Großes Hauptquartier

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Das Große Hauptquartier (GrHQu; amtliche Bezeichnung: Großes Hauptquartier Seiner Majestät des Kaisers und Königs) war die mobile strategische Kommandozentrale der deutschen Streitkräfte im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und im Ersten Weltkrieg.[1] Es bildete weder eine eigene Behörde noch ein eigenes Gremium, sondern war der Versammlungsort von Vertretern der höchsten militärischen und politischen Entscheidungsorgane des Deutschen Kaiserreichs.[2][3]

Besetzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

GH in Kassel-Wilhelmshöhe kurz nach dem Waffenstillstand und nach Verlegung aus dem besetzten Spa nach Kassel ohne den Ersten Generalquartiermeister Ludendorff und seine Adlaten, die Obersten von Bartenwerffer und Bauer
Medaille mit dem Schlusssatz der Ansprache von Kaiser Wilhelm II. Ende August 1914 im Großen Hauptquartier Koblenz bei einer Truppenparade:
„Wir wollen und müssen siegen!“[4]

Dem Großen Hauptquartier gehörten bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs neben Kaiser Wilhelm II. als Oberstem Kriegsherrn folgender Personenkreis an:

Im weiteren Kriegsverlauf trat noch ein k.u.k Bevollmächtigter General und später aus dem Osmanischen Reich sowie aus Bulgarien hinzu.

Der Reichskanzler und der Kriegsminister ließen sich im späteren Verlauf des Krieges vertreten, weil sie in Berlin nicht dauernd fehlen konnten. Insgesamt gehörten dem Großen Hauptquartier während des Krieges bis zu 5000 Personen an. Die Oberste Heeresleitung nahm zunehmend Einfluss auf politische Entscheidungen und dominierte bald das Große Hauptquartier. Die eigentliche Macht im Reich lag in den letzten zwei Kriegsjahren faktisch bei der 3. Obersten Heeresleitung, vor allem bei Erich Ludendorff.

Orte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Große Hauptquartier wurde durch A.K.O. vom 3. August 1914 mobilgemacht und wechselte im Laufe seines Bestehens mehrfach seinen Sitz. Bei Kriegsbeginn lag es vom 2. bis 16. August 1914 zunächst im Generalstabsgebäude in Berlin, dann vom 16. bis 30. August 1914 im Kaiser-Wilhelm-Realgymnasium in Koblenz, ab 30. August 1914 in der ehemaligen deutschen Botschaft in Luxemburg, was nachträglich zu Spannungen führte. Ab dem 25. September in Charleville-Mézières. Im April 1915 verlegte es in das Schloss Pleß in Oberschlesien. Im Februar 1916 kehrte es nach Charleville-Mézières, im August 1916 wieder nach Pleß zurück.[5] Vom 2. Januar 1917 bis zum 8. März 1918 war es in Parkhotel Kurhaus in Bad Kreuznach und Bad Münster am Stein-Ebernburg untergebracht. Der Kaiser residierte im Schloss Bad Homburg. Am 8. März 1918 wurde das Große Hauptquartier in das Hotel Britannique ins belgische Spa verlegt, wo es bis zum Kriegsende blieb. In Spa residierte der Kaiser in der Villa La Fraineuse des belgischen Großindustriellen Peltzer.[6] Nach dem Waffenstillstand wurde das Große Hauptquartier nach Wilhelmshöhe verlegt, wo es bis zum 11. Februar 1919 verblieb. Letztmals wurde es dann nach Kolberg verlegt, wo es sich am 3. Juli 1919 auflöste.

Sicherungstruppen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als Ehren- und Schutzwache des Großen Hauptquartiers hatte die Stabswache mehrere Formationen:

  • Die Kavalleriestabswache war eine zusammengesetzte Schwadron und bestand 1914 aus sieben ausnahmslos adeligen Offizieren und 170 Unteroffizieren und Mannschaften. 1918 hatte sich die Zusammensetzung auf fünf Offiziere und 175 Unteroffizieren und Mannschaften verändert.[7]
    Außerdem stand dem Kaiser die Leibgendarmerie mit einem Offizier und 22 Mann zur Verfügung. Sie diente vordringlich repräsentativen Zwecken.
  • Die Infanteriestabswache hatte den Wachtdienst in und um die „Kaiservilla“, Hindenburgs Wohnsitz, vor den Unterkünften der „Allerhöchsten“ Besucher und vor dem Generalstabsgebäude. Sie bestand 1914 aus fünf Offizieren und 240 Unteroffizieren und Mannschaften; 1918 war ihre Zahl auf sechs Offiziere und 371 Unteroffizieren und Mannschaften angewachsen.[8]
  • Ein Feldgendarmerie-Kommando mit sechs Wachtmeistern.

