Grauhörnchen

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Grauhörnchen
Grauhörnchen (Sciurus carolinensis)

Grauhörnchen (Sciurus carolinensis)

Systematik
Unterordnung: Hörnchenverwandte (Sciuromorpha)
Familie: Hörnchen (Sciuridae)
Unterfamilie: Baum- und Gleithörnchen (Sciurinae)
Tribus: Baumhörnchen (Sciurini)
Gattung: Eichhörnchen (Sciurus)
Art: Grauhörnchen
Wissenschaftlicher Name
Sciurus carolinensis
Gmelin, 1788
Video: Grauhörnchen bei Monterey (Kalifornien), Vereinigte Staaten (44 Sekunden)

Das Grauhörnchen (Sciurus carolinensis) ist eine ursprünglich nordamerikanische Säugetier-Art aus der Ordnung der Nagetiere (Rodentia). Es gehört zur Familie der Hörnchen (Sciuridae).

Merkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Art ähnelt dem Eichhörnchen, hat aber ein graues Fell. Die Tönung kann zwischen einem hellen Silbergrau und einem sehr dunklen Schwarzgrau variieren. Eine rötliche Färbung kommt vor, ist aber selten. Mit einer Kopf-Rumpf-Länge von 30 Zentimetern und einer Schwanzlänge von 20 Zentimetern ist das Grauhörnchen etwas größer als der europäische Verwandte. Es wiegt 400 bis 710 Gramm und ist im Winter leicht daran zu erkennen, dass es keine Haarbüschel an den Ohren aufweist, die sogenannten Pinsel. Ein weiteres Erkennungsmerkmal sind die weißen Schwanzränder, die beim Eichhörnchen immer fehlen.

Lebensweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seine eigentliche Heimat hat das Grauhörnchen zwar im Wald, wo es im Unterholz Unterschlupf vor Feinden findet, aber es ist vielerorts auch in Parks und Gärten anzutreffen. Sein Nest (auch Kobel genannt) baut es entweder in den Zweigen von Bäumen oder in hohlen Baumstämmen; es wird mit weichem Material wie etwa Moos, trockenem Gras und Federn ausgelegt.

Grauhörnchen sind Allesfresser. Sie ernähren sich hauptsächlich von Samen und Knospen aller Art, besonders denen der Fichten, Buchen, Lärchen und Birken, sowie von Baumrinde und Pilzen, wenn in den Wintermonaten keine anderen Nahrungsquellen zur Verfügung stehen. Daneben fressen sie bisweilen Insekten, Frösche, Jungvögel und Vogeleier sowie Knochen; auch Kannibalismus kommt vor.[1] Sie legen Winterverstecke mit Nahrungsmitteln an, die sie später anhand ihres Geruchssinns und ihres Gedächtnisses wieder auffinden.[1]

Fortpflanzung und Jungenaufzucht[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Fortpflanzung ist der des Europäischen Eichhörnchens sehr ähnlich. Es kommt zu zwei, bei günstigen Bedingungen zu drei Würfen in einem Jahr, da es keine engen Paarungszeiten gibt. Jedoch sind Junge zwischen September und Dezember sehr ungewöhnlich. Die Paare bleiben nicht lebenslang zusammen. Die Männchen haben keinen Anteil an der Jungenaufzucht; sie verlassen das Weibchen nach der Paarung, während dieses sich dann um den Nestbau kümmert. Die Tragzeit der Weibchen schwankt zwischen 42 und 45 Tagen; es kommen bis zu sieben Junge pro Wurf zur Welt. Die Jungen sind nach der Geburt nackt und blind und müssen in den ersten Wochen alle drei bis vier Stunden gesäugt werden. Im Alter von etwa sieben Wochen verlassen sie zum ersten Mal das Nest, um spielerisch die Fähigkeiten zu erlernen, die sie als Erwachsene brauchen werden. Nach und nach gewöhnen sich die Jungtiere an feste Nahrung und werden schließlich im Alter von etwa zehn Wochen entwöhnt, bis sie etwa einen Monat später das mütterliche Nest endgültig verlassen.

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Verbreitungsgebiet umfasst die Osthälfte der Vereinigten Staaten und den Südosten Kanadas. Hier ist das Grauhörnchen überaus häufig. Durch den Menschen wurde es auch in Großbritannien, Irland und Italien eingeführt, mit teilweise katastrophalen Folgen für das Eichhörnchen, das in Großbritannien durch die Konkurrenz des Grauhörnchens nahezu ausgestorben ist. In Italien zeichnet sich Ähnliches ab, und eine weitere Ausbreitung des Grauhörnchens nach Mitteleuropa wird für die nächsten Jahrzehnte erwartet. Auch in Südafrika sollen Tiere sehr „erfolgreich“ ausgesetzt worden sein.

Im Westen der Vereinigten Staaten lebt das Westliche Grauhörnchen; zur Abgrenzung von diesem wird die hier beschriebene Art auch als „Östliches Grauhörnchen“ bezeichnet.

Die Einbürgerung in England[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Grauhörnchen im Hyde Park in London

Im Jahr 1889 wurden in der englischen Grafschaft Bedfordshire die ersten 350 Grauhörnchen ausgesetzt. In der Folgezeit kam es zu weiteren Einbürgerungsaktionen. Die Tiere lebten sich so gut ein, dass der Bestand in England stetig expandierte und heute aus mehreren Millionen Exemplaren besteht. Durch die Ausbreitung wurde und wird allerdings das einheimische Eichhörnchen aus seinen Lebensräumen verdrängt und ist auf der Insel mittlerweile nur mehr selten anzutreffen. Versuche, die Grauhörnchen wieder auszurotten, blieben erfolglos. Gründe für diese Bekämpfungsmaßnahmen waren die Schäden, die die Grauhörnchen vor allem in Eichen- und Buchenwäldern anrichten; sie schälen die Rinde von jungen Bäumen. Auch der Rückgang von Singvogelpopulationen durch Nahrungskonkurrenz wird den Grauhörnchen zugeschrieben. In den 1960er-Jahren schien die Anzahl der Grauhörnchen nicht mehr weiter zuzunehmen. Eine Koexistenz mit der britischen Unterart des europäischen Eichhörnchens schien somit bedingt möglich zu sein, wenn auch nur durch Nischenbildung. Die größeren und kräftigeren Grauhörnchen besiedeln die Laubwälder der Niederungsgebiete, während es in den Bergen mit kühlerem Klima und vorwiegend Nadelwäldern mehr Eichhörnchen gibt. Doch syntop können die beiden ökologisch sehr ähnlichen Arten auf Dauer nicht nebeneinander existieren. Dies ist wahrscheinlich schon wegen des ständigen Kampfes um Nahrung und Nistplätze nicht möglich. Ein Habitat kann nur von einer der Arten besiedelt werden.

Einer irischen Studie zufolge kann eine ausreichende Population von Baummardern die Verdrängung der Europäische Eichhörnchen durch das Grauhörnchen verhindern. Wissenschaftler vermuten, dass Europäischen Eichhörnchen vergleichsweise sicherer vor dem Baummarder sind, weil sie flinker sind als die Grauhörnchen und sich zur Nahrungsaufnahme seltener auf dem Boden aufhalten.[2]

Parapoxvirus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der rasche Rückgang der Europäischen Eichhörnchen und die gleichzeitige Expansion der Grauhörnchen in gemeinsamen Vorkommensgebieten – insbesondere in Großbritannien – soll auch auf einen Parapoxvirus (Parapoxvirus der Hörnchen) zurückzuführen sein. Die sogenannten „Eichhörnchen-Pocken“ lösen eine hohe Sterblichkeit unter den roten Eichhörnchen aus, während die Grauhörnchen gegen den von ihnen eingeschleppten Erreger immun sind. Die Übertragung der Viren geschieht vermutlich vor allem durch die nacheinander erfolgende Nutzung desselben Nestes. Da es weder Impf- noch Heilmittel gegen die Krankheit gibt, unterstützen diese Erkenntnisse die Forderung nach speziellen „Eichhörnchen-Reservaten“, die von Grauhörnchen freigehalten werden.[3]

Das Grauhörnchen ist 2016 in die „Liste der unerwünschten Spezies“ für die Europäische Union aufgenommen worden.[4]

