Gretchenfrage

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Gretchenfrage bezeichnet als Gattungsbegriff eine direkte, an den Kern eines Problems gehende Frage, die die Absichten und die Gesinnung des Gefragten aufdecken soll. Sie ist dem Gefragten meistens unangenehm, da sie ihn zu einem Bekenntnis bewegen soll, das er bisher nicht abgegeben hat.

Der Ursprung des Konzeptes und Begriffes liegt in Johann Wolfgang von Goethes Tragödie Faust I. Darin stellt die Figur Margarete, genannt Gretchen, der Hauptfigur Heinrich Faust die Frage:

„Nun sag, wie hast du’s mit der Religion? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“[1]

Im engeren Sinne ist mit Gretchenfrage demnach die Frage nach der Religiosität der jeweils angesprochenen Person oder sozialen Gruppe gemeint. Im weiteren Sinne werden auch andere Fragen mit der expliziten oder impliziten Fragestruktur: „Wie hast du’s mit…“ als Gretchenfragen bezeichnet.

Zusammenfassung[Bearbeiten]

Die sogenannte „Gretchenfrage“ aus dem Drama „Faust I“ von Johann Wolfgang von Goethe, erschienen im Jahr 1828 in Stuttgart/Tübingen, spielt in der Szene „Marthens Garten“ und handelt von der Frage Margarethes nach der Religionsangehörigkeit Fausts. Margarethe, auch Gretchen genannt, ist ein junges Mädchen im Alter von 14 Jahren, welches von dem älteren Wissenschaftler Faust umworben wird. Nachdem diese sich in der Szene „Gartenhäuschen“ (V. 3205ff) geküsst haben, stellt Margarethe Faust im Vers 3415ff in „Marthens Garten“ die Frage nach der Religion mit den Worten: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion ? Du bist ein herzlich guter Mann, allein ich glaub, du hältst nicht viel davon.“ Faust weicht trotz Gretchens Nachfragen aus (V. 3420 - V. 3465). Gretchen gibt schließlich das Hinterfragen auf, da sie sich sicher ist, dass Faust kein Christentum habe (V. 3468: „Denn du hast kein Christentum.“).

Goethe lässt zwei unterschiedliche Personen miteinander diskutieren: zum einen das sehr religiöse Mädchen aus einfachen traditionsbestimmten Verhältnissen, welche den Glauben an Gott in den Mittelpunkt setzt, und zum anderen der gelehrte Faust, der argumentiert, er könne genauso leben wie Margarethe, auch ohne ihren Glauben an Gott. Dadurch stellt Goethe die zwei Gesellschaften seiner Zeit dar, die streng Gläubigen und die aufklärerischen Wissenschaftler.

Die Gretchenfrage bei Goethe[Bearbeiten]

Faust und Gretchen im Garten (Gemälde James Tissot, 1861)

Margarethe, genannt Gretchen, ist ein sehr junges Mädchen, das von dem älteren, respektablen Wissenschaftler Faust umworben wird. Nachdem sie sich schon mehrmals getroffen und auch geküsst haben, stellt Gretchen an Faust ihre Frage.

Da Faust ausweicht und zunächst zurückfragt, in welchem Sinne sie denn eine Auskunft begehre, ob es ihr um die tieferen Inhalte des Glaubens oder das unhinterfragte Befolgen der Traditionen gehe, gibt Gretchen schließlich das Fragen auf, da sie sich diesem Niveau der Diskussion nicht gewachsen fühlt. Überzeugen kann er sie indes nicht: obwohl Fausts Rechtfertigungen leidlich scheinen mögen, kommt sie zum definitiven Schluss, Faust habe kein Christentum, was insofern zutrifft, als Faust in der Osternacht in einem Monolog klargestellt hat, dass ihm der Glaube (hier: an die Auferstehung Jesu und die Folgen dieses Vorgangs) fehle. Da Faust (was Gretchen nicht weiß) einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, erfasst sie durch ihre Frage Fausts „wunden Punkt“ intuitiv richtig.

