Graphisches Viertel

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Das Graphische Viertel ist ein Teil der Leipziger Ostvorstadt in Randlage zur Innenstadt[1] und ein Stadtquartier im Ortsteil Zentrum-Ost[2]. Es befindet sich zwischen dem Hauptbahnhof, dem ehemaligen Eilenburger Bahnhof und dem Bayerischen Bahnhof.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Verlagshaus Johann Jakob Weber (1909)

Das Graphische Viertel entstand durch die Ansiedlung von Unternehmen der Buchindustrie und von Verlagen und war bis etwa 1900 ausgebildet. Zu den ersten Verlagen gehörten der älteste Musikverlag der Welt Breitkopf & Härtel (gegründet 1719), C. F. Peters (1800) und der Friedrich Hofmeister Musikverlag (1807). Weitere bekannte Unternehmen waren der B. G. Teubner Verlag, der F. A. Brockhaus Verlag, der Verlag Philipp Reclam jun., Koehlers Verlagsgesellschaft, der Oscar Brandstetter Verlag, der Verlag Otto Spamer, der Kurt Wolff Verlag, das Bibliographische Institut, der Verlag Carl Gottlieb Röder, E. A. Seemann, der Buchhändler Friedrich Volckmar, die Druckerei Giesecke & Devrient, die Englische Kunstanstalt A. H. Payne, die Graphische Kunstanstalt H. F. Jütte, der Druckmaschinenunternehmer Karl Krause, die Großbuchbindereien H. Sperling und E. A. Enders, die Druckmaschinenfabrik und Schriftgießerei Schelter & Giesecke und der Papierhändler Sieler & Vogel. 1888 wurde das Deutsche Buchhändlerhaus als Sitz des Börsenvereins der Deutschen Buchhändler eingeweiht und von 1898 bis 1901 das Deutsche Buchgewerbehaus als Sitz des Deutschen Buchgewerbevereins erbaut. Ab 1894 wurde von der Buchdruckerei G. Heinisch die Leipziger Volkszeitung hergestellt.

Insgesamt waren im Leipziger Stadtadressbuch im Jahr 1900 über 2.200 Unternehmen des Buchhandels und des Buchgewerbes verzeichnet, darunter 848 Verlage und Buchhandlungen, 113 Musikalienhandlungen, 44 Antiquariate, 201 Buchbindereien und 189 Druckereien. Etwa 95 Prozent dieser Unternehmen waren innerhalb des Graphischen Viertels angesiedelt.

Das Graphische Viertel wurde im Zweiten Weltkrieg bei zwei Bombenangriffen am 4. Dezember 1943 und am 27. Februar 1945 zu mehr als 70 Prozent zerstört.[4] Betroffen waren etwa eintausend Unternehmen. Bei einem Anlagenwert von etwa 216 Millionen Reichsmark betrug der Schaden etwa 162 Millionen Reichsmark. Es verbrannten geschätzt 50 Millionen Bücher, darunter allein 1,5 Millionen Bände des Fockschen Antiquariats.[5]

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlegten viele der ursprünglich im Graphischen Viertel ansässigen Unternehmen ihren Sitz nach Westdeutschland, einige führten nach der Enteignung ihre Tätigkeit als Volkseigener Betrieb (VEB), Betrieb mit staatlicher Beteiligung (BSB), unter Treuhandverwaltung oder unter anderem Namen fort. Dazu gehörten VEB Breitkopf & Härtel, VEB Edition Peters, VEB Friedrich Hofmeister Musikverlag, VEB Brockhaus Leipzig, VEB Bibliographisches Institut, BSB B. G. Teubner Verlagsgesellschaft, der Reclam-Verlag und die Offizin Andersen Nexö. 1963 verlegte der Urania-Verlag seinen Firmensitz von Jena hierher.

Das Graphische Viertel wurde nach dem Krieg teilweise wieder aufgebaut, die Bausubstanz in DDR-Zeiten allerdings mehr und mehr vernachlässigt.[6] Nach der Wende kam es zu einer Wiederbelebung des Graphischen Viertels durch Wieder- und Neuansiedlung von Unternehmen sowie durch Sanierungen und Neubauten.

