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Großer Preis von Deutschland 1938

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Der Nürburgring in seiner befahrenen Version der Nordschleife.

Der XI. Große Preis von Deutschland fand am 24. Juli 1938 auf der Nordschleife des Nürburgrings statt. Als Grande Épreuve zählte das Rennen zur Grand-Prix-Europameisterschaft 1938 und wurde nach den Bestimmungen geänderten Internationalen Grand-Prix-Formel (i. W. Rennwagen bis 3 Liter Hubraum mit Kompressor und bis 4,5 Liter Hubraum ohne Kompressor; Mindestgewicht 850 kg; Renndistanz mindestens 500 km) über 22 Runden à 22,810 km ausgetragen, was einer Gesamtdistanz von 501,82 km entsprach.

Sieger wurde Richard Seaman auf einem Mercedes-Benz W 154, der als „Juniorfahrer“ des Teams damit seinen ersten Sieg in einem Internationalen Großen Preis errang und in den Kreis der internationalen Rennfahrer-Elite aufstieg.

Hermann Lang im Mercedes-Benz W 154 beim Oldtimer-Grand-Prix 1986 auf dem Nürburgring
Auto Union Typ D 1979 auf der Zielgeraden des Nürburgrings, gefahren von Colin Crabbe

Zum Heim-Grand-Prix traten die beiden deutschen Rennställe traditionell mit maximalem Aufwand an. Das galt insbesondere für das Team von Mercedes-Benz, das die Saison bislang vollständig dominiert hatte, und mit nicht weniger als vier Einsatzfahrzeugen und drei Trainingsautos an den Nürburgring angereist war. Damit stand Mercedes-„Junior“ Richard Seaman zum ersten Mal ein Auto zur Verfügung, mit dem er neben der Stammbesetzung aus Europameister Rudolf Caracciola, Manfred von Brauchitsch und Hermann Lang am Rennen teilnehmen konnte. Dabei kam von Brauchitsch beinahe wieder an den im Vorjahr von Auto-Union-Fahrer Bernd Rosemeyer aufgestellten Trainingsrekord heran, obwohl aufgrund des neuen Reglements der Hubraum seines Mercedes-Benz W 154 praktisch halbiert worden war.

Der Rennstall der Auto Union befand sich dagegen nach dem Verlust Rosemeyers, der bei einem Rekordversuch zu Beginn des Jahres tödlich verunglückt war, weiter in einem Konsolidierungsprozess. Das Team hatte sich völlig auf den einstigen Starpiloten ausgerichtet und schien nach dessen Tod zunächst völlig orientierungslos. Zum Großen Preis von Deutschland hatte man jedoch zumindest zwei Wagen des neuen Grand-Prix-Modells Auto Union Typ D[1] fertig und mit Tazio Nuvolari, der bei Alfa Romeo im Streit ausgeschieden war, auch wieder einen Top-Piloten unter Vertrag nehmen können. Obwohl er noch Mühe hatte, sich mit dem Fahrverhalten des für ihn ungewohnten Heckmotorrennwagens anzufreunden, erzielte er prompt die beste Trainingszeit des Teams, wenn auch erst hinter den vier Mercedes-Piloten. Daneben hatte man außerdem den erfahrenen Hans Stuck wieder verpflichtet, der für die Auto Union in früheren Jahren bereits drei Siege in internationalen Großen Preisen errungen hatte, dessen Vertrag aber Ende 1937 aus Altersgründen eigentlich nicht mehr verlängert worden war. Daneben mussten sich die beiden weniger erfahrenen Rudolf Hasse und H. P. Müller weiterhin mit ihren Auto Union Typ C/D-Übergangsmodellen, mit dem neuen 3-Liter-V12 im letztjährigen Chassis, begnügen.

