Großgaststätte Ahornblatt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Großgaststätte Ahornblatt
Ahornblatt kurz vor dem Abriss im Jahr 2000

Ahornblatt kurz vor dem Abriss im Jahr 2000

Daten
Ort Berlin-Mitte
Architekt Gerhard Lehmann, Rüdiger Plaethe
Bauherr Ministerrat der DDR [1]
Baujahr 1969–1973
Abriss Juli 2000
Grundfläche 5400[2] m²
Koordinaten 52° 30′ 49″ N, 13° 24′ 21″ OKoordinaten: 52° 30′ 49″ N, 13° 24′ 21″ O
Besonderheiten
Dachtragwerk aus fünf hyperbolischen Paraboloidschalen

Die Großgaststätte Ahornblatt im Berliner Bezirk Mitte an der Gertraudenstraße Ecke Fischerinsel wurde als gesellschaftliches Zentrum für das 1970 bis 1973 mit Punkthochhäusern neu gestaltete Wohngebiet Fischerinsel errichtet. In dem Gebäude befanden sich eine Selbstbedienungsgaststätte mit 880 Plätzen für das Ministerium für Bauwesen der DDR und umliegenden Schulen sowie eine Ladenpassage.[3]

Entwurf und Bau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Laubblatt des Spitz-Ahorns

Auf Initiative des Politbüro-Mitglieds Paul Verner sollte auch in der DDR-Hauptstadt Berlin ein modernes Schalenbauwerk aus Ulrich Müthers Hand errichtet werden.[4] Bauingenieur Müther zählte schon damals zu den führenden Fachleuten in der Schalenbauweise mit seiner Firma VEB Spezialbetonbau aus Binz auf Rügen. Der Entwurf der Infrastruktur des Ahornblatts wurde den Architekten Gerhard Lehmann und Rüdiger Plaethe übertragen, die städtebauliche Planung übernahm Helmut Stingl. Den Namen Ahorn­blatt vergab Müther wegen der ahornblattähnlichen Form seines Daches.

Das Dachtragwerk war eine Schalenbau­konstruktion aus fünf hyperbolischen Paraboloidschalen je 22 × 35 m,[5] die wie ein Fächer angeordnet wurden. Die Dachdicke betrug nur sieben Zentimeter. Die Dachkanten bogen sich zu den Hochpunkten hin nach oben. An ihren Tiefpunkten stützten sich die Dachsegmente auf konische Auflager aus Stahlbeton, die wiederum auf Bohrpfählen in dem weichen Baugrund gründeten.[6] Die Dacheindeckung bestand aus einer Falzdachhaut aus Aluminium. Die Außenwände waren verglast und durch horizontal angeordnete Sonnenschutzlamellen gegliedert.

An den Küchentrakt der Gaststätte schloss sich eine Einkaufspassage an sowie eine 600 m² große Kaufhalle.[7]

Der Aufbau des Dachs erfolgte von September 1969 bis Dezember 1970.[6] Der gesamte Bau des zweigeschossigen Ahornblatts wurde 1973 abgeschlossen. Das Berliner Landesdenkmalamt stellte im September 1995 das Ahornblatt und seine Nebenbauten unter Denkmalschutz.[8]


Nutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gaststätte wurde nach ihrer Eröffnung am 18. Juli 1973 zunächst als Gaststätte für die Teilnehmer der X. Weltfestspiele genutzt. Anschließend diente sie als Betriebsgaststätte für die Mitarbeiter der umliegenden Betriebe und Dienststellen und für die Bauarbeiter des Palastes der Republik. Auch etwa 1000 Kinder umliegender Schulen nahmen dort ihr Mittagessen ein.[9] Nachmittags und abends diente sie als öffentliche Gaststätte und auch für Feste und Veranstaltungen.

Nach der Wende veranstaltete die CDU am 18. März 1990 hier ihre Wahlparty anlässlich der ersten demokratischen Volkskammerwahl in der DDR.[10] Danach wurde das Gebäude unter dem Namen Exit von einer amerikanischen Firma[8] als Diskothek genutzt. DJ Tanith veranstaltete erste regelmäßige Afterhour­veranstaltungen. Wegen Beschwerden der Anwohner über zunehmende Lärmbelästigung musste der Diskothekenbetrieb eingestellt werden.[8] Ab 1994 stand das Ahornblatt sechs Jahre lang leer.[11]

Abriss[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1997 verkaufte die Oberfinanzdirektion Berlin das Gelände mit dem mittlerweile denkmalgeschützten Gebäude an die Objekt Marketing GmbH.[11] Trotz zahlreicher Proteste gegen die Vernichtung der Architektur der Moderne in der DDR, unter anderem von der Berliner Architektenkammer,[12] wurde dem Käufer des Geländes eine Abrissgenehmigung für das Ahornblatt erteilt. Bund und Senat hatten sich bereits Jahre zuvor zum Verkauf ihrer Grundstücke für 29 Millionen D-Mark entschieden.[13] Die Denkmalschutzbehörde musste in Ermangelung eines Nutzungskonzeptes dem Abriss zustimmen. Müther machte am 21. Januar 2000 eine letzte Führung durch sein Bauwerk. Am 19. Juli 2000 begann der Abriss des Ahornblatts. Die Accor-Gruppe erbaute an seiner Stelle ein Mittelklassehotel für Geschäftsreisende und Familien.[14]

