Grafschaft Lingen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Die Grafschaft Lingen um 1560
Die Niedergrafschaft Lingen nach der Teilung der Grafschaft Lingen
Wappen der Grafschaft Lingen
Stammwappen der Grafen zu Lingen

Die Grafschaft Lingen war ein Territorium des Heiligen Römischen Reiches. Sie gehörte zum westfälischen Reichskreis und war von den Hochstiften Münster und Osnabrück sowie der Grafschaft Tecklenburg umgeben. Sie war unterteilt in eine obere, zu der die Kirchspiele Ibbenbüren, Brochterbeck, Recke und Mettingen gehörten, und eine niedere Grafschaft, zu der die Kirchspiele Beesten, Bramsche, Freren, Lengerich, Lingen, Schapen, Spelle und Thuine gehörten. Die Obergrafschaft gehörte später mit dem Kreis Tecklenburg zum preußischen Regierungsbezirk Münster, heute zum Kreis Steinfurt. Die Niedergrafschaft mit einer Fläche von 330 km² wurde mit einigen anderen Gebietsteilen zum Landkreis Lingen vereinigt, der 1977 im Landkreis Emsland aufging.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grafschaft Lingen gehörte zum Stammesherzogtum Sachsen und zum Venkigau. Im Januar 1180 entzog Friedrich Barbarossa dem sächsischen Herzog Heinrich der Löwe die Reichslehen.

Graf Nikolaus II. von Tecklenburg-Schwerin (1388–1426)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Während der Regentschaft von Graf Nikolaus II. von Tecklenburg verlor dieser nach dem Krieg mit Bischof Otto IV. von Münster und Bischof Dietrich von Osnabrück Teile seiner Niedergrafschaft Lingen. Er musste Bevergern-Rheine, die Hälfte der Pfarrei Plantlünne und Schapen sowie den Osten-, den Stader und Spellerwald abtreten.[1]

Graf Nikolaus III. von Tecklenburg-Schwerin (1493–1496)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Grafschaft Lingen wurde 1493 von der Grafschaft Tecklenburg abgespalten. Graf Nikolaus III. von Tecklenburg-Schwerin war durch seinen zweitältesten Sohn Nikolaus gezwungen worden, ihm die Herrschaft über den Kernbereich seines Landes zu übergeben und sich selber aufs Altenteil nach Lingen zurückzuziehen (Friedensschluss von Hamm 1493).[2]

1496 starb Nikolaus III.; sein Erbe war sein ältester Sohn Otto III. Er übernahm die Grafschaft Tecklenburg und verdrängte seinen Bruder Nikolaus nach Lingen. Der bezog 1498 als Nikolaus IV. mit seiner Mutter die Burg Lingen.

Graf Nikolaus IV. von Tecklenburg-Schwerin (1498–1541)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Graf Nikolaus IV. versuchte, sich durch Überfälle auf Kaufleute im benachbarten Bistum Münster zu bereichern. Daraufhin ließ der Bischof von Münster 1518 die Grafschaft Lingen für ein Jahr erobern; Nikolaus IV. musste fliehen. Nach seiner Rückkehr sorgte er dafür, dass Lingen zu einer Festung ausgebaut wurde. Um einen starken Verbündeten zu gewinnen, brachte er 1526 die einstmals unabhängige Grafschaft in das Herzogtum Geldern ein und ließ sie sich gleichzeitig von Herzog Karl von Egmond als Lehen zurückübertragen.

Nikolaus IV. blieb unverheiratet. Eine standesgemäße Heirat verhinderte sein Tecklenburger Bruder, Graf Otto III.: Als Nikolaus sich mit der Gräfin von Nassau-Beilstein verloben wollte, sperrte Otto ihn ein Jahr lang ein, bis er die Heiratspläne aufgab. Otto hingegen hatte geheiratet und einen Sohn bekommen, Konrad, der ihn 1541 beerbte.

