Großwinternheim

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Wappen von Großwinternheim
Wappen von Ingelheim am Rhein
Großwinternheim
Stadtteil von Ingelheim am Rhein
Lage von Groß-Winternheim
Koordinaten 49° 56′ 33″ N, 8° 4′ 51″ OKoordinaten: 49° 56′ 33″ N, 8° 4′ 51″ O.
Fläche 9,49 km²
Einwohner 1401
Bevölkerungsdichte 148 Einwohner/km²
Eingemeindung 22. Apr. 1972
Postleitzahl 55218
Vorwahl 06130
Website www.ingelheim.de
Politik
Ortsvorsteher Ronald Wenckenbach
Verkehrsanbindung
Bus 640, 643, 75
Großwinternheim im August 2011

Großwinternheim (alte Schriftweise Groß-Winternheim, umgangssprachlich "GW") ist ein Stadtteil der Kreisstadt Ingelheim am Rhein im Landkreis Mainz-Bingen in Rheinland-Pfalz. Der Ort war im Mittelalter Teil des Ingelheimer Grundes und war wie Ober-Ingelheim Wohnsitz vieler Adelige die einst Bedienstete der Kaiserpfalz in Nieder-Ingelheim waren. Die vormals eigenständige Gemeinde wurde 1972 bei einer Kommunalreform zu Ingelheim eingemeindet und ist bis heute als einziger Stadtteil als Ortsbezirk ausgewiesen.

Geographie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Stadtteil liegt im südlichen Stadtgebiet von Ingelheim am Westhang des Mainzer Berges im sogenannten Selztal, etwa zwei Kilometer südlich des Stadtteils Ober-Ingelheim. Die Höhe über NN beträgt 120-160 Meter. Durch den Stadtteil fließt am westlichen Ortsrand, die Selz. Weiter westlich schmiegt sich Großwinternheim an den Westerberg. Umgeben ist der Ort von Weinbergen.

An den Stadtteil grenzt im Süden Schwabenheim an der Selz und Bubenheim. Richtung Osten auf dem Mainzer Berg liegt Wackernheim. Im Norden befinden sich die Ingelheimer Stadtteile Ober-Ingelheim und Nieder-Ingelheim. Großwinternheim ist nicht mit dem restlichen Stadtgebiet zusammengewachsen so konnte sich Großwinternheim seinen dörflichen Charakter bis heute wahren.

Geologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ortsgebiet ist waldarm, nur einzelne Bereiche auf dem Westerberg (Winternheimer Wäldchen) und Mainzer Berg hinauf sind leicht bewaldet. Das Landschaftsbild ist geprägt von Wein- und Obstbau. Die Selz und ein namenloser Bach vom Mainzer Berg fließend, ist das einzige Gewässer des Ortes.

Flächennutzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Gemarkung umfasst 591,6 Hektar davon sind 224 ha Ackerbau, 91 ha Weinbau. 18 ha Wiesen, Der Gebäudeanteil beträgt 5 ha und Verkehrsfläche 16,6 ha. Der natürliche Anteil mit Wald beträgt 37 ha und 18 ha Grünland.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zur germanischen Zeit war das Ortsgebiet ein großes Winterlager vieler Stämme so kam die spätere Siedlung auch zu ihren Namen, dessen Namenszusatz Groß später zur Unterscheidung von Klein-Winternheim diente. Aus der römischen Zeit sind Brandgräber und Villa rusticae auf der Gemarkung nachgewiesen.[1] Der Ort wurde als fränkische Siedlung im 6. Jahrhundert gegründet und 937 erstmals als Villa seu marca Winternheim ex fisco nostro Ingelisheim erwähnt.

Um 900 wurde der Bau des noch erhaltene Wach- und Wehrturmes begonnen, der heute noch als Kirchturm der katholischen Kirche dient. Im frühen Mittelalter zählte es zum Grundbesitz der Ingelheimer Kaiserpfalz.

Der Obentrauische Hof

Großwinternheim war ein Reichsdorf des Ingelheimer Grundes und wurde im frühen 14. Jahrhundert mit einer Stadtmauer und Graben befestigt, Überreste von ihr sind heute noch vorhanden. Auch an alten Häusern kann man noch Teile der alten Stadtmauer erkennen.

Nachdem Gottfried von Eppstein mit dem Dorf belehnt worden war, hatte es 1257 nach ihm Rheingraf Wernher zum Lehen. In den Jahren 1314 bis 1366, wurde das Dorf an das Mainzer Erzstift verpfändet das hier auch 1324 einen Hof erwarb. Als Teil des Ingelheimer Grundes kam es nach den Verpfändungen des 14. Jahrhunderts, 1375 zur Kurpfalz. Jeder dritte Schöffe des Ingelheimer Oberhofes kam aus Großwinternheim.