Auch Alfa Romeo befand sich in einer problematischen Lage. Nach Nuvolaris Abgang wurde Giuseppe Farina zum neuen Mannschaftsführer, der aber noch nicht zur absoluten Fahrer-Elite gehörte. Ein zweiter Alfa Romeo Tipo 312 mit V12-Motor wurde außerdem für Clemente Biondetti eingesetzt, aber das Modell war den deutschen „Silberpfeilen“ maschinell unterlegen. Während Maserati für das Rennen nicht gemeldet hatte, trat mit der Écurie Bleue noch ein weiterer Werksrennstall an. Die Fahreigenschaften des völlig neuen Grand-Prix-Modells Delahaye Type 155 erwiesen sich im Training allerdings als unbefriedigend, weshalb das Team für Gianfranco Comotti und René Dreyfus auf zwei wesentlich schwächere zweisitzige Rennsportwagen Delahaye Type 145 zurückgreifen musste.

Beim Start ging Mercedes-Pilot Lang in Front, gefolgt von Nuvolari, Seaman und Caracciola. Nuvolari schien mit seinem Auto Union unter Rennbedingungen wenig vertraut. Er kam schon in der Auftaktrunde von der Strecke ab und musste das beschädigte Auto kurz darauf aufgeben. Auch die übrigen Auto-Union-Fahrer wirkten nicht allzu stark, so dass Mercedes mit vier Wagen vorn lag. Wenig später musste Lang mit unrund laufendem Motor einen außerplanmäßigen Boxenstopp einlegen und von Brauchitsch, der sich mittlerweile an Seaman wie auch am gesundheitlich beeinträchtigten Caracciola vorbeigeschoben hatte, übernahm die Führung.

Zwischen den beiden Mercedes-Piloten an der Spitze entwickelte sich in der Folge – entgegen der von Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer ausgegebenen Stallorder – ein intensives Duell, in dem von Brauchitsch gegenüber seinem jungen Stallkollegen Seaman die Oberhand zu behalten schien. Als der Führende jedoch zu seinem zweiten Tank- und Reifenstopp an die Boxen kam, ergoss sich Treibstoff über das Heck des Autos, das Sekunden später in Flammen aufging. Von Brauchitsch wurde aus dem Cockpit gezogen, um seine brennende Kleidung zu löschen, während die Boxenmannschaft gleichzeitig mit Löschschaum gegen das Feuer vorging. In der Zwischenzeit war kurz nach von Brauchitsch auch Seaman zu seinem Stopp hereingekommen und trotz des herrschenden Chaos problemlos abgefertigt worden. Die Szene, die für die Wochenschau ganz aufgezeichnet wurde, gehört heute zu den bekanntesten Filmdokumenten dieser Rennepoche. Zwar stieg von Brauchitsch kurze Zeit später noch einmal in seinen völlig mit Löschschaum überzogenen Rennwagen, kam aber beim Versuch, Seaman abzufangen, bei hoher Geschwindigkeit von der Strecke ab und überstand den nachfolgenden Unfall nur mit großem Glück völlig unverletzt. So konnte Seaman ungefährdet dem ersten Sieg seiner Karriere entgegenfahren. Lang, der Caracciolas Auto übernommen hatte, wurde mit vier Minuten Rückstand Zweiter.