Graf Konrad von Tecklenburg-Schwerin (1541–1547)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Nikolaus starb, war Konrad von Tecklenburg-Schwerin, sein Neffe und Graf von Tecklenburg, der nächste Verwandte und erbte die Grafschaft Lingen. Wie vor 1493 waren die Gebiete der Grafschaften Tecklenburg und Lingen wieder in einer Hand.

Es blieb jedoch das Lehen von 1526. Karl von Egmond selbst hatte 1528 Kaiser Karl V. als Lehnsherrn seines Herzogtums anerkennen müssen und war 1538 kinderlos gestorben. Als seinen Erben hatte er den Herzog von Kleve bestimmt. Der Kaiser betrachtete das Herzogtum Geldern jedoch als an ihn zurückgefallen - und damit nach Nikolaus’ Tod auch die Grafschaft Lingen. Hinzu kam, dass Konrad evangelisch war und nun auch in Lingen die Reformation einführte; er gehörte dem Schmalkaldischen Bund evangelischer Herrscher an. 1546 verhängte der katholische Kaiser die Reichsacht über ihn.

Maximilian von Egmond, Graf von Büren (1547–1548)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl V. rückte 1547 mit seinen Truppen heran, die von Maximilian von Egmond, Graf von Büren, angeführt wurden. Obwohl Konrad große Mühen auf den Ausbau der Festung Lingen verwendet hatte, hatte er keine Chance gegen die Übermacht. Konrad musste dem Kaiser Karl die Grafschaft Lingen und 25.000 Taler in bar überlassen, damit die Acht aufgehoben wurde. Der Kaiser belehnte den siegreichen Grafen Maximilian mit dem Lingener Land. Maximilian wurde am 29. Juni 1548 Lehnsgraf der Grafschaft Lingen. Er verstarb aber noch im selben Jahr.

Anna von Egmond, Gräfin von Büren (1548–1551)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine Erbin, die 1533 geborene Anna von Egmond, wurde nach dem Tod ihres Vaters Maximilian von Egmond Lehnsherrin. Als sie 1551 den Prinzen Wilhelm von Nassau-Oranien heiratete, stimmte Kaiser Karl V. dieser Heirat nur unter der Bedingung zu, dass die Grafschaft an ihn veräußert wird. Die Grafschaft wurde daraufhin für 120.000 Goldgulden an Kaiser Karl V. verkauft.

Maria von Ungarn (1551–1555)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Für Kaiser Karl V. war die Grafschaft Lingen ein Standort von strategischer Bedeutung. Aus diesem Grund übertrug Karl V. nach dem Erwerb der Grafschaft diese an seine Schwester Maria von Ungarn, die Statthalterin der Niederlande. Das Lehen wurde ihr am 7. Mai 1550 übertragen. Während ihrer Lehnsschaft wurde 1555 das von alters her geltende Recht zusammengefasst und als „Lingensches Landrecht“ in Kraft gesetzt.

König Philipp II. (1555–1597)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bei der Abdankung von Karl V. 1555 übertrug dieser die Grafschaft Lingen zusammen mit seinen habsburgischen Besitzungen und den burgundischen Ländern auf seinen ältesten Sohn Philipp II., der dadurch König von Spanien wurde.

Die Grafschaft Lingen war nun eine spanische Besitzung und östlicher Außenposten des Weltreiches von König Philipp II. Damit wurde die Grafschaft auch Gegenstand des Achtzigjährigen Krieges zwischen Spanien und den Niederlanden. 1597 eroberte Prinz Moritz von Oranien Lingen.

Moritz von Oranien (1597–1605)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fürst Moritz von Oranien eroberte die Grafschaft Lingen beim Feldzug von 1597 für die Utrechter Union. 1605 wurde die Grafschaft vom spanischen Feldherren Ambrosio Spinola zurückerobert.