Immer mehr Adelsfamilien ließen sich im Ort nieder und errichten sich stattliche Hofanlagen im Dorf. Die Adelsfamilien Flach von Schwarzenburg, Knebel von Katzenelnbogen und Obentraut waren Reichsschultheißen vom 15. bis Anfang des 17. Jahrhunderts. 1666 wütete die Pest in Großwinternheim, dabei starb ein Großteil der Bevölkerung.

Im frühen 18. Jahrhundert ging der Obentrauische Besitz an das Speyerer Domkapitel. Am 29. Juni 1730 löste ein Unwetter eine Flut vom Mainzer Berg aus auf den Ort aus. Dabei wurden 6 Wohnhäuser zerstört und 16 Menschen starben. Dabei wurde der Dorfbach zum Flutgraben gerissen.

Durch einen angeblichen Kniefall vor dem französischen General Dessaire soll die Freifrau Christiane Eleonore von Wallbrunn, geb. Reichsfreiin von Hopfer, nicht nur Partenheim, sondern auch Großwinternheim vor einer Brandschatzung und Plünderung durch die französischen Truppen während der Belagerungen Ende des 18. Jahrhunderts bewahrt haben[2]. Die Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts ging an Großwinternheim größtenteils vorbei. Ab 1816 war Großwinternheim Teil des Großherzogtums Hessen und blieb es bis auch nach Umwandlung zum Bundesstaat 1871 und zum Volksstaat Hessen 1919, bis 1945. 1904 wurde der Bahnhof für die Bahnstrecke Frei-Weinheim–Jugenheim-Partenheim eröffnet, die Strecke wurde aber für den Personenverkehr bereits in den 1950er Jahren wieder außer Betrieb genommen.

Der Ort verlor am 22. April 1972 seine Eigenständigkeit und wurde in die Stadt Ingelheim am Rhein eingemeindet[3] und trägt seitdem den Ortsteilnamen Großwinternheim. Aufgrund des Eingemeindungsvertrages verfügt Großwinternheim über einen Ortsbeirat und einen Ortsvorsteher. Im Jahre 1999 beschloss die Stadt Ingelheim die Auflösung des Ortsbezirkes Großwinternheim, um Ortsvorsteher und Ortsbeirat abzuschaffen, weil die rheinland-pfälzische Gemeindeordnung (GemO) die vertraglichen Verpflichtungen zur Bildung von Ortsbezirken in § 74 Abs. 4 GemO für unwirksam erklärt. Aufgrund eines Musterprozesses, den Rechtsanwalt Elmar König im Auftrag des Ortsbeirates beim Oberverwaltungsgericht Rheinland-Pfalz in Koblenz führte, wurde der Beschluss trotz der Vorschrift in der Gemeindeordnung für unwirksam erklärt. Bis auf Weiteres bleiben den Großwinternheimern die Institutionen Ortsbeirat und Ortsvorsteher erhalten.

Einwohnerentwicklung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einwohnerentwicklung
Jahr Einwohner
1770 662
1830 796
1900 849
1998 1.307
2008 1.401

Die Niederlegung der Ortsbefestigung 1807 machte den Weg frei für eine Ortserweiterungen in Richtung Schwabenheim und zur Selz hinab. Damit stieg auch die Einwohnerzahl im Laufe des 19. Jahrhunderts. Durch ein Neubaugebiet am nördlichen Ortsrand, das im Jahr 2010 fertiggestellt wurde, wird dieser Trend fortgesetzt.

Religion[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Pfarrer wurde in Großwinternheim erstmals im Jahre 1297 erwähnt.

Der Namenszusatz "Groß"[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Namenszusatz "Groß" diente zur Unterscheidung von Klein-Winternheim bei Nieder-Olm und wurde bereits im frühen 15. Jahrhundert verwendet.[4]

Politik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ortsbeirat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Großwinternheim ist der einzige Stadtteil von Ingelheim, der als Ortsbezirk ausgewiesen ist und deswegen einen Ortsbeirat und einen Ortsvorsteher hat.[5] 2014 wurde Ronald Wenckenbach, ohne Gegenkandidat mit 82,7 % "Ja" Stimmen zum Ortsvorsteher gewählt, der Joachim Frey der dieses Amt seit 2009 ausübte, beerbt. Der Ortsbeirat des Ortsbezirks besteht aus zehn Ortsbeiratsmitgliedern und dem Ortsvorsteher als dem Vorsitzenden. Bei der Kommunalwahl am 25. Mai 2014 wurden die Beiratsmitglieder in einer personalisierten Verhältniswahl gewählt. Die Sitzverteilung im gewählten Ortsbeirat:[6]

