Gregor Strasser

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Gregor Strasser (1928), Aufnahme aus dem Bundesarchiv

Gregor Strasser, andere Schreibweise auch Straßer, (* 31. Mai 1892 in Geisenfeld; † 30. Juni 1934 in Berlin) war ein deutscher Politiker der NSDAP. Als nationalistisch gesinnter Kriegsveteran und Paramilitär trat er 1921 in die Partei ein, beteiligte sich aktiv am missglückten Hitlerputsch und stieg bei der Neugründung der Partei 1925 zu einem führenden Politiker der Bewegung auf. Trotz sich früh abzeichnender ideologischer und realpolitischer Differenzen mit Adolf Hitler wurde er von diesem erst zum Reichspropagandaleiter und 1928 zum Reichsorganisationsleiter ernannt. In dieser Position, die der Tätigkeit eines Generalsekretärs gleichkam, erlangte er eine für Hitler bedrohliche Machtposition, die 1932 in der Strasser-Krise mündete. Trotz Strassers freiwilligem Rückzug und der Versicherung, sich politisch nicht mehr betätigen zu wollen, wurde er 1934 im Rahmen des „Röhm-Putsches“ der Ausschaltung vermeintlicher oder tatsächlicher Gegenspieler Hitlers ermordet.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Herkunft, Ausbildung und Militär[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gregor Strasser wurde 1892 als ältestes von fünf Kindern des bayerischen Juristen und Staatsbeamten Peter Strasser (1855–1928) und seiner Ehefrau Pauline Strobel (1873–1943) geboren. Zu Gregors Geschwistern zählten der Benediktinermönch Bernhard Strasser (1895–1981) und Otto Strasser (1897–1974), der die politische Laufbahn seines Bruders einige Jahre lang begleitete. Strassers Schwester Olga und der jüngste Bruder Anton „Toni“ (1906–1943), der Anwalt wurde und im Zweiten Weltkrieg umkam, spielten dagegen politisch keine Rolle.

Seine Kindheit verbrachte Strasser in der oberbayerischen Marktgemeinde Geisenfeld und im mittelfränkischen Windsheim. Nach seinem Abitur machte er von 1910 bis 1914 in der Marien-Apotheke in Frontenhausen eine Lehre zum Drogisten. 1914 begann er an der Ludwig-Maximilians-Universität München ein Studium der Pharmazie, das er noch im selben Jahr aussetzte, um als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teilzunehmen. Er kämpfte mit dem 1. Fußartillerie-Regiment „vakant Bothmer“ der Bayerischen Armee an der Westfront. 1918 wurde er im Rang eines Oberleutnants, ausgezeichnet mit dem Militärverdienstordens sowie beiden Klassen des Eisernen Kreuzes, aus der Armee entlassen.

Nach seiner Rückkehr in die Heimat zum Jahresende 1918 nahm Strasser sein kriegsbedingt unterbrochenes Studium an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen wieder auf. Im Mai 1919 schloss er sich zusammen mit seinem Bruder Otto dem Freikorps Epp an, mit dem er sich an der Zerschlagung der Münchner Räterepublik beteiligte. Im selben Jahre legte Strasser sein Staatsexamen ab, das er mit der Note „sehr gut“ bestand. Nach einer kurzen Volontärzeit in Traunstein ließ Strasser sich 1920 in Landshut nieder, wo er eine Medizinaldrogerie übernahm. Im selben Jahr heiratete er Else Vollmuth (1893–1982), die Tochter des wohlhabenden Holzwarenfabrikanten Lorenz Vollmuth. Aus der Ehe gingen die am 7. Dezember 1920 geborenen Zwillinge Günter und Helmut hervor, die am 30. Juli 1941 bzw. am 27. Mai 1942 in Russland starben.

1919 beteiligte Strasser sich an der Gründung des Nationalverbandes deutscher Soldaten. Aus diesem Verband, der andernorts kaum Bedeutung erlangte, entstand in Landshut das von Strasser geführte „Sturmbataillon Niederbayern“. Dem Sturmbataillon gehörten zeitweise bis zu 2.000 Mann an, darunter auch der junge Heinrich Himmler, der zeitweise als Adjutant Strassers fungierte. Mitte März 1920 stand Strassers Freikorps zur Teilnahme am gescheiterten Kapp-Putsch bereit. Zum selben Zeitpunkt kommandierte sein Bruder Otto auf der Gegenseite eine „Rote Hundertschaft“, um den Staatsstreich zu bekämpfen.