Weitere Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von 1605 bis 1632 hatten die Spanier nochmals die Grafschaft inne, nach deren Abzug aber wieder das Haus Nassau-Oranien. Nach dem Tod König Wilhelms III. von England im Jahr 1702 erbte König Friedrich I. in Preußen die Grafschaft Lingen, die er 1707 wieder mit der käuflich erworbenen Grafschaft Tecklenburg vereinigte. Eine westliche territoriale Erweiterung der Grafschaft erfolgte im Jahr 1802 durch die Säkularisierung des Hochstiftes Münster.

Preußen von 1801 bis 1806

1807 wurde die Grafschaft von den Franzosen besetzt. 1809 wurde sie dem Großherzogtum Berg (Département Ems) und 1810 an Frankreich (Departement Oberems) übertragen. 1814 fiel die Grafschaft wieder an Preußen; aber durch den Verzicht Preußens auf die Niedere Grafschaft Lingen wurde 1815 Lingen Teil des auf den Wiener Kongress neugegründeten Königreiches Hannover. Durch die Kulturverordnung vom 25. Juni 1822 sowie den Nachtrag vom 12. März 1824 erging die rechtliche Weisung zur Simultannutzung der protestantischen Kirchen und Schulen in der Grafschaft.[3] Diese Verordnung wurde aber schon 1827/1830, aufgrund des nicht endenden Streites um die Kirchennutzung, wieder aufgehoben.[4] Zudem wurde 1824 die Niedergrafschaft Lingen durch Papst Leo XII. mit dem Bistum Osnabrück vereinigt.

Auf dem Neumarkt in Ibbenbüren erinnert das Preußendenkmal an die Verbindung Lingen-Preußen. Es wurde 1902 anlässlich der 200-jährigen Zugehörigkeit der Obergrafschaft Lingen zum Königreich Preußen auf dem Oberen Markt aufgestellt und 1984 auf den Neumarkt umgesetzt.

Das Preußendenkmal in Ibbenbüren wurde 1902 anlässlich der 200-jährigen Zugehörigkeit der Obergrafschaft Lingen zum Königreich Preußen aufgestellt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Bernhard A. Goldschmidt: Geschichte der Grafschaft Lingen und ihres Kirchenwesens insbesondere. Overwetter, Osnabrück 1850 Digitalisat
  • Johann Caspar Möller: Geschichte der vormaligen Grafschaft Lingen von den aeltesten Zeiten bis auf unsere Tage. Lingen 1879, ISBN 3-921663-07-5 (Nachdruck)
  • Karl-Eberhard Nauhaus: Das Emsland im Ablauf der Geschichte. Sögel 1984, ISBN 3-925034-00-5.
  • Lehrerverein der Diözese Osnabrück: Der Kreis Lingen. Beiträge zur Heimatkunde des Regierungsbezirks Osnabrück Heft I. Verlag R. van Acken, Lingen/Ems 1905.
  • Werner Kaemling: Atlas zur Geschichte Niedersachsens. Gerd J. Holtzmeyer Verlag, Braunschweig 1987, ISBN 3-923722-44-3.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. [1] R. von Acken: Geschichte des Kreises Lingen: Die allgemeine Geschichte, S. 211.
  2. [2] R. von Acken: Geschichte des Kreises Lingen: Die allgemeine Geschichte, S. 212.
  3. R. von Aken: Geschichte des Kreises Lingen: Die allgemeine Geschichte, S. 360.
  4. R. von Aken: Geschichte des Kreises Lingen: Die allgemeine Geschichte, S. 400.
Meyers Dieser Artikel basiert auf einem gemeinfreien Text aus Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage von 1888 bis 1890.
Bitte entferne diesen Hinweis nur, wenn du den Artikel so weit überarbeitet hast, dass der Text den aktuellen Wissensstand zu diesem Thema widerspiegelt, dies belegt ist und er den heutigen sprachlichen Anforderungen genügt.

Um danach auf den Meyers-Artikel zu verweisen, kannst du {{Meyers Online|Band|Seite}} benutzen.