkeit zu tragen. Deswegen sei er der Hauptverantwortliche für die Vertuschung. Hasenhüttl kritisiert insbesondere den Hirtenbrief von Benedikt XVI. zum sexuellen Missbrauch in der irischen Kirche. Dies zum einen, weil er nur auf die irische Kirche fokussiere und weil Papst Benedikt die Taten „relativieren“ wolle, indem er schreibe, dass die Missbrauchsfälle kein rein kirchliches Problem seien. Als selbstverstandene Hüterin der Moral könne die Kirche nicht so argumentieren. „Wenn in Familien Missbrauch geschieht, ist das keine Rechtfertigung, dass es ihn auch in der Kirche gibt.“[12]

Kirchenaustritt 2010[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hasenhüttl trat am 28. September 2010 im Standesamt Saarbrücken aus der römisch-katholischen Kirche aus. In einem Brief an Bischof Stephan Ackermann erklärte er, er verlasse die Kirche „als Körperschaft des öffentlichen Rechts“,[1] nicht jedoch die „Katholische Kirche als Glaubensgemeinschaft“. Er sei „ausschließlich als Kirchensteuerzahler willkommen“ und eine „echte Ökumene“ würde von dieser Institution nicht angestrebt. Sollte es sich zeigen, dass die Katholische Kirche als Institution sich wieder voll an Jesu froher Botschaft orientiert, werde er gerne in ihr seinen Platz wieder suchen.[2]

Werke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Glaubensvollzug. Eine Begegnung mit Rudolf Bultmann aus katholischem Glaubensverständnis. Essen 1963 (Diss.).
  • Geschichte und existenziales Denken. Wiesbaden 1965.
  • Der unbekannte Gott? Einsiedeln 1965.
  • Charisma. Ordnungsprinzip der Kirche. Freiburg u. a. 1969.
  • Gefährdet die moderne Exegese den Glauben? Graz/Köln 1970.
  • Füreinander dasein. Brennpunkte moderner Glaubensproblematik. Freiburg 1971.
  • Gott ohne Gott. Ein Dialog mit Jean-Paul Sartre. Graz 1972.
  • Christentum ohne Kirche. Aschaffenburg 1973.
  • Herrschaftsfreie Kirche. Sozio-theologische Grundlegung. Düsseldorf 1974.
  • Formen kirchlicher Ketzerbewältigung (mit Josef Nolte). Düsseldorf 1976.
  • Kritische Dogmatik. Graz 1979.
  • Einführung in die Gotteslehre. Darmstadt 1980.
  • Freiheit in Fesseln. Die Chance der Befreiungstheologie. Ein Erfahrungsbericht. Olten 1985.
  • Die Augen öffnen. Betrachtungen für alle Wochen des Jahres. München 1990.
  • Schwarz bin ich und schön. Der theologische Aufbruch Schwarzafrikas. Darmstadt 1991.
  • Glaube ohne Mythos, 2 Bände. Mainz 2001.
    • Band 1: Offenbarung – Jesus Christus – Gott.
    • Band 2: Mensch – Glaubensgemeinschaft – Symbolhandlungen – Zukunft.
  • Ökumenische Gastfreundschaft. Ein Tabu wird gebrochen. Stuttgart 2006.
  • Christen gegen Christen. Der Streit um das gemeinsame Abendmahl. Stuttgart 2010
  • Glaube ohne Denkverbote. Für eine humane Religion. Darmstadt 2012

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kontroverse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Daniel Kirch: Saarbrücker Theologe Hasenhüttl ist aus der katholischen Kirche ausgetreten. In: Saarbrücker Zeitung, 16. November 2010, abgerufen am 16. November 2016.
  2. a b Theologe Hasenhüttl tritt aus der katholischen Kirche aus. Zeit Online, 16. November 2010, abgerufen am 16. November 2016.
  3. a b Lebenslauf auf Hasenhüttls Webseite bei der Universität des Saarlandes, Stand 3. September 2015, abgerufen am 16. November 2016.
  4. Vorlesungsverzeichnis der Universität Tübingen, 1968
  5. Gotthold Hasenhüttl: Wortlaut der Austrittserklärung und des Briefs an Bischof Ackermann auf Hasenhüttls Webseite bei der Universität des Saarlandes, 16. November 2010.
  6. Matthias Stolz: Nein und Amen. Die Zeit 4/2006, 19. Januar 2006, abgerufen am 16. November 2016.
  7. Macht Kirche. Plattform „Wir sind Kirche“, München 1998, S. 37.
  8. Kommunion für Frère Roger Schutz war ungeplant. Österreichischer Rundfunk, 11. Juli 2005, abgerufen am 16. November 2016.
  9. Kardinal Ratzinger kritisiert Hasenhüttl. Österreichischer Rundfunk, 24. Juli 2003, abgerufen am 16. November 2016.
  10. Gernot Facius: Sie zanken wie die Protestanten. Die Welt, 23. September 2003, abgerufen am 16. November 2016.
  11. Hasenhüttl hält „inoffiziellen“ Abendmahlsgottesdienst. epd-Artikel auf evangelisch.de, 16. Mai 2010, archiviert vom Original am 19. Mai 2010, abgerufen am 16. November 2016.
  12. Theologe gibt Papst Verantwortung für Vertuschung – und spricht zu Benedikts „Hirtenbrief“. Neue Rundschau, März 2010, archiviert vom Original am 9. September 2012, abgerufen am 16. November 2016.
    Gotthold Hasenhüttl: Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche – ein Symptom? Website Gotthold Hasenhüttls bei der Universität des Saarlandes, abgerufen am 16. November 2016.