Karriere in der frühen NSDAP[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1921 stieß Strasser mit seinem „völkischen Wehrverband“ – wie sich nationalistische paramilitärische Gruppen in den 1920er Jahren nannten – zur ein Jahr zuvor in München gegründeten NSDAP. Im November 1923 beteiligte er sich aktiv am missglückten Hitlerputsch. Nachdem er zunächst unbehelligt geblieben war, wurde er im Februar 1924 aufgrund seiner anhaltenden Betätigung für die verbotene NSDAP in Haft genommen. In einem Sonderverfahren zum Hochverratsprozess gegen Adolf Hitler wurde er daraufhin vom Volksgericht München I im April 1924 zu eineinhalb Jahren Festungshaft in der Justizvollzugsanstalt Landsberg verurteilt. Bereits nach wenigen Wochen wurde Strasser wieder aus der Haft entlassen, da er am 4. Mai 1924 für den NS-nahen „Völkischen Block“ in den bayerischen Landtag gewählt wurde. Am 7. Dezember 1924 errang er ein Mandat zum dritten Reichstag für die Listenverbindung Deutschvölkische Freiheitspartei/Nationalsozialistische Freiheitsbewegung, die als Ersatzorganisation der verbotenen NSDAP diente. Strasser behielt diesen Abgeordnetensitz bis Dezember 1932.

Nach der Wiedergründung der NSDAP durch Hitler am 26. Februar 1925 im Münchner Bürgerbräukeller wurde Strasser eines der ersten Mitglieder der neuen NSDAP (Mitgliedsnr. 9) und erster Gauleiter von Niederbayern/Oberpfalz und nach der Teilung des Gaus vom 1. Oktober 1928 bis 1929 von Niederbayern. Gemeinsam mit seinem Bruder Otto entwickelte er ein eigenständiges ideologisches Profil gegenüber dem völkisch-nationalen Parteiflügel. Die Brüder verfochten – zunächst gemeinsam mit Joseph Goebbels – einen „linken“, d. h. antikapitalistischen, sozialrevolutionären Kurs der NSDAP, mit dem die Arbeiterschaft für die Partei gewonnen werden sollte. Strasser unterstützte daher teilweise Streiks der sozialdemokratischen Gewerkschaften, forderte die Verstaatlichung von Industrie und Banken und trat bei allem Festhalten an einem radikalen Antikommunismus für eine Zusammenarbeit Deutschlands mit der Sowjetunion ein. Mit der im September 1925 gegründeten „Arbeitsgemeinschaft Nordwest“, einem Zusammenschluss der nord- und westdeutschen Gauleiter der NSDAP unter seiner Leitung (Geschäftsführer war Goebbels), hatte Strasser zunächst ein Instrument zur Durchsetzung der sozial- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen des linken NSDAP-Flügels geschaffen. Auf einer Führertagung in Bamberg am 14. Februar 1926 setzte sich Hitler erfolgreich gegen die „nationalbolschewistische“ Fraktion durch und beanspruchte die uneingeschränkte Führerschaft innerhalb der NSDAP für sich. Die Auflösung der „Arbeitsgemeinschaft Nordwest“ wurde am 1. Juli 1926 per Richtlinie aus München angeordnet, der Richtungsstreit mit eher bürgerlichen Nationalsozialisten wie z. B. Alfred Rosenberg ging aber weiter. Gemeinsam mit seinem Bruder gründete Strasser im März 1926 den Berliner „Kampfverlag“, der u. a. von 1926 bis 1930 das programmatische Wochenblatt Der Nationale Sozialist herausgab. Um den Gegensatz nicht zu groß erscheinen zu lassen, betonte Strasser in einem Artikel für den Völkischen Beobachter vom 15. Februar 1927, Antisemitismus und Sozialismus seien im Grunde zwei Seiten derselben Medaille:

„Beide, ich halte das für notwendig nochmals zu betonen, sind unter sich weder gegensätzlich noch decken sie einzeln den Begriff des Nationalsozialismus, den ich im Gegenteil als den alle diese Komplexe umfassenden und einschließenden empfinde. Wir sind deshalb, genau gesprochen, nicht nur ‚nationale Sozialisten‘, sondern auch ‚Antisemiten‘, mit einem Wort: ‚Nationalsozialisten‘!“[1]

Strassers Organisationsreformen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz des in Bamberg erstmals offen ausgebrochenen Konflikts setzte Hitler den von ihm weiterhin hoch geschätzten Strasser am 30. Juni 1926 als Reichspropagandaleiter der NSDAP ein, ein Amt, das er bis Anfang 1928 bekleidete. Im Anschluss daran übernahm Strasser den Posten des Reichsorganisationsleiters der NSDAP, den er bis zum Dezember 1932 innehaben sollte.