Wahl SPD CDU WGR Gesamt
2014 3 3 4 10 Sitze
2009 4 2 4 10 Sitze

Liste der Schultheißen von Großwinternheim[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kultur und Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bauwerke[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In dem Stadtteil sind die Evangelische Pfarrkirche zu nennen, die im Volksmund Selztaldom genannt wird. Dabei handelt es sich um einen Saalbau, der 1888 im neuromanischen Stil erbaut wurde. Auch die katholische Pfarrkirche St. Johannes Evangelist sei hier zu erwähnen, bei der es sich um einen neuzeitlichen barocken Nachfolgebau aus dem Jahre 1764 handelt. Sie ist mit einer seltenen Kohlhaas-Orgel ausgestattet. Im Außenbereich befindet sich der Grabstein des in der Kirche beigesetzten kurpfälzischen Generals und kaiserlichen Feldmarschall-Leutnants Johann Raab von Haxthausen († 1733 in Mainz, begraben in Großwinternheim). Seine Tochter Maria Theresia Josepha von Haxthausen (1692–1731) war verheiratet mit dem kurpfälzischen Oberst-Hofmarschall Franz Pleickard Ulner von Dieburg, welcher für sie in der Pfarrkirche St. Laurentius zu Weinheim ein prächtiges Epitaph mit ihrem Porträt errichten ließ.[7][8][9]

Beim Hof Obentraut handelt es sich um einen ehemaligen Besitz der Adelsfamilie Obentraut, die die Oberschultheißen von Großwinternheim stellten. Es sind auch Reste der ehemaligen Ortsbefestigung erhalten geblieben von den drei Toranlagen Niederpforte, Thalpforte und Wasempforte[10] ist nichts mehr erhalten.

Sport und Vereine[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Turn Sport Gemeinde Großwinternheim besteht seit 1861 und hat eine eigene Sporthalle an der Obentrautstraße. Der Verein bietet ein breites Angebot an, zum Beispiel Yoga, Showtanz, Tischtennis und Volleyball. Der Männergesangverein 1866 Großwinternheim zählt 29 aktive Mitglieder.

Regelmäßige Veranstaltungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Mühlwegfest findet am ersten August-Wochenende in einem gesperrten Abschnitt des ehemaligen Mühlweges (heutige Tassilostraße) statt und wird hauptsächlich von der einheimischen Bevölkerung rege besucht. Bei der Kerb Großwinternheim ehemals "Gassekerb" am ersten vollen September-Wochenende im Ortskern treten zahlreiche Künstler, Puppenspieler, Musiker, Orchester und Jongleure vor allem in den Straßen (Straßenkünstler) auf. Weine und kulinarische Spezialitäten können direkt auf den Höfen der Winzer probiert werden. Die Großwinternheimer Freiwillige Feuerwehr veranstaltet am ersten Novemberwochenende das traditionelle Schlachtfest mit Spezialitäten rund ums Schwein in ihren Räumlichkeiten.

Wirtschaft und Infrastruktur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Großwinternheim ist landwirtschaftlich geprägt, industrielle Betriebe sind nicht vorhanden.

Verkehr[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Durch den Stadtteil führt die Landesstraße 428 die nach Norden in die Innenstadt von Ingelheim führt und südlich nach Stadecken-Elsheim. An den Nahverkehr ist man durch die Omnibuslinie 75 angebunden nach Mainz sowie nach Ingelheim, die Linie 643 über Engelstadt nach Ober-Hilbersheim und die Linie 640 nach Nieder-Olm über Stadecken-Elsheim und nach Ingelheim. Durch den Ort führt der Selztal-Radweg von Ingelheim bis zur Gemeinde Orbis im Donnersbergkreis an der Selz entlang.

Öffentliche Einrichtungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Großwinternheim gibt es ein Bürgerhaus das in absehbarer Zeit durch einen Neubau in der Nähe der Kath. Kirche ersetzt wird. Der erste Spatenstich hierzu fand im September 2016 statt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Denkmaltopographie:Kulturdenkmäler in Rheinlandpfalz Kreis Mainz-Bingen 18.1 S. 342
  2. Partenheim - Schloss Wallbrunn
  3. Amtliches Gemeindeverzeichnis 2006, Statistisches Landesamt Rheinland-Pfalz, Seite 181 (PDF; 2,6 MB)
  4. Ufgiftbuch Ober-Ingelheim im Stadtarchiv Ingelheim Fol. 263': "großwinterheim" (hier Anno 1422)
  5. Hauptsatzung der Stadt Ingelheim (PDF; 65 kB)
  6. Ergebnis der Wahlen zum Ortsbeirat Großwinternheim 2014
  7. Johann Gottfried Biedermann: Geschlechts-Register Der reichs-frey unmittelbaren Ritterschafft Landes zu Francken Löblichen Orts Ottenwald, Kulmbach, 1751, Tafel CCLIII; (Digitalscan zum Stammbaum)
  8. Andreas Saalwächter, Franz Weyell: Die Königspfalz zu Ingelheim am Rhein und ihre Mühlen, Band 14 von: Beiträge zur Ingelheimer Geschichte, Historischer Verein Ingelheim, 1963, S. 46 u. 47; (Ausschnittscan)
  9. Historische Webseite zum Grab des Feldmarschall-Leutnants Johann Raab von Haxthausen in Großwinternheim
  10. Denkmaltopographie: Kulturdenkmäler in Rheinlandpfalz Kreis Mainz-Bingen S.343