1991 erfolgte die Rückübertragung des Stammhauses von Breitkopf & Härtel an den Verlag, der seitdem als „Breitkopf & Härtel – Wiesbaden, Leipzig, Paris“ firmierte.[7] Seit 1996 hat der Friedrich Hofmeister Musikverlag seinen Hauptsitz im Graphischen Viertel, Edition Peters verlegte seinen Hauptsitz 2014 nach Leipzig.

Von 1993 bis 1995 wurde das Brockhaus-Zentrum erbaut, später der Listbogen und die Gutenberg-Galerie. Das Reclamgebäude wurde saniert. Am 4. Dezember 1993, dem 50. Jahrestag der Zerstörung des Graphischen Viertels, erfolgte an der Stelle des Deutschen Buchhändlerhauses der erste Spatenstich für den Bau des Haus des Buches. Es wurde 1996 eröffnet, seit 2005 befindet sich in ihm das Literaturhaus Leipzig.

Zum Graphischen Viertel gehören neben Gebäuden des Druck- und Verlagsgewerbes auch weitere Gebäude wie das Schumann-Haus und Villen von Fabrikanten und Verlegern wie die Villa Schröder und die Villa Weber.

Das Graphische Viertel gehört zur Unesco-Initiative Leipziger Notenspur.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Herbert Kästner: „Was Leipzig druckt, sey prächtig schön“. In: Ulla Heise, Nortrud Lippold (Hrsg.): Leipzig zu Fuß. 22 Stadtteilrundgänge. Forum, Leipzig 1990, ISBN 3-87975-543-4, S. 99–112.
  • Mark Lehmstedt: Von Quandts Hof zum Haus des Buches. In: Herbert Kästner (Red.): Das Haus des Buches in Leipzig. Zu seiner Eröffnung. Kuratorium Haus des Buches, Leipzig 1996.[8]
  • Sabine Knopf: Buchstadt Leipzig. Der historische Reiseführer. Links, Berlin 2011, ISBN 978-3-86153-634-5, S. 6–63 (Google books, eingeschränkter Zugang).
  • Horst Riedel: Stadtlexikon Leipzig von A bis Z. Redaktion Thomas Nabert. Pro Leipzig, Leipzig 2012, ISBN 978-3-936508-82-6, S. 195.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Graphisches Viertel (Leipzig) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Lutz Heydick: Leipzig. Historischer Führer zu Stadt und Land. Urania, Leipzig 1990, ISBN 3-332-00337-2, S. 60
  2. Integriertes Stadtteilentwicklungskonzept Leipziger Osten mit Darstellung der Quartiere, Graphischen Viertel, S. 5 (PDF; 10,5 MB)
  3. Karl-Rudolf Böttger: Neues Leipziger Taschenwörterbuch für Einheimische und Fremde. Leipziger Universitäts-Verlag, Leipzig 1999, ISBN 3-933240-51-4, S. 72 (Google books).
  4. Herbert Kästner: „Was Leipzig druckt, sey prächtig schön“. In: Ulla Heise, Nortrud Lippold (Hrsg.): Leipzig zu Fuß. 22 Stadtteilrundgänge. Forum, Leipzig 1990, ISBN 3-87975-543-4, S. 99, S. 108
  5. Herbert Kästner: „Was Leipzig druckt, sey prächtig schön“. In: Ulla Heise, Nortrud Lippold (Hrsg.): Leipzig zu Fuß. 22 Stadtteilrundgänge. Forum, Leipzig 1990, ISBN 3-87975-543-4, S. 108
  6. Graphisches Viertel auf architektur-blicklicht.de
  7. Geschichte von Breitkopf & Härtel
  8. Die als Quelle verwendete Stelle ist hier einsehbar

Koordinaten: 51° 20′ 26″ N, 12° 23′ 15″ O