Strasser reorganisierte in den folgenden Jahren die gesamte Struktur der Partei. 1928 gelang es ihm, die Organisationsstruktur der Partei zu vereinheitlichen, indem er die Zusammenfassung der Ortsgruppen in Gaue durchsetzte, die sich an den Reichswahlkreisen orientierten. 1929 begründete er die Organisationsabteilung II unter seinem Vertrauten Konstantin Hierl, die programmatische Fragen für eine spätere Regierungsverantwortung vorbereitete. Damit hatte er sich ein Mittel zur Verfolgung seiner programmatischen Ziele geschaffen und konnte zugleich auf den Wahlerfolg der NSDAP bei der Reichstagswahl 1930 reagieren.[2] Im Sommer 1932 schließlich richtete Strasser Reichs- und Landesinspektionen in der Partei ein. Die Reichsinspekteure I für Norddeutschland, Paul Schulz (Strassers Stellvertreter), und II für Süddeutschland, Robert Ley, verfügten über weitreichende, auch personelle Machtbefugnisse. Damit stellte Strasser eine vertikale Lenkungs- und Befehlsstruktur sicher.[3] Die Reichsorganisationsleitung verfügte auch wieder über Wochen- und Monatsblätter, wie die Nationalsozialistische Landpost, Das Arbeitertum und die NS-Frauenwarte, die Strasser herausgab und die ihn an der Basis populär machten. So gelang es Strasser 1932, sein Wirtschaftliches Sofortprogramm vorzustellen und parteiverbindlich zu machen.[4]

Die Zahl der Parteimitglieder wuchs von ca. 27.000 (1925) auf über 800.000 (1931). Strasser gelang es insbesondere, die NSDAP in Nord- und Westdeutschland zu einer starken politischen Vereinigung zu entwickeln, die schließlich sogar über eine größere Mitgliederbasis verfügte als Hitlers Parteisektion im Süden.

Den Höhepunkt seiner Macht erreichte Strasser 1932. Der Reichsorganisationsleiter Gregor Strasser galt zu diesem Zeitpunkt als der nach Hitler mächtigste Mann in der Partei und als der beliebteste und fähigste Mann im Führungszirkel der NSDAP. Als Reichsorganisationsleiter verfügte er nun de facto über die Machtstellung eines Generalsekretärs der NSDAP, ohne diesen Titel zu führen.

Bis zur Reichspräsidentenwahl des Jahres 1932 ging man davon aus, dass Strasser von einem Reichspräsidenten Hitler zum Reichskanzler berufen werden würde. Erst nach der Wiederwahl Hindenburgs fasste Hitler den Entschluss, selbst die Kanzlerschaft anzustreben. Koalitionen lehnte er dabei als hinderlich ab und forderte im August 1932 von Hindenburg vergeblich die Ernennung zum Reichskanzler.[5] Strasser hingegen sah den Weg zur Macht in Koalitionen, um parlamentarische Mehrheiten zu erlangen. Er fürchtete, dass man sich mit der Bildung eines Minderheitenkabinetts zu sehr vom Reichspräsidenten und seiner Kamarilla abhängig machen würde.[6]

Zu den wichtigsten Mitarbeitern Strassers in der Reichsorganisationsleitung zählten die Reichsinspekteure I und II Paul Schulz (Strassers Stellvertreter) und Robert Ley sowie der Reichsorganisationsleiter II und spätere Reichsarbeitsführer Konstantin Hierl, mit dem er seit 1925 über den Tannenbergbund Kontakt hatte. Des Weiteren der Schlesier Kurt Daluege, der auf Strassers Veranlassung im März 1926 die Gründung der Sturmabteilung Berlin organisiert hatte. Hinzu kamen der Zahnarzt Hellmuth Elbrechter und der ehemalige Generalstäbler Hermann Cordemann, die als Strassers Mittelsmänner zu wichtigen Regierungspolitikern wie Heinrich Brüning und Kurt von Schleicher dienten.