Goethe stellt an dieser Stelle mit Gretchen und Faust zwei Entwürfe einander gegenüber: Zum einen das Mädchen aus einfachen traditionsbestimmten Verhältnissen, das den Glauben an Gott und kirchliche Religiosität als Zentrum auch des eigenen Selbstverständnisses übernommen hat; zum anderen der gelehrte Heinrich Faust, der im Sinne neuzeitlicher Subjektivität auch die überlieferte Religion in Frage stellt und argumentiert, er könne die gleichen Gefühle für das Gute, Schöne und Anständige haben wie Gretchen. Diese Werte müssten aber nicht unbedingt von der Kanzel gepredigt werden, um beherzigt zu werden.

Da zur Zeit Goethes die christliche Religion die Sexualmoral definierte, will Gretchen wissen, mit welcher Haltung Fausts gegenüber der Religion, d. h. gegenüber dem christlichen Glauben, sie rechnen soll. Ihre Frage nach Fausts Glauben ist auch die Frage nach seiner Lebenspraxis und gesellschaftlichen Eingebundenheit.[2]

Nicht auf Goethes Faust bezogene Gretchenfragen[Bearbeiten]

Der Begriff Gretchenfrage bezeichnet außerhalb des Kontextes der Goethe’schen Tragödie ein „freies Lexem“. Eine Gretchenfrage ist nicht nur daran erkennbar, dass sie ausdrücklich als solche bezeichnet wird; oft werden auch die syntaktische Struktur und die Einleitungsformel der Originalfrage nachgeahmt.

Beispiel: […] daß die Sozialistische Partei [Frankreichs] von links und rechts die gleiche Gretchenfrage gestellt bekommt: „Wie hast du’s mit den Kommunisten?“[3]

Gelegentlich stellt ein Autor, der den Begriff Gretchenfrage benutzt, die zugehörige Frage nicht explizit, weil er sie bei seinen Lesern als bekannt voraussetzt. Dies geschieht z. B. in dem Artikel „Die etwas andere Gretchenfrage“ von Stephan J. Kramer,[4] in dem die in der Überschrift enthaltene Anspielung im Text nicht ausdrücklich erklärt wird.

Der Begriff Gretchenfrage bezeichnet eine Gewissensfrage (oder eine Frage nach dem Willen), die vom Befragten nicht gerne beantwortet wird. Typischerweise trifft derjenige, der sie ausspricht, damit den Kern eines Sachverhaltes und verlangt eine eindeutige Stellungnahme des Befragten zu einem Thema, das unter Umständen für ihn eine unangenehme oder zwiespältige Bedeutung hat. Der Fragesteller ist oft misstrauisch gegenüber den Absichten der Gefragten. Seine Frage wird häufig in einem Moment der Entscheidung gestellt, in dem er sich davor schützen möchten, dem Gefragten „blind in die Falle zu tappen“. Eine Gretchenfrage muss nicht unbedingt ausdrücklich beantwortet werden, damit sich der Fragesteller Klarheit verschafft; ein Herumdrücken um eine ehrliche Antwort kann als Hinweis auf die Pläne des Befragten ausreichen.[5]

Eine Gretchenfrage ist zu unterscheiden von einer einfachen Fangfrage oder einem Fangschluss.


Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Textauszug aus Faust I (Vers 3415) unter ScienceSoft.at
  2. Michael Blume: Die (kluge?) Gretchenfrage, 2007
  3. Wie hast du’s mit den Kommunisten?. Neue Zürcher Zeitung, 27. Januar 1981; zitiert nach: Harald Burger: Handbuch der Phraseologie. Berlin / New York, de Gruyter 1982, S. 47 (online)
  4. Stephan J. Kramer: Die etwas andere Gretchenfrage. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Ausgabe 24/2013, 3. Juni 2013 (online)
  5. Ida Fröhlich: Die Gretchenfrage – Bedeutung und Herkunft des Idioms

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Gretchenfrage – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen