Grenzlanddeutschtum

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Grenzlanddeutschtum ist ein Begriff, der nach dem Ersten Weltkrieg und den sich aus dem Vertrag von Versailles ergebenden Gebietsabtretungen und neuen Grenzziehungen in der Zwischenkriegszeit geprägt wurde. Siedlungsgebiete von Volksgruppen wurden durch diese Grenzziehungen geteilt. Nur der Teil der Volksgruppe innerhalb der Staatsgrenzen des Deutschen Reichs und von Deutschösterreich gehörte noch zum deutschen bzw. zum österreichischen Staatsvolk. „Grenzlanddeutsche“ nannte man die Bevölkerungsteile außerhalb dieser Grenzen. Solche grenznahen Gebiete gab es in Ostbelgien, Elsass-Lothringen und Südtirol, vor allem aber in den neuen Nationalstaaten Polen und der Tschechoslowakei.

Hintergrund[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Grenzlanddeutschtum“ ist nur einer von mehreren Begriffen, die mit dem ebenso geläufigen Grenzland kombiniert werden konnten. Andere sind „Grenzlandarbeit“, „Grenzlanddeutsche“, „Grenzlandeinsatz“, „Grenzlandpolitik“, „Grenzlanduniversität“ und, kürzer, „Grenzkampf“. Sie alle verstanden sich vor der Zielsetzung, ein größeres Deutschland zu schaffen, das bereits mit der Großdeutschen Lösung 1848 zur Diskussion gestanden hatte. Jetzt war die Zielverwirklichung schwieriger, weil sie die Auflösung und Zerstörung der neuen ostmitteleuropäischen Nationalstaaten voraussetzte, aber sich wie bereits im 19. Jahrhundert mit grenzkolonisatorischen Vorstellungen verband, die sich im Nationalsozialismus mit Ideen vom Erwerb von Lebensraum im Osten anreicherten.

An der Philosophischen Fakultät der Universität Marburg fand die zu leistende Grenzlandarbeit 1919 unter Johann Wilhelm Mannhardt mit einer eigens für ihn geschaffenen Professur ihre erste universitäre Verankerung im neu gegründeten Institut für Grenz- und Auslanddeutschtum. Einer seiner erfolgreichsten Studenten war der spätere NS-Völkerrechtler Hermann Raschhofer (1905–1979) als Vordenker eines völkischen Minderheitenrechts,[1] der sich auch als antitschechoslowakischer Agitator profilierte.[2] 1920 erfolgte die Gründung der in diesem Zusammenhang wichtigsten Einrichtung, nämlich der in Leipzig ansässigen „Stiftung für deutsche Volks- und Kulturbodenforschung“. Diese Stiftung stellte „das in vielerlei Hinsicht maßgebliche Koordinationszentrum der historisch-geographischen Volks- und Raumforschung“ dar. Sie „engagierte sich gutachterlich im ‚Kampf‘ um Oberschlesien, lieferte Karten und Materialsammlungen über die Reichweite der alten Siedlungsgebiete in West- wie Osteuropa und imaginierte die Existenz eines ‚deutschen Kulturbodens‘, der, die kontinentalimperialistischen Herrschaftsphantasien von Brest-Litowsk noch radikalisierend, beinahe alle ostmitteleuropäischen Staaten umfasste“.[3] Mit ähnlicher Zielsetzung arbeitete das 1925 gegründete „Institut für Grenz- und Auslandsstudien“ (IGA) in Berlin. Es wurde von Karl Christian von Loesch gemeinsam mit dem Volkstumspolitiker und Publizisten Max Hildebert Boehm geleitet. Max Hildebert Boehm umriss die mit dem Begriff „Grenzland“ und für „deutsche Arbeit“ gegebenen Aufgaben folgendermaßen:

„Grenzland ist kein Begriff, für den die Juristen eine staatsrechtliche Schablone finden können, kein Begriff auch, für den Sprachforscher, Statistiker, Historiker, Geographen für sich zuständig wären. Grenzland ist ein nationalpolitischer Begriff. Er umfasst rein deutsche oder gemischte, abgetretene oder nur bedrohte, besetzte, neutralisierte oder zwangsweise verselbständigte Gebiete. Grenzland ist überall da, wo deutsche Menschen Grenzschicksal leibhaft erfahren, wo sie um den Zusammenhang mit der nationalen Gemeinschaft ringen oder die Nation um ihre Einbeziehung und Festhaltung sinnvollerweise kämpft, kämpfen darf und kämpfen muss. Grenzland begreift eine Forderung in sich. Grenzland ist eine Angelegenheit zielhaften volkspolitischen Wollens.[4]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Willi Oberkrome: Geschichte, Volk und Theorie. Das ,Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums‘. In: Peter Schöttler (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999 (Suhrkamp-Taschenbuch Wissenschaft, Bd. 1333), ISBN 3-518-28933-0, S. 104–127.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Samuel Salzborn: Zwischen Volksgruppentheorie, Völkerrechtslehre und Volkstumskampf. Hermann Raschhofer als Vordenker eines Minderheitenrechts. In: Sozial.Geschichte 21 (2006), Nr. 3, S. 29–52 (PDF; 142 kB).
  2. Vgl. Biographische Skizzen. In: Bohemistik.de (siehe Hermann Raschhofer).
  3. Willi Oberkrome: Geschichte, Volk und Theorie. Das ,Handwörterbuch des Grenz- und Auslanddeutschtums‘. In: Peter Schöttler (Hrsg.): Geschichtsschreibung als Legitimationswissenschaft 1918–1945. 2. Auflage. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1999, S. 104–127, hier S. 106 f.
  4. Max Hildebert Boehm: Die deutschen Grenzlande. 2., verbesserte Auflage. Hobbing, Berlin 1930, S. 16.