Systematik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Grauhörnchen wird als eigenständige Art innerhalb der Gattung der Eichhörnchen (Sciurus) eingeordnet, die aus fast 30 Arten besteht.[5] Die wissenschaftliche Erstbeschreibung stammt von Carl von Linné aus dem Jahr 1758 in seiner 10. Auflage der Systema naturae beschrieb. Als Typlokalität wird die ehemalige Kolonie Carolina in Nordamerika angegeben.[5]

Innerhalb der Art werden mit der Nominatform fünf Unterarten unterschieden:[6][5]

  • Sciurus carolinensis carolinensis: Nominatform
  • Sciurus carolinensis extimus
  • Sciurus carolinensis fuliginosus
  • Sciurus carolinensis hypophaeus
  • Sciurus carolinensis pennsylvanicus

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hörnchenangeln (Squirrel fishing)

Die Grauhörnchen sind deutlich weniger scheu als europäische Eichhörnchen. Beim Hörnchenangeln wird das insoweit ausgenutzt, als man die Tiere mit einer Erdnuss oder einem anderen Köder an einer längeren Schnur anlocken kann. Es ist sogar möglich, das Tier vorsichtig anzuheben, bis es über dem Boden schwebt. Die etwas skurril anmutende Freizeitbeschäftigung begann auf einer amerikanischen Campusuniversität, vermutlich Harvard, und hat sich von dort aus weiterverbreitet.[7][8]

In Großbritannien wurde 2006 die Kampagne Save Our Squirrels ins Leben gerufen, die das Europäische Eichhörnchen vor dem Grauhörnchen schützen will, indem zum Verzehr von letzterem aufgerufen wird. Diese werden nun auch in Restaurants angeboten und von Fernsehköchen zubereitet.[9][10][11] Die US-Umweltschutzbehörde gab 2008 das Grauhörnchen in New Jersey zum Verzehr frei.[12][13]

In Deutschland dürfen Grauhörnchen von Privatpersonen weder gezüchtet noch angeboten, feilgehalten, abgegeben oder zur Abgabe vorrätig gehalten werden.[14] Auch in der Schweiz ist die Einfuhr und Haltung von Grauhörnchen verboten.[15]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Grauhörnchen – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b animaldiversity.ummz.umich.edu
  2. Red squirrel finds pine marten a fearsome ally in its fight for survival. The Guardian, 22. Februar 2013, abgerufen am 21. November 2015 (englisch).
  3. Peter Lurz, Institute for Research on Environment and Sustainability an der Universität Newcastle. In: Reservate für die Roten. In: Der Spiegel. Nr. 35, 2006, S. 130 (online)..
  4. Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung (List of Invasive Alien Species of Union Concern) abgerufen am 15. Juli 2016
  5. a b c Sciurus carolinensis. In: Don E. Wilson, DeeAnn M. Reeder (Hrsg.): Mammal Species of the World. A taxonomic and geographic Reference. 2 Bände. 3. Auflage. Johns Hopkins University Press, Baltimore MD 2005, ISBN 0-8018-8221-4.
  6. Richard W. Thorington Jr., John L. Koprowski, Michael A. Steele: Squirrels of the World. Johns Hopkins University Press, Baltimore MD 2012; S. 45–47. ISBN 978-1-4214-0469-1
  7. Julia S. Chen: More to Squirrels at Harvard?, The Harvard Crimson, 23. April 2009
  8. Harvard Eichhörnchenarchiv
  9. Marion Topitschnig: Eichhörnchen essen – Eichhörnchen retten. In: Kurier (Tageszeitung). 1. November 2009, abgerufen am 17. Januar 2013.
  10. Marlena Spieler: Saving a Squirrel by Eating One. In: New York Times. 7. Januar 2009, S. D1 (Online-Fassung).
  11. The Economist, Vol. 402 Number 8772; "Wild meat: Squirrel nutcase"
  12. Eichhörnchen für den Kochtopf freigegeben. In: RP Online, 31. Oktober 2007
  13. Eichhörnchen in New Jersey zum Verzehr freigegeben. In: Berliner Morgenpost. 10. Juni 2008, abgerufen am 29. Oktober 2009.
  14. § 3 der Bundesartenschutzverordnung
  15. Verordnung über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel, Anhang 2