Team Nr. Fahrer Info Chassis Motor Reifen
 Auto Union AG 2  Tazio Nuvolari Auto Union Typ D Auto Union 3.0L V12 Kompressor
4  Hans Stuck
6  Rudolf Hasse Auto Union Typ C/D
8  Hermann Paul Müller a
 Christian Kautz RES
 Ulrich Bigalke RES
 Daimler-Benz AG 10  Rudolf Caracciola b Mercedes-Benz W 154 Mercedes-Benz M 154 3.0L V12 Kompressor
12  Manfred von Brauchitsch
14  Hermann Lang c
16  Richard Seaman
18  Walter Bäumer RES d
 Louis Chiron RES
 Heinz Brendel RES
 Hans-Hugo Hartmann RES
 Écurie Bleue 20  René Dreyfus Delahaye 145 e Delahaye 145 4.5L V12
22  Gianfranco Comotti
 Alfa Corse 24  Giuseppe Farina Alfa Romeo Tipo 312 Alfa Romeo 3.0L V12 Kompressor
26  Clemente Biondetti
 Carlo Pintacuda RES
 Scuderia Torino 28  Piero Taruffi Alfa Romeo Tipo 308 Alfa Romeo 3.0L I8 Kompressor
30  Pietro Ghersi Alfa Romeo 8C 2900A Alfa Romeo 2.9L I8 Kompressor
 Piero Dusio RES
Écurie Du Puy & de Graffenried 32  Toulo de Graffenried Maserati 6C-34 Maserati 3.0L I6 Kompressor
 John Du Puy RES
 E. Festetics 34  Ernő Festetics DNA Alfa Romeo Tipo B Alfa Romeo 2.9L I8 Kompressor
 A. Hyde 36  Arthur Brookes Hyde Maserati 8CM Maserati 3.0L I8 Kompressor
Écurie Helvetia 38  Herbert Berg Maserati 6CM Maserati 1.5L I6 Kompressor
 P. Pietsch 40  Paul Pietsch Maserati 6CM Maserati 1.5L I6 Kompressor
 R. Balestrero 42  Renato Balestrero Alfa Romeo Tipo 308 Alfa Romeo 3.0L I8 Kompressor
 Vittorio Belmondo RES
 Scuderia Ambrosiana 44  Franco Cortese Maserati 6CM Maserati 1.5L I6 Kompressor
a 
Während des Rennens Auto an Nuvolari übergeben.
b 
Während des Rennens von Lang am Steuer abgelöst.
c 
Während des Rennens Auto an Bäumer übergeben.
d 
Auto nur im Training eingesetzt.
e 
Im Training kam auch erstmals der neue Monoposto Modell 155 zum Einsatz.

Startaufstellung

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321
 Seaman
10:01,2 min
 Lang
9:54,1 min
 von Brauchitsch
9:48,4 min
54
 Nuvolari
10:03,3 min
 Caracciola
10:03,1 min
876
 Stuck
10:23,0 min
 Müller
10:19,3 min
 Hasse
10:19,1 min
109
 Biondetti
10:50,0 min
 Farina
10:31,1 min
131211
 Pietsch Dreyfus Taruffi
1514
 Ghersi Hyde
181716
 Berg Cortese Balestrero
2019
 de Graffenried Comotti
Pos.Nr.FahrerKonstrukteurRundenZeitAusfallgrundEM-Punkte
1 16 Richard Seaman Mercedes-Benz223:51:46,1 h1
2 10 Rudolf Caracciola /
 Hermann Lang
 Mercedes-Benz22+ 4:20,1 min2 / –
3 4 Hans Stuck Auto Union22+ 8:56,2 min3
4 8 Hermann Paul Müller /
 Tazio Nuvolari
 Auto Union22+ 9:33,0 min4 / –
5 20 René Dreyfus Delahaye21+ 1 Runde4
6 40 Paul Pietsch Maserati20?+ 2 Runden?4
7 42 Renato Balestrero Alfa Romeo4
8 30 Pietro Ghersi Alfa Romeo4
9 44 Franco Cortese Maserati4
DNF 6 Rudolf Hasse Auto Union15Motor5
DNF 14 Hermann Lang /
 Walter Bäumer
 Mercedes-Benz15?Motor5 / –
DNF 12 Manfred von Brauchitsch Mercedes-Benz15Unfall5
DNF 36 Arthur Brookes Hyde Maserati14Unfall5
DNF 32 Toulo de Graffenried Maserati14Kraftübertragung7
DNF 24 Giuseppe Farina Alfa Romeo14Mechanik7
DNF 28 Piero Taruffi Alfa Romeo2Unfall7
DNF 2 Tazio Nuvolari Auto Union2Unfall7
DNF 26 Clemente Biondetti Alfa Romeo1Unfall7
DNF 22 Gianfranco Comotti Delahaye1Getriebe7
DNF 38 Herbert Berg Maserati1Kraftstoffpumpe7

Schnellste Rennrunde:  Richard Seaman (Mercedes-Benz), 10:09,1 min = 134,8 km/h

Commons: Automobilsport 1938 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. die Typenbezeichnung der Auto-Union-Rennwagen wurde von Fachautoren erst nachträglich zur Unterscheidung der einzelnen Modelle eingeführt