Kontakte zu Industriellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Trotz seiner Reputation als Vertreter der Linken innerhalb der NSDAP verfügte Strasser seit Anfang der dreißiger Jahre über gute Kontakte zu Unternehmerkreisen, deren Vorstellungen von einer Zähmung der NSDAP durch Einbindung in die Regierungsverantwortung er entgegenkam. Die Deutschen Führerbriefe, eine unter dem Einfluss des Industriellen Paul Silverberg stehende Privatkorrespondenz, lobten Strasser im Mai 1932, weil er für einen „Übergang der N.S.D.A.P. von der Opposition zur gouvernementalen Position“ stehe. Um die Regierungsfähigkeit seiner Partei zu beweisen, verkündete Strasser am 20. Oktober 1932 im Berliner Sportpalast das neue „Wirtschaftliche Aufbauprogramm“ der NSDAP. Darin wurden die schrillen antikapitalistischen Töne und die Forderungen nach einer Autarkie Deutschlands deutlich zurückgenommen, wie sie etwa in seinem eigenen „Wirtschaftlichen Sofortprogramm“ noch vom Juli 1932 laut geworden waren. Statt Steuererhöhungen für Reiche forderte er jetzt Steuersenkungen, statt mit Preiskontrollen wollte er die Deflation nun mit einer Freigabe der Preise bekämpfen. Zwar redete er weiterhin einem Agrarprotektionismus und einem Vorrang für deutsche Produkte das Wort, betonte aber gleichzeitig, dass dadurch die Exporte nicht behindert werden dürften. Zur Überwindung der Massenarbeitslosigkeit schlug er vor, die Bindung der Reichsmark an das Gold aufzugeben, die Banken zu verstaatlichen und durch eine massive Kreditaufnahme der öffentlichen Hand öffentliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu ermöglichen.[7] Im selben Jahr äußerte er sich in einem Interview mit dem amerikanischen Journalisten Hubert Renfro Knickerbocker ausgesprochen wirtschaftsfreundlich:

„Wir erkennen das Privateigentum an. Wir erkennen die private Initiative an. Wir erkennen unsere Schulden an und unsere Verpflichtung, sie zu zahlen. Wir sind gegen die Verstaatlichung der Industrie. Wir sind gegen die Verstaatlichung des Handels. Wir sind gegen Planwirtschaft im Sowjetsinne.“[8]

Strasser erhielt von verschiedenen Industriellen finanzielle Zuwendungen. Der Lobbyist August Heinrichsbauer organisierte im Frühjahr 1931 eine monatliche Zahlung von Unternehmern des Ruhrbergbaus an ihn in Höhe von 10.000 Reichsmark.[9] Auch von dem Kölner Eisenindustriellen Otto Wolff, der den Nationalsozialisten an sich ablehnend gegenüberstand, soll Strasser auf Bitten des Reichskanzlers Kurt von Schleicher Spenden erhalten haben. Aus diesen Zuwendungen speist sich die verbreitete These, die Großindustrie hätte durch ihre Spenden zum Aufstieg der NSDAP beigetragen.[10] Der britische Historiker Peter Stachura vertritt die These, dass es Strasser nicht um die Durchsetzung "linker" Programmanteile innerhalb der NSDAP gegangen sei, vielmehr sei er ein realpolitisch denkender Opportunist gewesen, der der NSDAP möglichst breite, neue Rekrutierungsfelder erschließen und damit sich selbst eine Hausmacht sichern wollte.[11]

Konflikt mit Hitler und Ausscheiden aus der Parteiführung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch: Strasser-Krise

Die programmatische und persönliche Rivalität mit Adolf Hitler verschärfte sich dramatisch, als Hitler sich durch sein bedingungsloses Beharren auf einer Kanzlerschaft vorübergehend in eine politische Sackgasse manövriert hatte und Reichskanzler Kurt von Schleicher Gregor Strasser im Dezember 1932 die Vizekanzlerschaft und das Amt des preußischen Ministerpräsidenten anbot. Er hoffte, mit Strasser die NSDAP zu spalten und ihren linken Flügel auf seine Seite ziehen zu können. Spätere Schätzungen von Zeitgenossen Strassers gingen davon aus, dass von 196 nationalsozialistischen Reichstagsabgeordneten 60 bis 100 bei einem offenen Bruch zwischen Strasser und Hitler mit Strasser gegangen wären.[12]