Müther und sein Lebenswerk rückte während der Debatte über den Abriss des Ahornblatts erstmals in seinem Leben in den Fokus einer breiten Öffentlichkeit. Es erschienen dazu rund 200 Zeitungsartikel und auch kurze Fernseh-Beiträge.[15] „Der Abriss des Ahornblatts in Berlin hat mich aus der Versenkung geholt“, resümierte er danach.[15] Seitdem gibt es bis heute ein Interesse[15] an Müthers „kühnen Solitären“, dem Titel von einer seiner ersten Ausstellungen.[16]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Michael Falser: Zweierlei Erbe auf ein und derselben Insel: Das ›UNESCO-Weltkulturerbe‹ der nördlichen Museumsinsel und der Abriss des ›Ahornblattes‹ auf der südlichen Fischerinsel (1999/2000). In: Steinbruch, Mythenraum, Geschichtswerkstatt – die Berliner Spreeinsel und ihr Umfeld nach der deutschen Wiedervereinigung, in: ders., Zwischen Identität und Authentizität. Zur politischen Geschichte der Denkmalpflege in Deutschland. Thelem Verlag, Dresden 2008, ISBN 978-3-939-888-41-3, S. 243–250.
  • Tanja Seeböck: Verlust: Die Gaststätte »Ahornblatt«. In: dies., Schwünge in Beton. Die Schalenbauten von Ulrich Müther. Thomas Helms Verlag, Schwerin 2016, ISBN 978-3-944033-02-0, S. 12f.; 213–233, Inhaltsverzeichnis.

Film[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Für den Schwung sind Sie zuständig. Dokumentarfilm, Deutschland, 58 Min., Produktionsjahr: 2002, Erscheinungsjahr: 2006, Buch und Regie: Margarete Fuchs.[17] [18]
    Die Dokumentation erhielt den Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts 2003[19] und enthält Archivaufnahmen vom Bau des Ahornblatts.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Großgaststätte Ahornblatt – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Bilder

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Tanja Seeböck: Verlust: Die Gaststätte »Ahornblatt«, ISBN 978-3-944033-02-0, S. 218.
  2. Seeböck, Verlust: Die Gaststätte »Ahornblatt«, S. 213.
  3. Fischerinsel hat jetzt ihr Einkaufszentrum. Gaststätte „Ahornblatt“ ab heute für alle geöffnet. In: Neues Deutschland, 21. August 1973, S. 8, Artikelanfang.
  4. Seeböck, Verlust: Die Gaststätte »Ahornblatt«, S. 80.
  5. Ahornblatt, Berlin, 1973. In: TU Cottbus, 2011.
  6. a b Seeböck, Verlust: Die Gaststätte »Ahornblatt«, S. 214.
  7. Joachim Schulz, Werner Gräbner: Berlin. Hauptstadt der DDR. Architekturführer DDR. VEB Verlag für Bauwesen, Berlin 1974, S. 87.
  8. a b c Seeböck, Verlust: Die Gaststätte »Ahornblatt«, S. 219.
  9. Gaststätte „Ahornblatt“ auf der Fischerinsel. In: Neues Deutschland vom 19. Juli 1973, Seite 8.
  10. Joachim Nawrocki: Appell an die Gemeinsamkeit. CDU-Chef Lothar de Maizière wirbt für eine große Koalition. In: Die Zeit, 23. März 1990, Nr. 13.
  11. a b apu: Chronik: Ahornblatt. (Memento vom 16. April 2018 im Webarchiv archive.is). In: Berliner Morgenpost, 21. November 2002.
  12. Benedikt Hotze: Ahornblatt muss erhalten werden. In: BauNetz, 22. Januar 2000, aufgerufen am 5. Februar 2017.
  13. Uwe Aulich: Gestern begann der Abriss des berühmten Schalenbaus / Investor lehnte erneute Änderung des Projektes Fischerinsel ab. Das Ahornblatt wird Opfer der Berliner Stadtplaner. In: Berliner Zeitung, 20. Juli 2000.
  14. apu: Mitte: Häuserblock statt Ahornblatt. (Memento vom 15. April 2018 im Webarchiv archive.is). In: Berliner Morgenpost, 21. November 2002.
  15. a b c Kai Michel: Nach der Utopie. In: Brand eins, 2003, Heft 9.
  16. „Kühne Solitäre – Baukunst statt Plattenbau. Die Hyparschalen des Baumeisters Ulrich Müther.“ Vgl.: Baukunst statt Plattenbau. Müther-Ausstellung in Templin. In: BauNetz, 8. November 2006.
  17. Schwungkunst in Betonschalen. (Memento vom 1. Juli 2013 im Webarchiv archive.is). In: infomedia-sh.de, 14. Juni 2013.
  18. Film-Seite von Für den Schwung sind Sie zuständig, aufgerufen am 5. Februar 2017.
  19. Dokumentarfilmpreis des Goethe-Instituts 2003. (Memento vom 11. Juni 2011 im Internet Archive). In: Goethe-Institut.