Im Verlauf des Krieges stellte sich die Notwendigkeit weiterer Unterstützungstruppen heraus, sodass 1918 vorhanden war:

  • Die Artilleriestabswache mit zwei ortsfesten Batterien, einem Kraftwagen-Flak-Zug, einem mit Pferden bespannten Flak-Zug No. 67 und einer Scheinwerfer-Gruppe. Die Artilleriestabswache sorgte für den Luftschutz des Großen Hauptquartiers. Ihr Führer war Hauptmann Hermann von Plettenberg.
  • Drei Kraftwagen-Fernsprech-Bauzüge mit je ein Offizier und 96 Mann.
  • Drei Fernsprech-Stationszüge zu je zwei Offizieren und 69 Mann.

Unrühmlicher Abgang[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mit der Novemberrevolution entbrannte die Debatte, ob der Kaiser zurücktreten oder den ehrenvollen Soldatentod an der Front suchen sollte. Ihr entzog sich Wilhelm, indem er am 29. Oktober 1918 ins Große Hauptquartier nach Spa reiste. Am 9. November 1918 ließ er Reichskanzler Max von Baden wissen, dass er zwar preußischer König bleiben, aber auf die Kaiserkrone verzichten wolle. Am Nachmittag, zu spät, traf das Telegramm in Berlin ein. Angesichts der bis ins Regierungsviertel vorgedrungenen Demonstranten hatte Prinz Max um die Mittagszeit eigenmächtig Wilhelms Verzicht auf beide Kronen verkündet. Von Spa reiste Wilhelm am 10. November 1918 an die nahe Grenze der Niederlande und bat Königin Wilhelmina um Asyl.[9]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hermann Cron: Geschichte des Deutschen Heeres im Weltkriege 1914–1918. Militärverlag Karl Siegesmund, Berlin 1937, S. 3–7.
  • Ernst Rudolf Huber: Weltkrieg, Revolution und Reichserneuerung. 1914–1919. (= Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789. Bd. 5). Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1978, ISBN 3-17-001055-7, S. 197–198.
  • Markus Pöhlmann: Hauptquartiere. In: Gerhard Hirschfeld u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Schöningh, Paderborn u. a. 2003, ISBN 3-506-73913-1, S. 544–546.
  • Irene Strenge: Spa im Ersten Weltkrieg (1914–1918). Lazarett und Großes Hauptquartier. Deutsche Besatzungspolitik in Belgien. Königshausen & Neumann, Würzburg 2007, ISBN 978-3-8260-3693-4, S. 115–137.
  • Walther Hubatsch: Großes Hauptquartier 1914/18: Zur Geschichte einer deutschen Führungseinrichtung. In: Ostdeutsche Wissenschaft. 5, 1958, S. 422–461.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Informationen zum Großen Hauptquartier von Thomas Menzel für das Bundesarchiv.
  2. Irene Strenge: Spa im Ersten Weltkrieg (1914-1918). S. 13.
  3. Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866-1918. Band II: Machtstaat vor der Demokratie. S. 759.
  4. Der Weltkrieg am 27. August 1914: Der deutsche Heeresbericht: Der Siegeszug des Westheeres – Mobilisierung des Landsturms.
  5. In Pleß übernahm Kaiser Wilhelm II. die Patenschaft einer Tochter von Max von Ruperti.
  6. Kurt Otterski: Anderthalb Jahre im Großen Hauptquartier. In: Corpszeitung der Altmärker-Masuren. 64 (1978/1979), S. 1616–1619.
  7. Jürgen Kraus: Die feldgraue Uniformierung des deutschen Heeres 1907 bis 1918. Band I, S. 14, Biblio-Verlag, Osnabrück 1999.
  8. ebd.
  9. Biografie Wilhelm II.