Das Vorhaben misslang, weil Strasser sich nicht zu einem solchen Bruch mit dem angeschlagenen Hitler durchringen und dieser führende Köpfe der Partei bei einer Führertagung im Dezember 1932 noch einmal auf sich einschwören konnte. Am 8. Dezember 1932 trat Strasser überraschend von allen Parteiämtern zurück, blieb jedoch Parteimitglied. Aus Angst vor einer Spaltung war Hitler peinlich darauf bedacht, den Eindruck eines offenen Machtkampfes zu vermeiden und bedauerte öffentlich Strassers Rückzug. Sein Reichstagsmandat behielt Strasser vorerst ebenfalls, weil seine parlamentarische Immunität die Vollstreckung mehrerer Gerichtsurteile im Zusammenhang mit Beleidigungsprozessen verhinderte. Eine Erholungsreise nach Italien in der kritischen Phase des Dezembers 1932, die für den Historiker Hans-Ulrich Wehler den „durchschlagenden Beweis seiner politischen Mediokrität“ darstellt,[13] schwächte Strassers Position in der Partei weiter. Trotzdem wurde Strasser noch im Januar 1933 von Schleicher heimlich bei Reichspräsident von Hindenburg als potenzieller Vizekanzler vorgestellt, wobei das Staatsoberhaupt einen günstigen Eindruck von Strasser gewann. Nach der Landtagswahl in Lippe am 15. Januar, die einen Wahlerfolg für die NSDAP brachte und den Hitler-Kurs zu bestätigen schien, wurde er jedoch endgültig an den Rand gedrängt. Nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ zog Strasser sich aus der Politik ins Privatleben zurück. Mit Hitlers Genehmigung erhielt er offenbar im Frühsommer 1933 eine Direktionsstelle bei der Firma Schering Kahlbaum in Berlin, nachdem er schriftlich versichert hatte, sich jeglicher politischer Tätigkeit zu enthalten. Außerdem übernahm er das Amt des ersten Vorsitzenden der Reichsfachschaft der Pharmazeutischen Industrie.[14]

Ermordung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In der ersten Jahreshälfte 1934 schien es zunächst, als ob sich eine Wiederaufnahme Strassers in die Gunst Hitlers anbahnte. Am 1. Februar 1934, erhielt Strasser das Goldene Parteiabzeichen der NSDAP.[14] Bei einem persönlichen Treffen mit Strasser am 13. Juni 1934 bot Hitler ihm sogar das Amt des Wirtschaftsministers als Nachfolger des wenig erfolgreich agierenden Kurt Schmitt an. Strasser machte eine Zusage jedoch von der Bedingung abhängig, dass Göring und Goebbels aus dem Reichskabinett entfernt würden. Dazu war Hitler nicht bereit.[15] Nach dem Urteil Stachuras war Strasser seinen Zielen zu nahegekommen, als dass seine politischen Gegner sich zurücklehnen konnten. Sie hätten sich nun entschieden, „drastische präventive Maßnahmen“ zu ergreifen (drastic preventive action).[15]

Am Mittag des 30. Juni 1934 wurde Strasser von Beamten der Geheimen Staatspolizei in seinem Berliner Haus verhaftet. Er wurde zunächst zu einem Büro in der Zentrale des Schering-Kahlbaumkonzerns gebracht und dort einem SS-Kommando übergeben, das ihn in das Geheime Staatspolizeiamt in der Prinz-Albrecht-Straße eskortierte. Die Verhaftung erfolgte im Rahmen des sogenannten Röhm-Putsches, einer politischen Säuberungsaktion, in deren Verlauf Hitler und andere nationalsozialistische Führer ihre tatsächlichen oder angeblichen Rivalen in den eigenen Reihen sowie weitere unliebsame Personen verhaften und zum Teil ermorden ließen.[16] Für Strasser war die Verhaftung eine Überraschung – im ersten Augenblick glaubte er, Hitler lasse ihn holen, um ihn in die Parteiführung zurückzurufen. Im Gegensatz dazu steht allerdings eine Erklärung von Strassers ehemaligem Mitarbeiter Paul Schulz aus dem Jahr 1951, in der dieser angibt, Strasser habe ihm nach dem Januar 1933 häufig gesagt: „Hitler wird uns umbringen lassen, wir werden keines natürlichen Todes sterben.“[17]

Im Gestapo-Hauptquartier wurde Strasser zunächst in das Hausgefängnis der Gestapo gebracht, wo er anfangs mit zahlreichen anderen Gefangenen in einem großen Sammelraum verblieb. Im weiteren Verlauf des Nachmittages wurde er dann in eine Einzelzelle (Zelle 16) des an den Sammelraum angrenzenden Zellentraktes verlegt. Hier suchten ihn schließlich, noch etwas später, mehrere SS-Angehörige auf und erschossen ihn. Nach übereinstimmenden Quellenberichten soll SS-Brigadeführer Theodor Eicke, Kommandant des KZ Dachau, Strasser durch das Schiebefenster der Zellentür erschossen haben, als er sich am 30. Juni 1934 zeitweise im Geheimen Staatspolizeiamt aufhielt.[18] Strassers Leiche wurde zunächst ins Institut für Rechtsmedizin der Charité in der Hannoversch'en Straße überführt und dort in einer Zelle unter Verschluss gehalten, wobei eine Sektion oder Besichtigung des Toten durch die Ärzte des Leichenschauhauses ausdrücklich verboten wurde. Am 3. Juli 1934 wurde sie ins Krematorium Wedding verbracht, wo sie eingeäschert wurde.[19]

Ob Hitler persönlich Strassers Ermordung anordnete, ist nicht bekannt.[20] Göring und Himmler nutzten jedenfalls die Liquidierung der obersten SA-Führung nach dem 30. Juni 1934, um in Strasser einen früheren Rivalen umbringen zu lassen.[21] Laut Udo Kissenkoetter wurde Strasser „als immer noch mögliche Konkurrenz zu Hitler von der Gestapo umgebracht.“[22] In seiner Reichstagsrede vom 13. Juli 1934, in der er Stellung zu den Ereignissen vom 30. Juni 1934 bezog, ging Hitler auf Strasser lediglich kurz ein, indem er erklärte, dieser sei von anderen in eine Verschwörung gegen den Staat verwickelt worden. Öffentliches Bedauern über seinen Tod bekundete er weder bei dieser noch bei anderen Gelegenheiten.[23]

Im Juli 1934 erhielt Strassers Witwe eine Urne mit der Asche ihres Mann von der Geheimen Staatspolizei zugestellt. Die Auszahlung seiner Lebensversicherung – die die Versicherungsgesellschaft erst mit der Begründung verweigerte, dass Strasser ja nach offiziellen Angaben durch Selbstmord gestorben sei – erfolgte erst durch Intervention von Innenminister Wilhelm Frick. Ab dem 1. Mai 1936 erhielt Strassers Witwe zudem auf Veranlassung Himmlers für sich und ihre Söhne eine monatliche Rente von 500 Reichsmark.[24]

Die „nationalrevolutionären“ politischen Thesen der Gebrüder Strasser üben auf das Gedankengut des zeitgenössischen Neonazismus erheblichen Einfluss aus.[25]

Archivalien[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Schriften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Hitler-Büchlein. Ein Abriß vom Leben und Wirken des Führers der nationalsozialistischen Freiheitsbewegung Adolf Hitler. Kampf-Verlag, Berlin 1928.
  • Ausgewählte Reden und Schriften eines Nationalsozialisten. 2 Bände. Kampf-Verlag, Berlin 1928;
    • Band 1: Freiheit und Brot.
    • Band 2: Hammer und Schwert.
  • 58 Jahre Young-Plan! Eine quellenmäßige Betrachtung über Inhalt, Wesen und Folgen des Young-Planes. Kampf-Verlag, Berlin 1929.
  • mit Gottfried Feder: Reden im Reichstag Oktober 1930 nach dem amtlichen Stenogramm (= Die nationalsozialistische Reichstagsfraktion. Reden, Anträge und Interpellationen in Einzelheften. H 1, ZDB-ID 572093-x). Lützow-Verlag, Berlin 1930.
  • Der Kampf um die Freiheit. Reichstagsrede vom 17. Oktober 1930. Eher, München 1931.
  • Der letzte Abwehrkampf des Systems. 3 aktuelle Aufsätze. Eher, München 1931.
  • Arbeit und Brot! Reichstagsrede am 10. Mai 1932 (= Kampfschrift. Broschürenreihe der Reichspropaganda-Leitung der NSDAP. 12, ZDB-ID 2468560-4). Eher, München 1932.
  • Die Staatsidee des Nationalsozialismus. Rundfunkrede. Eher, München 1932.
  • Das wirtschaftliche Aufbauprogramm der NSDAP, Berlin 1932.
  • Kampf um Deutschland. Reden und Aufsätze eines Nationalsozialisten. Eher, München 1932.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur (Monographien):

  • Udo Kissenkoetter: Gregor Straßer und die NSDAP (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 37). Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1978, ISBN 3-421-01881-2 (Zugleich: Düsseldorf, Universität, Dissertation, 1975).
  • Peter D. Stachura: Gregor Strasser and the Rise of Nazism. Allen & Unwin, London u. a. 1983, ISBN 0-04-943027-0.

Sekundärliteratur (Aufsätze):

  • Udo Kissenkoetter: Gregor Straßer – NS-Parteiorganisator oder Weimarer Politiker? In: Ronald Smelser, Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die braune Elite. 22 biographische Skizzen (= WB-Forum. 37). Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1989, ISBN 3-534-80036-2, S. 273–285.
  • Reinhard Kühnl: Zur Programmatik der nationalsozialistischen Linken. Das Strasser-Programm von 1925/26, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 14 (1966), S. 317–333 (online).
  • Peter D. Stachura: „Der Fall Strasser“: Gregor Strasser, Hitler and National Socialism 1930–1932. In: Peter D. Stachura (Hrsg.): The shaping of the Nazi state. Croom Helm u. a., London u. a. 1978, ISBN 0-85664-471-4, S. 88–130.
  • Robert Wistrich: Straßer, Georg (1892–1934). In: Robert Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich. Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politik, Wirtschaft, Militär, Kunst und Wissenschaft. Überarbeitete, erweiterte und illustrierte deutsche Ausgabe. Harnack, München 1983, ISBN 3-88966-004-5, S. 262 f.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Albrecht Tyrell (Hrsg.): Führer befiehl … Selbstzeugnisse aus der ‚Kampfzeit‘ der NSDAP. Dokumentation und Analyse. Droste, Düsseldorf 1969, S. 281.
  2. Udo Kissenkoetter: Gregor Straßer – NS-Parteiorganisator oder Weimarer Politiker. In: Ronald Smelser u. Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die Braune Elite. 22 biographische Skizzen. WBG, Darmstadt 1989, S. 277 f..
  3. Udo Kissenkoetter: Gregor Straßer – NS-Parteiorganisator oder Weimarer Politiker. In: Ronald Smelser u. Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die Braune Elite. 22 biographische Skizzen. WBG, Darmstadt 1989, S. 279.
  4. Udo Kissenkoetter: Gregor Straßer – NS-Parteiorganisator oder Weimarer Politiker. In: Ronald Smelser u. Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die Braune Elite. 22 biographische Skizzen. WBG, Darmstadt 1989, S. 280.
  5. Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser und die NSDAP. Stuttgart 1978, S. 142 f..
  6. Udo Kissenkoetter: Gregor Straßer – NS-Parteiorganisator oder Weimarer Politiker. In: Ronald Smelser u. Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die Braune Elite. 22 biographische Skizzen. WBG, Darmstadt 1989, S. 282.
  7. Avraham Barkai: Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Ideologie, Theorie, Politik. 1933–1945 (= Fischer 4401). Erweiterte Neuausgabe. Fischer-Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main 1988, ISBN 3-596-24401-3, S. 41 ff.
  8. Reinhard Neebe: Großindustrie, Staat und NSDAP 1930–1933. Paul Silverberg und der Reichsverband der Deutschen Industrie in der Krise der Weimarer Republik (= Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Band 45). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981, ISBN 3-525-35703-6 (Zugleich: Marburg, Universität, Dissertation, 1980), Digitalisat (PDF; 6.56 MB).
  9. August Heinrichsbauer: Schwerindustrie und Politik. West-Verlag, Essen/Kettwig 1948, S. 40.
  10. Henry Ashby Turner, jr.: Die Großunternehmer und der Aufstieg Hitlers. Siedler, Berlin 1985, ISBN 3-88680-143-8, S. 316 f.
  11. Peter D. Stachura: „Der Fall Strasser“: Gregor Strasser, Hitler and National Socialism 1930–1932. In: Peter D. Stachura (Hrsg.): The shaping of the Nazi state. 1978, S. 88–130, hier S. 89, 99, 105 ff.
  12. Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser und die NSDAP. DVA, Stuttgart 1978, S. 174. In Anlehnung an Schätzungen in Memoirenwerken von Otto Strasser: Exil. Selbstverlag, München 1958, S. 65 und Franz von Papen: Der Wahrheit eine Gasse. List, München 1952, S. 244. Nach einer Mitteilung des Gauleiters Kaufmann an Kissenkoetter war am 7./8. Dezember 1932 zudem die Mehrheit der Gauleiter bereit, eine Namensliste zugunsten Strassers zu unterzeichnen, um dessen Stellung gegenüber Hitler zu stärken.
  13. Hans-Ulrich Wehler: Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 4: Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949. C. H. Beck, München 2003, ISBN 3-406-32264-6, S. 534.
  14. a b Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser und die NSDAP. DVA, Stuttgart 1978, S. 192 f..
  15. a b Peter Stachura: Gregor Strasser and the Rise of Nazism. Allen & Unwin, London 1983, S. 123.
  16. Udo Kissenkoetter: Gregor Straßer und die NSDAP (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 37), DVA, Stuttgart 1978, S. 194f.
  17. Eidesstattliche Erklärung Paul Schulz vom 21. Juli 1951, abgedruckt bei Udo Kissenkoetter: Gregor Strasser und die NSDAP. 1978, S. 204.
  18. Rainer Orth: "Der Amtssitz der Opposition"?. Politik und Staatsumbaupläne im Büro des Stellvertreters des Reichskanzlers in den Jahren 1933–1934, Köln u.a. 2016, S. 932 unter Berufung auf Zeugnisse von anderen damaligen Insassen des Hausgefängnisses und damaligen Mitarbeitern der Geheimen Staatspolizei sowie eines Häftlings des KZ Lichtenburg, demgegenüber sich Eicke dieses Mordes gerühmt haben soll. Ders.: Der Fall Gregor Strasser. In: Rainer Orth: Der SD-Mann Johannes Schmidt. Der Mörder des Reichskanzlers Kurt von Schleicher? Tectum Verlag, Marburg 2012, S. 95 ff; außerdem Udo Kissenkoetter: Gregor Straßer und die NSDAP (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 37), Stuttgart 1978, S. 194f.; Stachura: Gregor Strasser and the Rise of Nazism, S. 123.
  19. Karin Mahlich: „Das Krematorium Wedding, Gerichtsstraße 37“, in: Helmut Engel (Hrsg.): Wedding, (= Geschichtslandschaft Berlin, Bd. 3), Berlin 1990, S. 181; Gunther Geserick/ Ingo Wirth/ Klaus Vendura: "Die Nacht der langen Messer", in: Dies.: Zeitzeuge Tod: Spektakuläre Fälle der Gerichtsmedizin, Leipzig 2001, insb. Abb. 37 mit einem Faksimile von Strassers Einlieferungseintrag im Zugangsregister des Leichenschauhauses.
  20. Peter Stachura: Gregor Strasser and the Rise of Nazism. Allen & Unwin, London 1983, S. 123.
  21. Hans Mommsen: Aufstieg und Untergang der Republik von Weimar. 1918–1933, 3.Aufl., Ullstein, München 2001, S. 514.
  22. Udo Kissenkoetter: Gregor Straßer – NS-Parteiorganisator oder Weimarer Politiker. In: Ronald Smelser u. Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die Braune Elite. 22 biographische Skizzen. WBG, Darmstadt 1989, S. 283.
  23. Peter Stachura: Gregor Strasser and the Rise of Nazism. Allen & Unwin, London 1983, S. 123.
  24. Udo Kissenkoetter: Gregor Straßer und die NSDAP (= Schriftenreihe der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Bd. 37), Stuttgart 1978, S. 194 f..
  25. Verfassungsschutzbericht 2003 des Freistaates Thüringen, II. Rechtsextremismus (Memento vom 6. Oktober 2009 im Internet Archive)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Gregor Strasser – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien